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„wir” schreiben an gegen das Vergessen (in
uns?)
(Nachwort aus: um die fünfzig, Gedichte, trilingual von Paul Alfred Kleinert, 2009,
Argumentum Kiadó Budapest, 20 Euro - polnische Übertragung
Marek Jakubów, Lublin, ungarische
Übertragung Sándor
Tatár, Törökbálint; Lektorat: József Láng, Budapest; Umschlaggrafik:
Wieland Förster, Wensickendorf).
Die Zeit um die fünfzig
suggeriert eine Bilanz, die immer eine abgeschlossene Lebensphase und einen
festen Bezugspunkt voraussetzt. Bei Paul Alfred Kleinert schienen zwar „die
Tage ihre Bahn“ zu haben, aber ihr Verlauf wird nur vorsichtig markiert. In
seinen Gedichten werden unterschiedliche zeitliche Perspektiven durchgespielt,
die auf sein Leben und Schaffen nicht nur durch das Prisma der eigenen
Vergangenheit auf beiden Seiten des deutschen Staates vor 1989, der weiten
Reisen und Berliner Geborgenheit mit den durch die Wohnung leise schleichenden
Katzen zu schauen erlaubt. Den Raum erweitern Bilder, kurze Beobachtungen,
Erlebnisse, Fragmente im Lesen erfahrener Texte und Klänge. Sie vermitteln den
Eindruck, dass sie in der Reichweite sind und lassen die eigenen Erfahrungen und
die Erfahrungen anderer nochmals auskosten, vergleichen und ihren Wert
bestimmen. Dabei sind sie nichts Festes, unterliegen einer ständigen Wandlung
und ihre Erkenntnis ist auch nicht von Bestand:
alles fließt –
ein betrachtendes Gedicht
die Abfolge von Bildern
denken – fühlen – trachten
alles fließt
ein in Betrachtung
gerinnt zum Wort
wirkt zurück
und entläßt -
auf anderer Stufe
Kleinert bewegt sich in einer Welt, die sich vor allem durch die Sprache erschließen lässt. Selbst die Begegnung mit bekannten und fremden Orten erfolgt in erster Linie über die Zeichen, alte Texte, die sich zu einem sprachlichen Universum verdichten. Es ist kein Zufall, dass in seinen Gedichten sowohl auf formaler als auch bildlicher Ebene die Spuren der spielerischen Minnedichtung, barocker Sinnlichkeit, romantischer Sehnsucht nach Unendlichem und der sagenumwobenen mythischen Atmosphäre der Færöer durchdringen. Sie verbinden sich mit den musikalischen Faszinationen, die einerseits den Bezug zu eigener von den Leipziger Bachkonzerten geprägten Kindheit und andererseits zu den über die alltäglichen Erfahrungen hinausgreifenden feinen, flüchtigen, sich dem rationalen Zugriff entziehenden Momenten herstellen:
manchmal
hören wir aus der Tiefe
(und sei es die in uns)
einen Ton
hören ihn, wissen ihn nicht zu deuten
und harren doch schon
seines Verklingens
Jegliche poetische Aussage gewinnt dadurch auf den ersten Blick einen allgemeinen Charakter, obwohl sie sich oft auf konkrete Requisiten bezieht. Die letzteren sind aber eher in unserer Erinnerung als in einer historisch fixierbaren Wirklichkeit verankert. Sie sind Teil beinahe epiphanisch registrierbaren Erfahrungen, die die Frage nach ihrer überraschenden Gegenwärtigkeit und ihrem Stellenwert aufwerfen:
Wörter kommen und gehen
aufschreiende, wispernde, schroffe, böse,
heimatliche
- verbinden sich selten zu Worten
aufgetaucht aus der Erinnerung
scheinbar bezugslos
Es ist weder eine epigonale, romantische Manier mit ihrem Anspruch, zu vergessenen Schichten unseres kulturellen Bewusstseins zu gelangen, noch die postmoderne Relativierung des poetischen Zeichens.
Kleinert ist vor allem ein aufmerksamer und sensibler Beobachter, der auf der ständigen Sinnsuche ist. Der gelernte Theologe und Philologe ist sich dabei sowohl der Brüchigkeit von weltanschaulichen Paradigmen als auch der Komplexität der Sprache bewusst. Darüber hinaus kennt er aus unmittelbarer Erfahrung den ideologischen Missbrauch der Sprache und seine Konsequenzen, die auch zum Verlust der materiellen Existenzgrundlagen führen können. Die Reihe von großen Zahlen der jüngsten Vergangenheit vom 17. Juni 1953 bis 09. November 1989 in seinem Zahlen-„Gedicht“* kann noch nicht abgeschlossen werden. Er findet keinen Halt im Systemdenken und in den etablierten Ausdrucksformen. Obwohl sie in seiner Poesie ständig präsent sind, müssen sie immer ihre Geltung unter Beweis stellen. Und selbst wenn manchmal die positive Erkenntnis in greifbarer Nähe zu sein scheint, wird sie mit einer Auslassung, einem Fragezeichen oder unvollendetem Vers nur als bedingt angedeutet. Der skeptische, distanzierte Blick ist eine Abwehrgeste, die den Dichter vor jeglicher Zuordnung schützt.
Der „bedeutungslose“ und „gespenstische“ Alltag ist der eigentliche Erkundungsbereich Kleinerts poetischer Arbeit. Er setzt sich aus Erinnerungssplittern, Reiseeindrücken, kleinen Momenten des städtischen Lebens zusammen, in denen oft sekundär gewordene Naturelemente, für kurze Augenblicke die Aufmerksamkeit des Beobachters fesseln und von routinierten Handlungen und Wahrnehmungen ablenken. „Letzte Blätter auf der regennassen Straße“, „Vogelzug nach stromesklarem Regen“, „leichte Wendung des Kopfes“, „alte Schaufensterscheibe“, „die Augen/ das gemeinsame Stück Weges“, „der leise Strich des Cellos“ - die isolierten Bilder, Requisiten und Eindrücke, die über ihre Gegenständlichkeit hinausgreifen und Ketten von Assoziationen bilden, manifestieren ihre Unentbehrlichkeit. Sie helfen Orientierungspunkte für die eigene Identität zu finden, jedoch ohne Gewähr auf ihre Verbindlichkeit und Konstruierbarkeit. Scheitern, Resignation sind in diesem Zusammenhang keine Fremdwörter. Sie sind aber keine Endphase. Paradoxerweise sorgen sie immer wieder für kurzlebiges Staunen. Sie sind Kleinerts dichterische Heimat –
ein Flecken im Nicht-Mehr
der, aufgehoben in Erinnerung,
stetig ruft
nach seiner Bestätigung
Beunruhigend und heimisch zugleich ist für ihn auch die nordische Landschaft mit ihren Farben, Gerüchen und kalten Tagen. Trotz der spürbaren sinnlichen Nähe werden sie aber erst „in Erinnerung zweifelhaft wirklich“. Sie kehren als Spuren alter Traditionen, materieller Überreste vergangener Kulturen wieder und „eingebunden in die Mäander des Lebens“ vermischen sie sich mit eigenen Erlebnissen, Gedanken. Der subjektive, zeitlich beschränkte Blickpunkt wird auf diese Weise um vergangene und gegenwärtige, aber auch andersartige Perspektiven (z.B. der Budapester und italienischer Straßen mit ihrem ästhetisch- und geschichtsträchtigen Hintergrund) erweitert. Sie verdichten sich zu einem eigenartigen Dialog, zu dem jeder literatur- und kulturkundige Leser eingeladen wird.
Die Zeit um die fünfzig ist in diesem Zusammenhang nur ein Stüpffchen auf einer langen fortdauernden Erkundungsreise, deren Ziel faszinierend „dahin steht“.
***
* die Bezugnahme
im Text geht auf das folgende Gedicht zurück:
Zahlen-„Gedicht”
der Geschichte – eine Zeitenfolge
Zuviel!
Aufbruch
Niedergang
Lethargie
Unrecht
Zuviel!
Aufbruch
... etc.
17. Juni 1953
23. Oktober – 04.
November 1956
Frühjahr 1968 - 21. August 1968
17. September 1980
– 13. Dezember 1981
27.Januar 1987
09. November 1989
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Edinburgh, II. 1990
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