Im Teich von Ha Jin, dtv 24276Ha Jin

aus: Im Teich

I.

Shao Bin hatte die Nase voll von Endstadt, der Kommune, in der er nun seit mehr als sechs Jahren lebte. Seine Frau Meilan beklagte sich, daß sie jedes Wochenende drei Kilometer weit gehen müsse, um die Wäsche zu waschen. Da sie nicht radfahren konnte, mußte Bin sie auf seinem Gepäckträger zum Blaubach bringen. Doch diesen Monat arbeitete er an den Wochenenden in der Düngerfabrik »Ernteglück« und konnte sie nicht hinfahren. Alles wäre anders, wenn sie im Arbeiterpark, der Wohnanlage der Fabrik unmittelbar am Wasser, wohnen würden. Meilan betete schon jede Nacht zu Buddha, daß er ihrer Familie helfen möge, dort bald eine Wohnung zu bekommen.

»Mach dir keine Sorgen. Diesmal kriegen wir bestimmt eine«, tröstete Bin sie am Mittwoch nachmittag.
»Woher willst du das wissen?«
»Sie müssen uns eine geben. Ich habe ein höheres Dienstalter als viele andere in der Fabrik.«
»Das heißt noch gar nichts.«

Er arbeitete nun schon sechs Jahre hier. Wenn es nach Bedürftigkeit und Beschäftigungsdauer ginge, müßten die Shaos diesmal eine neue Wohnung zugewiesen bekommen, doch Meilan hatte ihre Zweifel. »Ich an deiner Stelle«, sagte sie, »würde Sekretär Liu und Direktor Maje zwei Flaschen Schnaps geben. Es heißt, die beiden bekommen abends häufig Besuch. Du solltest nicht einfach die Hände in den Schoß legen und abwarten.«

»Kommt nicht in Frage. Für die beiden gebe ich keinen Fen aus.«
»Sturer Bock«, murmelte sie.

Bin war ein schmächtiger Mann. Früher einmal war er gesund und kräftig gewesen, doch in den vergangenen Jahren hatte er stark abgenommen, weshalb man ihn hinter vorgehaltener Hand »das Skelett« nannte. Trotz seiner unscheinbaren Gestalt war er ebenso talentiert wie eingebildet. Im Vergleich zu seinen Arbeitskollegen war er ausgesprochen belesen und kannte viele Geschichten, sogar die Abenteuer des Sherlock Holmes.

Außerdem hatte er eine gute Handschrift. Unter den Fabrikarbeiterinnen kursierte der Spruch: »Wenn der Typ doch nur so gut aussähe wie seine Schriftzeichen.« Als er sich vor fünf Jahren mit Meilan verlobte, hatte das allgemeines Erstaunen hervorgerufen, und das Paar hatte den Spitznamen »die Schöne und der Scholar« bekommen. Und obwohl Meilan nicht wirklich eine Schönheit und Bin nicht wirklich ein Gelehrter war, hatte sie im Gegensatz zu ihm als gute Partie gegolten, ja sogar mehrere Verehrer gehabt.

Seit ihrer Heirat bewohnten die beiden ein Zimmer im Wohnheim an der Alten Volkstraße, das zu Meilans Arbeitseinheit, dem Kaufhaus der Massen, gehörte. Mittlerweile hatten sie eine lebhafte Zweijährige, für die allein das Zimmer mit seinen dreizehn Quadratmetern bereits eng wurde. Außerdem betätigte sich Bin, der gelernter Monteur war, als Hobbymaler und Kalligraph. Ein Künstler braucht Platz, am besten einen Raum für sich, in dem er seine Kunst ausüben und kultivieren kann, doch daran war nicht zu denken. Also schwang er allabendlich bis spät den Pinsel unter der Deckenlampe und störte damit den Schlaf von Frau und Kind. Ständig hing der Geruch von Tusche im Zimmer. Meilan mußte selbst im kältesten Winter immer wieder lüften, aber es gab einfach keine andere Möglichkeit für Bins künstlerische Betätigung. Die Shaos hatten eine neue Wohnung dringend nötig.

In den letzten Tagen hatte Bin vergeblich versucht herauszubekommen, ob sein Name auf der Liste des Wohnungskomitees stand. Die Mehrzahl der Kollegen verhielt sich auf einmal ausweichend und geheimnistuerisch, so als hätten sie den großen Glückstreffer gelandet; keiner traute dem anderen mehr über den Weg.

Diesmal bin ich an der Reihe, sagte sich Bin am Dienstag morgen immer wieder, während er einen hydraulischen Wagenheber für die Transporteinheit reparierte. Meilans gestrige Bemerkung über die allgemeine Bestechungspraxis hatte den Keim der Angst in ihm gesät, doch er ermahnte sich, den Mut nicht sinken zu lassen.

Früher als erwartet wurde dann am Nachmittag die endgültige Liste am Schwarzen Brett neben dem Haupteingang der Fabrik ausgehängt. Bin ging sofort hin, fand seinen Namen aber nicht unter den Auserwählten.

Er war außer sich, und er war nicht der einzige. In allen Abteilungen erhoben sich wütende Stimmen; die Glücklichen dagegen verhielten sich still. Einige Arbeiter beschlossen, auf Spruchbändern die Korruption der Führung anzuprangern. Manche erklärten sogar, sie würden die vier größeren Wohneinheiten, die den Kadern vorbehalten waren, in die Luft sprengen. Doch das waren natürlich nur leere Drohungen, wie sie schon oft ausgestoßen worden waren; nichts dergleichen war jemals geschehen.

Sobald die Glocke das Ende der Schicht verkündete, verließ Bin die Fabrik. Die Militärmütze schräg auf dem Kopf radelte er zerstreut nach Hause, während die Zipfel seines offenen, weißen Hemdes hinter ihm herflatterten. Sein Geist suchte fieberhaft nach einer Möglichkeit, Meilan die schlechte Nachricht schonend beizubringen. Sie würde furchtbar enttäuscht sein. Wie sollte er sie trösten?

Als er die Bahnlinie am Nordende des Fabrikgeländes kreuzte, sah er Parteisekretär Liu Shu mit auf dem Rücken verschränkten Händen vor sich den Weg entlanggehen. Bin holte ihn ein und stieg von seinem Rad. »Darf ich dich kurz stören, Sekretär Liu?« sprach er ihn an.
»Was gibt's?« Liu blieb stehen, richtete sich ein wenig auf und musterte ihn unter schweren, halbgeöffneten Lidern. »Warum habe ich diesmal keine Wohnung zugewiesen bekommen?« fragte Bin.
»Da bist du nicht der einzige. Über hundert Genossen stehen noch auf der Warteliste. Weißt du das nicht?«
»Aber ich arbeite seit sechs Jahren in dieser Fabrik. Hou Nina ist erst seit drei Jahren hier und hat eine Wohnung bekommen. Warum? Ich verstehe das nicht.«
»Das ist die Entscheidung des Wohnungskomitees«, erwiderte Liu ohne Umschweife. »Man ist eben zu dem Schluß gekommen, daß sie die Wohnung dringender braucht als du. In unserer neuen Gesellschaft sind Männer und Frauen gleichberechtigt. Du hast immerhin ein Dach über dem Kopf, sie dagegen hat die ganze Zeit bei ihrer Familie auf dem Dorf leben müssen. Zweimal mußte sie deswegen schon ihre Hochzeit verschieben; sie kann doch schließlich nicht ewig ledig bleiben.«
»Sie kann ja bei dir einziehen«, hätte Bin ihm am liebsten ins Gesicht gebrüllt, doch er hielt sich zurück. Ohne ein weiteres Wort sprang er auf sein Fahrrad Marke »Landesverteidigung« und radelte davon. Doch im Stillen verfluchte er Liu: »Dieser Hundesohn hat schon eine gute Wohnung und schanzt sich jetzt eine noch größere zu. Blanker Machtmißbrauch ist das! Verdammt ungerecht!« 
Der untersetzte Sekretär schüttelte den Kopf und nannte den davonradelnden Bin einen Idioten.

Bin wollte die Hiobsbotschaft eigentlich erst nach dem Essen überbringen, doch als seine Frau sein finsteres Gesicht sah, ahnte sie, daß etwas nicht stimmte, und fragte immer wieder nach. Also erzählte er ihr alles; er erwähnte sogar, daß die junge Hou Nina aus der Buchhaltung eine Wohnung bekommen hatte. Mit Tränen in den Augen hörte Meilan ihm zu und verfluchte dann lauthals die Führung. Sie machte aber auch Bin wegen seiner Sturheit Vorwürfe. »Ein paar Flaschen Schnaps hätten nicht die Welt gekostet. Wie oft habe ich es dir gesagt, aber du wolltest ja nicht auf mich hören.«

»Komm, laß uns essen«, sagte er, nahm die Stäbchen zur Hand, führte die Schale mit den Nudeln zum Mund und schlürfte die Brühe. Dann streute er sich einen Löffel gehackte Korianderblätter über die Nudeln.

»Ich mag nichts essen. Ich habe Blähungen«, sagte Meilan und riß die Fenster auf. Draußen ging ein leichter Wind, der geräuschvoll die letzten Regentropfen von den Pappelblättern schüttelte. Ein Frosch ließ ein zögerliches Quaken vernehmen.

»Was wirst du jetzt tun?« fragte sie. »Ich weiß nicht. Was meinst du denn?«
»Die haben uns ungerecht behandelt. Du solltest diese korrupten Männer anzeigen.«

Schweigend aß Bin weiter. Shanshan, ihre kleine Tochter, rührte mit einem grünen Plastiklöffel in einem Schälchen mit Pudding und wartete darauf, daß ihre Mutter sie fütterte. Ein Stück Nudel klebte an ihrem weißen Lätzchen, unmittelbar nebem dem roten Schnabel einer gestickten Taube.

Meilan, im himmelblauen Kleid, stand reglos am Fenster. Ihr ausladender Busen bebte noch vor innerer Erregung. Sie hob die Hand und strich sich eine Haarsträhne hinter das zierliche Ohr, dann beugte sie sich aus dem Fenster und spuckte hinaus. Immer wieder mußte sie sich mit Daumen und Zeigefinger die Tränen aus den Augen wischen. Nach dem Abendessen ließ sich Bin auf eine Zigarette draußen vor dem Wohnheim nieder. Er fächelte sich mit einem Fächer Luft zu, auf dem sich eine diesige Landschaft erstreckte - ein Tempel am Fluß, zwei schlanke Boote, winzige Fischer mit Strohhüten, die die Boote mit Stangen fortbewegten. Sein schmales Gesicht wirkte angespannt, und der Adamsapfel zuckte nervös. Während er krampfhaft überlegte, verengten sich seine Augen zu schmalen Schlitzen, und die buschigen Brauen berührten sich fast. Über seinem Kopf flackerte eine 20 Watt-Glühbirne, um die sich eine Wolke von Mücken scharte, unter ihnen surrte der eine oder andere Moskito. Die Luft roch nach verrottetem Fisch und frischem Mais. Auf der Straße hinter der hohen Mauer hupten zwei Lastwagen einander an, als wollten sie streiten.

Mitten im Hof wusch Meilan unter wütendem Geklapper das Geschirr im öffentlichen Spülstein. Bin sah ein, daß er sich falsch verhalten hatte. Ein kluger Mann hätte, wie Meilan es ihm nahegelegt hatte, sein Schicksal in die eigenen Hände genommen, er aber hatte nicht hören wollen und damit das Unheil selbst heraufbeschworen.

Im Gegensatz zu seiner Fabrik hatte das Kaufhaus nur sechzehn Angestellte und konnte daher keine eigenen Wohnungen bauen. Eine Verbesserung ihrer Wohnsituation hing also allein von ihm ab, und er hatte die Chance vermasselt. Es war völlig ungewiß, wann wieder eine Wohnung frei werden würde. Nur der Himmel wußte, wie lange seine Familie noch in dem einen Zimmer würde hausen müssen.

In seiner Wut schwor er sich, gegen diese Ungerechtigkeit vorzugehen. Auch wenn er die Fehlentscheidung der Führung nicht rückgängig machen konnte, so würde er ihnen doch gern eine Lektion erteilen, die ihnen zeigte, daß er sich nicht alles gefallen ließ. Doch wie sollte er das anstellen?

Da fiel ihm ein Ausspruch von Wang Chong, dem materialistischen Denker aus der Han Dynastie ein, der von der Bekämpfung des Übels mit dem Schreibpinsel handelte. An den genauen Wortlaut konnte er sich nicht mehr erinnern. Die Passage mußte irgendwo in dem Bändchen »Die Essenz altchinesischer Weisheit« stehen, in dem er vor ein paar Wochen geblättert hatte. Er stand auf und ging hinein. Zuoberst auf dem Ratanregal fand er das Buch schließlich, eingeklemmt zwischen einem epigraphischen Lexikon und einem Album mit Blumenbildern.

Er zog es heraus und fand auf Anhieb die Stelle, die er mit einem Eselsohr markiert hatte. Dann las er die Worte des Gelehrten:

»Wie kann Schreiben sich auf das bloße Spiel mit Tusche und Pinsel beschränken? Es muß vielmehr die Taten der Menschen aufzeichnen und deren Namen der Nachwelt überliefern. Der Tugendhafte hofft, wegen seiner guten Taten erinnert zu werden, und das spornt ihn zu weiteren guten Taten an; der Übeltäter fürchtet, daß seine Missetaten festgehalten werden und bemüht sich daher um Mäßigung. So kann der Pinsel eines wahren Gelehrten das Gute befördern und dem Übel vorbeugen.«

Bin klappte das Buch voller Rührung wieder zu. Schreiben und Malen sind verwandte Kunstgattungen, überlegte er; beide bedienen sich des Pinsels. Im Kampf gegen das Übel liegt die eigentliche Funktion der Künste. Als Künstler und Gelehrter ist es meine Aufgabe, diese korrupte Führung bloßzustellen. Malerei und Schriftstellerei dürfen sich nicht im bloßen Ornament erschöpfen, nicht reine Dekoration bleiben; sie müssen vielmehr Kraft und Seele besitzen, einen gesunden, aufrichtigen Geist ausstrahlen. Mit einem gelungenen Kunstwerk kann man einem Bösewicht ebenso tödliche Wunden zufügen wie mit einem Dolch.

Nachdem Meilan und Shanshan sich schlafen gelegt hatten, begann Bin, die Tusche auf seinem antiken Reibestein anzureiben, der die Form einer Krabbe hatte und aus Goldsternstein geschnitten war. Seine Hand machte dabei winzige Kreisbewegungen im Uhrzeigersinn. Wenige Minuten später war die Tusche fertig. Er wählte einen Pinsel aus Wieselhaar und begann, eine Karikatur zu zeichnen. Auf einen großen Bogen malte er ein riesiges offizielles Siegel, das mit der Stempelfläche nach oben dastand. Den wuchtigen Griff zierte ein verzücktes Gesicht mit ein paar zu Berge stehenden Haaren. Auf die Stempelfläche, die einer ovalen Bühne glich, setzte er winzige Menschlein, Männer und Frauen in zwei Stuhlreihen. Die beiden in der Mitte waren deutlich als Sekretär Liu und Direktor Ma zu erkennen. Liu trug einen Schnauzbart und hatte die kurzen Arme vor der Brust verschränkt, während Mas langes Gesicht sich nach unten zog, als kaue er gerade. Hinter den Leuten ließ Bin ein sechsstöckiges Gebäude mit großen Fenstern und ausladenden Balkonen aufragen, von dem helle Neonlichtstrahlen ausgingen.

Als die Zeichnung fertig war, tauchte Bin einen feineren Pinsel in die Tusche und schrieb in schwungvollen Zeichen die Überschrift: »Glücklich ist die Familie, die Macht besitzt.«

Die Erregung, ein bedeutungsvolles Werk geschaffen zu haben, hielt ihn noch lange wach. Er zwang sich, seine Herzschläge zu zählen, die schneller dahinrasten als der kleine Zeiger der Wanduhr. Seine Schläfen spannten, und sein Kopf wollte keine Ruhe geben. Innerhalb von zwei Stunden stand er dreimal auf, um in der öffentlichen Toilette in der Westecke des Hofes zu urinieren. Gegen zwei Uhr schlief er endlich ein.

Am anderen Morgen zeigte er die Karikatur seiner Frau. »Sehr gut«, sagte sie. »Ich hoffe, das wird die Tretmine sein, die sie in der Luft zerreißt.«
Vorsichtig schob er das Blatt in einen braunen Umschlag und adressierte ihn an das »Lüda Tagblatt«, eine Regionalzeitung, die einmal eine Kalligraphie mit drei Zeichen von ihm gedruckt hatte. Auf dem Weg zur Arbeit warf er den Umschlag in den Briefkasten vor dem Postamt an der Uferstraße.

Rezension I Buchbestellung 0I02 LYRIKwelt © dtv