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aus: Wie ein
Mensch
S. 36-39
5.
Eines Tages Ende Oktober, Nina und Christian wohnten inzwischen ein halbes Jahr
in Hvium, suchte Christian während der Mittagspause in einer Krankenakte nach
etwas. Die Patientin, ein junges Mädchen, war gerade bei ihm gewesen. Sie hatte
Penicillin haben wollen gegen einen Husten, von dem sie meinte, er käme von
einer Lungenentzündung, was aber nicht der Fall war. Es war die Zeit der Erkältungen,
Unpäßlichkeiten und verschleimten Atemwege. Die Tage waren diffus. Draußen
hielt ein Auto, und eine Frau, etwa Mitte dreißig, stieg aus, öffnete die Tür
auf der Beifahrerseite und beugte sich zu jemandem, der dort saß. Kurz darauf
waren zwischen den Beinen der Frau ein paar dicke Beine in roten Strümpfen zu
sehen, und Christians Neugier war für einen Moment geweckt. Ihm war, als kenne
er die Frau mit dem kurzen blonden Haar. Sie trug einen unmodernen roten Mantel
mit hellbraunem Pelzbesatz an den Ärmeln und am Kragen. Während sie an dem
Beifahrer zog und zerrte, um den Betreffenden aus dem Wagen zu bugsieren, öffnete
sich die Tür zum Rücksitz und zwei etwa fünf, sechs Jahre alte Jungen kamen
zum Vorschein. Sie knallten die Tür zu und verschwanden aus Christians
Blickfeld. Die Frau rief hinter ihnen her. Gleichzeitig bekam sie ihren
Beifahrer auf die Füße. Das war eine gewaltige alte Frau. Dick,
zusammengesunken und gekleidet in einen Pelz, der – auch wenn er alt war und
am Saum zipfelig – vor Leben knisterte. Die Frau drückte dieser
gebieterischen Alten einen schwarzen Stock in die Hand und rief: „Nun beweg
mal die Füße, Schwiegermutter!“ worauf eine lange Wanderung zur Tür der
Praxis begann. Christian sah ihnen zu. Der Wind fegte durch die nasse Straße,
der Mantel der blonden Frau flatterte wild. Sie sah wunderschön aus; lange
konnte er ihren Anblick aber nicht genießen, bis sie verschwand. Kurz darauf
kamen die beiden Jungen auf dem Bürgersteig angerannt, und die Tür zum
Windfang wurde zugeknallt, daß die Scheiben klirrten. Christian wandte sich
wieder der Patientenkarte zu. Heute wurden die Karten per Computer geführt,
aber die alten waren noch nicht alle digital erfaßt, und diese, die er vor sich
hatte, war eine von den handgeschriebenen. Das Mädchen war mehrere Jahre nicht
beim Arzt erschienen, davor war sie recht regelmäßig bei Sander gewesen.
Christian blätterte sich durch diverse Kinderkrankheiten und Grippeerkrankungen
und unerklärliche, starke Schmerzen in der Hüfte, weshalb sie, seit sie
dreizehn Jahre alt war, bis zum Alter von 17 Jahren jährlich zum Röntgen überwiesen
wurde. Die letzte Seite schloß mit einer halben Geschichte über
Menstruationsbeschwerden und einem Rezept für Napr –, und hier, mitten im
Wort, endete die Karte. Es fehlten eindeutig ein oder zwei Seiten.
Christian erlebte das nicht zum ersten Mal. Vor ein paar Monaten fehlte in der
Patientenkarte einer Frau in den Vierzigern mittendrin eine Seite. Er hatte das
zufällig entdeckt, als sie noch bei ihm saß, und es ihr gesagt; es schien sie
nicht weiter zu beunruhigen. Sie arrangierte nur etwas an ihren Einkaufstaschen
und meinte, Sander sei stets ein unordentlicher Mensch gewesen, und daß da wohl
nichts Lebensbedrohliches oder Wichtiges gestanden habe, schließlich lebe sie
ja noch, und zwar gut. Davor hatte es bestimmt noch einen Fall mit fehlenden
Seiten gegeben. Christian aß sein Käsebrot, trank die Milch aus, warf den
Milchkarton in den Mülleimer und ging zum Empfang. Unterwegs sah er kurz ins
Wartezimmer. Die gutaussehende Frau war nicht da, und die beiden Jungen spielten
am Legotisch mit Traktoren. Auf dem einzigen guten Stuhl saß eine der alten
Bekannten, Ilsebill, wie die Sekretärin sie nannte, eine knochige kleine Frau
mit rauchiger Stimme, goldenen Tropfen an den Ohren und mit wandernden
Schmerzen. Sonst waren keine Patienten da. Christian zog den Kopf zurück und
ging hinaus zur Sekretärin, die in der Küche saß und Kaffee trank.
„Hallo, Carmen“, sagte er.
„Was willst du, Sportsfreund?“ fragte die Sekretärin, ohne von ihrer
Wochenzeitschrift aufzublicken, und zog an ihrer Zigarette.
„Kannst du die Stinkbombe nicht ausmachen?“
„Na, na, wie bist du denn heute drauf? Hast du daran gedacht, dich um einen
Psychologen zu kümmern, damit du zur Therapie gehen kannst?“
„Das mache ich morgen.“
„Es wird auch Zeit.“ Sie blätterte ein paar Seiten weiter. „Hier ist ein
schöner Pullover, soll ich dir den stricken, Christian?“ Sie hielt die
Zeitschrift hoch und zeigte ihm irgend etwas Schreckliches.
„Das geht aber nicht“, lächelte Christian. „Dann wird Nina nur
mißtrauisch,
was da zwischen dir und mir läuft.“
„Du sagst einfach, den hätte dir Doktor Blubb gestrickt. Was willst du überhaupt?
Du hängst jetzt seit über einer halben Minute hier rum. Du lenkst mich ab.“
Sie drückte ihre Zigarette aus, stand auf, stellte den Aschenbecher in die Spüle
und ließ Wasser einlaufen. Ihre Bewegungen waren immer schnell und ruckartig,
als ob sie damit Jugend und Schönheit kompensieren wollte, hatte Christian
anfangs gedacht. Sie gehörte zu den Frauen, die ihn über das Wort „einst“
nachdenken ließen. Einst war sie ein hübsches junges Mädchen gewesen. Nun war
sie auf eine herbe Weise hübsch. Jeden Morgen malte sie sich ein Gesicht auf,
das so aussehen sollte, wie sie auszusehen glaubte. Jede Menge Make-up und getönter
Puder, Lidschatten, Kajal und Wimperntusche. Ihre Lider waren so dick
geschminkt, daß es aussah, als hätte sie vier Augen – zwei, die aufgingen,
wenn sich die anderen beiden schlossen. Christian verstand sie durchaus. So
etwas taten Frauen, die auf eine identitätsstiftende Weise jung und hübsch
gewesen waren, und die jetzt, wo sie langsam alt wurden, nicht wußten, daß sie
nicht länger so aussahen und deshalb auch nicht so sein konnten.
„In Sanders alten Patientenakten fehlen Seiten“, sagte er.
„Ah ja“, sagte Carmen gleichgültig, spülte ihre Tasse und trocknete sie
ab.
„Weißt du, wo die geblieben sein könnten?“
„Nee.“
„Wie erschöpfend doch deine Antworten sind.“
„So bin ich von Natur aus, mein Schätzchen. Gründlich und korrekt.“ Sie
schickte ihm einen Luftkuß und trat auf den Flur.
(...)
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