Im Nachtzug vn Benno Hurt, 2011, dtv

Benno Hurt

Im Nachtzug
(Leseprobe aus: Im Nachtzug - Eine Entfernung, Roman, 2011, dtv premium).

I

In zehn Minuten sollte der Zug einfahren. Bis dahin stand

ich erst einmal am Bahnhof herum. Machte meine Schritte

zwischen Bahnhofsuhr und meinem Samsonite-Koffer, in

dem sich üblicherweise der Schönfelder, eine Sammlung

deutscher Gesetze, und einige juristische Kurz-Lehrbücher

befinden. Zerging die Zeit, die mir in Kürren noch

blieb. Der Deutsche Soldat ragte aus meiner Sakkotasche.

Nein, er hatte keinen Einfluß auf meinen Schritt. Alle vierzehn

Tage kaufe ich das Blatt. Hier, am Bahnhofskiosk,

bekomme ich es. Der Deutsche Soldat war auch gestern

pünktlich erschienen. Von ihrer Zeitung dürfen das alte

Kämpfer erwarten. Zu einem Kämpfer tauge ich nicht.

Und für einen alten Kameraden bin ich zu jung. Die hübsche

Verkäuferin, die mir das Blatt über Quick und Stern

hinweg herüberreicht, schaut mich immer geheimnisvoll

lächelnd an. Und ich lächele bedeutungsvoll zurück. Ein

Dissens versteckt sich in unserer Dienstagsbeziehung. Die

hübsche Verkäuferin und ich glauben uns einig und sind es

in Wirklichkeit gar nicht.

Ein Aschermittwochsgefühl machte mir zu schaffen.

Schließlich war es seit einer Stunde Aschermittwoch.

Ein Hauptbahnhofsgefühl setzte mir irgendwie zu. Ein

Durchgangsbahnhofsgefühl, da in Kürren wie bei den

meisten Bahnhöfen die Hauptgleise glatt durchlaufen. Ein

Vorbeilaufbahnhof gewissermaßen, da an Kürren und mir

das, was die Leute in München, in Frankfurt, in Hamburg

bewegt, vorbeiläuft. Die große Welt, stelle ich mir vor,

fährt an meinem schönen Kürren einfach vorbei. Und wir

Kürrener stehen am Bahnsteig und winken ihr freundlich

nach. Verplombte Güterwaggons voller Zeitgeschichte,

unterwegs zu den Metropolen, wo sie stattfinden wird.

Tage später kaufe ich mir drinnen am Bahnhofskiosk die

Süddeutsche und nehme schadenfroh zur Kenntnis, wo

wieder einmal eine Bombe hochgegangen ist. Bestimmt

nicht in Kürren. Was, schaue ich mir die Fotos an, nicht

unser Schaden ist.

Der Bahnhof in Kürren ist wie alle Bahnhöfe eine Anlage,

wo Züge beginnen und enden. Für mich begann

hier an diesem Aschermittwoch der Zug nach Köln.

Sechshundertsiebzig Kilometer würde ich auf einem Gleis

fahren. Eine lange Strecke für einen Reisenden. Ein Katzensprung,

wenn ich mir vorstelle, daß ich nun schon

fünfundzwanzig Jahre auf ein und demselben Gleis gefahren

bin. In Nürnberg sollte Eugen zusteigen und mir

Gesellschaft leisten, mitten in der Nacht. Eugen und ich

sind Nachtmenschen. In der Nacht ist alles möglich.

Auch wenn gar nichts passiert. Daß wir uns für den

Nachtzug nach Köln entschieden hatten, war Eugens

Wunsch gewesen. Wenn wir schon eine so lange Fahrt

auf uns nehmen, dann wollen wir wenigstens etwas von

der Stadt haben, meinte er. Die Nürnberger Sternwarte,

die angeblich die älteste in Deutschland ist und ihm

vertraut ist wie seine Hosentasche, wollte er mit der in

Köln-Sülz vergleichen, die sich auf dem Hausdach eines

Gymnasiums befindet. »Wenn du die Kuppel auf dem

Kölner Schuldach siehst, hast du das Gefühl, du bist in

Konstantinopel.«

Ich stand am Bahnsteig. Für einen Moment befiel mich

Müdigkeit. Schließlich war es bereits nach eins. Im Zug

könnte ich einnicken und in Nürnberg wieder aufwachen.

Aber ich bringe die Augen nie länger als ein paar Sekunden

zu. Mit fliegenden Schlägen fährt sich der Zug in

seinen Rhythmus hinein und schläfert sein menschliches

Transportgut ein. Nur mich nicht.

Wenn einer wie ich dann und wann mal nach Augsburg

fährt, um bei Einbruch der Neonnacht seine Hände in den

Hosentaschen zu vergraben und mit eingezogenem Kopf

die Perzheimstraße auf und ab zu gehen oder nach München,

um im Immexhaus die drei Stockwerke hinauf- und

wieder hinunterzusteigen, und dann unverrichteter Dinge

wieder abzieht, wenn einer wie ich genau weiß, was er

in einer fremden Stadt sucht, wenn der nach Köln reist

wegen einer vage formulierten Einladung, ausgesprochen

auf teurem Papier, auf dem Briefkopf die Initialen eines

renommierten Verlags, dann weiß er beim besten Willen

nicht, was ihn erwartet. Ist er erwartungsfroh gestimmt?

Da er doch endlich einmal zu einer Reise ins Ungewisse

aufbricht?

In Kürren habe ich an jeder Straßenecke, meistens

vergeblich, auf ein Mädchen gewartet, gegen jede Hausmauer

habe ich meinen Fußball geschossen, alles ist mir

vertraut. Nur unser Bahnhof nicht. Sanft und beharrlich

entzieht er sich der Inbesitznahme. Er fremdelt, behaupte

ich. Läßt sich nicht einnehmen von unserem Kürrener

Wir-Gefühl. In seinem kühlen Stolz überragt er sogar unseren

Dom St. Peter. Er hält nichts von unserem Feiern-

mit-Bayern, obwohl er mitten im Freistaat steht. Ja, er

geht fremd. Fremde, immer wieder, sooft wir uns begegnen.

Und sei es nur auf eine Halbe Scherdel-Edelhell im

Wartesaal 2. Klasse. Anonymität strahlen seine glatten,

kalten Steine ab. Wer sich in seinen Herrschaftsbereich

begibt, verliert seine Individualität. Wird farblos. So,

als würde die Farbe aus den Kinobildern gedreht. Graue

Reisende sind wir alle. Auch Eugen und ich, die wir

uns auch tagsüber gern im Bahnhofsbereich aufhalten.

Im finsteren Tunnel, der vom Bahnhofsplatz abtaucht,

um in steilen Treppenschächten, durch die milchig das

Tageslicht herunterfließt, wieder hoch zu den Gleisen

zu führen, wird für Kürrener Sehenswürdigkeiten geworben.

Unser Beethoven zum Beispiel, in dem seit drei

Monaten Madame Sascha de Paris gastiert, wo wir noch

um Mitternacht zu Saschas »Alle Laster dieser Welt«

uns unser Wiener Schnitzel schmecken lassen, unser vertrautes

Beethoven erscheint dir plötzlich, hier unten im

Tunnel, verkommen, verrucht. In dieser Lasterhöhle verkehren

wir! sagst du dir stolz. Selbst das Waldbräu, das

unsere gute Stube ist, lockt, daß ich nicht lache, mit herzhaft-

pikanten Grillspezialitäten. Auf einem verrußten,

ölverkrusteten Metallgrill, über den man leicht stolpert,

wenn man unsere gute Stube durch ihren Hinterausgang

verläßt, werden am 1. Mai und zu Fronleichnam Würstchen

gebraten. Im Tunnel zu den Gleisen, die über dir

liegen, da holen sie dir das Blaue von einem Großstadthimmel,

den du nicht siehst. Da tischen sie dir vielleicht

am Ende noch auf, daß im Waldbräu der Fernsehkoch Ulrich

Klever den verehrten Gästen ein Pfeffersteak namens

Henri Nannen serviert.

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