Der Pilger und seine Schale
(Leseprobe aus: Der
Pilger und seine Schale. Giorgio Morandi, Buch, 2005,
Hanser -
Übertragung Elisabeth
Edl und Wolfgang Matz).
Mit den Stilleben – »stilles Leben«, das trifft auf Morandis Bilder
mehr zu als auf die jedes anderen Malers – wird das Rätsel noch
undurchdringlicher und das Staunen im gleichen Maße tiefer. Das
»Sujet« nämlich ist hier nicht mehr so reizvoll wie bei den Ansichten
der natürlichen Welt, Landschaften oder Blumen, und beschränkt sich
auf die wenigen fast bedeutungslosen Gegenstände, die jeder kennt.
Manchmal sind die Farben hier ausgesprochen nüchtern, winterlich,
Farben von Holz und Schnee, und sie lassen einen abermals das
schöne Wort »Geduld« aussprechen, lassen einen an die Geduld der
alten Bauern denken und an die des Mönchs in seiner groben Kutte:
die gleiche Stille wie unter dem Schnee oder zwischen den gekalkten
Mauern einer Zelle. Die Geduld, die bedeutet, daß man gelebt hat,
sich abgeplagt, durchgehalten hat: mit Bescheidenheit, Ausdauer,
aber ohne Auflehnung, Gleichgültigkeit oder Verzweiflung; als ob
man von dieser Geduld doch eine Bereicherung erwartete; man
könnte glauben, sie erlaube einem, sich heimlich durchdringen zu
lassen von dem einzigen Licht, das zählt. Lange Zeit hat Morandi so
etwas wie Friese von nebeneinanderstehenden Gegenständen gemalt
(fünf oder sechs, manchmal sogar mehr); mit den Jahren hat deren
Zahl sich verringert, hat die Zusammenstellung sich immer stärker
konzentriert, ist immer überzeugender geworden; als wären die ersten
Bilder schon allzu bevölkert, als redeten sie zuviel (unvorstellbar!);
als gäbe es hier für den Geist noch zuviel Ablenkung. Jetzt dagegen
ist es so, als hätte der Reisende, nachdem er lange durch den Sand
gewandert ist, den Brunnen erreicht; den Brunnen, der im Alten
Testament »Brunnen des Lebendigen, der mich sieht,« genannt wird;
und als gäbe es keinen Grund mehr, auch nur den kleinsten Schritt
darüber hinaus zu tun. Man wird einwenden, eine genauso langsam
und überlegt erarbeitete Komposition aus bloßen Flecken ohne den
geringsten Bezug zur konkreten Wirklichkeit könnte dasselbe Gefühl
von Frieden schenken, denselben »Trost des Reisenden«. Das ist
nicht undenkbar – bei Rothko zum Beispiel. Aber daß es uns durch
Gegenstände zuteil wird, die, wenn auch nur lose, mit unserem
täglichen Leben verknüpft sind, trägt dazu bei, uns vor jedem
idealistischen Gedankenflug zu bewahren. Als würden wir daran
erinnert, daß ein am Boden gesprochenes Gebet wahrer ist als jedes
andere, oder sicherer tröstet. Unter den spätesten Werken diese
Teekanne, allein oder fast allein in der Mitte der Leinwand: Man
sieht genau, daß Morandi keinen Umgang mit Platon pflegt, daß es
nicht das Wesen, die Idee einer Teekanne ist; vielmehr ihre
Erscheinung für eine andere Form von Leben; und auf ihr noch das
leise Zittern des Lebens. Ein andermal möchte man sagen, daß diese
Gegenstände erleuchtet sind vom Licht eines Gestirns, welches noch
oder schon tief über dem Horizont steht; daß sie erleuchtet sind, ich
hätte Lust zu sagen: erhöht, entsühnt von diesem Licht aus
unendlicher Ferne. Ein Tischsegen. So übertrieben das wirken mag,
die Jünger von Emmaus kamen mir in den Sinn: obwohl hier weder
Brot ist noch Menschenhand noch göttliches Antlitz. Aber wegen
dieses von links einfallenden Lichts mußte ich auch an Gemälde von
Vermeer denken, mit ihren jungen Frauen am Fenster, und sogar an
die Madonna von Senigallia in Urbino (dazu kommen noch die Blauund
Gelbtöne, die den drei Malern gemeinsam sind). Man möchte
glauben, daß Morandi einer Vase, einer Schale, einem Glöckchen aus
Zelluloid, die zu einer höchst seltsamen »Sacra conversazione«
versammelt sind, die Gnade übertragen hätte, jenes übernatürliche
Licht auf sich zu ziehen, das einige Jahrhunderte früher dem Kleid
einer jungen Frau, eines Engels oder der Mutter Gottes vorbehalten
war. (Morandi als erster hätte das alles zurückgewiesen. Trotzdem:
Ich will es nicht aus meinem Kopf verbannen, ich bin nicht völlig
grundlos darauf gekommen.) Je weiter Morandis Kunst fortschreitet
in der Entblößung, in der Konzentration, desto stärker bekommen die
Gegenstände seiner Stilleben, auf einem Hintergrund von Staub,
Asche oder Sand, das Aussehen und die Würde von Denkmälern. (In
einer nicht lang zurückliegenden Nacht habe ich mich an einen
kurzen Aufenthalt in Marokko, in Ouarzazate, erinnert: rosa Sand
und gelber Sand, Windböen voll Sand in der Ferne, Fahnen gleich,
und jene Festungen, die im Übermaß an Licht flimmerten, ohne
Trugbilder zu sein, doch kaum zu unterscheiden von dem Boden, auf
dem sie errichtet waren, eine kurze Erscheinung in der Frühe, woher
der tiefe Eindruck? Ich befand mich an einem Ort dieser Welt, an den
mich kein leidenschaftlicher Wunsch geführt hatte und mit dem sich
kein persönliches Abenteuer verband (denn natürlich, wenn es in
einem dieser Paläste oder Festungen – wie im Kino! – eine Frau
gegeben hätte, gefangen oder nicht, die ich aufgesucht – befreit! –
hätte, wäre meine Erregung selbstverständlich gewesen und niemand
hätte sich darüber gewundert –, es sei denn, über die Tatsache, daß
ich der Held war! aber nein). Und was mir so in einiger Entfernung
erschien, war nicht einmal eine durch die Gegenwart oder
Abwesenheit von Göttern geprägte Stätte, wie Ägypten oder
Griechenland sie mir bei anderen Gelegenheiten geboten hatten. Also
doch ein bloßes Trugbild? Wohl eher ein »Trug der Schwelle«: denn
hier begann die Wüste, die Vorstellung von etwas, das sich
grenzenlos vor uns öffnet – und meinem Geschmack weniger fremd
als der Ozean –, die Trunkenheit, die daraus folgt, dieser Sockel für
das Licht, ganz eingestaubt von Feuer, dieser Sand, geschaffen für
die nackten Füße der Seher; den Zugang bewachend – wie die
heutzutage unbewohnten Festungen, die manche Engpässe in
Grenztälern des Gebirges beherrschen –, diese Art Schloß, aus
demselben Stoff wie der Sand und unsere Kinderträume, die sich von
Büchern nährten … Irgend etwas, da vorne, obwohl wir nicht
weitergehen würden, weder an diesem Tag noch später, war aus der
Tiefe aufgestiegen in mir, etwas, das mich mit fast allen Menschen
seit den Anfängen ihrer Geschichte verband – und das einen
erschüttern mußte wie bei einer Rückkehr aus dem Exil.)
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