Valteninsnacht von Silvio Huonder, 2006, Nagel+Kimche

Silvio Huonder

Valentinsnacht
(Leseprobe aus: Valentinsnacht, Roman, 2006, Nagel & Kimche)

Chaos, sagt Paulmann, ist auch eines dieser Wörter, die vergebens versuchen, das eine vom anderen zu trennen. Es bezeichnet eine Angelegenheit oder eine Begebenheit, in der keine Ordnung zu erkennen ist. Das heißt aber nicht, dass keine Ordnung existiert. Das Wörtchen Chaos weist bloß auf unsere Erkennungsprobleme hin. Niemand kann beweisen, dass es so etwas wie Unordnung wirklich gibt. Genauso gut können wir behaupten, dass der Zufall ein ebenmäßiges Netz mit wunderbaren Mustern knüpft. Die Muster, sagt Paulmann, sind eben nur aus genügend großem Abstand zu erkennen.

Es war vor neun Monaten, als er in einer anderen Wohnung auf dem Sofa lag und in einem Stadtmagazin die Kontaktanzeigen überflog. Seine Freundin war nicht mitgekommen, als er nach Berlin zog. Sophie mit ihrem missionarischen Eifer. Sophie mit ihren Engelslocken und den großen Zähnen und wie sie die Schultern hochzieht und den Kopf zurücklegt, wenn sie lacht. Nach ihrem Diplom in Geowissenschaften begann sie für eine Umweltorganisation in Straßburg zu arbeiten. Es war ein guter Job. Er freute sich für sie. Ihre Beziehung war schon vorher nicht mehr als solche zu bezeichnen. Sein Umzug nach Berlin gab ihr den Rest. Inzwischen las er regelmäßig die Kontaktanzeigen. Paulmann war noch nicht lange in der Stadt, gerade mal ein paar Monate. Allein fühlte er sich deswegen nicht. Über die Arbeit im Institut hatte er schnell ein Zimmer gefunden und Leute kennen gelernt.

Gegen Ende Mai kam er eines Abends aus der U-Bahn und kaufte von einem Straßenverkäufer die neueste Ausgabe des Stadtmagazins. Zu Hause blätterte er das Heft durch und las auf den hinteren Seiten die Kontaktanzeigen. Jung gebliebene sinnliche Frauen verbaten sich Bäuche, Bärte, Raucher und Tanzmuffel. Irgendwann blieben seine Augen an einer seltsamen, kursiv gedruckten Zeile hängen: Melde dich oder lass es bleiben – Chiffre 20819. Aus einer Laune her aus schrieb er seinen Namen und die Nummer seines Handys auf die Rückseite eines Passbildes, das er zufällig in der Brieftasche trug, und schickte es los.

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