Die Jacke
Er hatte geweint. Und sie hatte geweint, weil er geweint hatte. Andere Leute sagten, so etwas heiße Liebe. Aber das konnte nicht wahr sein, denn er hatte geweint, weil sie ihn nicht liebte. Wenn sie ihn lieben würde, dann hätte all das nicht sein müssen.
Sie blieb noch lange bei ihm sitzen, obwohl es ihr wehtat, ihn so zu sehen. Ihre Jacke hing über einem Stuhl und warf traurige Falten. Die Falten wiederum warfen traurige Schatten und ließen ihre Jacke grau und schmutzig aussehen.
Sie wusste nicht genau, ob sie bleiben oder lieber gehen sollte. Für sie selbst war es ihr nicht wichtig, was sie tat, es war ihr für ihn wichtig. Aber er wusste es auch nicht.
Da sie nicht darüber urteilen wollte, was für ihn besser oder schlechter war, entschied sie sich zu gehen. Sie konnte ihre Jacke nicht mehr ansehen und auch nichts anderes in seiner Wohnung.
„Es tut mir leid“, sagte sie und meinte es auch so. Eigentlich meinte sie noch viel mehr als sie sagen konnte. Sie nahm ihre Jacke vom Stuhl und zog sie an. Jetzt warf die Jacke neue Falten und neue Schatten, die immer noch traurig aussahen.
An der Bushaltestelle faltete sie ein Boot aus dem Geldschein, mit dem sie die Fahrkarte kaufen wollte. Neben ihr standen eine alte Frau und ihre Enkeltochter.
Sie hatte ihn zum Abschied umarmt. Er hatte seinen Kopf in ihre Schulter gegraben und sie hatte sich ganz hilflos gefühlt. Ihre Jacke war danach ein bisschen feucht an der Schulter gewesen.
Das war sie jetzt immer noch, aber die alte Frau und ihre Enkeltochter schienen es nicht zu bemerken. Eine weitere Frau war hinzugekommen. Jetzt unterhielt sie sich mit der älteren über deren Enkeltochter, als wäre diese nicht anwesend.
Als der Bus in Sichtweite kam, hatte sie gerade ihr Boot fertig gefaltet. Sie hatte sich damit nicht besonders beeilt. Da sie nicht glaubte, dass dem Busfahrer ihr Boot gefallen würde, machte sie daraus wieder einen Geldschein und strich ihn glatt. Jetzt war auf dem Schein ein geometrisches Muster aus Bootsfalten zu sehen, aber dem Busfahrer würde das nicht auffallen.
Der Bus fuhr schon an, als sie sich noch nicht gesetzt hatte. Sie stolperte auf einen Fensterplatz und betrachtete ihr Gesicht in der Scheibe. Da war ein Schatten zwischen den Augenbrauen, den sie noch nie gesehen hatte. Sie lehnte ihre trockene Schulter und ihre Schläfe gegen die Fensterscheibe und überlegte, ob sie aus ihrer Fahrkarte ein Boot machen sollte.
Als sie vor ein paar Stunden vor seiner Tür gestanden hatte, hatte sie sich gefreut, ihn zu sehen. Sie hatten sich in die Küche gesetzt und einen Tee gekocht und er hatte extra für sie Schokolade auf den Küchentisch gelegt.
Es fing an zu regnen. Die Tropfen kullerten auf der anderen Seite der Fensterscheibe an ihrem Gesicht und ihrer trockenen Schulter vorbei. Sie sah hinaus. Dort war der Himmel noch hell und blau mit nur einigen dunklen Wolken davor. Eigentlich sah das schön aus. Sie wusste auswendig, wie der Himmel auf der anderen Seite aussehen musste. Da verfärbte die tiefstehende Sonne die Wolkenfetzen schmutzig gelb.
Es war schade, dass sie jetzt nicht mit dem Fahrrad unterwegs war. Dann würden die dicken, eiskalten Tropfen dunkle Flecken auf ihre Ärmel zaubern und sie hätte nicht mehr nur noch eine feuchte Schulter. Sie würde langsam fahren und dem Quietschen ihres Fahrrads zuhören und dem Prasseln der Tropfen. Sie würde die leuchtenden Wipfel der Bäume betrachten und den Regenbogen vor den dunklen Wolken. Sie würde wissen, dass sie bald zu Hause wäre, dass sie bald die nasse Jacke irgendwo zum Trocknen aufhängen und sich in die warme Badewanne legen könnte.
Aber sie war nicht mit dem Fahrrad unterwegs.
Es war auch schade, dass sie nie erfahren würde, was Liebe war. Das, was andere Leute erzählten, konnte nicht stimmen und das, was sie geglaubt hatte, fand sie mit jeder Sekunde, die verstrich, unwahrscheinlicher.
Eigentlich könnte sie jetzt aufstehen und sich zu dem jungen Mann mit den schönen dunklen Augen setzen, der zwei Reihen vor ihr war und sie angesehen hatte. Sie könnte ihm sagen: „Vielleicht sind wir füreinander bestimmt. Wir sollten die Möglichkeit wenigstens in Erwägung ziehen.“ Dann könnte der schöne junge Mann nicken und sie würden sich küssen und viele Kinder machen und glücklich sein bis in alle Ewigkeit.
Sie stand auf und machte zwei Schritte, aber ihre Jacke war noch nass an der linken Schulter.
Der Bus hielt und sie stieg aus. Der Regen fiel auf ihre Haare und auf ihr Gesicht, er lief daran herunter und wischte den Schatten zwischen ihren Augenbrauen weg. Er tropfte auf ihre Jacke, auf ihre Schultern und auf die Ärmel. Die Jacke sog sich voll und hing schwer an ihr herunter.
Er hatte ihr einmal gesagt, dass die Jacke eine besonders schöne Farbe hätte, wenn sie nass wäre. Eigentlich fand sie das auch.
Die Jacke hing auf einem Bügel. Dort tropfte sie und machte traurige Flecken auf dem Fußboden.
Sie saß auf einem Stuhl und sah die Jacke an, während sie die Fahrkarte, die sie nicht zu einem Boot gefaltet hatte, in kleine Stücke zerriss.
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