Wie ein Mensch von Ida Jessen, 2003, Beck

Ida Jessen

aus: Wie ein Mensch
S. 36-39

5.
Eines Tages Ende Oktober, Nina und Christian wohnten inzwischen ein halbes Jahr in Hvium, suchte Christian während der Mittagspause in einer Krankenakte nach etwas. Die Patientin, ein junges Mädchen, war gerade bei ihm gewesen. Sie hatte Penicillin haben wollen gegen einen Husten, von dem sie meinte, er käme von einer Lungenentzündung, was aber nicht der Fall war. Es war die Zeit der Erkältungen, Unpäßlichkeiten und verschleimten Atemwege. Die Tage waren diffus. Draußen hielt ein Auto, und eine Frau, etwa Mitte dreißig, stieg aus, öffnete die Tür auf der Beifahrerseite und beugte sich zu jemandem, der dort saß. Kurz darauf waren zwischen den Beinen der Frau ein paar dicke Beine in roten Strümpfen zu sehen, und Christians Neugier war für einen Moment geweckt. Ihm war, als kenne er die Frau mit dem kurzen blonden Haar. Sie trug einen unmodernen roten Mantel mit hellbraunem Pelzbesatz an den Ärmeln und am Kragen. Während sie an dem Beifahrer zog und zerrte, um den Betreffenden aus dem Wagen zu bugsieren, öffnete sich die Tür zum Rücksitz und zwei etwa fünf, sechs Jahre alte Jungen kamen zum Vorschein. Sie knallten die Tür zu und verschwanden aus Christians Blickfeld. Die Frau rief hinter ihnen her. Gleichzeitig bekam sie ihren Beifahrer auf die Füße. Das war eine gewaltige alte Frau. Dick, zusammengesunken und gekleidet in einen Pelz, der – auch wenn er alt war und am Saum zipfelig – vor Leben knisterte. Die Frau drückte dieser gebieterischen Alten einen schwarzen Stock in die Hand und rief: „Nun beweg mal die Füße, Schwiegermutter!“ worauf eine lange Wanderung zur Tür der Praxis begann. Christian sah ihnen zu. Der Wind fegte durch die nasse Straße, der Mantel der blonden Frau flatterte wild. Sie sah wunderschön aus; lange konnte er ihren Anblick aber nicht genießen, bis sie verschwand. Kurz darauf kamen die beiden Jungen auf dem Bürgersteig angerannt, und die Tür zum Windfang wurde zugeknallt, daß die Scheiben klirrten. Christian wandte sich wieder der Patientenkarte zu. Heute wurden die Karten per Computer geführt, aber die alten waren noch nicht alle digital erfaßt, und diese, die er vor sich hatte, war eine von den handgeschriebenen. Das Mädchen war mehrere Jahre nicht beim Arzt erschienen, davor war sie recht regelmäßig bei Sander gewesen. Christian blätterte sich durch diverse Kinderkrankheiten und Grippeerkrankungen und unerklärliche, starke Schmerzen in der Hüfte, weshalb sie, seit sie dreizehn Jahre alt war, bis zum Alter von 17 Jahren jährlich zum Röntgen überwiesen wurde. Die letzte Seite schloß mit einer halben Geschichte über Menstruationsbeschwerden und einem Rezept für Napr –, und hier, mitten im Wort, endete die Karte. Es fehlten eindeutig ein oder zwei Seiten.
Christian erlebte das nicht zum ersten Mal. Vor ein paar Monaten fehlte in der Patientenkarte einer Frau in den Vierzigern mittendrin eine Seite. Er hatte das zufällig entdeckt, als sie noch bei ihm saß, und es ihr gesagt; es schien sie nicht weiter zu beunruhigen. Sie arrangierte nur etwas an ihren Einkaufstaschen und meinte, Sander sei stets ein unordentlicher Mensch gewesen, und daß da wohl nichts Lebensbedrohliches oder Wichtiges gestanden habe, schließlich lebe sie ja noch, und zwar gut. Davor hatte es bestimmt noch einen Fall mit fehlenden Seiten gegeben. Christian aß sein Käsebrot, trank die Milch aus, warf den Milchkarton in den Mülleimer und ging zum Empfang. Unterwegs sah er kurz ins Wartezimmer. Die gutaussehende Frau war nicht da, und die beiden Jungen spielten am Legotisch mit Traktoren. Auf dem einzigen guten Stuhl saß eine der alten Bekannten, Ilsebill, wie die Sekretärin sie nannte, eine knochige kleine Frau mit rauchiger Stimme, goldenen Tropfen an den Ohren und mit wandernden Schmerzen. Sonst waren keine Patienten da. Christian zog den Kopf zurück und ging hinaus zur Sekretärin, die in der Küche saß und Kaffee trank.
„Hallo, Carmen“, sagte er.
„Was willst du, Sportsfreund?“ fragte die Sekretärin, ohne von ihrer Wochenzeitschrift aufzublicken, und zog an ihrer Zigarette.
„Kannst du die Stinkbombe nicht ausmachen?“
„Na, na, wie bist du denn heute drauf? Hast du daran gedacht, dich um einen Psychologen zu kümmern, damit du zur Therapie gehen kannst?“
„Das mache ich morgen.“
„Es wird auch Zeit.“ Sie blätterte ein paar Seiten weiter. „Hier ist ein schöner Pullover, soll ich dir den stricken, Christian?“ Sie hielt die Zeitschrift hoch und zeigte ihm irgend etwas Schreckliches.
„Das geht aber nicht“, lächelte Christian. „Dann wird Nina nur mißtrauisch, was da zwischen dir und mir läuft.“
„Du sagst einfach, den hätte dir Doktor Blubb gestrickt. Was willst du überhaupt? Du hängst jetzt seit über einer halben Minute hier rum. Du lenkst mich ab.“ Sie drückte ihre Zigarette aus, stand auf, stellte den Aschenbecher in die Spüle und ließ Wasser einlaufen. Ihre Bewegungen waren immer schnell und ruckartig, als ob sie damit Jugend und Schönheit kompensieren wollte, hatte Christian anfangs gedacht. Sie gehörte zu den Frauen, die ihn über das Wort „einst“ nachdenken ließen. Einst war sie ein hübsches junges Mädchen gewesen. Nun war sie auf eine herbe Weise hübsch. Jeden Morgen malte sie sich ein Gesicht auf, das so aussehen sollte, wie sie auszusehen glaubte. Jede Menge Make-up und getönter Puder, Lidschatten, Kajal und Wimperntusche. Ihre Lider waren so dick geschminkt, daß es aussah, als hätte sie vier Augen – zwei, die aufgingen, wenn sich die anderen beiden schlossen. Christian verstand sie durchaus. So etwas taten Frauen, die auf eine identitätsstiftende Weise jung und hübsch gewesen waren, und die jetzt, wo sie langsam alt wurden, nicht wußten, daß sie nicht länger so aussahen und deshalb auch nicht so sein konnten.
„In Sanders alten Patientenakten fehlen Seiten“, sagte er.
„Ah ja“, sagte Carmen gleichgültig, spülte ihre Tasse und trocknete sie ab.
„Weißt du, wo die geblieben sein könnten?“
„Nee.“
„Wie erschöpfend doch deine Antworten sind.“
„So bin ich von Natur aus, mein Schätzchen. Gründlich und korrekt.“ Sie schickte ihm einen Luftkuß und trat auf den Flur.
(...)

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