Franz H. Jakubaß

Knochentanz

Nachts um zwölf beim Mondenscheine
müssen Geister, große, kleine,
die in tiefen Grabesgrüften
angestaubten Glieder lüften:

Erst erscheinen Knochenhände,
wachsen aus der Gräber Wände,
ein Gewirr von bleichen Knochen. 
Dann die Schädel, Rippen, Arme, 
und als letzter zu dem Schwarme
kommt ein Fuß, der abgebrochen.

Dann beginnt das Aussortieren, 
Suchen, Fluchen, Umformieren. 
Keiner findet seine Glieder.
Man fängt an zu numerieren,
um sie nicht mehr zu verlieren,
wenn ins Grab man steigt dann wieder. 

Frauen finden sich zum Reigen, 
um den Männern was zu zeigen.
Doch sie kommen aus dem Takte, 
als ein Mann mit seinen Rippen
und den bleichen, harten Lippen
wackelte, daß laut es knackte. 

Männer spielen Schach und Karten. 
Andre sprechen übern Garten
und die langen Trauerweiden.
Irgendwo gibt's ein Gedränge:
zwei zerschlagen ihr Gestänge,
denn sie können sich nicht leiden. 

Und so geht es hurtig weiter.
Man ist ernst und auch mal heiter.
Jeder treibt's nach seinem Wesen,
bis die ersten dann verschwinden,
andre folgen, weil sie finden, 
daß die Luft zu kalt gewesen.

Nachts um zwölf beim Mondenscheine
müssen Geister, große, kleine, 
die in tiefen Grabesgrüften
angestaubten Glieder lüften.

Rezension I Buchbestellung I home 0I08 LYRIKwelt © F.H.J.