Warum du mich verlasen hast von Paul Ingendaay, 2006, SchirmerGraf

Paul Ingendaay

Warum du mich verlassen hast
(Leseprobe aus: Warum du mich verlassen hast, Roman, 2006, SchirmerGraf)

1 Ich träume von einem Drachen mit Kaninchenlippen. Der katholische Suppenwürfel. Ich zeige euch die Schädelstätte. Die Tantenführung. Ich drehe mich wie ein Rad.

Daß etwas mit mir nicht stimmte, merkte ich daran, daß ich wieder diese Träume hatte. Ich werde sie euch nicht erzählen. Nur soviel, damit ihr ein Bild habt. Schwester Gemeinnutz kam darin vor, meine frühere Erzieherin, die mich zwei Jahre lang gequält hat, die ersten zwei Jahre auf dem Collegium Aureum. Schwester Gemeinnutz war ein grauer Drache mit Kaninchenlippen. In meinen Träumen trug sie ihr Nonnenhabit, aber es war länger und fl atterte viel stärker, als ich es in Wirklichkeit je gesehen hatte. Ungefähr so wie ein Drache mit Kaninchenlippen, der Nonnensachen anhat und damit hoch in die Lüfte steigt und bei starkem Gegenwind seine Runden dreht. Bitte! rief ich in meinen Träumen, und meine Stimme war wie das Piepsen einer Maus. Bitte! Flieg davon! Verpiß dich! Laß mich in Ruhe! Aber der graue Drache drehte nur seine Runden, und dann legte er sich in die Kurve, ließ die Flügel lässig ausschwingen und kehrte zurück. Seine Augen glühten, und ich konnte seine Kiefernknochen arbeiten sehen. Er schoß so dicht über meinen Kopf hinweg, daß ich mich ducken mußte. Ich glaube, er stank auch ein bißchen.

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