Der Galeot von Drago Janča, folio

Drago Jančar

Der Galeot
(Leseprobe aus: Der Galeot, Roman, Seite 211-215, 2008, Folio Verlag - Übertragung Klaus Detlef Olof).

Kälte, unerträglich peitschender Regen. Das Volk jagt eine flüchtige
Räuberbestie. Der zahnlose rote Mund des struppigen Gesichts rechts.

Als er erwachte, stand die Sonne hoch am Himmel. Mit ungeheurer Kraft brannte sie mitten aus einem schmalen Streifen blauen Himmels. Zu beiden Seiten lasteten dunkle Wolken, und hinten, am Rand der Landschaft, war es schwarz von dichtgeballten Wasser und Luftmassen. Mit seinem Dolch schlug er Äste ab und schleppte sie über das offene Gelände in die Schlucht. Er verzog sich unter einen Felsüberhang und legte den schwarzen Dachsbau mit trockenen Zweigen, Farn und Buschwerk aus.

Vom Horizont her kam dumpfes Grollen über die Ebene. Jetzt tobte und wütete es in der Ferne wirklich. Die Wipfel der spärlich wachsenden Bäume schwangen weit aus. Dann verstummte alles, auch die Vögel, auch das Sirren der Insekten. Das Donnern kam näher, und jetzt war es Johann Ott klar: Es hieß kämpfen. Überall, und so auch hier, in dieser ungeheuren Einsamkeit, hieß es kämpfen ums Überleben.

Er verzog sich in seinen Unterschlupf und in die Stille seiner Höhlengruft. Warten. Dann schlug es in allernächster Nähe ein. Weit oben hörte er das Platschen der ersten Tropfen, noch kurze Zeit raschelte es nur auf dem Laub und sickerte das Wasser mit seiner Kühle tiefer, doch dann begann es herunterzuschütten. Durchs Dunkel gurgelte das Wasser in seinen Trichtern und Rinnen. Er sah diese schlammige, zermahlene Materie, wie sie über den Felsüberhang schäumte und dicht neben ihm zerspritzte und abfloß.

Es floß und floß, und mit all seinen Sinnen begriff er die wundersame Schönheit eines ruhigen, trockenen Bauernhauses. Irgendwo in unbekannten Fernen. Er versuchte einzuschlafen, aber die Kälte schüttelte ihn am ganzen Körper. Das Unwetter hatte das letzte Tageslicht erstickt, und nur oben, zum Rand hin, konnte er noch die Umrisse der Bäume erkennen. Und auch dieser Rest versank schon in der Dunkelheit, und mit weit geöffneten Augen starrte er ins Leere. Die Feuchte hatte den Raum völlig aufgelöst, und ihm schien, daß sich draußen, in Reichweite seines Armes, Wasser und Luft völlig vermischt hatten, daß es unmöglich war, in diesem kalten, dichten Gemenge noch zu atmen, als gäbe es Luft nur noch hier, in diesem stickigen Dachsbau. Das Vom- Himmel-Schütten, diese Sintflut, wollte und wollte nicht nachlassen.

Jetzt fühlte er, daß etwas Kaltes von unten durch die Zweige drang. Auch hinter seinem Rücken gurgelte es. Er tastete zur Wand hinüber und fühlte überall auf ihrer glatten Oberfläche das kalte Rinnen. Das Wasser trat aus der Erde und sammelte sich unter dem Astwerk zu einem kleinen See. Wegschwemmen würde es ihn. Hier war kein Durchhalten möglich. Steif vor Kälte und vom regungslosen Liegen, kam er mehr rutschend als kriechend aus seiner Höhle heraus. Er kletterte zum Rand der Schlucht hinauf, was jetzt noch schwieriger war. Regelrechte Bäche strömten zu Tal und unterspülten seinen Schritt. Als es ihm endlich gelang, sich zum Rand hinaufzuziehen, war er völlig durchnäßt und durchgefroren. Feuchte. Kälte. Unerträglich peitschender Regen.

Er wandte sich zur Ebene, in die Richtung, wo er an diesem Morgen die braune Erde gesehen hatte. Wie in einem bleiernen Halbtraum schleppte er sich über das durchnäßte Land, ohne Sinn und Ziel. Sollte er bitten, sollte er beten, wen sollte er um Gnade anflehen? Wen? Die irdischen oder die himmlischen Mächte? Wer hatte in solch schrecklicher Nacht eher das Wort, die diabolischen oder die sakralen Mächte?

Durchhalten, sagte er zu sich, nur noch kurze Zeit durchhalten.

Die Rettung kam. Sie mußte kommen.

Vor Hunger, Erschöpfung, Nässe, Kälte taumelte er. Mit dumpfem und unbeugsamem Überlebenswillen hielt er durch und kroch weiter.

Plötzlich schien ihm, als berühre er mit der Hand etwas Aufrechtes  Festes. Es war ein Zaun. Ein Werk von Menschenhand. Er kam hoch und kroch durch das Holz. Dahinter war ein flacher hölzerner Bau und darin ein ständiges Sichbewegen, das Trappeln unzähliger Füße. Er wankte hin und tastete über die Wand. Vor der Tür hielt er inne und klopfte schwach. Von drinnen kam kein Echo, kein Wort. Nur das Trappeln wurde heftiger. Er lehnte sich gegen die Tür und drückte. Mit dem Ellbogen geriet er an einen Riegel und fiel in voller Größe durch die Öffnung, die sich vor ihm auftat. Er berührte etwas Weiches und Warmes und Lebendiges. Schafe, jemand hatte sich des Kleinviehs erbarmt und es aus dem Pferch in die Schutzhütte getrieben. Die kleine Herde drückte sich zusammen und wich in den engen Raum zurück.

Er erblickte den zweiten Morgen seiner vernunftlosen Flucht. Die Schafe bildeten einen freundlichen Raum um ihn. Sie drängten sich aneinander und sahen auf dieses kriechende Etwas am Boden hinunter. Es war hell und warm. Auf einem Holzbord stand eine Schale mit Sauermilch. In krampfartigen Schlucken schlang er die ganze Menge des weißen Geschlabbers hinunter. Bis oben hin füllte er seinen rundlichen Bauch, der die Tage zuvor an ganz andere und viel ausgiebigere Mahlzeiten gewöhnt gewesen war.

Draußen war blanker, sonniger Morgen. Hinter den breiten Streifen gelber Felder, die sich über den nahen kleinen Hügel zogen, waren schwarze, strohgedeckte Dächer zu sehen. Ganz in der Nähe stieg eine Lerche steil zum Himmel auf. Und doch das Flattern eines fröhlichen Vogels. Und doch noch Leben nach dieser Nacht der Sintflut und des Weltuntergangs. Niemanden hatte es weggeschwemmt, niemandem war die Atemluft abhanden gekommen unter dem Ansturm dieser dichten, fließenden Massen. Aber wie wenig hatte gefehlt, und dieser weiße und müde Körper wäre liegengeblieben in dem Dachsbau, oder was immer jenes unter Wasser gesetzte Loch unter dem Felsüberhang vorstellte. Eines Tages hätte man den verwesten Leichnam gefunden, die Reste eines verwesten Leichnams, das übrige hätten schon die wilden Tiere weggeschleppt gehabt, eines Tages hätte jemand vor Grauen aufgeschrien. Ein Unbekannter, hätte man gesagt, Mord, Hexerei, Pest.

Noch im Tode hätte er ehrbaren und frommen Leuten die Angst in die Knochen gejagt.

Er ging weiter ins Innere, um sich in dem Raum genauer umzusehen, aber kaum hatte er die Schwelle übertreten, hörte er draußen schon Stimmen. Ihm schien, sie müßten irgendwo rechts sein, wo sich durch das hohe Gras ein schmaler Pfad heranwand. Er hatte sich verrechnet. Als er wieder in der Tür stand, waren die Stimmen schon hinter der Hausecke und vor ihm. Zwei jüngere Männer, allem Anschein nach Hirten, einer barfuß, der andere mit hölzernem Schuhwerk, beide in weiten, wehenden Leinenkitteln. Überrascht blieben sie stehen, und auch er selbst konnte bei der plötzlichen Begegnung nicht rasch und vernünftig reagieren. So standen sie einander gegenüber und sahen sich an, bis Johann Ott anfing: Unwetter, untergestellt, in eurem ... Und er deutete mit dem Finger nach hinten in den Raum. Wäre es einer allein gewesen, hätte er ihn vielleicht überzeugt. Vielleicht hätten sie sich friedlich verständigt.

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