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Der Einzelgänger
(Leseprobe aus:
A Single Man/Der Einzelgänger, Roman,
1964/2005, Verlag Männerschwarm
- Übertragung Axel Kaun)
Ein ruhiger Morgen. Die Kinder sind fast alle in der
Schule, bis zu den Weihnachtsferien vergehen noch zwei Wochen. (Beim Gedanken an
Weihnachten läuft es George kalt den Rücken hinunter. Vielleicht wird er etwas
ganz Extremes unternehmen, nach Mexiko City fliegen, sich dort eine Woche lang
betrinken und sämtliche Bars unsicher machen. Das bringst du ja doch nicht
fertig, nie im Leben, meldet sich eine Stimme mit ernüchternder Kühle.)
Ach, sieh mal an, da kommt Benny, hat den Hammer in der Hand. Er wühlt in den
Abfalleimern herum, die zur Leerung bereit auf dem Gehsteig stehen, und zieht
eine kaputte Badezimmerwaage ans Licht. Während George ihn beobachtet, fängt
Benny an, mit dem Hammer auf die Waage zu schlagen und dabei lustvolle Schreie
auszustoßen; er will den Eindruck hervorrufen, als schreie hier die vor Schmerz
gepeinigte Maschine. Es ist kaum zu glauben, aber Mrs. Strunk, die stolze Mutter
dieses Geschöpfes, brachte es fertig und fragte Jim mit bebendem Entsetzen, wie
er es fertig bringt, diesen harmlosen jungen Schlangen etwas anzutun!
Da erscheint Mrs. Strunk auch schon auf der Veranda, gerade als Benny den Mord
an der Waage vollendet hat und voller Stolz die herumliegenden Stücke
betrachtet. "Leg sie zurück!", gebietet sie ihm. "Zurück in die Mülltonne!
Gleich jetzt!" Dabei hebt und senkt sich ihre Stimme bewusst zu einem süßen
Singsang.
Ihre Kinder anzuschreien, würde ihr nie einfallen, denn sie hat alle möglichen
Bücher über Psychologie gelesen und weiß dementsprechend genau, dass Benny
zurzeit seine aggressive Phase durchmacht - nichts ist normaler und gesünder.
Sie weiß auch sehr genau, dass man sie um diese Zeit ganz deutlich unten auf der
Straße hört, schließlich ist es ihr gutes Recht, gehört zu werden, denn dies ist
ja die Stunde der Mütter. Als Benny dann endlich ein paar zerbrochene Stücke in
die Tonne zurückgeworfen hat, säuselt sie: "So ist's recht!", und geht lächelnd
ins Haus zurück.
Benny strolcht davon, um sich nun mit drei wesentlich kleineren Kindern zu
beschäftigen, zwei Jungen und einem Mädchen, die soeben versuchen, ein Loch auf
dem Grundstück zwischen den Strunks und den Garfeins zu graben. (Beide Häuser
stehen frontal zur Straße und sind, im Gegensatz zu der privaten
Zurückgezogenheit von Georges Höhle, nach allen Seiten offen.)
Auf dem freien Grundstück, unter dem riesigen alten Eukalyptusbaum, hat jetzt
Benny das Kommando ergriffen. Er zieht den Anorak aus und wirft ihn dem kleinen
Mädchen zum Halten hin; dann spuckt er in beide Hände und ergreift den Spaten.
Er spielt den nach vergrabenen Schätzen suchenden Helden vom Fernsehen. Das
Leben dieser Kinder heutzutage ist nichts wie ein Sammelsurium aus solchen
Nachahmungen, kaum können sie sprechen, fangen sie schon an und singen die
Werbesongs nach.
Doch jetzt macht sich einer der Jungen - vielleicht weil Bennys Buddelei ihn in
gleicher Art anödet, wie Benny die pfadfinderischen Projekte von Mr. Strunk
anöden - selbständig und böllert mit einer Karbidkanone. Wegen dieser Kanone ist
George schon verschiedentlich bei Mrs. Strunk vorstellig geworden und hat sie
ersucht, doch der Mutter dieses Jungen gefälligst klar zu machen, dass dieses
Spielzeug ihn langsam an den Rand der Verzweiflung bringe. Aber Mrs. Strunk hat
nicht die Absicht, sich in die anarchischen Gesetze der Natur einzumischen.
Ausweichend lächelnd erklärt sie: "Solange der Kinderlärm ein glücklicher Lärm
ist, höre ich ihn gar nicht!"
Gewöhnlich hält die Stunde von Mrs. Strunks mütterlicher Allmacht bis in den
frühen Nachmittag an, wenn die großen Jungen und Mädchen aus der Schule kommen.
In gemischten Gruppen treffen sie ein, von denen sich fast alle Jungen sofort
absetzen, um an der maskulinen Stunde des Ballspiels teilzunehmen. Lautstark und
rau schreien sie sich gegenseitig an und stoßen, springen und fangen mit
arroganter Anmut. Landet der Ball in einem Vorgarten, zertrampeln sie die
Blumen, randalieren über Steingärten hinweg und brechen in die Patios ein, ohne
dass ihnen auch nur der Gedanke käme, sich zu entschuldigen. Wenn sich ein Auto
auf die Straße wagt, muss es anhalten und so lange warten, bis sie bereit sind,
es durchzulassen - sie wissen ganz gut, wo ihre Rechte liegen. Die Mütter müssen
jetzt alle kleinen Bälger drinnen und außer Reichweite halten. Die Mädchen
hocken kichernd draußen auf den Veranden, die Augen beständig auf die Jungen
gerichtet. Um die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken, unternehmen sie die
absonderlichsten Dinge. Die Cody-Töchter zum Beispiel befächeln unaufhörlich
ihren uralten schwarzen Pudel, als handle es sich um Kleopatra auf dem Nil. Aber
sie bleiben trotzdem unbeachtet, sogar von ihren Freunden, denn dies ist nicht
ihre Stunde. Die einzigen Jungen, die jetzt mit ihnen sprechen, sind artig und
sanft, wie der hübsche, weichliche Doktorssohn, der dem Pudel bunte Bänder in
die Locken bindet.
Als Letzte kommen schließlich die Männer nach Hause. Und das ist ihre Stunde,
und das Ballspiel muss aufhören. Denn die Nerven von Mr. Strunk sind dadurch
nicht besser geworden, dass er sich den ganzen Tag lang abgemüht hat, ein
Stückchen Grundbesitz an eine launische reiche Witwe zu verkaufen, und die
Stimmung von Mr. Garfein ist ungewiss nach all den Anspannungen in seiner
Installationsfirma für Swimmingpools. Lärm können sie und alle übrigen Mitväter
nicht mehr vertragen. (An den Sonntagen spielt Mr. Strunk schon mal mit seinen
Söhnen Ball, doch das gehört eben in sein Programm für körperliche Ertüchtigung,
und es wird höflich und ernst, aber ohne rechte Freude durchgeführt.)
Partys werden an jedem Wochenende veranstaltet. Man ermuntert die Teenager,
auszugehen, zu tanzen und miteinander zu knutschen, auch wenn die Schularbeiten
darunter leiden, denn die Erwachsenen brauchen dringend Entspannung und wollen
alleine sein. In der Küche bereiten dann Mrs. Strunk und Mrs. Garfein Salate zu,
während Mr. Strunk im Patio das Barbecue in Gang setzt, und dort, quer über die
leer stehende Parzelle, kommt Mr. Garfein mit einem Tablett voller Flaschen und
einem Shaker, um fidel im Ton alter Marine-Corps-Zeiten anzukündigen: "Martinis
in Sicht!"
Und zwei, drei Stunden später, nach den Cocktails und dröhnenden Lachsalven,
nach den ganz erstaunlich schmutzigen Witzen, den mehr oder weniger heimlichen
Versuchen, die anderen Ehefrauen in den Hintern zu kneifen, nach den Steaks und
dem Obstkuchen, und während die "girls" - so nennen sich Mrs. Strunk und alle
übrigen amerikanischen Hausfrauen selbst und untereinander, bis sie neunzig sind
- das Geschirr spülen, kann man auf der Veranda Mr. Strunk und seine
Ehemannskameraden mit den Gläsern in der Hand und schwerer Stimme immer noch
sprechen und lachen hören. Vergessen sind ihre geschäftlichen Sorgen, jetzt
geben sie sich stolz und glücklich. Denn noch der Geringste unter ihnen ist ja
Miteigentümer der amerikanischen Utopie vom Königreich des guten Lebens auf
Erden - grob nachgeäfft von den Russen, verhasst bei den Chinesen, die
nichtsdestoweniger bereit sind, für Generationen zu darben, zu hungern und sich
politisch säubern zu lassen, in der hoffnungslosen Hoffnung, es zu erben. Ach
ja, Mr. Strunk und Mr. Garfein sind in der Tat stolz auf ihr Reich. Doch wie
kommt es nur, dass ihre Stimmen den Stimmen der Knaben gleichen, die sich beim
Durchstreifen unbekannter dunkler Kellergewölbe gegenseitig Mut zurufen? Weshalb
werden ihre Stimmen lauter und lauter, dreister und dreister? Ob sie sich wohl
bewusst sind, dass sie Furcht haben? Nein. Und doch fürchten sie sich sehr.
Wovor fürchten sie sich?
Sie fürchten sich vor dem, was sie irgendwo im Dunkel umlauert und jeden Moment
im objektiven Licht ihrer Taschenlampen auftauchen kann, etwas, was sich dann
nicht mehr ignorieren und wegerklären lässt: der böse Feind, der nicht in ihre
Statistiken passt; das Gorgonenantlitz, das ihre Schönheitsoperationen ablehnt;
der Vampir, der das Blut in hörbar unkultivierten Schlucken schlürft; das übel
riechende Tier, das keinen Gebrauch von ihren Deodorants macht; das
Unaussprechliche, das trotz aller Vertuschungsversuche darauf besteht, dass man
es beim Namen nennt.
Abgesehen von vielen sonstigen Schreckgespenstern, sagt sich George, fürchten
sie auch meine Wenigkeit.
Mr. Strunk, so vermutet George, würde ihn nur allzu gern mit einem einzigen Wort
festnageln: schwul. Aber weil wir ja mittlerweile das Jahr 1962 schreiben, darf
wohl auch von ihm der Zusatz erwartet werden: Mir persönlich ist es ja egal, was
er treibt, solange er mich in Ruhe lässt. Selbst die Psychologen sind sich nicht
einig darüber, welche Rückschlüsse aus so einer Bemerkung für die vielen Mr.
Strunks dieser Welt zu ziehen sind. Tatsache allerdings ist, dass Mr. Strunk,
einer Fotografie nach zu urteilen, die ihn als Collegestudenten im
Football-Dress zeigt, ausgesehen haben muss wie ein Zuckerpüppchen.
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