Vierzig Rosen von Thomas Hürlimann, 2006, Ammann

Thomas Hürlimann

Vierzig Rosen
(Leseprobe aus:
Vierzig Rosen, Roman, 2006, Ammann)

Der dreizehnte Geburtstag

Das Hotel Moderne lag im oberen Teil der Altstadt und war ein turmähnlicher, schrecklich verwinkelter Fuchsbau. Unten, an der Rezeption, klingelte Tag und Nacht das Telephon, Signora Serafina jedoch, die Besitzerin, hatte keine Zeit, es abzunehmen, denn ständig wurde sie von allen Seiten bedrängt, von Fischern und Gemüsehändlern, von Emigranten und Faschisten, die ihr mit Drohungen und Komplimenten den Hof machten.
Über Absätze und Umwege ging es zu den einzelnen Etagen; nur im Speisesaal gab es elektrisches Licht; es dunstete nach Petroleum; überall waren Koffer gestapelt, und im Treppenhaus lauerten geckenhaft gewandete Schiffsagenten, um den Hotelgästen eine Passage anzudrehen.
Das Zimmer war eher schäbig: ein Messingbett für den Herrn Papa, eine Couch für das Fräulein Tochter, ein wackliger Leuchtertisch, ein wurmstichiger Schrank, ein gefleckter Spiegel, und aus dem Wasserkrug, der in einer Porzellanschüssel stand, roch es nach Chlor. Oh, aber die Aussicht, das Panorama! Am liebsten stand Marie im Fenster und bürstete ihr Haar. Dann spürte sie die Wärme der untergehenden Sonne, und es kam ihr vor, als vermähle sie sich dem Himmel, dem Meer, dem Hafen und der Stadt.
Genua!
Genua im Spätsommer 1939.
Um acht Uhr abends erscholl jeweils der Gong zum Dinner, worauf sie mit Papa nach unten ging, in den Speisesaal. Die Emigranten waren leicht zu erkennen. Da sie ihre letzten Abende in Europa würdig begehen wollten, erschienen sie en grande toilette, einige der Männer sogar im Frack. Dagegen war sie, Marie, eher behelfsmäßig kostümiert, already worn, wie der Brite sagt. Das grün schillernde, von Luise umgenähte Fähnchen stammte aus den Roaring Twenties, und nur Lavendels Schühlein, die roten, aus Lack, konnten den Ansprüchen genügen. Dennoch wurde sie von sämtlichen Kellnern bewundernd zur Kenntnis genommen, und eines Abends sprangen sie am Nebentisch sogar auf: Sturmtruppleute! Ein Männercercle in schwarzen Hemden und Kniebundhosen! Sie hoben die Gläser, winkelten die Ellbogen und: E viva, riefen sie, e viva la bellezza!
Errötend senkte Marie den Blick, aber beim Suppeschöpfen zwinkerte ihr Serafina, die Hotelwirtin, verstohlen zu und meinte flüsternd, die Herren würden sich glücklich schätzen, nachher mit ihr zu tanzen.
Oh, es wird getanzt?
Der Prosecco, sagte Serafina, kommt vom Nebentisch.
Serafina schien mit aller Welt auszukommen, mit jüdischen Emigranten und Mussolinis Faschisten, auch schämte sie sich ihrer Üppigkeit keineswegs, sondern ließ unter den Bändeln einer weißen Servierschürze die Gesäßbacken derart aufreizend mahlen, daß sogar Papa, der die Frauen als abgeschlossenes Kapitel betrachtete, zu unverhohlenen Seitenblicken verführt wurde. Serafinas Fülle drohte den Rock aus allen Nähten zu pressen; sie roch nach Parfum, Schweiß und anderen Säften; das rote Haar wurde durch einen Schildpattkamm zu einem bombastischen Turm gefügt, und ihr Gebiß, das sie dauernd blitzen ließ, war ganz aus Gold. Für sie, hatte Serafina erklärt, hätten die Rassegesetze keine Bedeutung, wer zahle, sei willkommen, basta.
Papa sprach beim Essen kaum ein Wort. Er löffelte, er schlürfte, er schwitzte. Schließlich faßte sich Marie ein Herz und sagte: Papa, stimmt es, daß demnächst die Batavia einläuft? Sie soll von Dakar heraufkommen und noch am selben Abend via Marseille zurückgehen.
Wer hat dir das gesagt?
Ach, man hört so dies und das.
Vom Oberkellner hatte sie es erfahren. Der hatte einen Mittelscheitel, seine Wangen waren weiß gepudert, und sein violetter Schnauz lag wie ein Lidstrich über den rötlichen Lippen. Früher hatte er als Kabinen-Steward die Ozeane befahren, nun war er die rechte Hand von Serafina, vermutlich auch ihr Liebhaber, und spielte im Moderne die Rolle eines meererfahrenen Lebemenschen. Jeweils nach dem Frühstück begab er sich in einen rückwärtigen Saal, hinter eine mit Eisblumen verzierte Milchglasscheibe, wo er mit kratzender Feder die Speisekarten für das Abendessen schrieb. Eigentlich wollte er dabei von niemandem gestört werden, aber bei der jungen Signorina Katz ließ er sich huldvoll zu einer Ausnahme herab. Darauf dürfe sie stolz sein, hatte ihr Serafina zugeflüstert, das erlaube der Steward nur den wenigsten.

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