Die Atlantische Mauer
(aus: Die Atlantische Mauer, Roman, 2000, Hanser)
-Dieser Raum muß
sowas wie ein Sammelbecken für alle Rausgefischten vom gesamten Kennedy Airport gewesen
sein. Danach verteilte Man die 1zelfälle auf verschiedene Bürokabinen in den Tiefen der
Airport-Gebäude..... Auf dieser Seite der Schranke aber, unter all den übrigen, hilflos
umherstehenden Reisenden, die beobachten müssen, wie ihre Pässe hin&her gereicht -
abgelegt - wieder aufgenommen und wieder rumgereicht werden, alles mit derselben Lakonie
& Pikiertheit, liegt so etwas wie eine eiserne Luft, eine Luft wie sie glühenden
Blechen entströmt, beizend & rot - das Atmen, als müßte man Eisenspäne
schlucken.....
-Es dauerte bei mir weit über einehalbe Stunde, bevor überhaupt Jemand das Wort direkt
an mich richtete. Ein dicker schwarzer Officer wars schließlich, der mich herrisch mit
kurzknappem Fingerschnips an den Tresen heranwinkte. Sofort beginnt er das Verhör mit
einem Schwall aus genuscheltem Amerikanisch, wobei er abwechselnd mit meinem Paß &
den gefundenen Bewerbungsformularen wie mit Fliegenklatschen wedelt -; ich versuch, ihm zu
folgen, zu antworten, der tut so als hört er meine Antworten nicht, verstünde überdies
nichts von dem was ich sage. Er legt grinsend seine Hand muschelförmig ans Ohr -. Dann, 1
ums andere Mal, als hätte er grad erst=!jetzt mein Barbaren-Englisch verstehen können,
hätte dank seiner überragenden Intelligenz aus meinem Kauderwelsch & Geredekleinholz
die brauchbaren Scheite rausgezogen, wandte er sich breit grinsend an seinen Nachbarn
& wiederkäute meine Antworten, als hätt ich nen dreckigen Witz gemacht. Die beiden
amüsierten sich bestens. Das trieb=Der eine hübsche Weile so - ich versuchte sehr lange
mitzuhalten -, dann platzte mir der Kragen : Ich knall die Faust auf den Tresen, brüll
ihn an, daß ich einen Dolmetscher verlange. -Juu spiekinglisch wärri well, antwortet der
Kerl breit grinsend, -batt juufgattu änser !mie. Ich zurück: Entweder Dolmetscher od ich
sage !kein Wort mehr. Darauf schraubt der dicke schwarze Schrank von seinem Stuhl sich in
die Höhe, holt tief Luft als wolle er den ganzen Saal einatmen & brüllt - beinahe
akzent!frei - durch den weiten Raum:
-S-PRICKT HIER YEMAND !DOITSCH.....
-Keine Antwort. Nach ner Weile ist 1 Flughafenangestellter zur Stelle, 1 kleiner
zurückhaltender, grauhaariger Mann, der (wie er sich gleich vorstellte) nach Dem-Krieg
aus Jugoslawien geflohen war, dann in Deutschland gelebt & mit einer Österreicherin
verheiratet sei. Der (sagte sie) -trug seine Lebens=Geschichte mit solcher
Selbstverständlichkeit offen u jedem zur Ansicht wie andere ihre Identitätskarten am
Revers. Der Mann versucht zwischen mir u: dem Officer zu vermitteln. Sie redeten lange
& schnell - der Dolmetscher gestikulierte, mich schienen sie allmählich zu vergessen.
Das war wie auf ner Theaterprobe zum Steinernen Gast: Alles, was der Dolmetscher redete
& tat - der seit langem schon weder den Officer mir, noch mich dem Officer
übersetzte, schien den dicken Schwarzen stets nur zu 1-&-derselben Folge von
Bewegungen - abwechselnd das Fliegenklatschen mit meinem Paß & dem Formular - &
zu immer demselben Satzstereotyp zu bringen: -Schies kamm ässe tuerist batt schiesgadde
saint kaantreckt tu öörn hier in NJUU JOOK JUNAI TITT STEHTS OFF ÄMMERIKKA - (wobei er
New York und United States of America derart prononcierte, als wäre die Tatsache, daß
New York in den Vereinigten Staaten liege, die merkwürdigste & daher die
betonenswerteste Feststellung seiner Replik). Das schweißtreibende Tun des armen
Dolmetschers, sagte sie, -der sich offensichtlich als mein Anwalt verstand, war gradeso
als mühte sich ein Mechaniker eifrig aber vergebens um einen kaputten Automaten. Mir
!langtes: Ich beginne lauter und lauter zu reden - !schreie, so daß jeder gefangene Fisch
in dem großen Sammelbecken hören kann, daß ich 1 gültiges Visum, sogar die
Aufenthaltsgenehmigung bekommen habe - (der Dolmetscher übersetzt jetzt beinahe bittend
& wedelt, mich zu beschwichtigen, aufgeregt in meiner Richtung mit den Händen als
wolle er Mücken verscheuchen, was den dicken Schwarzen offenbar königlich amüsiert) -
ich schreie weiter, daß, wie die Rechtslage augenscheinlich in You Ass sei, nämlich die
Absicht = mein ausgefülltes Formular, schon als ein Vergehen angesehen wird (und schreie
noch lauter) das hatte ich in Deutschland nicht erfahren, das hatte niemand mir erklärt.
Der Schwarze grient immer breiter, steht schließlich auf von seinem Stuhl hinterm Tresen
& winkt mir & dem Dolmetscher wie 2 Hunden, ihm zu folgen, nach hinten, in 1 der
vielen kleinen Büros in den Tiefen der Flughafengebäude.....
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