Abtrünnig von Reinhard Jirgl, 2005, HanserReinhard Jirgl

Abtrünnig
(Leseprobe aus: Abtrünnig, Roman aus der nervösen Zeit, 2005, Hanser)

Sie war das Nachbarskind, 2 Jahr jünger als ich, u trotzdem wars als wären wir=zusammen geboren. Im selben Kindergarten, in derselben Schule, die Nachmittage in der Woche, die Sonntage u die Ferien verbrachten wir=gemeinsam – wir blieben unzertrennlich; die-Leute sagten, bestimmt würden wir später heiraten.

Und so kam es. Ich war 20 sie 18 als wir zum Standesamt gingen. Rings-um-uns-her sahen wir die-Anderen Freundschaften-schließen/ Freundschaften-brechen, heimliche Verhältnisse Raff=Gier Betrügereien, Heirat&scheidung –:– Uns ging das Nichts an, wir lebten=zusammen. Jemand nannte uns das Eineherz-in-zwei-Leibern. Als wir Das hörten, mußten wir lachen über solchen Kitsch; aber ins=geheim empfanden wir dabei Genugtuung wie über gerecht erhaltenen Lohn. –

Nach dem Abitur hatt ich studieren wolln, Philosophie an der Humboldt Universität zu Berlin. Mußte davor zur-Armee, & für mein Studienfach verlangte MAN mehr als nur die 18 Monate Pflicht..... Ließ mich mit der Aussicht aufs Studium pressen auf 3 Jahre Armee. MAN befahl mich zu den Grenztruppen, an die Grenze zu Polen. Tat Dort meinen Dienst & versuchte in Allderzeit, Schmutz-&-Schuld von meinen Händen fern zu halten. Das war nach Neunzehn Einundachtzig auch an dieser Grenze nicht immer 1fach. Und als die 3 Jahre vorbei waren, wars auch mit meinem Wunsch nach dem Studium vorbei. Angesichts dessen, Was inzwischen geschehen war in Diesemland, wäre mir Philosophie-Studieren wie 1 verdorbenes Kindergelüst erschienen, schwärmerisch=herrisch=zankhaftes Geturn am Seitpferd klapperiger Methodik. Filosofie: Nichts als Aus=Flucht vorm Dreck= des-Alltags in Dieserwelt.....

Blieb also bei der-Armee, unterschrieb die Verpflichtung auf 12 weitere Jahre Dienst. Absolvierte die Offiziersschule & war Leutnant geworden; nach 7 Jahren im November 89 die-Wende. War Damals 28 Jahre alt u: hatte Keinenberuf der mich & meine Frau über-Wasser hätt halten können (Kinder hatten wir keine). Ich war Soldat, Meinefrau Lehrerin an einer Polytechnischen Oberschule in Frankfurt/Oder.

Die Oberschule wurde zum Gymnasium, Meinefrau konnte dort als Lehrerin bleiben, Biologie & Chemie galten als parteilos. Die Grenztruppen der N-V-A wurden zum Bundesgrenzschutz. Hätt ich Damals Filosofie studiert, wäre ich Jetzt arbeitslos. Ob Diktatur od Dämokratie : Subalterne werden !immer gebraucht, Philosophen !nie.– Blieb also Leutnant bei den Grenztruppen; auch die Grenze war dieselbe geblieben: die Grenze zu Polen. So hatte zu unserem=gemeinsamen Glück noch jeder Glück in seinem Beruf. –

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