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Die Verführung
(Leseprobe aus: Een schitterend gebrek/Die Verführung, Roman,
2003/2006, Schöffling&Co.
- Übertragung Mirjam Pressler).
Aber der Höhepunkt meines Glücks sollte erst noch kommen.
Es erschien in der ersten Septemberwoche hinten auf einem Bauernkarren und ging
fast verloren zwischen den reichgeschmückten Karossen, die den ganzen Tag
ankamen oder abfuhren. Ich stand versteckt zwischen der Küche und den
Nebengebäuden und betrachtete die Pracht, bis meine Aufmerksamkeit zufällig von
den beiden Jungen angezogen wurde, die von der Ladefläche sprangen. Sie gaben
dem Bauern, der sie gebracht hatte, ein paar Soldi, klopften sich den Hafer aus
der Kleidung und liefen so selbstverständlich zum Vorplatz, als wären sie gerade
aus einer vergoldeten Kutsche gestiegen. Ich mußte vermutlich so laut lachen,
daß sie mich hörten, denn der eine stieß den anderen an und deutete auf mich.
Daraufhin nahm dieser seinen Hut ab. Für mich. Seinen Hut! Er nahm seinen Hut
ab, hielt ihn einen Moment in der Luft und machte mit dem Kopf eine
kleine Verbeugung. Dabei schaute er mich an. Von allen Aufmerksamkeiten, die ich
seither in meinem Leben genossen habe, wird mir auf meinem Totenbett nur diese
vor Augen kommen. Nie zuvor hatte mir jemand Ehre bezeugt. Ich hatte auch nie
danach gestrebt, aber nun, da es mir geschah, verstand ich nicht, warum ich
solche Aufmerksamkeiten bisher nie vermißt hatte. Ich fragte mich, ob mich
vorher überhaupt jemand so wahrgenommen hatte. In diesem Moment fing der Junge
an zu lachen. Er legte einen Finger auf die Lippen, um mich zu bitten, über ihre
Armut Stillschweigen zu wahren, und zwinkerte mir zu, zum Zeichen, daß dieses
kleine Geheimnis uns fortan verband.
Frech wie Hunde liefen die beiden daraufhin zu meinem Vater, dem sie ihre Namen
nannten. Offenbar standen sie auf seiner Gästeliste, denn er kreuzte etwas an
und hieß sie willkommen, genau wie er die anderen Eingeladenen begrüßte. Alle
wurden zu den Salons geführt, wo sie sich an Getränken und Leckereien erfrischen
konnten, bis ihnen ihre Zimmer zugewiesen wurden. Sobald meine neuen Freunde von
der Freitreppe verschwunden waren, rannte ich zu meinem Vater und versuchte, auf
seiner Liste zu lesen, wer sie waren. Er erriet meine Gedanken.
»Es sind Priesterstudenten«, sagte er und neckte mich, aber schließlich nannte
er mir ihre Namen: Francesco und Giacomo Casanova. Bei letzterem imitierte mein
Vater übertrieben die Gebärde mit dem Hut, das war ihm also nicht entgangen.
Beleidigt, daß er mich nicht ernst nahm, drehte ich mich um und machte mich auf
die Suche nach meiner Mutter. Ich fand sie im Souterrain, wo sie mit der
Zuteilung der Zimmer beschäftigt war. Sie stand vor der großen Tafel im
Hauptgang, an der die Schlüssel aller Zimmer hingen. Auch sie hatte eine Liste,
auf der sie jeden Gast durchstrich, von dem sie erfuhr, daß er angekommen war.
Danach machte sie einen Zettel mit seinem Namen und hängte ihn an die Nummer des
Zimmers, das dem Betreffenden von der Gräfin im voraus zugeteilt worden war. Sie
schätzte meine neuen Freunde offenbar geringer ein als diese sich selbst, denn
sie wurden weit weg im Haus untergebracht, im dritten Stock, genau unter dem
Dach. Mir sank der Mut in die Schuhe. Dorthin kam ich normalerweise nie, und
nun, da es mir wie allen Kindern des Personals streng verboten war, das Haus
während des Festes zu betreten, würde mir der dritte Stock unerreichbar sein.
Genau in diesem Moment erhielt meine Mutter die Nachricht von der Ankunft des
Kanonikus von Treviso. Sie strich seinen Namen auf der Liste durch und notierte
ihn auf einem Blatt. Ihm war eine Suite im ersten Stock zugeteilt. Das fand
meine Mutter eine Verschwendung für einen einzelnen Mann. Sie zögerte, ob es
nicht einen alternativen Raum mit einem Einzelbett gab, der dennoch nicht unter
seinem Stand war. Ich schlug das Gartenzimmer an der Ostseite vor. Das hatte ein
Einzelbett und eine schöne Aussicht und Türen zu einer Terrasse, keine dreißig
Meter von unserer eigenen Wohnung entfernt...
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