Anleitung zum
Unschuldigsein
(Leseprobe aus:
Anleitung zum
Unschuldigsein.Das Übungsbuch für ein schlechtes Gewissen, 2001,
Argon-Verlag)
Kapt. 10 Heute
fahre ich nach Italien und schäme mich dort dafür, Deutscher zu sein (S.103-118)
Wer als Deutscher geboren wird,
erfährt früh, dass das ein Problem ist. Als wir eine Schülerzeitung gründen wollten
und uns kein Name einfiel, nannten wir sie ReichsdeputationshauptschIuß, weil wir
den gerade im Geschichtsunterricht durchnahmen und wir einen besonders ungewöhnlichen
Namen haben wollten (und weil wir diesen albernen Namen damals offenbar witzig fanden).
Als wir dann anfingen, zu den Läden in unserem Ort zu gehen, um Anzeigen für Clerasil
und anderes einzuholen, lehnte der Besitzer des Fotoladens dies rundherum ab: »Kinder,
ihr könnt das nicht wissen, aber im Namen des Reichsdeputationshauptschlusses sind im
Dritten Reich schlimme Dinge geschehen. Überlegt euch das noch einmal mit dem Namen.«
Ich weiß nicht, ob wir es damals noch wagten, zu widersprechen und dem Fotohändler zu
sagen, dass es ein Wort und Beschluss von 1803 war, den er zu nationalsozialistisch fand.
Ich glaube, wir schluckten es einfach, weil wir das erste Mal jene Augen gesehen haben,
die Deutsche bekommen, wenn die Sorgenfalten sich fast auch über die Netzhaut erstrecken,
weil Sorge besteht, dass irgend jemand vergisst, was im Dritten Reich unbestreitbar
Schreckliches geschehen ist. Diese tief besorgten Augen des Fotohändlers, aus denen die
Angst vor rechtsradikalen Umtrieben an unserer Schule sprach, lähmten uns derart, dass
wir nicht nur diesen, sondern auch alle anderen möglichen Namen ablehnten und uns dann -
am Tag vor dem Druckbeginn - für den selten doofen Titel Ohne Worte entschieden.
Man kann das aber natürlich, wenn man mag, auch symbolisch sehen: wie das
Heraufbeschwören einer drohenden Wiederkehr der Nazizeit am Ende nur noch Wortlosigkeit
möglich macht. Wir trauen uns immer alles schreckliche zu - so wie der Besitzer eines
Fotoladens in einer oberhessischen Kleinstadt glaubt, dass die Schülerzeitung der
Gesamtschule nach einem Rassengesetz der Nationalsozialisten heißt, so glaubt auch gerne
ein ganzes Land, dass im sächsischen Sebnitz der kleine Joseph Kantelberg-Abdullah von
ausländerfeindlichen Jugendlichen ertränkt wurde und die ganzen Sebnitzer im Schwimmbad
es im Grunde gut fanden, was da geschah, und deshalb zu dem Fall schwiegen. So
unwahrscheinlich dieser Fall auch war und so unglaubwürdig die Mutter wirkte, die aus
verständlichem Schmerz über den Tod ihres Sohnes offenbar nach einem Schuldigen suchte,
so bereitwillig schrie daraufhin ein ganzes Land mit der Stimme der Bild-Zeitung: Mea
culpa, wir sind fürchterlich, es ist unglaublich, dass dies wieder möglich ist in
Deutschland. Auch Volker Schlöndorff fuhr zur Mutter und setzte sich auf die Couch und
filmte das Fotoalbum der Familie ab, schaute betroffen und fühlte sich stellvertretend
schuldig für das ganze Land. Und als die siebzehnjährige Elke aus Halle, die gelähmt im
Rollstuhl sitzt, sich ein Hakenkreuz in die Backe ritzte und sagte, es seien Neonazis
gewesen, glaubten ihr die Medien und die Menschen auch dies. Unser Schuldbewusstsein ist
so groß, unsere Sehnsucht, uns ständig Asche aufs Haupt zu streuen, so masochistisch
riesig, dass wir uns immer sofort für schuldig erklären, wenn etwas Fremdenfeindliches
geschehen ist, niemals wieder soll uns vorgeworfen werden, wir schauten weg und hätten
unsere Lektion nicht gelernt. Deshalb nun schauen wir immer hin. Diese Wachsamkeit geht
soweit, dass unsere Gesellschaft auch all jene Dinge mit einem merkwürdigen Fluidum
umgeben hat, die von den Nazis einmal gemocht wurden. Caspar David Friedrich etwa hatte
lange Zeit allergrößte Probleme, weil bekannt war, wie sehr Hitler ihn geschätzt hat,
von Richard Wagner ganz zu schweigen. Wer sich dazu bekannte, Wagner zu mögen, musste
gleich im nächsten Satz mit sagen, dass er wisse, dass Wagners Werk im Dritten Reich
missbraucht wurde. Sagte er dies nicht, durfte er nicht ohne Gewissensqualen weiter der
Musik zuhören. Auch wer Caspar David Friedrich dennoch mochte, stand jahrzehntelang im
Ruf, nicht kritisch genug mit der deutschen Vergangenheit umzugehen, und wer wiederum
Werke eines Schmidt-Rottluff oder von Barlach ästhetisch kritisierte, musste sich den
Vorwurf anhören, solche Ausgrenzung hätten die Nazis mit ihrer Ausstellung »Entartete
Kunst« auch schon betrieben und man hätte eigentlich gedacht, damit sei es nun
endgültig vorbei. Aus diesem Terror des guten Gewissens entstand ein verquerer
Kulturkanon, in dem Werke von Künstlern, die von Nazis verfolgt oder geächtet wurden,
automatisch als künstlerisch wertvoll galten. Und als hätte man noch immer nichts
gelernt, aus diesen Verrenkungen des deutschen Bewusstseins, handelte man, als die DDR
unterging, ähnlich: Die Dissidenten galten fortan nicht nur als die besseren Menschen
(was sie wahrscheinlich waren), sondern auch als die besseren Künstler (was sie
wahrscheinlich nur manchmal waren). Aus diesem deutschen Gedankenwahnsinn gab es schon
früh nur eine Fluchtmöglichkeit und das war das Ausland. Hätten auch die Westdeutschen,
wie die Ostdeutschen, nicht die Möglichkeit gehabt, ins Ausland zu reisen, wäre wohl
zumindest das halbe Land an akuter Autoaggression zugrunde gegangen. Aber Ausland ist
natürlich nicht gleich Ausland. Reisen in Gebiete, die von Deutschland im Zweiten
Weltkrieg annektiert, angegriffen oder überrollt wurden, aus denen Zwangsarbeiter
rekrutiert und Gelder transferiert oder aus denen Spätaussiedler zu uns gereist sind,
scheiden dabei aus. Das würde die heutige Übung unnötig verkomplizieren. Ideal ist eine
Reise nach Italien. Spätestens seit Goethes italienischen Erweckungserlebnissen gehört
es zu den Bußübungen eines geschlechtsreifen bundesrepublikanischen Großstädters,
sich bei einer Tasse Cappuccino mit geschäumter Milch ein paar Minuten lang unter
strahlender Sonne über die Unterschiede zwischen der deutschen und der italienischen
Lebensart auszulassen. Wir treffen uns zum jammern in Positano. Es ist der vielleicht
bemerkenswerteste Defekt im deutschen Erbgut, dass - egal ob Goethe oder Dürer oder
Michael Schumacher - gerade die deutschesten Deutschen ihren nationalen Selbsthass am
liebsten auf italienischen Piazzas ausleben. Selbst Theoretiker wie Hans Magnus
Enzensberger und Praktiker wie Gerhard Schröder und Oliver Bierhoff sind davon befallen.
Während Schröder allein durch die Art seines bräsigen Sitzens in dem Café in Rimini
seine innenpolitische Position deutlich macht und Oliver Bierhoff von ungeordneten
Gemüsemärkten in Mailand schwärmt und seine Liebe zum Süden und seine Irritation über
deutsche geordnete Gemüsemärkte demonstriert, erklärte Hans Magnus Enzensberger schon
1959, wie es zu Schröder und Bierhoff kommt. Damals sitzt er vor den Toren Roms und
schickt nach Deutschland einen Beitrag für den Sammelband Ich lebe in der Bundesrepublik.
In seinem Text vergleicht Enzensberger die Situation in einem Kaffeehaus in
Düsseldorf mit seinem italienischen Café Mazzini. Während er - beim Gedanken an
Düsseldorf und also Deutschland - einen Film sieht, »der nie reißen wird und das
Fürchten lehrt vor der Ewigkeit der Hölle«, lehrt Enzensberger der Blick ins
italienische Café die Augenblicklichkeit des Paradieses. Und es ist schön zu lesen, dass
selbst Enzensberger angesichts Italiens die romantischen Gäule ein klein wenig
durchgehen: »Im Café Mazzini kann man flirten, streiten, Adorno lesen, Rock ,n' Roll
spielen, Kaffee rösten lassen, einen Kontrakt abschließen, über die Dreifaltigkeit und
die Boxkunst disputieren. Wir können in Sophias Busen blicken, ein Fass Wein oder ein
Taxi bestellen, Gedichte schreiben, den Steuereinnehmer bestechen.« Und dagegen ein
deutsches Kaffeehaus? Pah!
Die
Törtchen-und-alte-Damen-Welt von Fortuna Düsseldorf verliert den direkten Vergleich
gegen die Thekenmannschaft des Café' Mazzini ungefähr 0:7. Allein der Siegeszug
italienischer Lebensart in Form von Cappuccino, Espresso und Latte macchiato im Glas mit
Serviette drum herum hat den Rückstand inzwischen auf 1:7 verkürzt. Zwischenzeitliche
Wutausbrüche gegen die von Selbsthass geprägte deutsche Italien-Gefühlsduseligkeit von
Rolf Dieter Brinkmann in seinem Rom, Blicke oder von Martin Mosebach in seiner
Beschreibung der real existierenden Hässlichkeit italienischer Cafés zwischen
Neonbeleuchtung, Mopedgeräuschen und Flipperautomaten hatten leider keinerlei Einfluss
auf das deutsche Erbgut. Die erfolgreichste Werbung ist weiterhin die, die an »die
italienischen Momente des Lebens« appelliert. Und wie tief diese Sehnsucht in den Genen
sitzt, zeigte sich gleich nach der Wiedervereinigung am ersten gesamtdeutschen Kinoerfolg.
Er hieß Go, Trabi, Go, und er handelte leider von nichts anderem als
dem deutschen Selbsthass und der deutschen Italienliebe, die offenbar, anders als gehofft,
hinter dem Eisernen Vorhang noch besser gediehen war als im allseits offenen Westen. Von
mir abgesehen, so dachte und denkt jeder, sind die anderen Deutschen eigentlich sehr
kleinbürgerliche, spießige Leutchen, die nie einmal fünfe grade sein lassen können,
wie es die italienischen Leute so wahnsinnig gut können. All diese Sehnsucht nach der
Ferne und all dieses Klagen über die Heimat sind nichts anderes als die tägliche,
inständige und wimmernde Bitte darum, ein anderes Lebensgefühl kaufen zu können.
Überall sonst auf der Welt sind alle irrsinnig entspannt, nur in unserem blöden
Deutschland, so bilden wir uns gerne ein, gibt es die strengsten gesellschaftlichen
Zwänge - sogar beim Thema Schönheitsoperation. Die schönheitsoperierten
Kessler-Zwillinge geben zu Protokoll: »In den USA geht man lockerer damit um.« Die an
den Lippen schönheitsoperierte Schauspielerin Anouschka Renzi sagt: »Mit dem Thema geht
man hierzulande spießig um.« Oder, ganz klassisch, Iris Berben: »Was ich nicht mag, ist
dieses Moralisieren in Deutschland.« Da es keine verbindliche Moral mehr gibt, kann man
also selbst bei den absurdesten Diskussionen Pluspunkte sammeln, wenn man Deutschland als
moralinsaure Hölle darstellt.
Das Paradies hingegen bleibt
Italien. Schon letzt hat jedes deutsche Dorf seinen Italiener, in dem man abends
Gewissen schonend Pizza essen kann, während nebenan das Gasthaus »Deutsche Eiche«, die
Kneipe »Zum Hirschen« oder die »Marktstube« wegen mangelnden Zuspruchs schließen
muss. Mit der Pizza, so hofft man, bekommt man auch einen Teller Lebensgefühl serviert
und mit dem Eisbein, so befürchtet man, deutsche Schwermut als Sättigungsbeilage. Die
deutsche Sehnsucht nach dem Italienischen geht so weit, dass ich meinen selbstbewusstesten
Moment erlebte, als ich nach einem zweiwöchigen Italienurlaub derart gebräunt war,
dass mich vor der Eisdiele an der Adria ein deutscher Lehrer mit gebrochenem Italienisch
nach dem Weg fragte. Das gab mir Selbstbewusstsein für zwei Wochen. Wer je in Italien
für einen Italiener, in Frankreich für einen Franzosen oder in Ungarn für einen
Ungarn gehalten wurde, der musste mit Schaudern erkennen, dass das schlechte Gewissen
dafür, leider Deutscher zu sein, dermaßen groß ist, dass man solch eine Verwechslung
feiert wie Deutschland den WM-Sieg von 1954: Erst wenn man nicht mehr deutsch aussieht, so
geht unsere absurde innere Logik, ist man befreit. Ähnlich dachte auch jener junge Mann,
der in Bonn immer hellbraune Schuhe zum blauen Anzug und eine Ausgabe von Corriere
della Sera unterm Arm trug, dies alles, so versicherte er, garantiere ihm
großen Erfolg bei den deutschen Frauen. Da man eigentlich jedoch als Deutscher sehr
selten für einen Italiener (und eher schon mal für einen Tschechen) gehalten wird, kann
man die Sehnsucht nach Identitätsauflösung nur dadurch verwirklichen, indem man in
Lokale geht, in denen besonders viele Einheimische sitzen. Dass in einem Lokal, in dem nur
Italiener sitzen, diese einen selbst vielleicht als lästigen Störer empfinden könnten,
dies kam noch keinem Deutschen je in den Sinn. Die größte Enttäuschung besteht darum
darin, wenn man in einer »ursprünglichen« italienischen Trattoria als einziger
Deutscher unter ganz vielen laut gestikulierenden Italienern sitzt und plötzlich die Tür
aufgeht und ein deutsches Studienratsehepaar eintritt, mit Bauchtasche in Beige,
Canon-Kamera, Merian-Reisefüher und einer Haut, gegerbt von dreißig Jahren
Studiosus-Reisen. Dass man selbst ebenso als Karikatur eines Deutschen zwischen den
Italienern sitzt, kann man ja leider nicht sehen. Man sitzt also schlecht gekleidet am
Frühstücksbuffet des Hotels und hat ein schlechtes Gewissen dafür, wie schlecht sich
die anderen Deutschen kleiden. Italien ist voller Deutscher, die den anderen Deutschen
nicht gönnen, in Italien zu sein, oder ihnen vorwerfen, typische Deutsche zu sein, ohne
zu erkennen, dass sie selbst gerade wegen dieses Vorwerfens die typischsten Deutschen
sind. Ich will meine Nationalität verleugnen, wenn ich sehe, wie lang die deutsche
Schlange der Beschwerdeführer ist, die am Stand von TUI beklagen, dass ihr Bett zehn
Zentimeter kleiner ist als im Prospekt angegeben (stehe aber selbst in der Schlange). Ich
wende den Blick ab, wenn ich sehe, wie die Deutschen auf Mallorca Bier und Schnitzel
bestellen (und ich Spaghetti Bolognese esse). Und ich spüre, wie nicht nur ich, sondern
ein ganzes Land vor Stolz auf die eigene Toleranz kaum noch laufen kann, weil nun mit
Gerald Asamoah ein Schwarzer für die deutsche Fußballnationalmannschaft spielt. Ach, was
sind wir doch für ein modernes Volk (und, noch besser, endlich können wir auch bei
Weltmeisterschaften gegen Mannschaften aus Afrika gewinnen, ohne dass wir ein schlechtes
Gewissen haben müssen).
Am
umweltgefährdendsten ist die deutsche Sehnsucht, undeutsch zu wirken, wenn es um die
Sprache geht. Leider habe auch ich viel zu oft und viel zu früh so zu tun versucht, als
könnte ich Italienisch. Aber das hat den Vorteil, dass man zu Hause weiter büßen kann.
Der Buchtitel »Frauen, die Prosecco trinken« erfasst präzise das Gefühl jener
Wohlfühldeutschen, die glauben, ihre Ausländerfreundlichkeit, ihre
Lebensfröhlichkeit, ihre Weltgewandtheit und ihre Modernität alleine dadurch
auszudrücken, dass sie statt Sekt ab sofort Prosecco trinken. (Funktioniert auch beim
Digestif: »Machste mir ,nen Grappa, Alfredo?«) Da man Prosecco - wie den Grappa - nicht
gänzlich falsch aussprechen kann, geht das weitgehend ohne Peinlichkeit über die Bühne.
Weitgehend. Als einmal ein schrilles Damenduo mit weißgelber Kleidung, die man ansonsten
auf der Terrasse bei Tennisturnieren in Stuttgart trägt, in aufgekratzter Stimmung zwei
Gläser (sprich: »Gläschen«) Prosecco getrunken hatte, gab ihnen der Kellner eine
Rechnung über 11 Mark 80. Daraufhin sagt die eine der Damen: »Mach dodici, Luigi.« Das
klingt großzügig, aber auch auf Italienisch sind dodici nur zwölf Mark. Man kann noch
sosehr sein Deutschsein zu verleugnen versuchen, bei der Höhe des Trinkgeldes verrät
sich der Schwabe im Deutschen. Die schönste Blüte treibt die deutsche Sehnsucht nach
italophiler Bestellsprache, wenn es um den Espresso geht. Nach neueren Untersuchungen in
dem Buch Was die Welt nicht braucht gibt es genau acht verschiedene Arten,
auf die in deutschen und italienischen Cafés zwei Espressos bestellt werden: 1. Due
Espresso, 2. Due Espressis, 3. Due Espressi, 4. Due Espressos, 5. Zwei Espresso, 6. Zwei
Espressi, 7. Zwei Espressis, 8. Zwei Espressos. Leider jedoch wird jede dieser acht Formen
mit demselben unerschütterlichen Selbstbewusstsein vorgetragen, sodass die Hoffnung klein
bleibt, dass die Falschsager irgendwann von der Sprachpolizei ertappt werden und grüne
Strafzettel hinter den Armani-Brillenbügel geklemmt bekommen. Doch wer erst einmal damit
angefangen hat, darüber nachzudenken, der wird aus schlechtem Gewissen für all die
falschen Espressobestellungen der Vergangenheit immer nur noch sagen: »Die Dame nimmt
einen Espresso - und ich auch.«
Doch auch mit
solchen Taschenspielertricks lässt sich das zeitversetzte schlechte Gewissen nie
gänzlich unterdrücken: Man hat früher einmal in einem italienischen Restaurant etwas
ausprobiert, was man selbst Notschi nannte, weil man sich dachte, das im
Italienischen Worte mit »ch« oft wie »sch« gesprochen werden. Dass es aber eine
Sonderregel gibt, die besagt, dass dieses »ch« in Worten wie »Gnocchi« hart wie ein
»ck« gesprochen wird - das erfuhr ich, als ich zwei Jahre nach diesem Restaurantbesuch
meine Freundin selbstverständlich darüber plaudern hörte, dass sie sich gestern Abend
ein paar »Jnohcki« gekocht hätte. Ich hatte fortan ein schlechtes Gewissen für all die
vergangenen Male, wo ich das Wort falsch ausgesprochen hatte oder im Geiste falsch gedacht
hatte. Dies geht natürlich auch bei allen französischen Speisen - und auch etwa bei der
Turnschuhfirma Nike, bei der sich zumindest bei mir auch erst vor zwei Jahren
herumgesprochen hat, dass man das letzte »e« wie ein »i« ausspricht - all die Jahre
zuvor, als ich Nike eindeutschte, erscheinen mir nun im Rückblick schuldbewusst
als Jahre der Peinlichkeit.
Die deutsche
Liebe zu Italien übrigens ist interessanterweise durch nichts eintrübbar: Weder
Mussolini noch Berlusconi gelang es, und sei es auch nur kurzfristig, die deutsche Liebe
zur Weisheit des italienischen Menschen zu schmälern, obwohl eine Figur wie Berlusconi
in der heimischen deutschen Politik für jeden Deutschen ein neuer und ernsthafter Grund
sein könnte, sich im Ausland dafür zu schämen, dass man aus Deutschland kommt. Wenn es
dereinst in jedem deutschen Eiscafé Venezia einen Eisbecher Mussolini und in der Pizzeria
San Marco Tagliatelle Berlusconi gibt, die wir ganz selbstverständlich bestellen, dann
werden wir noch immer zusammenzucken, wenn jemand Reichstag sagt. Das Ausland muss sich
keine Sorgen um uns machen.
Ich weiß noch,
mit welcher Irritation ich sah, dass der Taxifahrer in Italien mit mir immer wieder über
die Fußballerfolge von Bayern München sprechen wollte. Ich entschuldigte mich mehrfach
für alles Mögliche, für den Gewinn der Champions League und den bayern-freundlichen
Fußballgott, doch nach einiger Zeit merkte ich, wie mich der Taxifahrer irritiert ansah:
Er hatte mir etwas Nettes sagen wollen, denn er bewunderte Bayern München, und er hielt
es für eine Form mitteleuropäischer Freundlichkeit, Menschen eines Landes Komplimente
für schöne Dinge aus ihrem Land zu machen. Es gelang mir nicht, ihm klarzumachen, dass
das bei uns Deutschen nicht so einfach sei auch weil ich, während ich nach den passenden
englischen Worten suchte, selbst die Verbindung zwischen Holocaust und Zweitem Weltkrieg
und der daraus resultierenden Scham über die Herrschaft Bayern Münchens über den
Fußball Europas nicht mehr logisch einwandfrei herstellen konnte
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