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Vierzig Rosen
(Leseprobe aus: Vierzig Rosen, Roman, 2006, Ammann)
Der
dreizehnte Geburtstag
Das Hotel Moderne lag im oberen Teil der Altstadt und war ein turmähnlicher,
schrecklich verwinkelter Fuchsbau. Unten, an der Rezeption, klingelte Tag und
Nacht das Telephon, Signora Serafina jedoch, die Besitzerin, hatte keine Zeit,
es abzunehmen, denn ständig wurde sie von allen Seiten bedrängt, von Fischern
und Gemüsehändlern, von Emigranten und Faschisten, die ihr mit Drohungen und
Komplimenten den Hof machten.
Über Absätze und Umwege ging es zu den einzelnen Etagen; nur im Speisesaal gab
es elektrisches Licht; es dunstete nach Petroleum; überall waren Koffer
gestapelt, und im Treppenhaus lauerten geckenhaft gewandete Schiffsagenten, um
den Hotelgästen eine Passage anzudrehen.
Das Zimmer war eher schäbig: ein Messingbett für den Herrn Papa, eine Couch für
das Fräulein Tochter, ein wackliger Leuchtertisch, ein wurmstichiger Schrank,
ein gefleckter Spiegel, und aus dem Wasserkrug, der in einer Porzellanschüssel
stand, roch es nach Chlor. Oh, aber die Aussicht, das Panorama! Am liebsten
stand Marie im Fenster und bürstete ihr Haar. Dann spürte sie die Wärme der
untergehenden Sonne, und es kam ihr vor, als vermähle sie sich dem Himmel, dem
Meer, dem Hafen und der Stadt.
Genua!
Genua im Spätsommer 1939.
Um acht Uhr abends erscholl jeweils der Gong zum Dinner, worauf sie mit Papa
nach unten ging, in den Speisesaal. Die Emigranten waren leicht zu erkennen. Da
sie ihre letzten Abende in Europa würdig begehen wollten, erschienen sie en
grande toilette, einige der Männer sogar im Frack. Dagegen war sie, Marie, eher
behelfsmäßig kostümiert, already worn, wie der Brite sagt. Das grün
schillernde, von Luise umgenähte Fähnchen stammte aus den Roaring Twenties,
und nur Lavendels Schühlein, die roten, aus Lack, konnten den Ansprüchen genügen.
Dennoch wurde sie von sämtlichen Kellnern bewundernd zur Kenntnis genommen, und
eines Abends sprangen sie am Nebentisch sogar auf: Sturmtruppleute! Ein Männercercle
in schwarzen Hemden und Kniebundhosen! Sie hoben die Gläser, winkelten die
Ellbogen und: E viva, riefen sie, e viva la bellezza!
Errötend senkte Marie den Blick, aber beim Suppeschöpfen zwinkerte ihr
Serafina, die Hotelwirtin, verstohlen zu und meinte flüsternd, die Herren würden
sich glücklich schätzen, nachher mit ihr zu tanzen.
Oh, es wird getanzt?
Der Prosecco, sagte Serafina, kommt vom Nebentisch.
Serafina schien mit aller Welt auszukommen, mit jüdischen Emigranten und
Mussolinis Faschisten, auch schämte sie sich ihrer Üppigkeit keineswegs,
sondern ließ unter den Bändeln einer weißen Servierschürze die Gesäßbacken
derart aufreizend mahlen, daß sogar Papa, der die Frauen als abgeschlossenes
Kapitel betrachtete, zu unverhohlenen Seitenblicken verführt wurde. Serafinas Fülle
drohte den Rock aus allen Nähten zu pressen; sie roch nach Parfum, Schweiß und
anderen Säften; das rote Haar wurde durch einen Schildpattkamm zu einem
bombastischen Turm gefügt, und ihr Gebiß, das sie dauernd blitzen ließ, war
ganz aus Gold. Für sie, hatte Serafina erklärt, hätten die Rassegesetze keine
Bedeutung, wer zahle, sei willkommen, basta.
Papa sprach beim Essen kaum ein Wort. Er löffelte, er schlürfte, er schwitzte.
Schließlich faßte sich Marie ein Herz und sagte: Papa, stimmt es, daß demnächst
die Batavia einläuft? Sie soll von Dakar heraufkommen und noch am selben Abend
via Marseille zurückgehen.
Wer hat dir das gesagt?
Ach, man hört so dies und das.
Vom Oberkellner hatte sie es erfahren. Der hatte einen Mittelscheitel, seine
Wangen waren weiß gepudert, und sein violetter Schnauz lag wie ein Lidstrich über
den rötlichen Lippen. Früher hatte er als Kabinen-Steward die Ozeane befahren,
nun war er die rechte Hand von Serafina, vermutlich auch ihr Liebhaber, und
spielte im Moderne die Rolle eines meererfahrenen Lebemenschen. Jeweils nach dem
Frühstück begab er sich in einen rückwärtigen Saal, hinter eine mit
Eisblumen verzierte Milchglasscheibe, wo er mit kratzender Feder die
Speisekarten für das Abendessen schrieb. Eigentlich wollte er dabei von
niemandem gestört werden, aber bei der jungen Signorina Katz ließ er sich
huldvoll zu einer Ausnahme herab. Darauf dürfe sie stolz sein, hatte ihr
Serafina zugeflüstert, das erlaube der Steward nur den wenigsten.
Rezension I Buchbestellung I home III06 LYRIKwelt © Ammann