Quartett für zwei von Angela Huth, 2002, Piper

Angela Huth

Quartett für zwei
(Leseprobe aus: Quartett für zwei, Roman, 2002, Piper - Übertragung Regina Keller)

»Wohin heute?«
»Nach Slough.«
»Slough?«
»Slough.«
»Ich hätte nicht gedacht, daß ...«
»Irgendein Industriegebiet. Irgendein Saal. Ziemlich gute Akustik, wenn ich mich richtig erinnere.«
»Slough! Ich muß schon sagen! Ich kann mir nicht vorstellen, daß das ein guter Auftritt wird, da draußen in ...«
»Da irrst du dich, mein Herzblatt.«
»Du Armer, da wirst du erst spät wieder zurück sein.«
»Nicht besonders spät.«
»Slough ... Mozart?«
William Hendel warf seiner Frau einen prüfenden Blick zu. Er kannte nur zu genau jenes Leuchten in ihren blauen Augen, das Höflichkeit von wirklichem Interesse unterschied. Heute war sie wohl einfach geschafft von dem anstrengenden Tag, den sie ihm beim Tee lang und breit geschildert hatte. Also beschloß er, daß es sich diesmal um bloße Höflichkeit handelte. Eigentlich wollte sie die Antwort gar nicht wissen, und mit Sicherheit war sie nicht auf sämtliche Einzelheiten des Programms erpicht. William ersparte sie ihr.
»Ja, Mozart«, war alles, was er sagte.
»Bist du sicher, du hast die richtigen ...«
William klopfte auf seine Mappe mit den Noten. »Dreimal nachkontrolliert.« Seit er vor fünf Jahren für ein großes Konzert in Manchester statt Brahms Bach eingepackt hatte, vergewisserte er sich jedesmal mit fast schon neurotischer Sorgfalt.
»Na denn.« Grace gab ihm einen Klaps auf die Schulter. Sie hörte, wie das steife Material seines Regenmantels aufplatzte. Morgen würde sie ihm bei einer passenden Gelegenheit vorschlagen, daß er sich einen neuen zulegte. Jetzt irgend etwas zu sagen, wäre grundverkehrt. Zwar litt William vor Konzerten nicht mehr so heftig unter Lampenfieber wie früher, aber nach seiner zweiten Tasse Tee beschäftigte er sich an solchen Tagen in Gedanken gerne schon mit der Musik. Jede Ablenkung verstimmte ihn dann. Grace war allerdings die einzige, die um seine Empfindlichkeit wußte. Sie reichte ihm seinen Geigenkasten und öffnete die Haustür. Auf dem kleinen Wagen in der Auffahrt glitzerten Regentropfen.
»Ach, wie ärgerlich.« Als nicht besonders guter Fahrer war er stets nervös, besonders bei Dunkelheit und Regen. »Ich hatte gehofft, es hätte aufgehört.«
»Wenn du zurückfährst, hat es sich bestimmt aufgeklärt«, sagte Grace, die viel von aufmunterndem Zuspruch hielt.
»Gute Nacht, mein Herzblatt.« William küßte sein Frau auf die Wange. Wenn er die Hände frei hatte, umfaßte er gerne ihr Kinn und küßte sie leicht auf den Mund. In ihren ersten Turtelzeiten hatte er herausgefunden, wie sehr ihr das gefiel. Inzwischen war es zu einem kleinen Ritual zwischen ihnen geworden. Beladen mit Instrument und Notenmappe, konnte er ihr jetzt aber nur einen, wie sie es scherzhaft nannten, Prä-Konzert-Kuß geben. Tasche und Geigenkasten stießen gegen ihre Schenkel. Lächelnd wich sie zurück.
»Fahr vorsichtig.«
»Mach ich.«
Auf der ganzen Fahrt nach Slough hatte William Ärger mit den Scheibenwischern. Entweder liefen sie zu schnell oder zu langsam. In keiner Gangart (ein modernes Wort, das zu benutzen William sich zu seinem Verdruß gelegentlich gezwungen sah) erfüllten sie ihre Funktion ordentlich. Die Scheibe blieb schmierig, ein abstraktes Gemälde, dessen Muster sich im Schein von bunter Neonreklame und Straßenlaternen ständig verschob. William mußte langsam fahren, um zu erkennen, wie weit entfernt die entgegenkommenden Autos mit ihren blendenden Scheinwerfern tatsächlich waren. Er hatte Angst, sich zu verspäten. Gern hätte er auf seine Uhr gesehen, aber Grace hatte ihm immer wieder eingeschärft, daß ein Fahrer den Blick niemals von der Straße abwenden sollte. So verzichtete er auf den Blick zur Uhr.
Mehr als der Regen beunruhigte William heute abend allerdings etwas anderes. Im irritierenden Lichtergeflirre versuchte er sich zu besinnen, was es war. An einer roten Ampel (Handbremse vorsorglich angezogen) fiel es ihm ein: Andrew. Andrew Fulbright. Andrew, sein bester Freund, sein Freund seit fast dreißig Jahren, die beste Bratsche für jedes Quartett im ganzen Land ... war weg. Weg! Es war noch immer unfaßbar. William konnte sich die Situation nachher im Umkleideraum ohne Andrew gar nicht vorzustellen. Ohne Andrews Witzeleien über seine schäbige weiße Krawatte (ein Geizkragen in mancher Hinsicht, hatte er sich nie dazu bewegen lassen, sie zu ersetzen); ohne sein Genörgel über die Banalität des Programms, sofern nicht auch irgendein schwieriger moderner Komponist vorkam; ohne seinen Protest über das warme Bier, das nach Konzerten gereicht wurde; ohne seine Kritik an der mangelnden Rücksichtnahme der Britischen Eisenbahn auf all jene, die spät nach Hause wollten. Der gute Andrew! William und die anderen beiden Mitglieder des Ulmen-Quartetts hatten sich so an sein Gemecker gewöhnt, daß ihre mitfühlenden Reaktionen – teils unisono, teils solo – längst genauso automatisch kamen wie die Eröffnungstakte von Mozarts Köchelverzeichnis 458. Und immer schafften sie es, Andrew aufzumuntern. Er erholte sich stets schnell von seinem meist nur eingebildeten Unglück. Innerhalb weniger Minuten lachte er dann wieder und stimmte sein Instrument, lange bevor er die Bühne betrat, mit einer leidenschaftlichen Genauigkeit, über die die anderen nur staunen konnten. Und mochte er ein Stück auch noch so oft gespielt haben, nie schaltete Andrew auf Automatik, jedesmal legte er seine ganze Seele ins Spiel. Während die anderen häufig müde, gelangweilt oder gereizt waren, war auf Andrew stets Verlaß gewesen. Nun war Andrew nicht mehr da. Das Konzert heute würde das erste ohne ihn sein.
Das Auto hinter William hupte viermal im Rhythmus des ersten Takts von Beethovens Fünfter. Das war ein Signal, das William verstand. Statt sich über die Ungeduld des anderen Fahrers zu ärgern, beruhigte er sich. Es konnte heißen, daß der andere ebenfalls ein Musiker auf dem Weg zum Konzert war. Bereitwillig legte William den Gang ein und stellte fest, daß die Ampel mittlerweile von Grün zu Gelb gewechselt hatte. Trotzdem machte er einen Satz nach vorn, um bloß den Kerl hinter sich nicht noch mehr zu reizen. Grace behauptete, das kleinste Zögern könne heutzutage schon einen Straßenkrieg auslösen. William hatte keine Ahnung, was er machen sollte, falls ein wütender Fahrer streitlustig gegen die Scheibe trommelte. Grace sagte, er solle das Auto stets von innen versperren, sobald sich eine bedrohliche Situation ankündige. Doch eine solche war ihm noch nie begegnet, und mittlerweile hatte er auch vergessen, wie man die Türen von innen schloß. Nervös trat er also in dieser möglicherweise allerersten bedrohlichen Situation heftig aufs Gaspedal und schoß bei Dunkelrot vorwärts, worauf aus allen Richtungen ein wüstes Hupkonzert einsetzte, das ihn vage an Gershwins Taxihupen in »Ein Amerikaner in Paris« erinnerte.
Als er sich wieder beruhigt hatte und nicht mehr krampfhaft das Steuer umklammerte, kehrte er in Gedanken zu Andrew zurück. Der traurige Sachverhalt sah so aus, daß Andrew sich wegen »Ehe-Ärger« gezwungen gesehen hatte, das Ulmen-Quartett vorzeitig zu verlassen. Er hatte William gestanden, daß die Dinge sich nach vielen schwierigen Jahren schließlich zugespitzt hatten. Entweder die verdammten Konzerte, hatte Zara gesagt, oder sie. Er habe die Wahl. Zara, eine Anhängerin des Dreiklangs, hatte ihn angeschrien: Musik, Musik, Musik – sie habe die Schnauze voll nach zwanzig Jahren Musik. Er könne also entweder gehen, gehen, gehen oder auf der Stelle kündigen und bleiben, bleiben, bleiben. Als ehrenhafter Mann, der seinen Hochzeitsschwur nicht vergessen hatte, blieb Andrew nichts anderes übrig, als sich für seine Frau zu entscheiden. Er hatte die Bratsche seinem Sohn übergeben und geschworen, nie mehr zu spielen, was Zaras Triumph verdoppelte.
Der offizielle Grund für Andrews Weggang war eine fortschreitende Arthritis in der Schulter, die sich durchs Spielen weiter verschlimmern würde. William (erste Geige), Rufus (zweite Geige) und Grant (Cello) hatten ihn zwar nie darüber klagen hören, drangen aber nicht weiter in ihn. Sie suchten vielmehr nach Ersatz und organisierten Vorspieltermine. William konnte sich noch gut an die wochenlangen elenden Prüfungen hoffnungsvoller junger Talente – sehr eifriger hoffnungsvoller Talente – erinnern, die ihre Lieblingssonate von Brahms herunterkratzten. Nicht einer von ihnen hätte Andrew mit seinen ganz speziellen Qualitäten im Ulmen-Quartett ersetzen können, doch irgendwann war eine Entscheidung fällig. William und die anderen beiden waren sich einig, daß ein Mädchen, das Bonnie hieß, noch die beste Wahl sei – obwohl jeder von ihnen im Grunde einen Mann vorgezogen hätte. Nach all den vielen Bewerbern konnte William sich kaum noch an Bonnie erinnern, nur daß sie einen dichten Pony und einen denkwürdigen Mund besaß. Für ihr Vorspiel hatte Bonnie einen Teil des Konzerts für Bratsche von Walton gewählt, was Andrew gefreut hatte: Das sei ein Mädchen, sagte er, das eine Herausforderung nicht scheue. Da die anderen gerne wollten, daß Andrew mit seinem Ersatz zufrieden war, und ihr Spiel in der Tat originell, wenn auch ein wenig sprunghaft war, stand die Entscheidung für sie mehr oder weniger fest. Außerdem lief ihnen die Zeit davon. Zara schaute sich in Yorkshire schon Häuser an, um sicherzugehen, daß Andrew nicht wortbrüchig würde, und alle hatten sie inzwischen genug von Vorspielterminen. Daß sie pro Tag ein Dutzend Hoffnungen zunichte machen mußten, gefiel ihnen überhaupt nicht.

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