Tanja Jeschke

Pelikanmutter

Im letzten Sommer waren Katinka und ich im Mutter-Kind-Erholungsheim an der Ostsee. Die Krankenkasse hatte uns zwei Wochen bewilligt. Es war ein ganz schönes Gebäude, aus rotem Backstein, mit knallblauen Fensterrahmen und einem riesigen, schrägstehenden Schornstein, rotgelb gestreift. Katinka sagte gleich bei der Ankunft: der sieht ja aus wie mein Bein in meinem Kniestrumpf, bloß aus Plastik. Der Wind blies vom nahen Meer über den Deich herüber, der dort gleich vor der Haustür beginnt. Es standen Kiefern um den Parkplatz und grüne Wiesen breiteten sich hinter dem Haus aus. Von unserem Fenster aus konnten wir leider das Meer nicht sehen, wie wir es uns gewünscht hatten, aber der Blick auf die Wiesen gefiel uns auch, und außerdem waren wir sowieso nicht so oft in dem Zimmer, sondern meistens draußen. Denn schließlich ging es um Katinkas Lungen, die im Winter einiges durchgemacht hatten, und ich selber brauchte die Seeluft auch. Wir machten lange Spaziergänge am Meer entlang, spielten im Sand. Katinka lernte ein paar Kinder kennen, ich saß gern im Strandkorb, die Füße weit von mir gestreckt, ganz der Sonne ergeben.

Der Eßsaal war ganz hübsch gestaltet: helle moderne Furnierholzböden, Holztische und –stühle, deren Beine unten mit Filz beklebt sind, damit das Hin- und Herrücken nicht so geräuschvoll ist. Die vielen Kinder machten schon Krach genug. Sie tobten und quietschten herum, als wären sie immerzu am Strand. Das Küchenpersonal sagte nichts dagegen, es hatte gelernt, geduldig zu lächeln über all die kleinen und größeren Racker, denn das war ja ihr Reich dort und das ihrer Mütter.

Wir Mütter waren in diesen Wochen stolzer als sonst auf unsere Kinder. Das ging nicht nur mir so, ich habe es auch den anderen Frauen angesehen: wir hatten dort die Gelegenheit, unsere Kinder mit neuen Augen zu betrachten: wir entdeckten ihre Quicklebendigkeit, ihre blitzenden Augen und sanften Schläfen, verglichen sie heimlich mit den anderen Kindern, und ich schnitt immer bestens ab: Katinka hatte die schönsten Locken, die zierlichsten Knie.... Und dann ihre lustigen Ideen, mit denen sie manchmal die ganze Tischrunde unterhielt. Einmal nahm sie den Brotkorb, stand auf und bot jedem ein Stück Brot an mit den Worten: dieser Leib für dich gegeben. Das hatte sie aus der Kirche, in der wir an einem Sonntag mal zum Abendmahl waren. Die Kinder durften mit nach vorn zum Altar gehen, der Zeremonie zuschauen, und der Pfarrer segnete sie danach extra. Für Katinka war das etwas ganz Neues, sie hat alles beobachtet und mich hinterher mit Fragen gelöchert, die ich zum Teil gar nicht beantworten konnte, denn ich kenne mich ja in kirchlichen Dingen nicht gut aus.

Als Katinka da mit dem Brotkorb herumging, wusste ich zuerst gar nicht, ob mir das nicht eigentlich etwas peinlich sein müsste, denn so ein Abendmahl ist doch auch heilig, aber die Mütter am Tisch lachten, und die Kinder kapierten gar nicht, warum Katinka das so sagte. Als sie zu ihrem Platz zurückkam und auch mir ein Stück Brot anbot, habe ich sie mit Genugtuung am Ohrläppchen gezupft: Na, du Pfarrerin! Da war sie mit ihren Gedanken schon wieder ganz beim Frühstücksei, dem sie eins mit dem Löffel verpaßte.

An unserem Tisch saß eine Mutter, die ein behindertes Kind hatte. Dieses Kind war etwa drei Jahre alt und trug eine Brille, hinter deren dicken Gläsern man die Augen kaum sehen konnte, weil sie meistens weit nach oben in die Augenhöhlen hinein verdreht waren. Die Hände des Kinder waren auch verdreht, eigentlich verkrümmt wie bei einem Embryo. Der übrige Körper wirkte ganz normal. Meistens saß das Kind auf dem Schoß der Mutter, suchte etwas unruhig mit den Händen nach irgendetwas oder es lehnte sich abrupt bei der Mutter an, lag eine Weile angeschmiegt in ihrem Arm, um dann wieder aufzuschreckn und hin- und herzuwiegen.

Ich bewunderte die Mutter für ihre Geduld. Die hatte sich im Lauf der Zeit über ihr Gesicht gelegt wie ein ehernes Schutzschild, mit dem sie die Blicke von Mitleid und Neugier abwehrte. Ihre Augen ruhten in träger Gelassenheit auf dem Kind und suchten dessen Bedürfnisse zu erkennen oder sie schweiften ab, zu uns anderen Müttern hinüber, selten zu den Kindern, oder einfach gedankenverloren im Raum und dann wieder zurück zu dem Kind. Dabei lagen ihre Augenlider schwer auf den Augäpfeln wie bei einer Ikone. Ihre Nase war groß und schmal, die Wangen beinahe ganz vom braunen Haar bedeckt, das zu einer mittelalterlichen Pagenfrisur geschnitten war. Am seltsamsten war ihr Mund. Ich hatte von Anfang an überlegt, an was er mich erinnerte, und dann wusste ich es: es sah aus wie der Schnabel eines Pelikans, breit und nach vorn gezogen, zum Kind hin. Wenn sie das Kind mit kleinen Brotbrocken fütterte, flüsterte sie ihm etwas zu, und das machte auf mich den Eindruck, als speise sie das Kind direkt aus dem Schnabel. Ich habe irgendwo einmal gelesen, dass Pelikane ihre Jungen mit Nahrung aus dem eigenen Schlund, ja sogar mit dem eigenen Blut speisen. Das hat mich sehr beeindruckt, und ich musste immer wieder daran denken, wenn ich diese Mutter mit ihrem Kind beobachtete. Dieses Bild einer Pelikanmutter passte nicht nur auf das Füttern am Tisch. Da in der Kirche saß die Mutter mit dem behinderten Kind auf dem Schoß in der Bankreihe schräg links vor Katinka und mir. Ich konnte zusehen, wie sie ihren Mund beim Singen bewegte: er hatte wieder etwas Schnabelartiges, so wie die Lippen breit und gleichförmig aufeinander fielen. Sie sang die Worte dem Kind zu, sie fütterte es mit diesen Liedern aus dem Gesangbuch. Das Kind lag mit dem Kopf an ihrem Hals, hatte den Mund geöffnet und verweigerte anscheinend die Nahrungsaufnahme nicht. Die Mutter sang heftig, schaute abwechselnd ins Gesangbuch und auf ihr Kind. Wenn die Lieder und das Orgelspiel beendet waren, wurde das Kind jedes Mal unruhig, zappelte mit den verkrümmten Händen und rutschte auf dem Schoß hin und her, als hätte es auf einmal die Orientierung verloren. Es begann dann eigenartige Laute von sich zu geben, vibrierende Töne in regelmäßigen Abständen, die während der Predigt durch den Kirchenraum hallten. Es störte alle, die Leute guckten bald immer ärgerlicher zu der Mutter hin. Die ließ sich aber nicht im geringsten aus ihrer beinahe kontemplativen Ruhe bringen. Sie hielt ihre Ikonenaugen zum Kirchengewölbe gerichtet. Katinka stieß mich mit dem Ellenbogen an und lachte sich eins ins Fäustchen, dabei flüsterte sie: Das Kind singt!

Ich stellte fest, dass Katinka das behinderte Kind ähnlich intensiv beobachtete wie ich die Mutter. Wir saßen einmal in unserer Sandburg, Katinka wusch ihre kleinen Backförmchen in einer Wasserkuhle aus, plätscherte mit ihren Fingern darin herum. Da sah ich die Mutter mit dem Kind am Wasser entlanggehen. Sie aß ein Waffeleis und beugte sich zwischendurch herab, um dem Kind das Eis vor den Mund zu halten. Katinka schaute gebannt hinüber und sagte: Das Kind kann gehen. Aber es kann nicht lecken. Es kann ja auch das Eis nicht halten, weil die Hände krumm sind. Ist die Zunge dann auch krumm?

Deine Zunge ist doch auch manchmal krumm, antwortete ich, und da steckten wir uns gegenseitig die Zunge heraus und lachten. Ich war dann besonders froh, dass Katinka ein so gesundes Kind ist. Ihre Wangen blühten, ihre Lungen sollten bald wieder ganz hergestellt sein, der Arzt war sehr zufrieden mit ihr. Sie durfte frei herumtoben. Ich ließ ihr eine lange Leine und behielt sie im Auge, sie und die Pelikanmutter samt Kind.

Die beiden hatten keinen Strandkorb gemietet. Sie saßen oft nur so im Sand, bauten sich nicht mal einen Wall. Dadurch wirkten sie auf der einen Seite schutzlos, auf der anderen Seite aber war ja die Mutter beinahe so etwas wie ein personifizierter Strandkorb für ihr Kind, jedenfalls die Obhut in Person. Diesem Kind konnte nicht einmal die Sonne etwas anhaben, der Pelikan hatte es unter seinen Fittichen.

Am Tisch war die Mutter immer recht schweigsam. Weil wir alle sehr mit unseren Kindern beschäftigt waren, fiel das nicht weiter auf. Aber dann gab es diese Szene mit Katinka als Pfarrerin. Als Katinka mit dem Brotkorb bei der Mutter angekommen war, zögerte sie und wurde ungewöhnlich schüchtern. Die Mutter schaute Katinka an, das Kind verhielt sich fast so still wie beim Orgelspiel.

Darf dein Kind auch diesen Leib für dich gegeben haben? fragte Katinka.

Na klar, sagte die Mutter.

Katinka nahm ein Stück Brot und hielt es dem Kind hin. Die Mutter wartete, das Kind starrte durch die dicken Brillengläser auf das Brot. Ich wurde ein bißchen nervös, denn Katinka musste doch sehen, dass das Kind mit seinen Händen nicht zugreifen konnte. Die Mutter wollte Katinka das Brot abnehmen. Ich werde es den Dani füttern, sagte sie. Aber Katinka ließ es sich nicht nehmen. Sie hielt es dem Dani vor den Mund, und er biss hinein.

Als Katinka dann weiter ging zu den anderen am Tisch, schaute die Mutter etwas ängstlich hinterher und strich dabei ihrem Kind ein paar Mal übers Haar, so als würde sie es trösten wollen, das Brot nicht aus ihrer Hand empfangen zu haben wie sonst immer. Aber dem Dani schien das nichts ausgemacht zu haben, und ich glaube, die Mutter hat das gemerkt und hat sich eigentlich selber trösten wollen. Und von einem Pelikan hat sie in dem Moment auch nicht mehr so viel gehabt.

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