Das Blütenstaubzimmer von Zoe Jenny, FVAZoe Jenny

aus: Das Blütenstaubzimmer

Obwohl erst früh am Morgen, ist es im Garten schon sehr warm. Lucy liest im Schatten der Palme eine Zeitung. Ihr Haar ist hochgesteckt, das Gesicht zugedeckt mit einer nach Gurke riechenden Schönheitsmaske. Sie läßt die Zeitung sinken, als ich mich zu ihr an den Tisch setze. Um die Augen ist die Maske ausgespart, aus den hautfarbenen Kreisen blicken mich ihre blauen Augen an.

"Ich habe heute abend einen Freund eingeladen. Vito; er wird dir gefallen."
Dann nimmt sie die Zeitung wieder auf.
"Möchte wissen, was du hier die ganze Zeit tust, wenn ich nicht da bin", sagt sie beiläufig, aber die Neugier in ihrer Stimme ist nicht zu überhören.
"Lesen. Ich habe einen ganzen Stapel Bücher in meinem Zimmer. Ich habe gestern bis spät in die Nacht hinein gelesen", sage ich, und es klingt wie eine Rechtfertigung.
Ich gehe hinein, um das Frühstück zu holen, und als ich mit einem Tablett mit Brot, Käse und Honig wieder in den Garten trete, höre ich in Giuseppes Keller die Vögel kreischen. Bevor seine Frau an einem Schlaganfall starb, sah man abends ihre Schatten hinter den Fenstern, und man hörte, wie er seine Frau anschrie. Jetzt hört man nur noch die Vögel in seinem Keller kreischen, wenn er hinuntergeht, um sich einen zum Essen zu fangen. Lucy behauptet, er sei verrückt geworden. Ich stelle das Tablett auf den Tisch. Lucy blickt angestrengt, das Kinn auf die Hand gestützt, zu dem Kloster hinüber.
"Hör mal, Jo, ich habe Vito gegenüber nichts von dir erwähnt, ich meine, er hat keine Ahnung, daß ich eine Tochter habe. Ich dachte, wir sagen der Einfachheit halber, du seist meine jüngere Schwester."

"Klar", sage ich trocken, so schnell und selbstverständlich, als hätte ich für diesen Moment jahrelang geübt. Sie fährt sich mit der Hand schwungvoll und erleichtert durchs Haar. Die Maske auf ihrer Haut ist mittlerweile getrocknet und fest geworden. Sie redet mit einer hellen, unbekümmerten Stimme, aber ich höre ihr kaum zu, bewege mich kein Stück, nicke nur gelegentlich und fixiere die eingetrocknete Gurkenmaske, die langsam von ihrem Gesicht bröckelt. Immer größere Stücke beginnen sich von der Haut zu lösen und abzufallen; sie preßt die Hände aufs Gesicht, als wolle sie es zusammenhalten, damit es nicht vollständig auseinanderbricht, entschuldigt sich und eilt ins Bad. Sie verbringt fast den ganzen Tag dort. Auf dem Sofa im Eßzimmer halte ich ein aufgeschlagenes Buch auf den Knien, vor mir die Wörter, die für mich nutzlos geworden sind, und denke an Alois, der tot unter den Pappeln liegt und immer toter wird. Lucy kommt in einem langen schwarzen Rock zurück, der unten glockig auseinander schwingt. Dazu trägt sie eine hellblaue Bluse. Als sie hereinkommt und sich an den Tisch setzt, rieche ich den sauberen Duft ihres Parfums. Aus den Augenwinkeln sehe ich ihr Profil. Die frisch gewaschenen Haare sind mädchenhaft hinter die Ohren gelegt. Eine dunkle Ahnung steigt in mir hoch, und plötzlich drängt es mich, sie zu fragen, ob sie ganz sicher sei, daß sie damals meinen Vater verlassen habe und ins Flugzeug gestiegen sei. Oder ob nicht vielleicht alles ganz anders gewesen war; und ob sie denn wirklich ganz sicher sei, daß ich aus ihr herausgekommen bin. Denn das scheint mir in diesem Moment vollkommen unmöglich. Sie blickt zu mir herüber, und ich blättere schnell die Seite um.

(S. 50-52)

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