Julien soll leben.
Julien ist krank. Julien ist so krank, dass die
Mama mit ihm in die Kinderklinik gefahren ist.
Es begann ungefähr zwei Wochen nach seiner Taufe damit, dass Julien keine Lust
mehr hatte, bei seiner Mama zu trinken. Er schrie dauernd, und zwar solange, bis
er vor Mattigkeit nur noch quengeln konnte. Das Fieber kam, und die Lymphknoten
am Hals und in den Achselhöhlen schwollen sichtlich an. Aus dem kleinen Mund im
hochroten Gesicht stieß kurzes, bellendes Husten. Der Atem ging schwer. Besorgt
standen Papa, Mama und die kleine Schwester Yvonne an dem Kinderbettchen, als
der Hausarzt kam und die sofortige Einweisung in die Kinderklinik
veranlasste.
Dabei sah alles zu Anfang so schön aus. Juliens Eltern hatten kurz vor seiner
Geburt das schöne, umgebaute Haus an der Mosel bezogen. Die Taufe in der alten,
schönen Stadtkirche war ein Erlebnis für alle, für die Verwandten von Papa
und Mama.
Julien lächelte den jungen Priester vertrauensvoll an, als dieser das
Taufwasser über Juliens Köpfchen mit den pechschwarzen Haaren goss. Zwar
verzog er dabei ein wenig das Gesicht, strampelte mal kurz mit den Beinchen,
aber danach strahlte er den Priester wieder an. Nach Ende der Taufzeremonie
beschrieb der Priester in einer besonders schönen Schrift ein Stückchen
grünen Papiers in Blattform mit dem Namen, Geburts-und Tauftag Juliens. Er
steckte dieses Blatt zu vielen anderen Blättern an einen aus holzähnlichem
Material bestehenden stilisierten Weinstock an der Wand der Taufnische.
- Und nun das: Mama weint "Oh, mon Bebe" als die Schwestern den
hochfiebernden Jungen im Inkubator mit Schläuchen und Messkabeln versehen. Der
Oberarzt bietet der Frau an, hier in der Klinik zu bleiben, bis die Krisis
eingetreten ist. -
Ein paar Tage vorher sind in der Stadt als Feriengäste ein junges Paar und ein
alter Mann eingetroffen. Der alte Mann erkundet die unsichtbaren Spuren seiner
Eltern, die diese vor über achtzig Jahren in dieser Stadt hinterlassen haben;
der Stadt, die sie als Heimatvertriebene verlassen mussten, weil gerade vor
diesen bewussten achtzig Jahren die politischen und kriegerischen
Auseinandersetzungen in Europa besonders diesen Landstrich - wie so oft - wieder
mal erschütterten.
Die drei Menschen streifen gemächtlich, erkundend, durch diese Stadt. So stehen
sie auch bald vor der ehrwürdigen, schönen Stadtkirche, die fast eine
Kathedrale ist. Sie betreten das Gotteshaus, nicht zuletzt auch deswegen, weil
Kirchen, neben Schlössern, Palästen und Burgen, als die zuverlässigsten
Indikatoren für die verflossene Kultur und Lebensweise der ehemaligen Bewohner
des Landes gelten.
Die Drei treten, auch durch das Orgelspiel angelockt, ein, und streifen mit der
gebotenen Rücksichtnahme durch das Gotteshaus. Der alte Mann erkennt auf der
linken Seite des Chors eine Nische mit einem Taufbrunnen. Der Taufbrunnen, ein
Steinsockel aus Moselsandstein, gekrönt von einer reich ziselierten
Messingschale, steht frei und durchaus als Mittelpunkt in der Nische. Den Mann
jedoch interessiert mehr das gelb-braun-grüne Gebilde an der Wand. Es handelt
sich um einen rechteckigen, gelb unterlegten Wandabschnitt, in dem sich ein
halb-plastischer Rebstock aus braunem, holzähnlichem Material befindet. An den
Rebstock gespickt mindestens dreißig grüne Papierschnipsel in Form eines
Weinblatts. Alle Schnipsel waren beschrieben mit einem Namen, dem Geburts- und
dem Taufdatum.
Gerade intoniert der Organist an der Orgel das berühmte "Air" von J.
S. Bach, mit durchaus geschicktem Spiel. Der alte Mann winkt das junge Paar,
welches sich gerade etwas anderes anschaute und dem Orgelspiel lauschte, mit
einer vorsichtigen Handbewegung heran, und erläutert den Sinn dieser Allegorie
mit dem Weinstock. Es ist ein Teil der Lehre des Friedenspredigers und
Religionsstifters aus Galiläa: "Ich bin der Weinstock, und ihr seid die
Reben." Beide nicken verständnisvoll und auch interessiert.
Da fällt der Blick des Alten auf den Boden. Dort liegt in der Ecke, fast
unsichtbar und schon wie verloren ein heruntergefallener grüner Schnipsel.
Zweifellos stammt dieser grüne Schnipsel vom Weinstock: Ein sehr, sehr
schlechtes Omen . . . Mühsam, aber beseelt bückt sich der Alte, schafft es
aber nicht bis zum Boden, geht aufs rechte Knie, und fasst den Papierschnipsel.
Es steht ein Name drauf: Julien, geboren am 22.Juni 2005, getauft am 26.Juni
2005. Der Mann beschwört: "Oh, Julien, Julien. Du sollst leben. Du sollst
leben", nimmt das Papierstückchen, und heftet es fest mitten in die
anderen Weinblätter am Rebstock.
- Am nächsten Morgen in der Kinderklinik kam der Assistenzarzt Juliens Mama
schon mit der frohen Botschaft entgegen, dass das Schlimmste wohl überstanden
sei. Das Fieber sei zum ersten Mal seit acht Tagen dauerhaft zurückgegangen,
der Kleine atme wieder frei. Und im Übrigen solle sie doch sich selbst davon
überzeugen, dass es ihrem Jungen besser gehe. Die Mutter sieht den kleinen
Julien dort liegen, die schwarzen Härchen sichtlich gebleicht, ein Zeichen
schwerer Erkrankung. Das Kind schläft mit einem entspannten Gesichtsausdruck,
die kleine Brust hebt und senkt sich im Takte, wie es einem Säugling eigen ist.
"Das mit den Haaren gibt sich wieder", sagt die Schwester. Die Mutter
weint; vor Freude . . .
(bejot 8/2005)
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