Notizen aus der Tiefe von Philippe Jaccottet, 2009, HanserPhilipp Jaccottet

Notizen aus der Tiefe
(Leseprobe aus: Notizen aus der Tiefe, Prosa, 2009, Edition Akzente bei Hanser - Übertragung Friedhelm Kemp, Elisabeth Edl und Wolfgang Matz).

Als wir uns das erste Mal in die Altstadt wagten und

die Gassen des arabischen Viertels um so leerer wurden,

je näher wir den in diesen Tagen übrigens unbetretbaren

Moscheen kamen, fühlten wir am Ende

– vielleicht vor allem wegen der Warnungen unserer

Gastgeber – ein wenig Angst. Wir hätten sie auch an

jenem anderen Tag verspüren können, diesmal wegen

der Menge, die sich in den gleichen Vierteln

drängte; Moslems mit ihrer Keffije auf dem Kopf be-

gegneten beim Verlassen der Moscheen christlichen

Pilgern, die sich im Wirrwarr der Via Dolorosa unter

einem schweren Kreuz krümmten, während mitten

im arabischen Viertel, einer kleinen Synagoge gegenüber,

die dort noch wie zur Herausforderung

stand, israelische Flaggen einen Balkon schmückten;

und immer, fast bei jedem Schritt, bewaffnete Soldaten

auf ihren Wachtposten; und ebenfalls Waffen,

aber aus Plastik, in den Händen fast aller kleinen

Araber. In diesen Straßen kann man nicht als einfacher

Reisender herumlaufen, wie wir es oftmals in

Paris, in Rom gemacht haben, wie wir es (aber da bin

ich mir nicht mehr so sicher, seit wir dort gewesen

sind) in Moskau machen würden oder selbst in Kairo

oder Fez. Man befindet sich an einem allzu einzigartigen

Ort, wie in einem Keller, in dem über Jahrhunderte

religiöse Alkoholika gegoren haben, die

am Anfang wundervoll kräftig und rein gewesen

sind, nach diesem Gärungsprozeß jedoch nur noch

gefährliche Ausdünstungen von sich geben. Deshalb

kann man nicht länger einfacher Flaneur sein,

auf der Suche nach vergangenen Schönheiten oder

Wahrheiten, nach gegenwärtigem Leben. Die Nähe

der Gewalt gibt dem, was man sieht, mehr Kontur,

oder eine andere Kontur; man bildet sich ein, doch

zum großen Teil ist das eine Illusion, dem Wirklichen

näher zu sein, stärker einbezogen zu sein in die

Gegenwart, und sei’s nur durch jenes winzige Risiko,

das wir, so sagte man uns, eingehen, wenn wir hierherkommen.

(…)

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