Birthday Letters von Ted Hughes, Gedichte, FVATed Hughes

Chaucer
(aus: Birthday Letters, Gedichte, Frankfurter Verlagsanstalt)

"Wenn milder Regen, den April uns schenkt,
Des Märzens Dürre bis zur Wurzel tränkt..."
Aus vollem Halse, während du dich oben auf einem Zauntritt wiegtest,
Deine Arme erhoben - teils um das Gleichgewicht, teils
Um die Zügel der gespannten Aufmerksamkeit
Deines imaginären Publikums zu halten -, rezitiertest du Chaucer
Vor einer Weide mit Kühen. Und der Frühlingshimmel
Mit seiner fliegenden Wäsche war schuld daran und das junge Smaragdgrün
Der Dornsträucher, des Weißdorns, des Schwarzdorns
Und einer dieser Kübel voll Champagner,
Die du aus reinem Esprit schöpftest.
Deine Stimme hallte Richtung Grantchester über die Wiesen.
Verloren muß sie sich angehört haben. Doch die Kühe
Guckten, kamen näher: Sie wußten Chaucer zu schätzen.
Du machtest immer weiter. Es sprach viel dafür,
Chaucer hier aufzusagen. Dann kam das Wyf of Bath,
Deine literarische Lieblingsgestalt.
Du warst verzückt. Und die Kühe waren bezaubert.
Sie schoben und schubsten sich mit den Schultern, bildeten einen Kreis,
Um in dein Gesicht zu starren, schnaubten gelegentlich
Voll Zustimmung, versenkten sich erneut in ihre erstaunte Aufmerksamkeit,
Drehten ihre Ohren, um keine Wendung zu verpassen,
Hielten ergriffen zwei Meter Abstand
Der Verehrung. Du konntest es einfach nicht glauben.
Und du konntest nicht aufhören. Was würde passieren,
Wenn du aufhörtest? Würden sie dich angreifen,
Erschrocken von der plötzlichen Stille, oder mehr hören wollen -?
Also mußtest du weitermachen. Du machtest weiter -
Und zwanzig Kühe blieben gebannt vor dir stehen.
Wann hörtest du auf? Ich kann mich nicht mehr erinnern,
Daß du aufhörtest. Vielleicht wankten sie davon -
Mit rollenden Augen, als hätte man sie vom Futtertrog vertrieben.
Vielleicht scheuchte ich sie weg. Doch
Deine getragene Chaucer-Rezitation
Hatte sich für immer eingeprägt. Was folgte,
Fand meine Aufmerksamkeit besetzt
Und mußte dem Vergessen anheimfallen.

(S. 59-60)

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