Der Pilger und seine Schale von Philippe Jaccottet, Hanser, 2005Philipp Jaccottet

Der Pilger und seine Schale
(Leseprobe aus: Der Pilger und seine Schale. Giorgio Morandi, Buch, 2005, Hanser - Übertragung Elisabeth Edl und Wolfgang Matz).

Mit den Stilleben – »stilles Leben«, das trifft auf Morandis Bilder

mehr zu als auf die jedes anderen Malers – wird das Rätsel noch

undurchdringlicher und das Staunen im gleichen Maße tiefer. Das

»Sujet« nämlich ist hier nicht mehr so reizvoll wie bei den Ansichten

der natürlichen Welt, Landschaften oder Blumen, und beschränkt sich

auf die wenigen fast bedeutungslosen Gegenstände, die jeder kennt.

Manchmal sind die Farben hier ausgesprochen nüchtern, winterlich,

Farben von Holz und Schnee, und sie lassen einen abermals das

schöne Wort »Geduld« aussprechen, lassen einen an die Geduld der

alten Bauern denken und an die des Mönchs in seiner groben Kutte:

die gleiche Stille wie unter dem Schnee oder zwischen den gekalkten

Mauern einer Zelle. Die Geduld, die bedeutet, daß man gelebt hat,

sich abgeplagt, durchgehalten hat: mit Bescheidenheit, Ausdauer,

aber ohne Auflehnung, Gleichgültigkeit oder Verzweiflung; als ob

man von dieser Geduld doch eine Bereicherung erwartete; man

könnte glauben, sie erlaube einem, sich heimlich durchdringen zu

lassen von dem einzigen Licht, das zählt. Lange Zeit hat Morandi so

etwas wie Friese von nebeneinanderstehenden Gegenständen gemalt

(fünf oder sechs, manchmal sogar mehr); mit den Jahren hat deren

Zahl sich verringert, hat die Zusammenstellung sich immer stärker

konzentriert, ist immer überzeugender geworden; als wären die ersten

Bilder schon allzu bevölkert, als redeten sie zuviel (unvorstellbar!);

als gäbe es hier für den Geist noch zuviel Ablenkung. Jetzt dagegen

ist es so, als hätte der Reisende, nachdem er lange durch den Sand

gewandert ist, den Brunnen erreicht; den Brunnen, der im Alten

Testament »Brunnen des Lebendigen, der mich sieht,« genannt wird;

und als gäbe es keinen Grund mehr, auch nur den kleinsten Schritt

darüber hinaus zu tun. Man wird einwenden, eine genauso langsam

und überlegt erarbeitete Komposition aus bloßen Flecken ohne den

geringsten Bezug zur konkreten Wirklichkeit könnte dasselbe Gefühl

von Frieden schenken, denselben »Trost des Reisenden«. Das ist

nicht undenkbar – bei Rothko zum Beispiel. Aber daß es uns durch

Gegenstände zuteil wird, die, wenn auch nur lose, mit unserem

täglichen Leben verknüpft sind, trägt dazu bei, uns vor jedem

idealistischen Gedankenflug zu bewahren. Als würden wir daran

erinnert, daß ein am Boden gesprochenes Gebet wahrer ist als jedes

andere, oder sicherer tröstet. Unter den spätesten Werken diese

Teekanne, allein oder fast allein in der Mitte der Leinwand: Man

sieht genau, daß Morandi keinen Umgang mit Platon pflegt, daß es

nicht das Wesen, die Idee einer Teekanne ist; vielmehr ihre

Erscheinung für eine andere Form von Leben; und auf ihr noch das

leise Zittern des Lebens. Ein andermal möchte man sagen, daß diese

Gegenstände erleuchtet sind vom Licht eines Gestirns, welches noch

oder schon tief über dem Horizont steht; daß sie erleuchtet sind, ich

hätte Lust zu sagen: erhöht, entsühnt von diesem Licht aus

unendlicher Ferne. Ein Tischsegen. So übertrieben das wirken mag,

die Jünger von Emmaus kamen mir in den Sinn: obwohl hier weder

Brot ist noch Menschenhand noch göttliches Antlitz. Aber wegen

dieses von links einfallenden Lichts mußte ich auch an Gemälde von

Vermeer denken, mit ihren jungen Frauen am Fenster, und sogar an

die Madonna von Senigallia in Urbino (dazu kommen noch die Blauund

Gelbtöne, die den drei Malern gemeinsam sind). Man möchte

glauben, daß Morandi einer Vase, einer Schale, einem Glöckchen aus

Zelluloid, die zu einer höchst seltsamen »Sacra conversazione«

versammelt sind, die Gnade übertragen hätte, jenes übernatürliche

Licht auf sich zu ziehen, das einige Jahrhunderte früher dem Kleid

einer jungen Frau, eines Engels oder der Mutter Gottes vorbehalten

war. (Morandi als erster hätte das alles zurückgewiesen. Trotzdem:

Ich will es nicht aus meinem Kopf verbannen, ich bin nicht völlig

grundlos darauf gekommen.) Je weiter Morandis Kunst fortschreitet

in der Entblößung, in der Konzentration, desto stärker bekommen die

Gegenstände seiner Stilleben, auf einem Hintergrund von Staub,

Asche oder Sand, das Aussehen und die Würde von Denkmälern. (In

einer nicht lang zurückliegenden Nacht habe ich mich an einen

kurzen Aufenthalt in Marokko, in Ouarzazate, erinnert: rosa Sand

und gelber Sand, Windböen voll Sand in der Ferne, Fahnen gleich,

und jene Festungen, die im Übermaß an Licht flimmerten, ohne

Trugbilder zu sein, doch kaum zu unterscheiden von dem Boden, auf

dem sie errichtet waren, eine kurze Erscheinung in der Frühe, woher

der tiefe Eindruck? Ich befand mich an einem Ort dieser Welt, an den

mich kein leidenschaftlicher Wunsch geführt hatte und mit dem sich

kein persönliches Abenteuer verband (denn natürlich, wenn es in

einem dieser Paläste oder Festungen – wie im Kino! – eine Frau

gegeben hätte, gefangen oder nicht, die ich aufgesucht – befreit! –

hätte, wäre meine Erregung selbstverständlich gewesen und niemand

hätte sich darüber gewundert –, es sei denn, über die Tatsache, daß

ich der Held war! aber nein). Und was mir so in einiger Entfernung

erschien, war nicht einmal eine durch die Gegenwart oder

Abwesenheit von Göttern geprägte Stätte, wie Ägypten oder

Griechenland sie mir bei anderen Gelegenheiten geboten hatten. Also

doch ein bloßes Trugbild? Wohl eher ein »Trug der Schwelle«: denn

hier begann die Wüste, die Vorstellung von etwas, das sich

grenzenlos vor uns öffnet – und meinem Geschmack weniger fremd

als der Ozean –, die Trunkenheit, die daraus folgt, dieser Sockel für

das Licht, ganz eingestaubt von Feuer, dieser Sand, geschaffen für

die nackten Füße der Seher; den Zugang bewachend – wie die

heutzutage unbewohnten Festungen, die manche Engpässe in

Grenztälern des Gebirges beherrschen –, diese Art Schloß, aus

demselben Stoff wie der Sand und unsere Kinderträume, die sich von

Büchern nährten … Irgend etwas, da vorne, obwohl wir nicht

weitergehen würden, weder an diesem Tag noch später, war aus der

Tiefe aufgestiegen in mir, etwas, das mich mit fast allen Menschen

seit den Anfängen ihrer Geschichte verband – und das einen

erschüttern mußte wie bei einer Rückkehr aus dem Exil.)

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