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Placebo
(Leseprobe aus: Placebo,
Roman, 2005, dtv - Übertragung
Markus Roduner)
Am Anfang ein blendend weißer
Blitz. Dann ein langer Fall. Ein dumpfer Ton beim Aufprall auf etwas Hartes. Auf
den Boden? Doch von wo? Aus dem Himmel? Was war geschehen? Ein Flugzeugabsturz?
Wenn ja, wohin ging der Flug und warum hatte sie ihn unternommen? Sie vermochte
sich nicht zu erinnern. Tod? Nein, sie dachte, also lebte sie. Aber was waren
diese Gedanken schon wert? Von all den in ihrem Leben angehäuften Eindrücken
schwirrte nur eine einzige Szene in ihrem Kopf herum. Die Geschichte einer Frau,
die den Absturz einer Linienmaschine in der sibirischen Taiga überlebt hatte
und einige Tage lang durch den festgeklemmten Sicherheitsgurt an den Sitz
gefesselt inmitten von Flugzeugteilen, zerfetzten Bäumen und verwesenden
Leichen auf ihre Retter wartete.
Auch Julija saß in einem Sessel. Ihre Knochen fühlten sich an, als wären sie
gebrochen, ihr Körper wie aus Gummi. Sie öffnete die Augen. Sie befand sich in
einem geschlossenen Raum. Wo war sie? In der Nacht hatte sie einen Tunnel geträumt,
so wie ihn nach eigener Aussage die ins Leben zurückgeholten Sterbenden gesehen
hatten. Der Traum wirkte absolut real. Julija flog durch einen schmalen, von
Dunkelheit erfüllten Korridor, an dessen Ende, wie ein Punkt, wie ein Stern,
wie die Sonne, wie eine für alle Ewigkeit angehaltene Atomexplosion, ein Licht
strahlte. Julija schoss durch die Spiralwindungen wie eine Kugel durch den Lauf,
und bevor sie auf das Ziel aufprallte, auf den gleißenden Lichtschein,
erstarrte sie für einen Augenblick.
Das war die ultimative Grenze. Das Seil des Akrobaten. Die Klinge. Hinter ihr
breitete sich das undurchdringliche, ohrenbetäubende Dunkel aus, vor ihr gleißte
ein überirdisches Licht. Ihr wurde schwindlig. Sie versuchte das Gleichgewicht
zu halten, streckte wie eine Seiltänzerin beide Hände aus. Doch wohin hätte
sie von hier aus noch stürzen können?
Dann sauste mit wahnwitziger Geschwindigkeit ihr ganzes Leben vor Julijas Augen
vorbei, von der ersten Minute, als sie aus ihrer Mutter heraustauchte, bis zum
letzten Augenblick gestern, vor dem Einschlafen. Sie war ganz verblüfft darüber,
dass so viele Ereignisse, Fakten, Bilder, Menschen, Tiere, Dinge und kleinste
Kleinigkeiten in eine Tausendstelsekunde passten.
Sie entsann sich auch eines Geräusches, einem Donnergrollen ähnlich, doch sie
wusste nicht, ob es noch vor ihrem Eintauchen in den Tiefschlaf ertönt war oder
schon den Anfang des Traums gebildet hatte. Dieses Grollen hatte einen Widerhall
in ihrem Kopf ausgelöst wie eine Explosion im Tempel, nach der die Kuppel
herabstürzt und alle Betenden unter sich begräbt.
Bis neun Uhr, der Zeit, zu der Julija normalerweise aufstand, blieb noch eine
ganze Weile. Deshalb entschloss sie sich, zu duschen, sich zu entkleiden und zu
Bett zu gehen. Sie stand auf und streckte sich. Die grellen Farben der Dinge in
der trüben Dunkelheit irritierten sie nicht mehr. Sie kontrollierte, ob das
Feuer im Kamin wirklich erloschen war. Die Asche verströmte noch Wärme. Sie
nahm ein leeres Glas, roch daran, doch sie konnte nicht sagen, was gestern darin
gewesen war, Wasser oder Wein.
In der Tür drehte sie sich um und erblickte in der Mitte des Zimmers, im Sessel
am runden Tischchen sitzend, sich selbst. Also war der Traum noch nicht zu Ende.
Vielmehr drohte er zu einem sich hinziehenden Alptraum zu werden. Julija fühlte,
wie ganz plötzlich Furcht sie packte und etwas Bleischweres sich auf sie legte.
Das Glas fiel ihr aus den Händen und zerschellte, aber kein Klirren war zu hören.
Sie versuchte sich zu konzentrieren und sich bewusst, wie sonst in solchen Fällen,
aus den Klauen des Alptraums zu befreien. Doch nichts änderte sich. Als reichte
das noch nicht, sah Julija, dass neben den nackten Füßen ihrer im Sessel
sitzenden Doppelgängerin eine Pistole lag und der Tisch mit einer roten Flüssigkeit
bespritzt war. Mit Wein vielleicht. Vielleicht auch mit Blut. Unter Aufbietung
aller Kräfte versuchte sie sich zusammenzunehmen, sich in den Wachzustand zu
versetzen, und glitt dann langsam, wie ein Drache, zur Decke empor. Sie
fuchtelte mit den Händen, spürte, dass sie flog, und nach einigen vogelartigen
Armbewegungen schwebte sie schon neben ihrer Doppelgängerin in der Luft.
Sie beugte sich zu ihr hinunter und sah, dass sich in der Schläfe der anderen
Julija ein Loch befand, zweifellos die Spur einer Kugel. Die im Sessel Sitzende
atmete nicht und war ganz kalt. Tot. Welche von ihnen beiden war nun also die
echte Julija? Der Alptraum ging weiter. Bisher war sie immer mit ihren fürchterlichen
Alpträumen fertig geworden, hatte es immer ganz leicht geschafft, die Dämonen
des Unbewussten in ihre sticki-gen Schlupfwinkel zurückzudrängen und siegreich
zur bewussten Existenz zu erwachen.
Julija glitt wieder zu Boden und warf einen Blick aus dem Fenster. Die Aussicht
war wie immer, das ganze Kirchenvilnius lag wie auf dem Präsentierteller vor
ihr. Doch bei genauerem Hinsehen entdeckte sie einige Ungereimtheiten. Die
Landschaft wogte ganz unmerklich auf und ab, wie ein Spiegelbild im klaren, von
einem leichten Lüftchen gestreichelten Wasser. Bei längerem Betrachten dieses
schläfrig machenden Anblicks könnte einem schwindlig werden. Obwohl sie mit
dem Gesicht zum wogenden Vilnius stand, spürte sie hinter sich die Leiche ganz
deutlich. Von ihr strömte eine schwermütige kosmische Kälte aus(...) Der Tag
flog vorbei wie der Schatten eines Bussards am Boden. Schwupp, und er ist weg.
Und Rita mühte sich schon seit einer halben Stunde mit der Schlagzeile für den
Artikel ab: DIE BERÜHMTE VILNIUSSER WAHRSAGERIN JULIJA HAT SICH DAS LEBEN
GENOMMEN.
Sie sollte dem Leser ins Auge stechen auf der Titelseite der Tageszeitung, ihn
neugierig machen und dazu zwingen, auf Seite 7 weiterzulesen, der Seite mit den
Kriminalnachrichten: HELLSEHERIN HAT IHR EIGENES SCHICKSAL NICHT VORHERGESEHEN.
Die Schlagzeile musste mindestens 40 Zeichen umfassen, inklusive Leerschritte,
doch der Redakteur mit dem Spitznamen Zerberus pflegte 45 zu verlangen.
Rita wurde nachdenklich und warf einen Blick durchs Fenster. Draußen schien
dunkelste Nacht zu herrschen, obwohl es erst früher Abend war. Die kahlen Äste
der Bäume, von den Neonreklamen der Bars in rötliches Licht getaucht,
erinnerten an auf die Karte des schwarzen Himmels gezeichnete riesige Bronchien.
Sie wogten im Wind rhythmisch hin und her und verbreiteten Unruhe. Eine
beklemmende Unruhe. Rita schüttelte den Kopf, um sich des aufdringlichen Gefühls
zu entledigen, dass eine Andere Wirklichkeit in ihr Gehirn einzudringen
versuchte, die zu verstehen sie weder Lust noch Kraft noch Zeit hatte. Die
Redaktion hatte sich völlig geleert. Der Computerbildschirm war schwarz
geworden. Jetzt schwammen dort verschiedenfarbige Fische. Durch Drücken einer
Taste setzte Rita dem meditativen Treiben ein Ende und unternahm einen neuen
Versuch: DER TOD DER WAHRSAGERIN JULIJA – SELBSTMORD ODER MORD?
Gar nicht übel. Wurde doch an der Pistole nicht ein einziger Fingerabdruck
gefunden, nicht einmal einer von Julija. Da half die Aussage der zu Tode
erschrockenen Haushälterin auch nicht weiter, dass sie gedankenlos die auf dem
Boden liegende Waffe gereinigt habe. Andererseits hatten die Experten eindeutig
festgestellt, dass die Wahrsagerin selbst geschossen hatte. Das musste etwa um
drei Uhr nachts geschehen sein. Julija hatte sich aus einer kleinen, hübschen,
fast spielzeughaften Pistole eine Kugel in die Schläfe gejagt.
Entschlösse Rita sich zu so einem Abgang, dann würde sie unweigerlich ihren
Schädelinhalt im ganzen Zimmer verspritzen oder schmachvoll danebenballern. Zu
ihrer eigenen Schande und zum Leid ihrer Angehörigen würde sie nach einem
halben Jahr aus dem Koma erwachen und hundert Jahre lang dahinsiechen – gelähmt,
mit einem Drittel des Gehirns, fast ohne Verstand, dafür wie eine Inka-Dame mit
einer Platinplatte im Schädel. Aber Julija war zielsicher. Sie hatte, auch als
sie noch lebte, nie danebengetroffen. Das Schicksal hatte sie immer verwöhnt,
deshalb war es schon etwas verdächtig, dass sie plötzlich beschlossen haben
sollte, ihrem Leben auf so dramatische Weise ein Ende zu setzen.
Vielleicht hatte jemand Julija dazu angestiftet? Oder sollte sie tatsächlich
ganz allein auf diese Idee gekommen sein? Die Gegenstände im Zimmer der
Wahrsagerin wollten auf diese Frage keine Antwort geben. Von nun an waren sie
mit einem Bann belegt. Verflucht. Mit Tod getränkt. Und vor allem – verraten.
Die Selbstmörder verrieten ja nicht nur die Menschen, die ihnen im Prinzip
nichts Schlechtes gewünscht hatten, sondern auch ihre Betten, Schränke,
Tische, Sessel, Teppiche, Bücher, Kleider, Teller und viele, viele andere
Kleinigkeiten, die ihnen immer absolut treu gewesen waren. Sie verrieten auch
die Tiere. Julijas Katze miaute herzzerreißend ganz oben auf dem Bücherregal
und fauchte alle, die sich ihr nähern wollten, mit gesträubtem Fell an. Aber
sollte sie wirklich davon auf der Seite 7 schreiben?
Und von Julijas Anruf vor etwa einer Woche, als die Wahrsagerin sagte, sie
befinde sich in ernsten Schwierigkeiten, sie werde bedroht, sie fühle sich
verfolgt und wolle der Journalistin etwas sehr Wichtiges erzählen? Am Telefon
wollte sie nichts Näheres dazu sagen, machte nicht einmal eine Andeutung –
sie behauptete, dass ihr Telefon abgehört würde. Die Frauen kamen überein,
sich anderntags um zwölf Uhr zu treffen, doch als Rita unterwegs zum
vereinbarten Café war, erhielt sie eine SMS: Kann heute nicht was dazwischen
gekommen sei nicht böse. Danach wollte Julija kein neues Treffen vereinbaren,
entschuldigte sich bald mit Kopfschmerzen, bald mit großem Kundenansturm, bald
mit einem Zahnarzttermin, bald mit Gästen aus Deutschland.
Daran war nichts Ungewöhnliches, so war sie fast immer gewesen. Wollte sich
Rita einmal von Herzen mit Julija austauschen, fühlte sie sich unweigerlich wie
ein glückloser Liebhaber, der von einer eigenwilligen Dame an der Nase herumgeführt
wurde. Sie verzieh der Wahrsagerin vieles, denn sie empfand für sie eine
beinahe kindliche (so verlieben sich Freundinnen nur als Teenager ineinander)
Zuneigung. Wäre nicht dieses schaurige Ende gewesen, sie hätte auch diesen
Verrat vergessen. Jetzt blieb ihr nichts anderes übrig, als den Lesern
mitzuteilen, dass da offenbar jemand mit der Dahingeschiedenen abrechnen wollte.
Und der hatte sein Ziel erreicht.
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