Warten von Ha Jin, dtv 24221Ha Jin

aus: Warten

Prolog

Jeden Sommer kehrte Lin Kong nach Gänsedorf zurück, um sich von seiner Frau Shuyu scheiden zu lassen. Viele Male wurden sie zusammen im Gerichtsgebäude der Kreisstadt Wujia vorstellig, doch wenn der Richter Shuyu fragte, ob sie in die Scheidung einwillige, änderte sie regelmäßig im letzten Augenblick ihre Meinung. Jahr für Jahr fuhren die beiden nach Wujia, und jedes Mal kamen sie mit jener Heiratsurkunde wieder heim, die zwanzig Jahre zuvor auf dem dortigen Standesamt für sie ausgestellt worden war.
Als Lin Kong in diesem Sommer aus Muji, wo er als Arzt in einem Militärkrankenhaus arbeitete, zurückkam, hatte er ein Schreiben seiner Dienststelle dabei, das die Scheidung befürwortete. Wieder plante er, mit seiner Frau zum Gericht zu fahren, um die Ehe zu beenden. Vor der Abreise hatte er seiner Freundin Manna Wu, die ebenfalls im Krankenhaus arbeitete, versprochen, diesmal sein Bestes zu tun, um Shuyu zur Einhaltung ihres Versprechens zu bewegen und die Scheidung durchzubringen.
Als Armeeangehörigem standen ihm zwölf Tage Jahresurlaub zu. Da die Heimreise einen ganzen Tag in Anspruch nahm - er musste mit Eisenbahn und Bus fahren und zweimal umsteigen -, konnte er nur zehn Tage im Dorf bleiben, da auch der letzte freie Tag ein Reisetag war. Vor Antritt seines diesjährigen Urlaubs glaubte er, genug Zeit zur Durchführung seines Plans zu haben, doch nun war bereits eine Woche vergangen, ohne dass er die Scheidung seiner Frau gegenüber auch nur erwähnt hätte. Jedes Mal, wenn er darauf zu sprechen kommen wollte, beschloss er, lieber noch einen Tag zu warten.
Ihr Haus aus ungebrannten Lehmziegeln war seit zwei Jahrzehnten unverändert: vier große Räume unter einem schilfgedeckten Dach und drei Fenster nach Süden, deren Rahmen himmelblau gestrichen waren. Lin stand im Hof, der Front des Hauses zugewandt, und blätterte in einem Dutzend stockfleckiger Bücher, die er auf dem Holzstoß zum Trocknen ausgelegt hatte. Shuyu hat keine Ahnung, wie man mit Büchern umgeht, dachte er. Vielleicht sollte ich sie meinen Neffen geben. Ich brauche sie ohnehin nicht mehr.
Um ihn herum stolzierten Hühner und watschelten Gänse. Ein paar Kücken schlüpften durch die engen Ritzen des Lattenzauns, der den kleinen Gemüsegarten abteilte. Dort hingen Stangenbohnen und lange Gurken von ihren Spalieren; Auberginen bogen sich wie Kuhhörner, und Salatköpfe gediehen so üppig, dass sie die Furchen bedeckten. Außer Geflügel hielt seine Frau noch zwei Schweine und eine Ziege für die Milch. Die Sau quiekte in ihrem Verschlag, der im Westen an den Gemüsegarten anschloss. An der Stallwand wartete ein Haufen Mist darauf, zum Acker der Familie transportiert und dort für zwei Monate in einer Grube mittels Hitze kompostiert zu werden, bevor er ausgebracht werden konnte. Es stank nach dem Trester, den man dem Schweinefutter zusetzte. Lin mochte diesen säuerlichen Geruch nicht, aber das war auch das Einzige, was ihn hier störte. Aus der Küche, wo Shuyu das Essen zubereitete, hörte er das Keuchen des Blasebalgs. Nach Süden hin verdeckten die Kronen von Ulmen und Birken die ziegel- und strohgedeckten Dächer der Nachbarhäuser. Hin und wieder war das Bellen eines Hundes zu hören. Nachdem er alle Bücher umgedreht hatte, trat Lin aus der Umfriedungsmauer, die einen knappen Meter hoch und mit stacheligen Jujube-Zweigen gekrönt war. In der Hand hielt er ein altes, zerfleddertes Russisch-Lexikon aus seiner Schulzeit. Da er nichts Besseres zu tun hatte, setzte er sich auf den Mahlstein und blätterte darin. An einige russische Vokabeln konnte er sich noch erinnern, und er versuchte sogar, daraus im Kopf ein paar kurze Sätze zu bilden. Da er sich aber nicht mehr genau an die Regeln für den Kasuswechsel erinnerte, gab er wieder auf, und das Buch blieb in seinem Schoß liegen. Ein leichter Wind bewegte die Seiten. Er hob den Blick und beobachtete ein paar Dorfbewohner, die auf einem entfernten Acker Kartoffeln anhäufelten. Das Feld war so riesig, dass man seinen Mittelpunkt mit einer roten Fahne markiert hatte. Jedes Mal wenn die Arbeiter die Fahne erreichten, war es Zeit für eine Pause. Lin schaute interessiert zu; er selbst verstand kaum etwas von der Feldarbeit. Er hatte das Dorf verlassen, als er sechzehn war, um in Wujia die höhere Schule zu besuchen.
Am Ende der Straße wurde ein Wagen sichtbar, der hoch mit Hirsegarben beladen war und sich schwankend näherte. Als Leittier diente eine Färse; sie lahmte an einer Hinterhand. Lin entdeckte seine Tochter Hua und ein anderes Mädchen oben auf dem Wagen. Die beiden versanken teilweise in den lockeren Garben; sie sangen und lachten. Der Kutscher, ein alter Mann mit blauer Baumwollkappe, hatte eine Pfeife zwischen den Zähnen und ließ die kurze Peitsche über dem Hinterteil des Zugochsen knallen. Die beiden eisenbeschlagenen Räder knirschten rhythmisch über die holperige Straße.
Als der Wagen vor dem Hoftor zum Stehen kam, warf Hua einen prall gefüllten Jutesack auf den Boden und sprang hinterher. »Danke, Onkel Yang« rief sie dem Kutscher zu. Sie winkte, dem rundlichen Mädchen auf dem Erntewagen: »Bis heute Abend. « Dann strich sie sich die Halme von Bluse und Hose.
Sowohl der alte Mann als auch das rundliche Mädchen sahen lächelnd zu Lin herüber, sagten aber nichts. Der Alte kam Lin irgendwie bekannt vor; aus welcher Familie das Mädchen stammte, wusste er nicht. Ihm fiel auf, dass die beiden ihn nicht grüßten, wie sie es bei anderen Dorfbewohnern getan hätten. Der Alte fragte nicht: »Wie war dein Tag?«, und das Mädchen rief ihm kein »Guten Abend, Onkel« zu. Vielleicht lag es daran, dass er Uniform trug, überlegte er.

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