aus: Lena
Um vier will sie
hier sein.
Mit dem Zug, sagt sie. Nicht daß sie kein Auto hätte. Autos sind zum Fahren da, sage
ich. Ach, Lena, sagt sie. Sie weiß, daß ich alles über die Klimaveränderung weiß, und
ist so lieb, mich nicht daran zu erinnern. Wie spät? Noch nicht mal eins, Zeit genug, den
Tisch zu decken. Hier vorne in der Veranda, wo sie so gern sitzt und auf die Straße
sieht. Zwetschgenkuchen hat sie sich wieder gewünscht, wenn's geht, hat
sie gesagt, und Zwetschgenkuchen geht heutzutage sogar im November. Daß sie ausgerechnet
am zwölften kommen will, wundert mich. Ich glaube, sie weiß gar nicht, daß das Ludwigs
Geburtstag ist. Ich habe es ihr jedenfalls nie gesagt. Nicht mal fünfundneunzig, als sie
bei mir gewohnt hat. Ein ganzes Jahr mit Phia, das habe ich mir oft gewünscht. Und es ist
so schön gewesen. In dem Jahr habe ich mir überlegt, ob ich sie mitnehmen sollte auf den
Friedhof, weil es sein Sechzigster war. Mein kleiner Bruder, mit achtundvierzig. Er ist
immerhin ihr Onkel. Aber wir hätten damit rechnen müssen, seiner Witwe in die Arme zu
laufen, und das wollte ich ihr ersparen. Schließlich weiß sie nichts über all die
Vorwürfe, die in der Luft liegen, und was soll ich sie damit belasten. Habe ich gedacht.
Vielleicht war das falsch. Wir müssen darüber reden, wenn sie kommt.
Kalt war es heute, so früh am Morgen. Aber ich friere nicht nur morgens, und der Friedhof
ist immer windig, im November erst recht, wenn das ganze Laub schon unten ist. Früher hat
mir diese Jahreszeit gefallen, aber jetzt wird es glatt mit all den nassen Blättern. Ich
gehe trotzdem zu Fuß. Lächerlich käme ich mir vor, in einem Taxi.
So viele Krähen wie heute morgen sind sonst nie da gewesen. Krähen wie früher, wenn ich
den langen Weg auf der Heerstraße in die Schule gegangen bin. Und genauso laut. Oben in
den Eichen hatten sie ihre Nester. Erst in der vierten Klasse habe ich keine Angst mehr
gehabt vor ihnen. Da ist Lotte auch in die Schule gekommen. Die hat von Anfang an keine
Angst gehabt, weil ich dabei war. Immer muß ich mit Lena gehen, hat sie gejammert, hier,
in dieser Küche. Die hat neunundzwanzig natürlich noch ganz anders ausgesehen, eine
Küche, wie man sie damals hatte. Ich will allein gehen, jammert Lotte im Türrahmen,
Mutter schiebt den Aschenkasten zurück, sieht zur Tür, schüttelt bloß den Kopf, und
Lizzy sitzt am Tisch und kreischt, ich will auch in die Schule. Du bist erst vier, sagt
Lotte. Wir drei Schwestern, und so verschieden.
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