Das Herz der Narren von Tama Janowitz, dtv

Tama Janowitz

Das Herz der Narren
(Leseprobe aus: Das Herz der Narren, Roman, dtv - Übertragung Lutz-W. Wolff)

Plötzlich hatte sie das Bedürfnis, einen Löffel zu nehmen und ihm damit an den Schädel zu klopfen. Vielleicht würde ihn das aus seinem Trancezustand wecken. Sie konnte sich durchaus vorstellen, wie ihm das Hirn über die Brille herab tropfte - solch köstliches, mildes Eigelb. Die anderen Passagiere im Bus würden ohne Zweifel gleich ein paar frische Croissants aus ihrem Wochenendgepäck ziehen und ordentlich eintunken. Der Geschmack von soviel Geld war schließlich unwiderstehlich.

»Florence . . .! « sagte Charlie. »Wie geht's . . . dir?«

Sie setzte sich auf den Platz neben ihm.

»Normalerweise fahre ich . . . mit dem Auto«, sagte er.

»Normalerweise fahren Sie mit dem Auto?« sagte Florence.

Er nickte. »Aber mein Auto ist in der Werkstatt.«

»Und wird repariert«, sagte Florence. Wahrscheinlich machte ihn das viele Geld so träge, hatte sein Hirn aufgeweicht wie beim letzten Kaiser von China. Er hockte da wie eine Seidenraupe in ihrem Kokon. Irgendwie eingesponnen. Weit weg, obwohl sie direkt neben ihm saß. Der Verkehr auf dem Long Island Expressway ging

nur mühsam voran und blieb dann ganz stecken. Die Luft über Queens war von grauen Abgasschwaden erfüllt. Es waren keine Bäume, sondern nur alte Fabriken und Lagerhallen zu sehen, deren rostige Stahlskelette wie Schiffswracks aus dem Zement ragten. Wenn der Verkehr jetzt schon so dicht war, würde der Bus bis

Mitternacht brauchen, ehe sie in den Hamptons ankamen.

»Nein, nicht . . . direkt«, sagte Charlie. »Wissen Sie, vor ein paar . . . Wochen hab ich . . . vor diesem neuen Restaurant von Derek und Trevor geparkt . . .

»Und da ist Ihnen jemand draufgefahren? Irgendwie war es ansteckend. Sie redete jetzt schon genauso.

»Nein . . . es ist ein Kabrio, wissen Sie, aber das Verdeck war geschlossen. Als ich wieder eingestiegen bin, dachte ich: Was stinkt denn hier so? Und da hatte irgend so ein Idiot auf den Beifahrersitz einen Fischkopf geworfen.«

»Ja, wer macht denn so was?«

»Ich weiß auch nicht . . . vielleicht hab ich jemand die Einfahrt versperrt. Ich weiß, dass sich einige Leute in Bridgehampton beschwert haben, seit Derek und Trevor ihr Restaurant aufgemacht haben. Ich hab den Fisch auf den Gehweg geschmissen, und weil es so warm und sonnig war, hab ich das Verdeck aufgemacht. Ja . . . und jetzt wird es irgendwie kompliziert. Jedenfalls hab ich ein paar Tage später diesen schrecklichen Gestank wahrgenommen. Ich hab den ganzen Wagen gereinigt, aber... der Geruch ging nicht weg. Nach einer Woche hab ich den Wagen noch einmal sauber gemacht. Diesmal hab ich das Verdeck geschlossen, weil ich in die Stadt fahren wollte, und -«

»Eigenartig, sagte Florence. »Sind Sie sicher, dass es nicht eine Frau war? Irgendein Mädchen?«

Entweder passte ihm die Frage nicht, oder er konnte, nachdem er einmal angefangen hatte, mit seiner Geschichte jetzt nicht mehr aufhören. ». . . und als ich das Verdeck geschlossen habe, fiel wieder ein Fischkopf heraus. Der

war jetzt ganz voller Maden und . . . Jedenfalls kriegt die Werkstatt den Gestank nicht heraus. Sie haben sämtliche Sitze und Polster erneuert und alles gereinigt, aber der Gestank geht nicht weg. «

»Puh! Das ist ja schaurig! « Sie nahm seine Hand und drückte sie mitfühlend. Sie war klein, weich und wabbelig, und neben ihren langen, gepflegten Fingern sah sie aus wie die Hand eines Babys. Das war irgendwie traurig, so ähnlich wie ein Kind, das vorzeitig altert. »Sind Sie sicher, dass es nichtjemand war, der Sie kennt?«

»Ach, Gott, ich weiß doch nicht«, sagte er. »Dieses Wochenende kauf ich mir ein neues Auto.« Dann wechselte er plötzlich das Thema. »Hey! « sagte er vergnügt. »Ein Freund von mir, ein bekannter Modefotograf, hat mir gerade ein Foto geschenkt, das er von mir gemacht hat. Es ist ein Porträt.«

»Das würde ich gern sehen«, sagte Florence.

»Wirklich? « Wenn er lächelte, war er richtig süß. Sein ganzes Gesicht platzte auf, so als läge unter vielen Schichten ein kleiner Junge, der nur zu besonderen Gelegenheiten herausdurfte. »Es ist ein künstlerisches Foto«, sagte er. »Verstehen Sie? Ich bin . . . nackt. «

Er zog das Foto aus einem Umschlag. Man sah ihn unbekleidet auf einem Barhocker sitzen. Er sah aus, als würde er gleich herunterfallen, und klammerte sich mit seinen dünnen, weit gespreizten Beinen an die Sprossen. Das selbstzufriedene Grinsen auf seinem Gesicht hatte offensichtlich mit dem Dingslamdei zu tun, das zwischen seinen Beinen herabbaumelte. Die Klimaanlage hatte den Bus so stark unterkühlt, dass Florence ihren Pullover überstreifte, während sie überlegte, was sie zu dem Bild sagen sollte.

»Man sieht nicht viel bei dem Licht.« Sie war schockiert, und darauf kam es ihm wahrscheinlich auch an. Er wirkte so etepetete, und dann zeigte er plötzlich Nacktfotos von sich herum. Vielleicht war das ein Test, und er wollte sehen, wie sie darauf reagierte. Sie kramte in ihrer Handtasche und suchte nach den Überresten eines dunklen Schweizer Schokonussriegels, an dem sie schon den ganzen Tag herumgeknabbert hatte. »Sehr nett!«

Die Worte klangen irgendwie gönnerhaft, aber Charlie schien es nicht zu bemerken.

»Ich finde . . . er hat es sehr schön hingekriegt. Mein Freund ist als Fotograf sehr talentiert . . . Ich weiß bloß nicht recht, was ich damit anfangen soll. Rahmen lassen wahrscheinlich. Und dann im Schlafzimmer aufhängen.« Er beugte sich herüber und flüsterte vertraulich. »Sie haben recht . . . Ich glaube, es war wirklich dieses Mädchen, mit dem ich ausgegangen bin. Die hat mir den Fischkopf ins Auto getan. Sie wusste ja, dass ich ein neues Saab-Kabrio hatte.«

»Sie war bestimmt ganz verzweifelt, dass Sie sich von ihr getrennt haben«, sagte Florence. »Und da ist ihr nichts anderes eingefallen, um sich zu rächen. Aber sehr nett war das nicht! Kein bisschen lustig!«

»Nein . . .«, sagte er nachdenklich. »Wissen Sie, ich glaube, ich hatte noch nie Gelegenheit, richtig mit Ihnen zu reden. Das ist schön, dass wir jetzt einmal Zeit haben. «

»Das finde ich auch«, sagte sie und tippte ihm dabei auf den mit einem hellblauen Sweater gepolsterten Arm. Sie wirkte zwar reserviert, aber in Wirklichkeit war sie sehr zutraulich. Manchmal kam es ihr vor, als müsste sie

andere anfassen, um sicher zu sein, dass sie auch existierten. Ihr kühles, blondes Äußeres ließ sie sportlich aussehen, mehr nach Kalifornien als nach New York.

Der Bus war bis auf den letzten Platz besetzt. Die vierzig oder fünfundvierzig Passagiere mit ihren angespannten Gesichtern und fanatisch flackernden Augen erfüllten ihn mit einer Aura rasender Vergnügungssucht und Angst. Die Stewardess, eine übergewichtige junge Frau Mitte zwanzig, stampfte im

Mittelgang auf und ab und verteilte Plastikbecher und Plastikflaschen mit Mineralwasser. Wahrscheinlich eine Einheimische aus Long Island, der sie einen Sommerjob gegeben hatten. Sie zeigte den sadistischen Gesichtsausdruck einer Ferienlagerleiterin, die ihre Gäste zum Aktivurlaub treibt. Trotzdem fühlte Florence sich hier im Osten sehr wohl. Der Wegzug in den Westen war weder für ihre Mutter noch für sie das Richtige gewesen. Sie hatte sich ihr Leben lang entwurzelt gefühlt.

Als sie geheiratet hatte, war ihre Mutter irgendwie unbeweglich geworden, gefangen in der bernsteinfarbenen kalifornischen Sonne. Aber sie hatte ihrer Tochter stets geraten, nach Osten zurückzukehren und reich zu heiraten. An den Ort zurückzukehren, wo sie geboren war, wie ein Lachs, der zum Laichen zurückkehrt. Und obwohl ihre Mutter nicht mehr lebte, hatte sich ihrer Tochter diese Vorstellung tief eingeprägt. Oder ging es noch tiefer? War es in ihrer DNA festgeschrieben wie eine Himmelskarte auf einem aztekischen Halsband?

»Würdest du gern irgendwas machen?« fragte Charlie. »Morgen abend vielleicht?«

Florence war ein wenig überrascht, wollte aber nicht zu lange nachdenken, um ihn nicht zu kränken. »Klar!« sagte sie. »Großartig. Ich muss natürlich noch Natalie fragen.«

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