Schwimmen lernen in
Blau
(Leseprobe aus:
Schwimmen lernen
in Blau, Roman, 2001, DVA).
»Natürlich mußt du
schreiben«, sagte mein Onkel Daniel zu mir. »Alles aufschreiben, was du im Kopf hast,
was die Leute amüsiert und was 'nen Vogel auf'm Kopf hat.«
Und dann bin ich losgelaufen und hab ein Blatt Papier geholt und Buntstifte und mich vor
ihn gesetzt und gemalt. Schreiben konnte ich nicht, und ich malte eine Kirche, ein Haus,
ein rundes Männchen mit ganz vielen Fingern an der runden Hand und einem Strich als Nase,
Haare wie Igelborsten.
Die Sonne hatte noch Strahlen, die man sehen konnte, und das Leben war leicht, mit Veranda
vor dem Haus und einem blauen Auto, das ich nicht ganz ausmalen konnte, und Onkel Daniel
mußte mir helfen.
»Kath«, sagte er, »du darfst doch nicht über die Linien von 'nem Menschen schreiben.
Niemand tut das. Schön aufpassen. Siehste? So.«
Meiner Mutter malte ich einen Bart, den sie hatte, als sie Milch trank, und alle meinten,
ich würde meinen Vater malen, dabei würde ich den nie malen, den doch nicht.
Meine Brüder bekamen, was sie sich wünschten: Paul einen Hund, der ein bißchen aussah
wie ein Kaninchen, und Frank ein Fahrrad, und das war sehr schwer. Onkel Daniel mußte mir
mit dem Sattel helfen. Und dann haben sie gelacht über meine Bilder, dabei hatte ich doch
nur alles aufgeschrieben, und war es nicht das, was Onkel Daniel gemeint hatte? Daß ich
aufschreiben sollte, was die Leute amüsiert?
Paul lachte über seinen Hund mit den Kaninchenohren und zeigte auf die roten Flecken:
»Der hat ja Scharlach«, dabei war mir nur das Braun ausgegangen. Dafür sollte er nie
einen Hund kriegen, das hatte er nun davon. Besser einen Hund mit roten Flecken und
Kaninchenohren als gar keinen Hund, oder? Nie bekam er einen, da konnte er noch soviel
betteln, bei meinen Eltern kam kein Schmutz ins Haus, und ein Hund war Schmutz, das wußte
doch jeder.
Wir hatten nie Tiere. Frank bekam sein Fahrrad, das konnte in der Garage stehen, und Paul
durfte damit fahren. Ich nie, dabei hatte ich es aufgeschrieben für ihn.
Was ich malte, war aufgeschrieben für immer.
Onkel Daniel half mir mit dem Ausmalen, zumindest am Anfang, als ich das noch nicht so gut
konnte und er bei uns noch »gern gesehen« war. Später war er das nicht mehr, aber da
konnte ich schon ausmalen, ganz nah an die schwarze Linie ran und richtig aufdrücken,
damit man die einzelnen Striche nicht sah.
Für Onkel Daniel habe ich immer die schönsten Bilder gemalt, mit all meinen Farben,
Autos und Familie, Hunde, so viele er wollte, und Blumen, die konnte ich besonders gut.
Dabei hatte es keinen Sinn, für andere Menschen Blumen zu malen, lernte ich bald. Nie
Blumen malen. Die hängte meine Mutter in ihr Nähzimmer. »Oh, sind die für mich? Die
sind aber schön.« Das Zimmer, das sie so gut wie nie betrat.
Blumen hatte ich nicht mehr im Kopf, die hingen bei uns im Nähzimmer.
Als Onkel Daniel weg war und keiner mehr über ihn sprach, malte ich seine Hunde und
Häuser schwarz aus und niemand amüsierte sich mehr. Das sollten sie auch nicht. Meine
Bilder sollten nicht mehr lustig sein. Ich wollte aufschreiben, was in meinem Kopf war,
und meine Mutter schüttelte ihren über »diese düsteren Sachen, und wer soll das
überhaupt sein, mit dem Bart und den vier Augen?« Und ich malte ihr noch ein Auge mehr.
In der Schule hieß Schreiben Schreiben und Malen Malen. Und es gab gewaltigen Ärger,
wenn man beides miteinander verwechselte. Ich wolle Malerin werden, mußte ich mich eines
Tages entscheiden, während Feuerwehrmänner und Piloten über mich spotteten.
»Und was willst du malen, Katharina, wenn du groß bist?« fragte die Lehrerin und beugte
sich zu mir herunter, mit einem Lächeln wie Parfüm.
»Was die Leute amüsiert und was ich im Kopf habe«, antwortete ich ihr, denn ich war ja
nicht dumm. Und ich bekam drei Sternchen, die sonst nur noch Norma bekam, weil sie
Krankenschwester werden wollte und anderen helfen.
Dabei wußte ich genau, daß ich schaffen mußte, was Onkel Daniel mir aufgetragen hatte:
Ich mußte malen, »was 'nen Vogel auf'm Kopf hat«. Nichts sonst.
Ich muß schreiben. Natürlich muß ich schreiben. Ich höre seine Stimme, Onkel Daniels
Stimme, und starre auf die leere Leinwand vor mir. Ich wünschte, er wäre da, aber der
Wunsch ist schwach geworden im Laufe der Jahre, hat sich abgenutzt. Ein Rest von Sehnsucht
bleibt, mir beim Ausmalen helfen zu lassen. Nie über die Linien von einem Menschen malen.
Niemand tut das.
Hier ist alles erlaubt, hier, wo sich Tausende von Menschen drängeln. Ein wildes Gemisch
von Wörtern und Farben; eine Vielzahl Linien, die sich überschneiden, laut aneinander
kreischen, sich wieder entfernen. Tupfen von Farben, Blau, Gelb, Orange, schreiendes
Grün, weinendes Braun.
Manchmal stehe ich vor der Uni und lasse die Farben um mich herumbranden, während ich in
den Himmel sehe, der ertrinkend blau ist. Keine Linien. Über die Linien eines Menschen
darf man nicht malen. Hier tun das alle.
Die Macht ist noch da. Ich kann sie spüren, wenn ich meinen Pinsel nehme und niemand mir
zusieht. Wir müssen malen, während der Professor hinter uns steht und uns in den Nacken
atmet. Ich muß an Frank denken, wie er mit meinem Vater Bogenschießen geübt hat im
Garten hinter unserem Haus. Wie er sich mit seinem einen Auge konzentrierte auf bunte
Kreise und Linien. Du mußt treffen, dich festbeißen.
Wie er gezielt und getroffen hat, während mein Vater hinter ihm stand. Ich muß mich an
den Atem in meinem Nacken gewöhnen, so wie er es getan hat.
Ich starre auf die leere Leinwand und weiß nicht, ob ich das kann. Nie über die Linien
malen. Diese Menschen, Onkel Daniel, haben keine Linien, kein Maß, das ich sehen könnte.
Was ich im Kopf habe, ist verschwommen, ausufernd, wie eine grelle Brandung. Wenn ich die
Augen zumache, kann ich die Wellen hören.
Ich will die Farben dämpfen, ich will Ruhe. Ich lege meinen Pinsel nieder und gehe,
mitten im Kurs, mitten in der Erklärung.
Draußen regnet es, und das Wasser läuft in grauen Schlieren den Himmel herab. Um mich
herum ist es leise, ab und zu huscht ein verwischter Schatten vorbei, während ich vor dem
riesigen Gebäude stehenbleibe und die Arme hebe. Meine Haare sind so kurz, daß ich
draußen bleiben kann, aber das ist es nicht: Es ist das Wasser, es sind die Farben mit
viel, viel Wasser. Ich blinzele, während der Regen die Farben aus den Menschen wäscht.
Wer hätte das gedacht, Onkel Daniel. Es gibt Linien, die man nicht übermalen darf, und
dann gibt es noch das Verschwimmen.
Besessenheit wollte ich malen. Mein Bruder war besessen. Frank natürlich, nicht Paul, der
hatte nichts Eigenes und machte nur andere nach. Besessenheit war schon etwas Eigenes,
wenn auch maßlos.
Onkel Daniel hatte es mir erklärt: Besessen ist, wer sich etwas verzweifelt aneignet.
Frank war so. Verzweifelt in dem, was er tat. Und mein Vater trieb ihn dazu.
Nun, nachdem sein Auge weg sei, könne er nicht mehr so gut räumlich sehen, hatte der
Arzt ihm gesagt. Frank mußte ziemlich oft zum Arzt; meist, weil Paul ihm etwas getan
hatte. Paul war auch der einzige Grund, warum ich mal hinmußte.
Mein Vater sagte, Frank müsse nur üben. Behinderungen seien dazu da, überwunden zu
werden. Behinderungen machten das Leben erst richtig lebenswert: Man wisse, was man vorher
gehabt habe. Das Leben ändere sich, das sei eine echte Herausforderung.
Frank war darauf gebucht, sein Leben zu ändern und Schwierigkeiten zu überwinden. Er
biß sich fest. Biß zu und ließ so lange nicht los, bis er drüber weg war.
»Das Leben stellt deinen Bruder auf 'ne harte Probe, aber Frank krallt sich fest«, sagte
Onkel Daniel manchmal. Dann war ich ganz ruhig, damit das Leben mich nicht bemerkte und
auch auf die Probe stellte.
Bogenschießen war Franks neue Besessenheit. Mein Vater hatte eine Zielscheibe im Garten
aufgestellt und Frank einen Bogen und Pfeile gekauft.
Natürlich wollte Paul auch einen. »Damit du deinem Bruder noch ein Auge ausschießen
kannst?« hat mein Vater ihn gefragt. Paul hat keinen Bogen bekommen.
Es strengte Frank an, stundenlang mit nur einem Auge auf die Reihe bunter Kreise zu
starren, im Genick meinen Vater. Ich konnte sehen, wie Frank sein Auge zusammenkniff, wie
ihm der Schweiß auf die Stirn trat, weil der Bogen sich so schwer spannen ließ, und das
Ziel stand am anderen Ende des Gartens. Seine Arme zitterten, seine Zunge preßte sich
zwischen den Lippen hervor, er keuchte.
»Und jetzt gerade halten, ja, so ist es gut, hör auf zu zittern, wenn du so zitterst,
triffst du nicht.«
Mein Vater atmete ihm in den Nacken. Das wäre das Schlimmste für mich gewesen: meinen
Vater direkt hinter mir zu wissen.
Am Anfang traf er nicht, wegen dem Räumlichsehen und weil er nur ein Auge habe, sagte
Frank zu seiner Entschuldigung. Ich denke, er traf nicht, weil mein Vater ihm in den
Nacken atmete. Dann gewöhnte er sich daran und traf öfter. Er vergaß Atem und Nacken
und sah nur das Leben, das ihn auf die Probe stellen wollte. Er sah das Leben und
erwischte es am Schwanz. Grub seine Zähne hinein und ließ sich nicht mehr abschütteln.
Mein Vater klopfte ihm auf die Schulter. »Hab ich dir doch gleich gesagt. Jetzt heißt es
nur noch üben. Du mußt besser sein als alle, dann werden sie sagen: Siehste, und das mit
nur einem Auge. Man kann alles erreichen, wenn man nur will.«
Ich stand daneben und fragte mich, was wohl passieren würde, wenn Frank einmal daneben
biß.
Die Namen fallen mir schwer. »Kann sein«, antworte ich meinem Gegenüber und runzele die
Stirn. Kann sein, daß ich ihn in diesem oder jenem Kurs gesehen habe oder auch nicht.
Ich stehe vor einem Bild mit einem Baum und bereue, hergekommen zu sein. Die Uni
organisiert ständig Ausstellungen, und ich wollte Aquarelle sehen, untergegangene Welten
voller Regen. Aber jetzt muß ich etwas erwidern, irgend etwas sagen.
»Das ist schön«, sage ich also und deute auf das Bild vor mir. Nicht sehr originell.
»Das hier?« antwortet, wer auch immer, der Teilnehmer irgendeines gemeinsamen Kurses.
Ein leichter Farbüberzug als Grundierung erzeugt eine bräunliche, behagliche
Atmosphäre. Großzügig, fast nachlässig legen sich die Farbschichten auf die Flächen,
verschwimmen die grünen, satten Wiesen, naß wie Sumpf. Große, wilde Linien beschreiben
die Motive: Äste, Weiden, ein Zaun. Im Vordergrund, fein herausgearbeitet, ein toter
Baumstamm. Teile der Farbe wirken wie mit dem Pinselstiel oder einem Fingernagel
herausgekratzt.
»Ja«, sage ich, was denn auch sonst.
»Es ist unehrlich.«
Das ist typisch. Alle meine Kommilitonen sagen immer etwas besonders Anstrengendes über
Sachen, die völlig unwichtig sind. Ich tue ihm nicht den Gefallen zu fragen, was
unehrlich sei, und zucke nur mit den Schultern.
Er erklärt es mir trotzdem: »Aquarelle sind nichts als visionäre Ansichten einer dem
Untergang geweihten Wirklichkeit.«
So etwas sagen sie immer. »Hier sind nur Aquarelle«, erwidere ich. »Die Ausstellung
heißt 'Landschaft im Aquarell'.«
»Ich weiß«, sagt er und verschränkt wichtig die Hände hinter dem Rücken. »Aber das
brauchen wir nicht mehr. Das Aquarell ist tot.«
Manchmal ist nur die Leinwand tot, manchmal die gesamte Kunst. Und das schon im ersten
Semester. »Meinst du«, wende ich mich an ihn und sehe ihm dabei direkt in die Augen,
»daß Gott Humor hat?«
»Wie bitte?«
»Hat Gott Humor?«
Jetzt überlegt er angestrengt, ob ich meine Frage auf das Bild oder seine Äußerung
beziehe. »Ich weiß nicht. Ich glaube nicht an Gott«, erwidert er schließlich.
»Siehst du«, antworte ich und lasse ihn stehen. Es ist wichtig, ein Gefühl der
Ratlosigkeit zu erzeugen, um zu entkommen.
Im hellen Park setze ich mich auf eine Bank und beschließe mitten in den vor Sonnenlicht
stechenden Farben, nur noch regendurchflutete Wirklichkeit und keine Linien mehr zu
wollen. Rot und Gelb und Grün in solch geringem Maße, daß sie schon fast transparent
werden.
Mit dem Ärmel meines T-Shirts wische ich mir den Schweiß von der Stirn und puste mein
Haar hoch.
Ich will alle Farben zum Schwimmen und so viel Blau, daß ich darin ertrinken könnte.
Eine wahrhaftige Sintflut.
Das mit dem Hund, das war Macht. Abends nahm ich Paul das Bild mit dem fleckigen Hund weg,
das, wo mir das Braun ausgegangen war. Es war unheimlich, sich in sein Zimmer zu
schleichen: Er schlief mit offenen Augen. Ich kannte das schon. Paul war ein unheimlicher
Mensch.
Der Hund lag auf seinem Schreibtisch, die Ohren angelegt, die großen roten Augen sahen
mich an wie die von Paul, aber ich wußte, er schlief auch. Nachts schlafen alle.
In meiner Hand war ein großer brauner Stift, ein neuer, mit dem wollte ich die Flecken
ausmalen, so braun, daß Paul den Hund mögen würde. Dann nahm ich das Blatt einfach mit,
schlich mich mit dem Hund aus dem Zimmer, in dem Paul das Dunkel anstarrte.
Unter der Lampe an meinem Schreibtisch schrieb ich eine neue Geschichte. Der Hund verlor
seine roten Flecken, wurde überall braun, bis an seine Grenze, auch die Augen, so daß er
nichts mehr sehen konnte. Unter seinen Füßen das Gras wurde braun, der Himmel und der
Knochen vor seinen Füßen. Eine brauner Himmel.
Schließlich guckte nur noch seine Nasenspitze aus der braunen Welt, aber nur, weil die
vorher schwarz war und ich sie nicht übermalen konnte. Der Hund war weg, verschwunden in
Pauls Vorstellung, in der Hunde keine roten Flecken haben durften.
Dann schlich ich zurück in sein Zimmer, in dem ich ihn atmen hören konnte. Ich guckte
ihn nicht an, ging nur zu seinem Tisch und gab ihm das Bild zurück. Ich wußte, daß
hinter meinem Rücken seine Augen starrten. Sie bewegten sich, und ich war überzeugt
davon, daß sie mich sehen konnten, wenn ich nachts auf die Toilette mußte und das Licht
vom Flur in sein Zimmer schien. Aber sie haben mich nie verraten.
Eine Zeitlang waren immer Augen in meinen Bildern, auch Pauls Augen. Meine Eltern dachten,
ich würde Gott malen, und ich hörte damit auf, damit Gott nicht dachte, ich würde über
ihn spotten.
Am nächsten Morgen war das Bild verschwunden, und Paul sagte kein Wort. Nie würde er
seinen Hund bekommen.
Die Grundierung vor mir auf dem Bild ist aus warmem Gelb. Die stark verdünnten violetten
Wölkchen wurden wahrscheinlich auf den noch feuchten Untergrund aufgesetzt, die Wolken im
linken Bildbereich hingegen mit waagerechten Strichen aufs trockene Papier gemalt. Ich
kneife die Augen zusammen und untersuche die Weite, den Horizont, der als Linie im selben
Violett erscheint. Violett, aha. Das ist schön, das ist wirklich schön, ob nun jemand
hinter mir steht oder nicht. Über dem Wasser schweben großzügig gelbe Wolkenflächen
und ein zinnoberroter Streifen. Die Wasserfläche ist mit einem zarten kobaltblauen Ton
überzogen; darüber liegt eine grünliche Lasur. Denselben Ton, jedoch verstärkt, finde
ich in den Schatten auf dem Wasser und den kleinen Wellen wieder. Boot und Bohlen sind
aufs äußerste reduziert und wurden sicher mit Sepia oder Sepiatusche ins Trockene
gemalt; die hinteren Bohlen sind mit kräftigem Rot verstärkt. Die tiefsten Töne liegen
auf den Reflexen im Wasser.
Ich nehme meinen Pinsel wieder zur Hand und versuche es, mische Kobaltblau und Krapplack,
um den Ton zu treffen, nehme Wasser, zuviel Wasser, und mein Horizont wird zu einem
Rinnsal mit winzigen Tentakeln; so wird es anscheinend nicht gemacht, so nicht. Mit einem
Tuch läßt sich die Farbe aufsaugen, aber schön ist das nicht.
Es ist viel schwieriger, als ich gedacht habe. Tizian und Poussin will ich kopieren, den
Blick von William Turner auf Venedig, die Landschaftsskizzen von John Robert Cozins. Die
Welt dieser Männer fasziniert mich; verschwommene Welten, blasse Farben, und doch ist
dort äußerste Intensität zu finden, dazu grenzenlose Ruhe und Harmonie. Ich habe immer
nur an Linien geglaubt, Linien und Farben. Und diese Männer machen die Welt so... so
transparent. Man muß großes Selbstvertrauen besitzen, um die Welt so zu sehen. So schön
zu sehen.
In der Kochnische meiner Studentenwohnung koche ich mir einen Tee, Tee beruhigt, und
sammle meine Gedanken.
Ich weiß zuwenig. Nicht nur über die Welt, auch über das Wasser, die sanften Tönungen
sind mir ein Rätsel. Große, wilde Linien deuten die Motive an und werden wieder
weggeschwemmt, zugunsten feiner Pinsel- oder Federstriche. Und unter allem das Wasser, die
Wellen, die unter Booten, Hafen und Häusern verlaufen und saugen, ein schmatzendes
Geräusch. Ein mahnendes dazu: Hier ist nichts ewig, keine Linien in den Boden gerammt und
kein Anker aus schweren Strichen, hier kann alles weggespült werden, in Sekunden geht
das. Alles fließt. Das Wasser ist die Lösung, das durchfeuchtete Papier, das alle Linien
ins Nichts verlaufen läßt.
Das sind meine Lehrer. Sie stehen vor mir, blicken über das Blau in die Lagune und
schwemmen ihre Gedanken aufs Bild. Es muß schnell gehen, schnell und genau: Das ist wie
beim Bogenschießen. Ich bin zu langsam. Ich spüle die Tasse, lasse sie verkehrt herum im
Becken stehen und stelle mich wieder an die Staffelei.
So, Venedig im Sommer, es ist warm, aber nicht zu heiß, die Sonne geht gerade auf, und
über der Stadt liegt noch immer die erfrischende Kühle der Nacht. »Venedig von Fusina
aus«, und mein Lehrer heißt William Turner.
Im Kaufhaus ging er regelmäßig verloren: Paul war ein Streuner. Weil sich niemand
richtig um ihn kümmerte, ging er auf Wanderschaft, streifte um die Ständer herum,
verschwand hinter den Regalen. Mich nahm er nie mit.
»Wo ist er denn schon wieder? Paul? Paul?« Meine Mutter rief, reckte den Hals. Dann
beugte sie sich zu mir herunter. »Du wartest hier, klar? Rühr dich nicht von der
Stelle.«
Ich wartete also, bis der Vorhang der Kabine zurückgezogen wurde.
»Und?« sagte Frank. »Wie seh ich aus?«
Ich zuckte mit den Schultern. Wie sollte er schon aussehen in dem Hemd mit dem großen
Kragen und dem grünen Pullunder. Scheußlich eben.
»Wo ist sie denn?« fragte er und schaute sich um.
»Sucht Paul«, antwortete ich.
Frank verzog sich wieder in seine Kabine, und ich wartete. Wenn ich hier stocksteif
stehenblieb, würden wir nachher noch in die Spielzeugabteilung gehen. Vielleicht hatte
Paul aber auch schon alles verdorben, und ich wartete umsonst. Dahinten war er, ich konnte
ihn kurz auftauchen sehen, stellte mich auf die Zehenspitzen und hielt Ausschau nach
meiner Mutter. Am besten war, ich würde ihm Bescheid sagen, damit wir noch zum Spielzeug
gehen konnten und keinen Ärger bekamen.
»Paul?« Jetzt war er wieder nicht zu sehen, ein paar Kurven noch, und ich wußte nicht
mehr, wo die Kabine mit Frank drin war. »Paul?«
Um die Ecke saß er, auf dem Boden. Kein Wunder, daß ich ihn nicht hatte entdecken
können. Als er mich kommen sah, versteckte er etwas hinter seinem Rücken.
»Was denn?«
»Mama sucht dich.«
Er zuckte mit den Schultern, schaute mich mit dunklen Augen an.
»Vielleicht gehen wir nachher noch zum Spielzeug.«
Wieder ein Schulternzucken.
»Vielleicht bekommst du ja auch noch ein Hemd.«
Er zog die Nase kraus. Weil er nur wenig kleiner war als Frank, mußte er meist dessen
Sachen auftragen. Paul antwortete nicht, machte aber auch keine Anstalten, aufzustehen.
»Was hast du da hinter deinem Rücken?« fragte ich ihn.
Er überlegte kurz, streckte dann die Hand aus.
Ein Drache. »Toll, ein Drache.« Ich wollte nach ihm greifen, doch Paul zog ihn zurück.
»Das ist kein Drache«, sagte er und hielt mir das Plastikmonster unter die Nase. »Das
ist ein Dinosaurier.«
Ich wußte, was ein Dinosaurier war, und für mich sah das, was er in der Hand hielt, aus
wie ein Drache. »Der kann bestimmt Feuer spucken.«
Paul betrachtete mich verächtlich, und ich erwartete schon, daß er mir irgend etwas
Blödes sagte, mir einen Schimpfnamen gab vielleicht, doch dann stand er nur auf. »Kann
sein«, antwortete er schließlich. »Komm, wir gehen zurück.«
Er ging vor, und ich mußte mich beeilen, um mit ihm Schritt zu halten. Während ich
zwischen bunten Stoffen entlanglief, Hunderte von wilden, bauschigen Farben,
Tausendmillionen bunter Kleckse, konnte ich sehen, wie Paul seinen Arm ausstreckte und
hoch über die Ständer flog. Auf und ab ging es über Bügel und Abgründe, Berge und
Täler. Na also, was immer es auch sein mochte, es konnte zumindest fliegen.
Am schlimmsten ist es in der Mensa, dieses Keuchen und Summen, das Klappern von Geschirr
und der Atem von Fett und Erbsen. Es ist billig, und manchmal muß ich hierher, um zu
essen, aber so nicht, so eben nicht. Ich stelle das Tablett wieder zurück und gehe
hinaus, wo die Sonne blendet und einem der satte Atem der Natur warm über die Haut fegt.
Es ist nicht weit zu meiner Wohnung, die auf den Park hinausgeht und wo ich Menschen
beobachten kann, die sich freuen und lachen, die Federball spielen oder lesen. Ich selbst
freue mich nur, wenn es regnet; vielleicht bin ich ein Regenmensch. Vielleicht ist es auch
gar nicht wichtig, was man ist, solange man nicht hinausmuß. Ich esse zu wenig, soviel
steht fest.
Venedig ist eng geworden, und viel zuviel Wasser. Blau kann ich ganz gut, finde ich, und
ich suche nach anderen Bildern, anderen Männern und ihrem Blick auf die Welt. Nach der
Natur und ihren vielen toten Bäumen, verfallenen Katen und endlosen Weiden habe ich auch
Grün gelernt. Grün, das war früher das Fressen für Tiere; Grün wollte ich nicht.
Ich kann Blau, und ich kann Grün, und beide so endlos zart, daß kaum ein Hauch davon
meinen Pinsel verläßt. Ruhe sanft in dieser Pfütze, schlafe ein.
Ich nehme alles zum Kopieren, was ich kriegen kann, auf Postkarten, aus Kunstkatalogen,
Kalendern, Broschüren. Sie würden schreien, diese Propheten der Farben, wenn sie sähen,
was ich mit ihren Madonnen und Wilden mache. Alles wird sanfter, und wenn die Bilder
fertig sind, verbrenne ich sie in der Duschwanne. Zumindest die meisten von ihnen: Manche
landen in einem Kurs als Austausch für einen Leistungsschein.
Ich fange an, Pastellfarben zu tragen. Ausgerechnet ich: So sollte sie mich einmal sehen.
Die kleine Katharina im Blümchenkleid und im blaßrosa T-Shirt. Das würde meiner Mutter
gefallen, aber das gefällt auch mir, wie ich mich so vor dem Spiegel drehe. Die Haare
sind länger geworden und ich dünner, da ich kaum noch in die Mensa gehe, und ich bin
blaß. Weil es regnet bei mir, ständig, und da können sie noch so sehr lachen und
Federball spielen vor meinem Fenster, hier drin ist es blaß und ruhig und so weit, wie es
nur sein kann. Es ist kein Gefängnis, es ist endlos.
Ich drehe mich vor dem Spiegel und beschließe, mir einen Hut zu kaufen. Einen richtigen
Strohhut, wie ich ihn auf vielen meiner Vorlagen gesehen habe. Ich will englisch aussehen,
schwindsüchtig.
Ich will vergehen.
Paul war tot. Ich hatte ihn mit seinen offenen Augen lange beobachtet und war mir sicher,
daß er tot war. Einmal habe ich ihn aus Angst geweckt, und er hat mich angeschrien.
Paul wollte nicht geweckt werden.
Onkel Daniel habe ich es erzählt. »Mädchen«, hat er gesagt, »Paul is nicht tot. Nur'n
bißchen...«, er stockte und strich mir über die Haare, »nur'n bißchen kalt isser. Nur
kalt.«
»Leichen sind auch kalt«, sagte ich.
»Ja«, sagte Onkel Daniel.
Paul hatte kurze Haare, mit denen durfte er raus, auch wenn es regnete. Er mußte auch
keine Rüschen anziehen. Frank auch nicht, aber bei ihm machte es mir nichts. Paul begriff
seinen Vorteil; er spürte, wenn ich hinter ihm zurückbleiben mußte. Damit ärgerte er
mich dann. Aber das war nicht der Grund, warum ich glaubte, daß Paul tot war.
»Wie ist es«, fragte ich meine Mutter, »wenn ein Mensch kalt ist? Ist er dann tot?«
»Wenn ein Mensch kalt ist, dann kommt er nach drinnen und macht sich etwas Heißes zu
trinken. Man soll im Winter nicht so lange draußen bleiben, das ist ungesund. Komm,
Katharina, zeig mir deine Hände. »
So war es immer, wenn ich versuchte, mit ihr zu reden.
»Wer ist kalt?« fragte ich deswegen Onkel Daniel, als er das nächste Mal zu Besuch kam.
Es war vorm Essen, und wir mußten uns beeilen. Bei Tisch wurde nicht gesprochen.
»Kalt ist jemand, der einem anderen Lebewesen weh tut.«
»Bin ich auch ein Lebewesen?« flüsterte ich, denn das Mädchen trug schon die Suppe
auf.
Onkel Daniel konnte noch nicken, bevor mein Vater die Augenbraue hob und in meine Richtung
sah. Ich mochte es nicht, wenn mein Vater mich ansah. Mein Vater hatte Froschaugen und
Froschlippen. Ich war ganz ruhig und aß meine Suppe, während ich ihn schlürfen hörte.
Froschsuppe.
Paul war kalt zu Frank und mir, aber er war auch tot. Man konnte es an seinen Augen sehen.
»Du bist tot«, flüsterte ich ihm zu, weil es mir leid tat. Weil ich wollte, daß er
richtig guckte und wach war. Ich wollte nicht allein sein mit ihnen.
Paul sah mich nur ausdruckslos an und tippte sich an die Stirn. »Und du bist verrückt«,
sagte er laut, als sich mein Vater gerade eine dicke Scheibe blutigen Fleisches von der
Platte nahm.
»Paul«, sagte der Froschmund mahnend, und Paul war ruhig. Löffelte seine Suppe aus. Bis
auf den Grund. Wenn meine Mutter ihm etwas sagte, wurde er wütend, bei meinem Vater nur
stumm.
Unter der Suppe kam immer ein kleines Schäfermädchen zum Vorschein. Ich aß alle Suppen
auf, auch Spargelsuppe, damit ich es sehen konnte. Ihre gelbe Haube war goldumrandet, sie
hatte zwei Zöpfe. Schafe lagen in der Sonne, eines fraß ein wenig Gras. Sie war meine
Freundin, und ich aß meine Suppe, so schnell ich konnte.
»Schling nicht so«, sagte meine Mutter.
Pauls Löffel schabte auf dem Schäfermädchen. Die Teller wurden weggeräumt, und ich
probierte etwas Gemüse und Kartoffeln und nichts von dem Fleisch.
Paul hatte nichts Eigenes, deshalb war er tot. Er machte andere Menschen nach. Er machte
Frank nach, wenn er Fahrrad fuhr. Er aß wie mein Vater, auch das blutige Fleisch. Er ging
wie alle, spielte wie alle, redete und lachte, und seine Augen waren die Schlafaugen. Ich
wünschte mir, er würde aufwachen.
»Magst du blutiges Fleisch?« fragte ich ihn.
Er blickte hoch, sah erst zu meinem Vater und dann wieder auf seinen Teller, schnitt sich
ein neues Stück ab und schob es in den Mund.
»Magst du es?« wiederholte ich. Ich wollte, daß er mir antwortete. Ich fand es
unerträglich, wie er sich mit ihnen verbündete.
»Katharina, er wird es schon mögen, wenn er es ißt. Und jetzt sei ruhig«, sagte meine
Mutter mahnend.
»Magst du es?« schrie ich ihn an und schlug mit der Gabel auf den Tisch. Es wurde ruhig,
und alle sahen zu meinem Vater. Das war keine Überraschung.
»Katharina, geh sofort auf dein Zimmer. Ich mag keinen Lärm bei Tisch, das weißt du
genau. Annette wird dir nachher etwas bringen.« Annette war das Mädchen.
Ich rutschte vom Stuhl und legte die Gabel hin, die Paul stechen wollte. Irgendwann werde
ich es ausprobieren und ihn zwingen, mir zu antworten. Ob tote Menschen auch bluten?
Vielleicht ist es keine Frage der Jahreszeiten, sondern der Zeit. Vielleicht bin ich
einfach zu spät geboren worden? Anfang dieses Jahrhunderts hätte ich auch nicht
rausgemußt. Ich hätte ein Atelier gehabt, wäre Künstlerin geworden, würde malen,
einen Zirkel haben. Das wäre natürlich der Vorteil, der Zirkel, aber daran will ich
nicht denken, denn hier gibt es nur federballspielende, nihilistisch plappernde Irre. Das
Aquarell ist tot, pah. Das solltest du mal sehen, Klugscheißer. Vor uns ist immer eine
Mauer, aber hinter uns ist nichts, gar nichts.
Ich kopiere, was ich mag und was ich nicht mag, Bilder, die mich beeindrucken, ebenso wie
Bilder, die ich ablehne. Und nur mit Wasserfarben, weil das nicht die Welt vor meinem
Fenster ist, sondern eine, die sich wirklicher anfühlt. Nach einiger Zeit brauche ich
auch die Bilder nicht mehr.
Meinen Hut trage ich ständig, auch wenn es drinnen etwas komisch aussehen dürfte: Wen
stört das schon. Der Regen ist inzwischen hier bei mir, und ich brauche keine Linien,
Landschaften und tote Lehrer mehr. Ich weiß, wie es geht, was sie gesehen haben. Ich sehe
es auch. Ich lebe dort.
Nordische Landschaften mit sattem Grün und schattigen Bäumen, Moorlandschaften im
blassen Nebel und immer wieder endlose Wiesen, endloses Grün unter endlosem Himmel.
Ich lese Jane Austen und die Buddenbrooks und trinke dazu Tee. Tee beruhigt nicht nur, er
ist wie meine Bilder. Alles ist aus demselben Stoff, wenn man einmal darauf achtet. Alles
paßt zueinander, und die Stimmen vor meinem Fenster sind leiser geworden. Manchmal höre
ich nur das Tropfen des Regens; ich weiß nicht, wie lange. Manchmal esse ich etwas.
Ist Malen das, was man wirklich sieht? Ist Malerei abstrakt, oder malt man ganz einfach
das, was man sehen will? Eine innere Landschaft, einen Garten Eden? Die Vorstellung, daß
es im Garten Eden nur geregnet hat, gefällt mir. Eden klingt schon wie Regen.
Ich bin nicht verrückt, und ich gehe aus. Mit meinem Hut und den pastellfarbenen Sachen
besuche ich die nötigsten Seminare, und ich falle nicht weiter auf. Alle malen oder
schauspielern oder sind die Literaten von morgen, und so wollen sie auch aussehen. Aber
sie sind leiser geworden, oder ich größer, durchsichtiger. Vielleicht schwebe ich?
Ich kann nicht malen, was ich vor Augen habe, das kommt mir falsch vor. Als würde ich
einen Comic zeichnen: Mädchen mit großem Hut, Mädchen im Park, Baum im Wind, Mann auf
Fahrrad. Es gibt nichts, was zu malen wert wäre, und so setze ich mich wieder auf meine
satte Wiese und starre hinaus aufs Moor.
Meine Welt verträgt nur farbiges Flüstern. Übrigens ist sie wunderschön, unnötig das
zu erwähnen. Sie ist so schön wie ich vor dem Spiegel. Schön und nicht von dieser Welt.
Das ist es, was der Maler Henning Overland als erstes zu mir sagt, als er eines meiner
Bilder sieht: »Nicht von dieser Welt.« Und er blickt mich an mit einer Intensität, die
ich seit langem nicht gespürt habe. Die es auf meinen Wiesen nicht mehr gibt.
Rezension I Buchbestellung IV01 LYRIKwelt © DVA