Antworten am Wegesrand von Philipp Jaccottet, Hanser, 2001Philipp Jaccottet

Antworten am Wegesrand
(Leseprobe aus:
Antworten am Wegrand, 2001, Hanser - Übertragung Elisabeth Edl und Wolfgang Matz).

Manchmal denke ich, wenn ich immer noch schreibe, dann ist es oder sollte es vor allem sein, um die mehr oder weniger leuchtenden und überzeugenden Fragmente einer Freude zusammenzutragen, von der man versucht wäre zu glauben, sie sei eines Tages, vor langer Zeit, explodiert wie ein innerer Stern und habe ihren Staub in uns ausgestreut. Daß ein wenig von diesem Staub aufschimmert in einem Blick, ist wahrscheinlich das, was uns am meisten verunsichert, bezaubert oder verwirrt; aber genau überlegt, ist es weniger seltsam, als wenn man seinen Glanz, oder den Widerschein dieses fragmentierten Glanzes, in der Natur überrascht. Zumindest wird dieser Widerschein für mich der Ursprung so mancher, nicht immer vollkommen fruchtloser Träumereien gewesen sein.

Diesmal war es ein Kirschbaum; kein blühender Kirschbaum, der in kristallklarer Sprache zu uns spricht; sondern ein mit Früchten beladener, den ich an einem Juniabend auf der anderen Seite eines großen Kornfeldes erblickte. Einmal mehr war es, als sei dort drüben jemand aufgetaucht und spreche mit mir, ohne wirklich mit mir zu sprechen, ohne ein Zeichen zu geben; jemand, oder vielmehr etwas, und "etwas Schönes" natürlich; aber während sich, hätte dort eine menschliche Gestalt, eine Spaziergängerin gestanden, Verwirrung unter meine Freude gemischt hätte und bald auch das Verlangen, zu ihr hinüberzulaufen, sie einzuholen, im ersten Augenblick unfähig zu sprechen, und nicht nur, weil ich zu schnell gelaufen wäre, sie dann anzuhören, zu antworten, sie mit meinen Worten zu umgarnen oder mich von den ihren umgarnen zu lassen - und es hätte, mit ein wenig Glück, eine ganz andere Geschichte begonnen, in einer mehr oder weniger beständigen Mischung aus Licht und Schatten; während hier also eine neue Liebesgeschichte begonnen hätte, wie ein neuer Bach, entsprungen aus einer neuen Quelle, im Frühling - verspürte ich nicht den geringsten Wunsch, diesen Kirschbaum einzuholen, ihn zu erobern, ihn zu besitzen; oder vielmehr: es war schon geschehen, ich war eingeholt, erobert worden, ich hatte nichts weiter zu erwarten, zu verlangen; es handelte sich um eine andere Art von Geschichte, Begegnung, Sprache. Noch schwieriger zu begreifen.

Sicher, derselbe Kirschbaum, herausgelöst, abgelöst von seinem Ort, hätte mir nicht viel bedeutet, auf jeden Fall nicht dasselbe. Auch nicht, wäre ich zu einer anderen Tageszeit auf ihn gestoßen. Vielleicht wäre er auch stumm geblieben, wenn ich ihn hätte suchen, ausfragen wollen. (Manche glauben, daß "der Himmel sich abwendet" von denjenigen, die ihn mit ihrer Erwartung, ihren Gebeten ermüden. Wollte man diese Worte im buchstäblichen Sinn verstehen, was für ein Knarren von Türangeln würde an unsere Ohren dringen …)

Rezensionen I Buchbestellung III01 LYRIKweltt © Hanser-Verlag