Hannah
Arendt
(aus dem
Band "Sie sagen und andere Gedichte", 2002/2003, Übersetzung von Agnieszka
Rzadca)
Ich wurde
in Königsberg geboren.
In der Familie
preußischer Juden.
In der Stadt Kants.
Mein Vater
starb an der Syphilis.
In der Agonie
erkannte er mich nicht.
Meine
kluge, denkende Mutter
war immer
bei ihm.
Wachsam
und aufmerksam.
In der Kindheit
las ich Griechen
und Kierkegaard
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In Marburg
lernte ich
Martin Heidegger
kennen.
Ich hatte damals
einen hellwachen Verstand
und einsame Augen.
Ich gewann Martin lieb.
Seinen
Begriff der
"Sorge"
und des "Hirtenseins".
In unserer Liebe
vermischte sich
Begehren
mit Denken.
Er war es,
der meinen Verstand
umstrukturiert hat.
Und hat mein Herz
nicht kalt werden lassen.
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Als ich
den Reichstag brennen sah,
hatte ich
die schlimmsten Vorahnungen.
Und ich begriff,
wer ich bin.
In
dieser "großen Prüfung"
verriet Martin
sich selbst.
Meine Liebe
kehrte sich
in Zorn.
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Das
war kein Krieg.
Es öffnet sich
ein Abgrund
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Ich rettete
jüdische Kinder
vor der Vernichtung.
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In Amerika dann
trat ich
in hilfloser Wut
auf eine Mauer des Schweigens.
Vertraut
den Satten nicht.
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Es gibt Böses,
das man
nicht verstehen kann.
Es ist ein irrsinniger Versuch
die menschliche Natur
zu ändern.
Der
vernichtende
Versuch.
In dem
der Tod
das Werkzeug ist.
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In Jerusalem
in der Nähe
der Klagemauer
- habe ich
Eichmann
im Käfig gesehen.
Das lebendige Böse
isoliert.
Zu meiner
Verwunderung:
Das war kein Ungeheuer,
kein Monstrum.
Eine traurige Gestalt,
in Gestammel
zerfließend.
Ich bedeckte meine Augen.
In diesem Gericht
fehlte eine Waage.
Es herrschte
das Absurde,
das die Opfer entwürdigte.
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Alt geworden schon,
mit wahren Herzschmerzen,
bekam ich Briefe
von Heidegger.
Dieser alte Philosoph
schrieb Gedichte für mich.
Ich wandte
mich um.
Und da
schauten mich die Augen
meiner
unendlichen Liebe an.
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