Die
Unvollendeten
(Leseprobe aus: Die
Unvollendeten, Roman, 2003, Hanser)
Später rückten
Lautsprecherwagen in die Ortschaft ein, danach Miliz.
Zuerst, u wie in Früherenzeiten vor der-Pest, drangen von-Überall-her die
Warnschreie menschlicher Stimmen an : !Heutmorgen sind Viele schon erschlagen
& erschossen worden –.– In der kleinen Stadt Komotau im Sudetenland
wurden seit Stunden Straßen & Gassen mit immerdenselben Durchsagen in
tschechischer Sprache beschallt.
30 MINUTEN ZEIT – MIT HÖCHSTENS 8 KILO GEPÄCK PRO PERSON – AM BAHNHOF SICH
EINZUFINDEN – DIEJENIGEN, DIE GEGEN DIESEN BEFEHL VERSTOSSEN, WERDEN NACH DEN
KRIEGSGESETZEN BESTRAFT –
Und war nach-Kriegsende der Beginn jener Wilden Vertreibungen.....
Die beiden Geschwister, Hanna u Maria mitsamt ihrer Mutter Johanna, gehörten
zur deutschstämmigen Bevölkerung im ehemaligen Sudetengau; die Schallscherben
von den Lautsprecherwagen galten an diesem Morgen auch für !sie. Hanna, schon
Mitte 40, um zehn Jahre älter als Maria, hieß, u genau wie ihre Mutter,
Johanna. Anfänglich nur für Fremde zur Unterscheidung, später der Gewohnheit
halber, behielt sie den Namen Hanna. Für sie u Maria, zusammen mit ihrer fast
siebzig Jahr alten Mutter, von einer großen Familie hier=im-Ort nur noch
zu-Dritt übriggeblieben, begann 1945 an einem Nachmittag unterm reglosen Weiß
des Spätsommerhimmels der-Treck.....
Zuerst leitete man die Züge mit den Güterwagen, dadrin zu Hunderten Flüchtlinge
mit weißen Armbinden hin1gepfercht, nach Bayern, bis knapp vor München.
Niemand konnte diese verlumpten Habenichtse gebrauchen, die Streitereien
zwischen amerikanischen u: russischen Besatzern über die Grenzziehung ihrer
Zonen sowie über die Bedingungen & die Zahl der jeweils aufzunehmenden FLÜCHTLINGSKONTINGENTE
spitzten sich zu. Die-Amerikaner bestanden auf den hierfür in Jalta getroffenen
Abmachungen: 25 Kilo Gepäck pro Person, keine Trennung der Familien, keine
Evakuierungen vor 1946 –: Die Flüchtlinge kamen Einhalbesjahr zu früh, denn
die tschechischen Behörden hatten der Willkür Freienlauf gelassen & die
Sudetendeutschen nach eigenem Gutdünken aus dem Land geschmissen (die
sowjetische Seite ließ gewähren.....). Mehrere Tage&nächte kampierten am
Rand einer Landstraße im Straßengraben zwischen Schierling u hohem Ried die-Flüchtlinge-aus-dem-Sudetenland,
die Bürgermeister verweigerten deren Unterbringung, & am Sonntag gingen die
Dorf-Bewohner an den im Dreck apathisch hockenden Flüchtlingshaufen schweigend
vorüber, zum Gottesdienst..... – Schließlich übernahmen sie die
sowjetischen Besatzungsbehörden; was den-Vertriebenen noch zum-Glück
gereichte, wären sie doch ansonsten ins Sudetenland zurückbeordert & dort
als ILLEGALE RÜCKKEHRER verhaftet worden. Denn wo Flüchtlinge sind, sind immer
auch Die Lager.....
Die beiden Frauen Hanna & Maria hätten sogar nach München gekonnt, Man
sagte ihnen, sie müßten sich nur von der Alten trennen. Denn für Alte hatte
Niemand Verwendung..... Hanna lehnte entgeistert ab. So mußten sie erneut
auf-Transport, wieder gepfercht in Güterwaggons tage&nächte=lang: von München
nach Dresden nach Leipzig – dann Magdeburg –
–und die Bahnhöfe u die Wartehalln !voll-von-Menschen da mußt man über die
Menschen drüber wegsteigen so voll war das da und die Luft drin stickig wie zum
Schneiden !Dreck=überall u Ungeziefer das kann sich Heute keiner vorstelln mir
wurde speiübel hatten auch seit Achwerweißwielangerzeit nichts Richtiges mehr
zu essen gehabt u waschen konnten wir uns auch Nirgendwo – ich hielts nich
mehr aus dort=drin
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