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Im Nachtzug
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n zehn Minuten sollte der Zug einfahren. Bis dahin standich erst einmal am Bahnhof herum. Machte meine Schritte
zwischen Bahnhofsuhr und meinem Samsonite-Koffer, in
dem sich üblicherweise der Schönfelder, eine Sammlung
deutscher Gesetze, und einige juristische Kurz-Lehrbücher
befinden. Zerging die Zeit, die mir in Kürren noch
blieb. Der Deutsche Soldat ragte aus meiner Sakkotasche.
Nein, er hatte keinen Einfluß auf meinen Schritt. Alle vierzehn
Tage kaufe ich das Blatt. Hier, am Bahnhofskiosk,
bekomme ich es. Der Deutsche Soldat war auch gestern
pünktlich erschienen. Von ihrer Zeitung dürfen das alte
Kämpfer erwarten. Zu einem Kämpfer tauge ich nicht.
Und für einen alten Kameraden bin ich zu jung. Die hübsche
Verkäuferin, die mir das Blatt über Quick und Stern
hinweg herüberreicht, schaut mich immer geheimnisvoll
lächelnd an. Und ich lächele bedeutungsvoll zurück. Ein
Dissens versteckt sich in unserer Dienstagsbeziehung. Die
hübsche Verkäuferin und ich glauben uns einig und sind es
in Wirklichkeit gar nicht.
Ein Aschermittwochsgefühl machte mir zu schaffen.
Schließlich war es seit einer Stunde Aschermittwoch.
Ein Hauptbahnhofsgefühl setzte mir irgendwie zu. Ein
Durchgangsbahnhofsgefühl, da in Kürren wie bei den
meisten Bahnhöfen die Hauptgleise glatt durchlaufen. Ein
Vorbeilaufbahnhof gewissermaßen, da an Kürren und mir
das, was die Leute in München, in Frankfurt, in Hamburg
bewegt, vorbeiläuft. Die große Welt, stelle ich mir vor,
fährt an meinem schönen Kürren einfach vorbei. Und wir
Kürrener stehen am Bahnsteig und winken ihr freundlich
nach. Verplombte Güterwaggons voller Zeitgeschichte,
unterwegs zu den Metropolen, wo sie stattfinden wird.
Tage später kaufe ich mir drinnen am Bahnhofskiosk die
Süddeutsche und nehme schadenfroh zur Kenntnis, wo
wieder einmal eine Bombe hochgegangen ist. Bestimmt
nicht in Kürren. Was, schaue ich mir die Fotos an, nicht
unser Schaden ist.
Der Bahnhof in Kürren ist wie alle Bahnhöfe eine Anlage,
wo Züge beginnen und enden. Für mich begann
hier an diesem Aschermittwoch der Zug nach Köln.
Sechshundertsiebzig Kilometer würde ich auf einem Gleis
fahren. Eine lange Strecke für einen Reisenden. Ein Katzensprung,
wenn ich mir vorstelle, daß ich nun schon
fünfundzwanzig Jahre auf ein und demselben Gleis gefahren
bin. In Nürnberg sollte Eugen zusteigen und mir
Gesellschaft leisten, mitten in der Nacht. Eugen und ich
sind Nachtmenschen. In der Nacht ist alles möglich.
Auch wenn gar nichts passiert. Daß wir uns für den
Nachtzug nach Köln entschieden hatten, war Eugens
Wunsch gewesen. Wenn wir schon eine so lange Fahrt
auf uns nehmen, dann wollen wir wenigstens etwas von
der Stadt haben, meinte er. Die Nürnberger Sternwarte,
die angeblich die älteste in Deutschland ist und ihm
vertraut ist wie seine Hosentasche, wollte er mit der in
Köln-Sülz vergleichen, die sich auf dem Hausdach eines
Gymnasiums befindet. »Wenn du die Kuppel auf dem
Kölner Schuldach siehst, hast du das Gefühl, du bist in
Konstantinopel.«
Ich stand am Bahnsteig. Für einen Moment befiel mich
Müdigkeit. Schließlich war es bereits nach eins. Im Zug
könnte ich einnicken und in Nürnberg wieder aufwachen.
Aber ich bringe die Augen nie länger als ein paar Sekunden
zu. Mit fliegenden Schlägen fährt sich der Zug in
seinen Rhythmus hinein und schläfert sein menschliches
Transportgut ein. Nur mich nicht.
Wenn einer wie ich dann und wann mal nach Augsburg
fährt, um bei Einbruch der Neonnacht seine Hände in den
Hosentaschen zu vergraben und mit eingezogenem Kopf
die Perzheimstraße auf und ab zu gehen oder nach München,
um im Immexhaus die drei Stockwerke hinauf- und
wieder hinunterzusteigen, und dann unverrichteter Dinge
wieder abzieht, wenn einer wie ich genau weiß, was er
in einer fremden Stadt sucht, wenn der nach Köln reist
wegen einer vage formulierten Einladung, ausgesprochen
auf teurem Papier, auf dem Briefkopf die Initialen eines
renommierten Verlags, dann weiß er beim besten Willen
nicht, was ihn erwartet. Ist er erwartungsfroh gestimmt?
Da er doch endlich einmal zu einer Reise ins Ungewisse
aufbricht?
In Kürren habe ich an jeder Straßenecke, meistens
vergeblich, auf ein Mädchen gewartet, gegen jede Hausmauer
habe ich meinen Fußball geschossen, alles ist mir
vertraut. Nur unser Bahnhof nicht. Sanft und beharrlich
entzieht er sich der Inbesitznahme. Er fremdelt, behaupte
ich. Läßt sich nicht einnehmen von unserem Kürrener
Wir-Gefühl. In seinem kühlen Stolz überragt er sogar unseren
Dom St. Peter. Er hält nichts von unserem Feiern-
mit-Bayern, obwohl er mitten im Freistaat steht. Ja, er
geht fremd. Fremde, immer wieder, sooft wir uns begegnen.
Und sei es nur auf eine Halbe Scherdel-Edelhell im
Wartesaal 2. Klasse. Anonymität strahlen seine glatten,
kalten Steine ab. Wer sich in seinen Herrschaftsbereich
begibt, verliert seine Individualität. Wird farblos. So,
als würde die Farbe aus den Kinobildern gedreht. Graue
Reisende sind wir alle. Auch Eugen und ich, die wir
uns auch tagsüber gern im Bahnhofsbereich aufhalten.
Im finsteren Tunnel, der vom Bahnhofsplatz abtaucht,
um in steilen Treppenschächten, durch die milchig das
Tageslicht herunterfließt, wieder hoch zu den Gleisen
zu führen, wird für Kürrener Sehenswürdigkeiten geworben.
Unser Beethoven zum Beispiel, in dem seit drei
Monaten Madame Sascha de Paris gastiert, wo wir noch
um Mitternacht zu Saschas »Alle Laster dieser Welt«
uns unser Wiener Schnitzel schmecken lassen, unser vertrautes
Beethoven erscheint dir plötzlich, hier unten im
Tunnel, verkommen, verrucht. In dieser Lasterhöhle verkehren
wir! sagst du dir stolz. Selbst das Waldbräu, das
unsere gute Stube ist, lockt, daß ich nicht lache, mit herzhaft-
pikanten Grillspezialitäten. Auf einem verrußten,
ölverkrusteten Metallgrill, über den man leicht stolpert,
wenn man unsere gute Stube durch ihren Hinterausgang
verläßt, werden am 1. Mai und zu Fronleichnam Würstchen
gebraten. Im Tunnel zu den Gleisen, die über dir
liegen, da holen sie dir das Blaue von einem Großstadthimmel,
den du nicht siehst. Da tischen sie dir vielleicht
am Ende noch auf, daß im Waldbräu der Fernsehkoch Ulrich
Klever den verehrten Gästen ein Pfeffersteak namens
Henri Nannen serviert.
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