Nicht mein Tag von Ralf Husmann, 2008, Scherz

Ralf Husmann

Nicht mein Tag
(Leseprobe aus: Nicht mein Tag, Roman, 2008, Scherz)

Sein Seitenscheitel ist so out wie Volksmusik. Er ist fluffiger als die
Versionen, die man bei Hitlers Helfer sieht, gleichzeitig aber nicht
zottelig genug, um als retro, trendy oder szenig durchzugehen. Seit
Till denken kann, hat er diesen Seitenscheitel. Vermutlich sogar noch
länger. Vermutlich haben die Ärzte seiner Mutter bei seiner Geburt
gesagt »Herzlichen Glückwunsch, es ist ein Seitenscheitel«. Es ist
praktisch das Einzige, was sein Vater ihm vererbt hat, abgesehen von
ein paar Pfandbriefen.
Und dann noch mit dieser Haarfarbe: Ein Eichhörnchenbraun.
Ein Braun wie eine überreife Banane. Aber während ringsherum alle
ständig ihre Frisuren wechseln, hat er keine Ahnung, was er anders
machen sollte. Jedes Mal, wenn er in dem hochfahrbaren Frisierstuhl
sitzt, befällt ihn eine Starre, eine klamme Mulmigkeit, dass die Friseurin,
die halb so alt ist wie er, die vermutlich halb so viel verdient
wie er, die wahrscheinlich nie ein Buch von innen gesehen hat, dass
diese Friseurin ihn auslacht, innerlich, womöglich sogar äußerlich,
sobald er eine andere Frisur vorschlägt. Die erste Nachfrage von ihr
wird ihn komplett aus der Bahn werfen. Deswegen hat er noch immer
den Seitenscheitel. In zwei Jahren wird er vierzig sein und er hat
keine Ahnung, wie andere Männer es schaffen, sich passende Frisuren
auszusuchen.
Till starrt auf sein Foto in dem Album, das Jesscia ihm hinhält.
Jessica wartet darauf, dass er ein paar Sätze unter seinen Seitenscheitel
schreibt. Es geht auf den Feierabend zu, bis dahin sollte ihm ein
Satz eingefallen sein, denn Herr Walther wird die Filiale gegen
17 Uhr abschließen, sobald der letzte Kunde den Schalterraum verlassen
hat. Dann wollen sie ihm den faltbaren Angelstuhl schenken,
für den die Belegschaft zusammengelegt hat, und das Album, mit
Fotos von allen Kollegen, mit denen Herr Walther mal gearbeitet
hat. Fotos und Widmungen. Widmungen, die einem erstmal einfallen
müssen. Und das, was er schreibt, muss jetzt quasi seinen Seitenscheitel
wieder ausgleichen.
Herr Walther wird heute 60. Deswegen hatte Frau Odra die Idee,
zusätzlich zu dem faltbaren Angelstuhl noch das Album zu machen.
Sie war extra in der Hauptstelle und hat alle fotografiert, mit denen
Herr Walther mal etwas zu tun hatte. Sie hat sogar ein Bild von den
türkischen Putzfrauen gemacht, die seit ein paar Jahren für die Reinigung
der Filiale zuständig sind. Seit Frau Odra ihren Afrikaner
geheiratet hat, legt sie Wert darauf, auch andere Minderheiten ordentlich
zu behandeln.
Tills Gehirn produziert nichts. Die Julihitze setzt die letzten Giftstoffe
im durchgetretenen Teppichboden der Filiale Osthofen Süd
frei, die Klimaanlage klappert pro forma, scheitert aber kläglich an
ihrer eigentlichen Aufgabe. Durch die Fensterfront dringt das Verkehrsrauschen
aus der Welt, die groß, übervölkert und weitgehend
von ihm unentdeckt draußen vor der Dresdner Bank liegt. Er hat
keine Idee, was man jemandem schreibt, der 60 wird.
»Schreib doch irgendwas. Schreib ›Piep, piep, piep, piep, wir haben
Sie alle lieb.‹ Is doch egal . . .«, sagt Jessica. –
»Ein Piep müssen wir leider abziehen, sonst holpert der Reim . . .
bleiben drei Piep, das macht in Schilling . . .«
Sie sieht ihn an, für einen winzigen Moment hat sie aufgehört, ihr
Kaugummi zu kauen, aber stattdessen nicht angefangen zu lachen.
Natürlich nicht. Jessica ist 24. Woher soll sie Anspielungen auf Dalli
Dalli verstehen? Hans Rosenthal ist schon lange tot. Und Jessica ist
nicht das hellste Licht am großen Baum der Dresdner Bankfiliale in
Osthofen-Süd.
»Wieso Schilling? Versteh ich nicht.«
Er winkt ab. »Nicht schlimm.«
Sie kaut weiter, sie sortiert Unterlagen, die ihr prompt aus der
Hand fallen. Sie ist unfassbar dämlich und er will sie gern nackt
sehen. Am liebsten, während er auch nackt ist. Am allerliebsten, während
sie dabei auf ihm sitzt und draußen vor dem Fenster Paris ist
und nicht Osthofen-Süd und drinnen . . . Er muss aufhören damit! Er
muss dringend aufhören damit! Er ist praktisch schon so gut wie 40,
und das muss er seiner Libido auch mal mitteilen, oder seinem Testosteron,
oder was auch immer bei ihm dafür zuständig ist, dass seine
Phantasie dauernd vollgerümpelt wird mit einer nackten Jessica.
Er muss etwas unter sein Foto schreiben, für Herrn Walther, der
heute 60 wird und sein Zweigstellenleiter ist. Irgendwas Nettes sollte
ihm einfallen. Aber der Teufel ist kein Eichhörnchen, wie oft behauptet
wird, sondern Designer bei H&M und hatte die Idee mit den
etwas zu kurzen Tops, die Jessica in diesem Sommer mit Vorliebe
trägt. Jessica und ein Viertel ihres nackten Bauchs stehen gelangweilt
vor Till. »Bei uns in der Schule hatten die Mädchen diese Poesiealben
«, sagt er, »und Brigitte Schlünzke, die konnte ich nicht leiden,
der hab ich reingeschrieben ›Wum fickt gut‹, und daneben hab ich
Wum gezeichnet, wie er es Wendelin von hinten besorgt.« Er muss
lachen, Jessica nicht. Sie sieht ihn an. »Das war damals . . . Wum war
so ein Hund . . . und ein Elefant . . . die waren in so einer Show . . . im
Fernsehen.« Er merkt, dass ihm die Erklärung missrät, und schiebt
trotzdem hinterher: »Weil es doch den Spruch gibt, von wegen
dumm, äh, also . . .« Er kann nicht zweimal hintereinander »fickt«
sagen zu einer Kollegin, die zwanzig Jahre jünger ist als er. Er merkt,
dass sie auch so durchaus verstanden hat, dass er das mit dem Sex
nicht auf Hunde und Elefanten bezogen hat. Dafür hat sie einen
sechsten Sinn. Vielleicht fehlen ihr die anderen fünf komplett, aber
den sechsten Sinn für billige Anmache, den hat sie.
Er ist sich in diesem Moment absolut sicher, dass der blöde Spruch
stimmt. Mit Sicherheit ist Jessica eine Granate im Bett. Was immer
das auch heißt. Er hat keine Ahnung, wenn er ehrlich ist. Jessica
könnte es ihm zeigen, das fühlt er. Dabei sieht sie nach normalen
Kriterien eher durchschnittlich aus. Nackt wäre sie eher in der Coupé
als im Playboy. Sie ist ungefähr 1,65, schätzt er, parmesanblond, mit
hellen Strähnchen, ein kleines bisschen fleischig um die Hüften, mit
einem sparsamen, herzförmigen Gesicht, etwas zu vollen Wangen,
leicht aufgeworfenen Lippen und herzzerreißenden Sommersprossen
über der kleinen Nase, gerade jetzt, da sie vor zwei Wochen aus einem
Ibiza-Urlaub wiedergekommen ist, wo sie offenbar bemüht war, alle
Klischees über Ibiza-Urlauberinnen zu erfüllen. Zumindest ist sie reklamefähig
braun und trägt deshalb ein ziemlich unseriöses rotes
Top, und darunter ein weißes Trägerhemdchen und darunter nichts
mehr, denn er sieht, wie sich bei jeder Bewegung ihre kleinen Brüste
mitbewegen, einladend geformt wie perfekte Miniatursitzsäckchen,
zwischen die er sich fallen lassen könnte, um . . . er muss aufhören
damit. Er muss aufhören damit!
Sie hockt sich hin, um die heruntergefallenen Unterlagen aufzusammeln,
und zum circa neuntausendsten Mal fällt sein Blick auf die
Tätowierung, die sie kurz über dem Steißbein hat. Ein buntes Muster,
geformt wie ein Motorradlenker. Er weiß, dass das erbärmlich ist.
Er weiß, dass das ein international gültiges Zeichen für eine ganz
billige Tussi ist. Und entsprechend hat sie schon das ein oder andere
Mal gesagt, sie würde lieber irgendwas mit Fernsehen, Modeln oder
Berühmtsein machen, als in der Bank zu arbeiten. Und so, wie sie
selbst einfache Vorgänge bearbeitet, ist klar, dass ihre Chancen trillionenfach
größer sind, bei einer dieser Richtershows im Nachmittagsfernsehen
zu enden als beim Nobelpreiskomitee in Stockholm.
Till ist das egal. Komplett wurscht. Er sieht in der Tätowierung
einen aufgemalten Wegweiser, einen subtilen Hinweis darauf, dass es
unter der Gürtellinie weitergeht mit Jessica. Er sieht die kleinen, hellen
Härchen, in der leichten Mulde am unteren Ende ihres straffen
Rückens, ein vollendet weicher Flaum, den der sadistische Regisseur
des Lebens jetzt auch noch mit Mittagssonne beleuchten lässt. Jetzt,
da die Sonne auf die Tätowierung fällt, wirken die Farben auf ihrer
Haut gedämpfter, weicher als sonst. Wenn er jetzt die Wahl hätte
zwischen Leonardos Mona Lisa und Jessicas Tätowierung, müsste er
keine Sekunde überlegen. Wahrscheinlich hätte Leonardo heute sowieso
ein Tattoo-Studio.

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