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Der kleine Herr Mister
(Leseprobe aus: Der kleine Herr Mister, Roman,
2006, Kiepenheuer &
Witsch)
Als ich das
Atelier verlasse, ist es noch zu früh, um zum
Nocturne zu gehen. Ich fahre ein Stück mit der Straßenbahn,
gehe einige Meter, setze mich in eine Eckkneipe und bestelle
ein Bier. Ein schönes Lied läuft, aber nach etwa drei Minuten
ist es zu Ende, und ein anderes beginnt. Ich bestelle noch ein
Bier. Ab und zu schaue ich auf die Uhr, die über dem Regal
mit den Gläsern hängt. Um fünf vor acht zahle ich und
mache mich auf den Weg zum Nocturne.
Das Nocturne besitzt eine Rezeption, von der aus man den
Gästeraum nicht einsehen kann. Herr Verhagen hat einen
Tisch reservieren lassen, ist aber noch nicht da. Zum Warten
gehe ich vor die Tür. Neben ihr hängt für die Passanten die
Speisekarte aus, und über der Liste mit den Speisen und Preisen
steht: NOCTURNE – Das Dunkelrestaurant.
Beinahe geräuschlos kommt sein Jaguar in die Straße gerollt.
Herr Verhagen parkt ein und schwingt sich aus dem
Auto. Seine Wangen sind von geplatzten Äderchen gerötet,
und sein Schnurrbart steckt wie eine kleine, feste Bürste über
dem Mund. Er ist einen Kopf kleiner als ich – und als Jonas –
und trägt Penny Loafers.
»Mein Lieber!«, ruft er, »Ich habe mir gedacht, das ist was
für dich! Dunkelheit schärft die Sinne, und Künstler brauchen
scharfe Sinne.« Er schlägt mir auf die Schulter. »Tag,
mein Lieber.«
»Herr Verhagen –«
»Du siehst müde aus, mein Bester! Und ich hab’ schrecklichen
Hunger! Schnell rein in den Laden!«
Er zieht mich an die Rezeption, wo er für uns beide das gleiche
Menü bestellt: Als Vorspeise Ahlbecker Krabbensalat in
fruchtiger Tunke auf Zupfsalat, als Hauptgang ein Erlebnisgericht,
dessen Zutaten die Restaurantbesucher herausschmecken
sollen, und als Dessert ein Preiselbeer-Waldbeer-Sorbet.
Im Dunkelrestaurant ist es dunkel, stockdunkel, die Kellnerin
führt uns im Gänsemarsch an unseren Tisch. Herr
Verhagen hält ihre Hand, ich halte seine, und die Kellnerin
erklärt uns den Ort. Er ist das Selbsthilfeprojekt einer
Blindenvereinigung, eine Maßnahme zur Schaffung von Arbeitsplätzen
für Blinde, jedoch nicht non-profit, sondern
durchaus mit kommerziellem Interesse. Alle Kellner des
Dunkelrestaurants sind blind. Bis auf unsere Kellnerin.
»Ich bin nicht ganz blind«, sagt sie, »aber stark sehbehindert.
Und es wird schlimmer. Dies ist hier der einzige Ort, an
dem ich noch arbeiten kann. Manche Leute, die mich nur
flüchtig kennen, denken, ich sei arrogant, weil ich sie auf der
Straße nicht grüße. Dabei sehe ich sie einfach nicht. Menschen
auf der anderen Straßenseite, das sind für mich doch
nur farbige Kleckse.«
Bis hierher ist alles sehr schnell gegangen, und die Kellnerin
hat, seit sie uns von der Rezeption abgeholt hat, ohne
Pause geredet, sodass ich noch immer nicht dazu gekommen
bin, Herrn Verhagen nach Jonas zu fragen.
»Können Sie«, sage ich, als die Kellnerin endlich gegangen
ist – und es macht nur einen akustischen Unterschied,
man kann nicht sagen, sie sei verschwunden oder nicht mehr
zu sehen –, »können Sie mir sagen, wo Jonas ist, Herr Verhagen?«
»Natürlich. Auf Malta.«
»Auf Malta?«
»Ich habe sie selber zum Flughafen gebracht.«
»Sie? Wen, sie?«
»Na, ihn und diese ... Jérôme. Ach nein, Jérôme ist ja ein
Männername, nicht? Ich denke immer, Jérôme sei ein Frauenname.
« Er lacht. »Ach ja, Französisch, die kultivierteste
Sprache der Welt, die Sprache der Liebe und der Erotik. Dass
ich des Französischen nicht mächtig bin, das ist etwas, was
ich wirklich bedaure. Weißt du, als ich zur Schule ging, war
es noch üblich, Latein zu lernen. Da habt ihr es heute besser,
euch hat man das Französische ja praktisch in die Wiege gelegt.
Du kannst doch Französisch?«
»Nur ein bisschen«, sage ich. »Nicht richtig, eigentlich.«
»Was?«, ruft Herr Verhagen. »Du kannst kein Französisch?«
Die Gespräche an den unsichtbaren Nachbartischen verstummen
für einen Augenblick. Dann beginnen sie wieder.
»Mensch«, sagt er, jetzt wieder in normaler Lautstärke, »da
hast du aber was verpasst, mein Lieber. Gerade als Künstler,
gerade als Maler! Paris! Der Louvre! Französische Literatur
im Original – das ist doch eine Sprache, die man als Künstler
können muss!«
In diesem Augenblick kommt der Ahlbecker Krabbensalat
in fruchtiger Tunke auf Zupfsalat.
»Sie müssen manchmal die Finger zu Hilfe nehmen, aber
das macht ja nichts«, sagt die Kellnerin, »sieht ja keiner.
Guten Appetit!«
Ich höre, wie sie sich wieder entfernt.
Jetzt, da ich weiß, dass Jonas nicht in der Stadt ist, ergibt es
keinen Sinn mehr, ihn suchen zu gehen. Es ergibt allerdings
auch keinen Sinn, hier zu sitzen.
»Wie heißt das Mädchen denn nun in echt?«, frage ich ins
Dunkel hinein. Ich höre Herrn Verhagen mit Messer und
Gabel auf seinem Teller hantieren.
»Welches Mädchen?«
»Jérôme.«
»Ah, Jérôme! Wie sie hieß ... Hm. Ich weiß es nicht mehr.«
»Was machen die beiden denn auf Malta?«
»Sie heißt ... Jacqueline. Nein, Moment – Valerie. Mein
Gott, ich kenne sie eben gar nicht. Ständig kommt er mit
neuen Mädchen an, ich weiß nie, ist das jetzt seine Freundin
oder ist er nur mit ihr befreundet oder spielt das bei denen
gar keine Rolle mehr? Ich meine, ich bin sein Vater und ich
bin geschieden, aber diese Vielweiberei hat er nicht von mir.
Ich war niemals promiskuitiv, und seine Mutter war es auch
nicht. Weißt du, mir ist völlig bewusst, dass ich ihm ein kaputtes
Elternhaus hinterlassen habe, aber ich glaube ja, dass
Scheidungskinder die stärkeren Persönlichkeiten werden im
Vergleich zu den Nichtscheidungskindern.«
»Na ja«, sage ich, ohne darauf zu achten, was ich sage, »die
einen sind traurig, die anderen voll Illusionen.«
»Traurig? Meinst du? Na, Illusionen sind Täuschungen,
nicht? Und eine Enttäuschung ist immer auch das Ende einer
Täuschung, und das Ende einer Täuschung kann durchaus
von Vorteil sein. Auf lange Sicht.«
Ich frage mich, in welchem klugen Buch er das gelesen hat,
taste nach dem Fuß meines Weinglases, nehme es und trinke
es in einem Zug leer.
»Schön, diese Dunkelheit, nicht?«, sagt er. »Man will gar
nicht wieder hinaus. Jedenfalls, die Trennung seiner Eltern –
auch wenn ich alles in der Welt gegeben hätte, um sie zu
verhindern! – hat Jonas am Ende womöglich sogar gestärkt.
Ich meine, schau dir an, was er geleistet hat! Er ist zweiunddreißig
und führt eine großartige Galerie! Er hat Geschmack,
er sieht gut aus, er treibt Sport, er kauft sich ein Häuschen
auf Malta –«
»Er kauft sich ein Haus auf Malta?«
»Ich dachte, du wüsstest davon. Er hat mir erzählt, du
wüsstest davon. Er hat mir im Auto noch davon erzählt, dass
es mehr oder weniger für euch beide ist. Ich dachte, du wüsstest
davon!«
Ich zögere. »Ich weiß nicht«, sage ich schließlich und reibe
mir die Stirn. »Komisch, ich kann mich nicht erinnern. Ich
kann mich einfach nicht erinnern.«
»Na, er wird dich ja kaum verwechselt haben. Vielleicht
habe ich mich auch verhört. Was mich wundern sollte. Er
verehrt dich, das weißt du. Er liebt deine Kunst. Er liebt die
Kunst im Allgemeinen, und das hat er von mir. Ich habe ihn
ja von klein auf mit der Kunst vertraut gemacht, wir sind
nicht bloß ins Museum, wir sind zusammen direkt in die
Ateliers von Malern und Bildhauern gegangen, einmal waren
wir in Düsseldorf bei Beuys, da hat er noch jahrelang von
erzählt. Er hat künstlerische Früherziehung genossen und
all das, du weißt es ja. Als er älter war, haben wir uns ganze
Nächte lang über Kunst unterhalten, und ich denke schon,
dass ich ihm vermitteln konnte, was Kunst für mich und
überhaupt für die Menschheit bedeutet, ich glaube, er hat das
ganz tief verinnerlicht. Und mit geschäftsmännischem Können
verbunden. Und davor habe ich großen Respekt.«
Ich sehe Jonas vor mir. Er hat die Angewohnheit, hinter
dem Rücken mit einer Hand an seinem Gürtel herumzunesteln,
während er mit jemandem spricht.
»Was er sich getraut hat«, fährt sein Vater fort, »das – muss
ich ganz ehrlich sagen – hätte ich mich nicht getraut. Nicht,
als ich am Beginn meines Berufslebens stand. Für mich war
immer klar: Nicht die Leidenschaft zum Beruf machen! Ich
spreche nicht von Hobby! Ich habe keine Hobbys! Ich habe
Leidenschaften, keine Hobbys. Das ist ein großer Unterschied!
Ich bin ein leidenschaftlicher Mensch. Wir brauchen
neuen Wein, nicht? Wie kommen wir jetzt an neuen Wein?
Winken hilft hier ja nicht. Hast du eine Taschenlampe dabei,
haha! Hallo?«
Sofort ist die Bedienung zur Stelle.
»Was kann ich für Sie tun?«, höre ich ihre Stimme links
oberhalb meines Kopfes.
»Wir hätten gerne noch eine Karaffe Rotwein«, sagt Herr
Verhagen.
»Schmeckt es Ihnen?«
»Ausgezeichnet«, sagt er. »Dir auch?«
»M-hm«, mache ich, greife mit den Fingerspitzen einige
Krabben und schiebe sie mir in den Mund. Ich denke kurz
an Johanna. Ich denke daran, was wäre, wenn wir alle nie
sterben müssten.
»Aber ich bin auch, wie alle leidenschaftlichen Menschen,
ein gefährdeter Mensch«, spricht Herr Verhagen weiter. »Ich
ziehe Katastrophen und Widerstände an, weil ich so sehr
nach oben strebe, immer auf ein Ziel zu, immer zum Licht.
Was ich tue, tue ich zu hundert Prozent, egal, was es ist. Und
deshalb stürze ich, wenn ich stürze, immer von einem Gipfel.
Ich bin in meinem Leben mehrfach gestürzt. Ganz, ganz
tief. Ich weiß nicht, ob du dir das vorstellen kannst. Ich finde
es übrigens schön, dass wir einmal Gelegenheit haben, uns
ganz in Ruhe miteinander zu unterhalten, ich weiß gar nicht,
wie lange es her ist, dass wir dazu gekommen sind, das muss
irgendwann früher gewesen sein, als du mit uns in den Ferien
warst, was? Allgäu, Holland, wo warst du überall dabei?«
Die Kellnerin kommt und schenkt neuen Wein ein.
»Wenn Sie selber nachschenken, immer den Finger ins Glas
halten, damit Sie merken, wann es voll ist, ja?«
Sie stellt die Karaffe auf den Tisch und räumt unsere Vorspeise
ab. Dann entfernt sie sich, um mit dem Erlebnismenü
zurückzukehren. Wieder etwas später ist ihre Stimme an einem
anderen Tisch zu hören, wo sie mit den Gästen plaudert.
Ich taste nach meinem Messer und hacke damit auf dem
Teller herum. Einige Dinge sind weich und trennen sich sofort,
sodass das Messer aufs Porzellan schlägt, andere sind
elastisch und lassen die Klinge zurückfedern.
»Jedenfalls, mmh – ist das Karotte?«, sagt Herr Verhagen
und schluckt herunter, was er gerade im Mund hat. »Jedenfalls
war es jedes Mal, jedes Mal die Kunst, die mich gerettet
hat. Anders kann ich es nicht beschreiben. Sie hat mich gerettet.
Das erste Mal, gut, da war ich nicht abgestürzt, aber
ich stand an einem entscheidenden Punkt meines Lebens,
an einem Scheidepunkt, quasi. Ich war mit der Schule fertig,
das war 1968, und die Frage war, was nun? Zur Bundeswehr?
Oder verweigern? Verweigern, das ging damals nicht einfach
so. Was ist das hier – Kartoffel? Spargel? Huhn! Mein
Vater, der wiederum meine Liebe zur Kunst sehr früh bemerkt
und immer gefördert hat, der schenkte mir eine Fahrt
nach Italien. Ich bin nach Florenz gereist, nach Venedig
und Rom – aber ich hatte nichts mit diesen Hippies zu tun,
die da überall hockten. Ich war viel zu neugierig, um mit
denen in ihren Wohngemeinschaften herumzuliegen und
Drogen zu schlucken. Ich wollte Geschichte sehen, Geschichte
erleben, die Wurzeln und Schätze unserer Kultur! Ich war
in Pompeji, selbstverständlich. Ich stand vor der Pietà und
in der Sixtinischen Kapelle im Petersdom. Ich bin kein religiöser
Mensch. Religion hat mich nie interessiert. Religion
ist was für Menschen, die vom Leben nichts mehr wissen
wollen. Die fertig sind mit dem Leben. Das sind Erwachsene,
die sich nur mit Schwimmflügeln ins Wasser trauen.«
Er lacht.
Ich senke den Kopf und rieche an den Dingen, die auf meinem
Teller liegen. Ich nehme etwas zwischen Zeigefinger und
Daumen, zerdrücke es und tippe auf gekochte Zucchini.
»Was mich in der Sixtinischen Kapelle überwältigt hat, wie
du dir vorstellen kannst, das war nicht das Religiöse – wenn
du mich fragst, hat das den Michelangelo selber nicht interessiert,
es hat doch nicht einmal den Papst interessiert, es ging
doch im Grunde nur um Prunk und Politik und Macht –«
»Echt?«, sage ich und drehe mich um. Hinter mir ist es genauso
dunkel wie vor und neben mir.
»Aber selbstverständlich, mein Lieber! Prestige, alles Prestige!
Aber, als ich dort stand und die Malerei des Michelangelo
sah, da war ich ganz und gar, da war ich komplett
überwältigt! Es hat mich erleuchtet, das war wirklich eine
Erleuchtung! Heute würdet ihr wohl sagen: Es hat mich umgehauen.
Durch diese Malerei, auch wenn das vielleicht ein
wenig pathetisch klingt, erkannte ich die Natur und das Wesen
des Menschen. Und das Wesen des Menschen – sein Äußeres
und sein Inneres, das in dieser Malerei, in diesen Körpern
sichtbar ist! – ist so schön, dass mir klar geworden ist:
Ich bin nicht auf dieser Welt, um zur Bundeswehr zu gehen!
Militär, mein Lieber, ist Lebensverschwendung. Das wurde
mir in der Sixtinischen Kapelle bewusst. Dazu ist das Leben
nicht da. Als Michelangelo anfing, in der Kapelle zu malen,
hatte er den Auftrag, zwölf Figuren zu malen, das weißt du
als Maler ja alles, die Apostel. Und wie viele Figuren waren
zu sehen, als er fertig war? Dreitausend! Dreitausend! Also
das hier ist jetzt, glaube ich, eine Marone. Das ist ja raffiniert.«
Ich lege beide Hände flach auf mein Essen, um zu fühlen,
wie viel es ist. Viel ist es nicht.
»Ich stehe also in dieser Sixtinischen Kapelle und weiß, ich
werde nach Hause fahren, eine Ausbildung machen, studieren
und eine Firma gründen – selber Kunst machen kam bei
mir nicht in Frage, ich kann nicht malen. Ich kann auch keine
Gedichte schreiben, und ich beherrsche kein Instrument.
Und überhaupt, ich frage mich immer, was hätte man denn
den Meistern noch hinzuzufügen? Was denn schon? Nichts!
Da bin ich ganz Realist. Und Realist zu bleiben ist immer das
Wichtigste! Realist bleiben und zugleich die Leidenschaft
nicht verlieren, das ist die Kunst des Lebens. Meine Firma
jedenfalls, das war immer mein Ziel, sollte so viele Leute
beschäftigen, wie Michelangelo Figuren in die Sixtinische
Kapelle malte. Und das habe ich auch geschafft, zumindest,
sagen wir, symbolisch. Das große Problem damals war allerdings:
Wie komme ich nun um diese olle Bundeswehr herum?
Verweigern unmöglich. Mein Vater saß selber in einer
dieser Kommissionen, in denen man die Verweigerer ins
Kreuzverhör nahm. Er hätte mich verprügelt, enterbt, vielleicht
wäre er auch auf der Stelle vor Gram gestorben. Aber –
mein Vater hatte einen Freund, einen Arzt, der mich sehr
mochte und der so lange an mir herumuntersuchte, bis er
irgendeine Knochenfehlstellung in der Hüfte fand, die mich
untauglich machte. Und er hatte so gut gesucht, dass der
Amtsarzt das Attest bestätigen musste.«
Ich taste nach meinem Weinglas. Herr Verhagen kaut.
»Das hier kann ich jetzt nicht definieren. Das muss irgendeine
Wurzel sein. Hoffentlich ist es kein Hühnerfuß!«
Er lacht.
»Und dann kam also«, sagt er und betont beide Wörter in
ihrer Mitte, »nach der Ausmusterung die Ausbildung. Und
das war eine Zeit, in der ich sehr unglücklich wurde, weil ich
merkte, dass ich anders war als die anderen. Ich hatte die
Werke der großen Meister in Italien gesehen, ich las sehr viel,
ich kannte Goethe und Schiller, die Romantiker, Büchner,
das Fin de Siècle, ich las alles, was mir zwischen die Finger
kam, ging in klassische Konzerte, in die Oper, und in der
Lehre gab es natürlich niemanden, der auch nur einen Hauch
dieser Interessen mit mir teilte. Diese Leute lebten in einem
anderen Universum, schlicht und ergreifend. Die hatten
Angst vor mir. Die konnten nicht mit mir reden. Die dachten,
ich halte mich für was Besseres. Was ich auch tat, ehrlich
gesagt. Ich interessierte mich doch nicht die Bohne für das
Leben, das diese Leute führten. Wenn sie am Montag erzählten,
wie sie ihr Wochenende verbracht hatten, wurde mir
schlecht. Ich sag’s, wie’s ist, da wurde mir schlecht. Die wussten
nichts, und die wollten auch gar nichts wissen. Und das
machte mich einsam, das muss ich schon sagen, sehr, sehr
einsam machte mich das, ich kannte da ja auch Jonas’ Mutter
noch nicht, ich war ja gerade mal neunzehn, zwanzig Jahre
alt. Drei Jahre hat diese Ausbildung gedauert. Und irgendwann
im zweiten Lehrjahr war ich dann mit den Nerven am
Ende. Weil es mir schien, als hätte ich bereits eine unendliche
Lehrzeit in Einsamkeit und Kälte verbracht und müsste nun
in derselben Einsamkeit eine weitere, genauso unendliche
Zeit verbringen. Und das habe ich nur schwer verkraftet.
Jeden Morgen war es, als ob mir jemand Gewichte an alle
Gliedmaßen gehängt hätte. Und nachts, wenn ich wach lag,
überlegte ich, wie ich dieses Leben beenden könnte. Im
Ernst. Und dann, in genau einer solchen Nacht, begann ich,
Tonio Kröger zu lesen. Tonio Kröger, kennst du ja, was?«
»Ja«, sage ich. Ich habe meine Stirn auf die Finger gestützt
und versuche zu überlegen, was ich tun soll.
»Ich kann noch heute auswendig, was der Kröger sagt«, redet
Herr Verhagen weiter. »›Ich stehe zwischen zwei Welten,
bin in keiner daheim und habe es infolgedessen ein wenig
schwer. Ihr Künstler nennt mich einen Bürger, und die Bürger
sind versucht, mich zu verhaften ...‹ Als ich diese Sätze
las, wirklich, da begann mein Herz wieder zu atmen! Da war
einer, dem ging es genauso wie mir! Dem ging es sogar noch
schlechter! Ich las das Buch in zwei Stunden durch, in dieser
Nacht, und am Ende sah ich, dass selbst für dieses verkorkste,
jämmerliche Geschöpf von Kröger noch Hoffnung bestand.
Dass er seinen Frieden machen konnte mit der Welt
und seinen eigenen Weg finden! Ich sage dir, mein Lieber, in
dieser Nacht habe ich kein Auge zugetan, aber am nächsten
Morgen bin ich so voller Mut zur Arbeit gegangen wie noch
nie. Und ich hatte zwei Sätze im Kopf. Der eine lautete:
›Wenn dieser Kröger es schafft, schaffe ich es erst recht!‹ Und
der andere: ›Ihr könnt mich mal!‹ Und ich schaffte es. Ich absolvierte
die Lehre, studierte, und zwar in Rekordzeit, ließ
mir mein Erbe auszahlen, gründete meine Firma, und heute
bin ich da, wo ich bin. Kröger sei Dank!«
»Ich erinnere mich«, sage ich, »eigentlich nur an das Mädchen,
das ihn versteht, das er aber nicht leiden kann, weil es
beim Tanzen dauernd hinfällt. Die fand ich nett. Den Rest
hab’ ich vergessen.«
»Vergessen? Aha. Was für Bücher haben dich denn in dem
Alter interessiert?«
Ich überlege einen Moment. »Moby Dick.«
»Moby Dick! Ein Kinderbuch!«, ruft er. »Na, du hast ja ein
sonniges Gemüt!«
Die Kellnerin kommt und fragt, ob wir noch etwas bräuchten.
Herr Verhagen bestellt den Nachtisch, und die Kellnerin
räumt unsere Teller ab.
»Und das dritte Mal, dass ich Beistand aus der Welt des
Guten und Schönen brauchte, war, wie du dir sicher vorstellen
kannst, als Jonas’ Mutter mich verlassen hatte und starb.
Sie hatte mir ihre Krankheit verheimlicht, und ich, ich hatte
einfach nichts bemerkt. Ein Jahr nach der Trennung ging
sie in eine Klinik, ohne mich zu benachrichtigen. Vielleicht
kennst du die Geschichte von Jonas. Jonas hatte sie auch
nichts gesagt.«
Er schweigt einen Augenblick.
»Ich hatte keine Ahnung, wohin sie verschwunden war«,
fährt er schließlich fort. »Aus der Klinik kehrte sie nicht wieder.
Erst als die Nachricht ihres Todes bei mir eintraf, erfuhr
ich von allem. Sie hatte mich verlassen, weil sie ohne mich
sterben wollte. Vielleicht dachte sie, ich hätte für ihren Tod
keine Zeit. Ich arbeitete damals sehr viel. Ich arbeite immer
noch viel. Aber damals war es besonders viel. Es musste besonders
viel sein. Es waren die Jahre, in denen es beruflich
um alles ging.«
Er schweigt wieder einen Moment.
Die Kellnerin bringt das Preiselbeer-Waldbeer-Sorbet. Ich
trinke mein Weinglas leer und schenke mir nach, mit dem
Finger im Glas.
»Danach war ich praktisch ein gebrochener Mann. Ich war
zweiundvierzig und ein gebrochener Mann. Und meinen
Lebensmut fand ich wieder durch Johann Sebastian Bach. Ich
saß während einer Geschäftsreise in der Thomaskirche in
Leipzig in einem Orgelkonzert und hörte den Organisten
über die Suite No. 3 D-dur improvisieren.«
Herr Verhagen singt ein Stück der Melodie vor. Wieder
verstummt das Gespräch am Nachbartisch für einen Moment.
Ich kenne die Melodie aus dem Refrain eines Hip-
Hop-Hits.
»Es war 1992«, sagt er, »im November, ich weiß es noch
ganz genau. Es hatte geschneit, ein klebriger Schnee, der
sogar auf dem unglaublich steilen Dach der Thomaskirche
liegen blieb, ich weiß nicht, ob du dieses Dach mal gesehen
hast. Ich saß drinnen, auch in der Kirche war es kalt, und
der Organist spielte diese Suite. Und aus ihr sprach so vieles
auf einmal, so viel Trauer und Angst, so viel Hilflosigkeit, so
viel Scheitern, so viel von ... Ende – alles, was auch ich selber
empfand. Zugleich aber enthielt es eine Demut, eine aufkeimende
Zuversicht, eine Hoffnung, einen solchen Trost!«
Er macht eine Pause, dann sagt er: »Und da habe ich wieder
Lebensmut gefasst. Nicht, dass ich mir hätte verzeihen können.
Dass ich meine Frau habe gehen lassen, das kann ich
mir nie verzeihen. Aber wieder Lebensmut zu fassen, das ist
mir in dieser Nacht gelungen. Die Hoffnung zu spüren, dass
ich ein besserer Mensch werden könnte, als ich gewesen
war.«
Ich höre, wie er seinen Löffel ablegt. Vermutlich hat er die
Hände irgendwie gefaltet, die Ellenbogen aufgestützt, und
schaut in meine Richtung in diese rabenschwarze Dunkelheit.
Ich lehne mich zurück und atme laut aus.
»Na ja«, sagt Herr Verhagen, »was ich mit alldem sagen
will: was diese Menschen, diese Künstler, an Seelischem
vollbracht haben! Was die für Kräfte hatten! Was für große
Seelen die waren! Was hat sie so fühlend gemacht? Und wie
kommt es, dass sie ausdrücken konnten, was Menschen noch
Jahrhunderte später bewegt? Wie kommt es, dass sie etwas
schaffen konnten, was Menschen tatsächlich retten kann?«
Ich fahre mit meinem Löffel kreuz und quer durch das Sorbet,
grabe Löcher, hacke hinein.
»Was machst du denn da?«, fragt Herr Verhagen.
»Nichts«, sage ich und nehme einen großen Schluck Wein.
»Ich weiß, was ihre Werke so einzigartig macht«, sagt er.
Er stoppt und spricht nicht weiter, und ich leere mein
Weinglas mit einem weiteren Schluck.
»Was denn?«, frage ich, und ich finde, dass meine Stimme
in diesem Augenblick ganz perfekt wiedergibt, was ich empfinde.
»Ich will es dir sagen.«
Und wieder spricht er nicht weiter. Ich tunke meinen Zeigefinger
in das Sorbet. Dann male ich mir damit gezackte
Linien auf Wangen und Stirn.
»Michelangelo, Thomas Mann, Bach«, sage ich. »Das ist
doch alles hundert Jahre her, Mensch.«
Ich taste nach der Weinkaraffe und schenke mir nach, mit
dem Finger im Glas.
»Hundert Jahre? Du bist gut. Geschichte ist offenbar nicht
dein Begabungsschwerpunkt.«
»Tja, ich gehöre eben zur ahistorischen Generation«, antworte
ich. »Wir denken nicht mehr in Zeitpfeilen. Wir denken
horizontal, nicht vertikal, für uns ist alles, was ist und
war, zu ein und derselben Zeit, alles existiert in parallelen
Schichten ... Das kommt vom Computer«, sage ich und trinke
die Hälfte des Glases aus. »Wir denken in Layern, nicht
mehr in ... Chronologien und so.«
Ich kichere und trinke das Glas leer.
»Ich glaube, diese Menschen haben so Außerordentliches
geleistet«, sagt Herr Verhagen, »weil sie alle auf die eine oder
andere Weise großes Leid in ihrem Leben erfahren oder gesehen
haben, und dieses Leid in sich trugen, weil sie, könnte
man sagen, das ganze Leben kannten, die ganzeWirklichkeit,
und deshalb in der Lage waren, Werke zu schaffen, die die
Menschen aller Epochen berühren. Weil wir uns alle in ein
und demselben Leben und Leiden befinden.«
Er macht eine kleine Pause, und ich habe mir inzwischen
nachgeschenkt und einen Schluck getrunken.
»Was redest du hier eigentlich so komisch wie gedruckt?«,
sage ich, aber er redet weiter, als habe er mich gar nicht gehört.
»Wie ist das eigentlich bei dir?«, fragt er. »Hast du jemals
Leid erfahren?«
»Leid?«, sage ich. Mit dem Zeigefinger ziehe ich meine
Augenbrauen und meine Lippen mit dem Preiselbeer-Waldbeer-
Sorbet nach.
»Also, was ich sagen kann, ist, dass ich mich immer nach
so etwas gesehnt habe.« Ich trinke einen Schluck.
»Ich habe mir gewünscht, dass Johanna bei einem
Unfall ums Leben kommt oder Krieg ausbricht oder wenigstens
Armut und Inflation. Oder dass wir wieder eine
faschistische Regierung bekommen und ich fliehen muss.
Oder dass die Stadt bombardiert würde. Oder Al-Qaida
sprengt den Fernsehturm. Oder ich werde Vater, aber das
Kind stirbt. Ich werde verhaftet und unschuldig verurteilt
und Jahre später als Dingsbums, hier, als Krüppel entlassen.
Ich habe mir oft gewünscht, ich wäre wenigstens im Osten
unter einem kommunistischen Regime geboren, später dann
Flucht und das Ganze. Also, ich meine, es müsste schon eine
Katastrophe sein, die mir erlaubt, danach weiterzuarbeiten,
etwas Schreckliches, Sensationelles, aber nichts Tödliches,
stimmt’s? Nein, tut mir sehr Leid, so was hat es in meinem
Leben nicht gegeben. Ich bin nie misshandelt worden und
nie verschleppt. Ich war nie Teil einer Minderheit. Und niemand
hat mich jemals als Geisel genommen. Nichts von all
den Dingen, wonach du dir die Finger leckst. Dafür bin ich
vor kurzem verprügelt worden, aber das reicht nicht, denke
ich, hm?«
Herr Verhagen ist eine Weile ganz still. Ich rufe die Kellnerin
und bestelle neuen Wein. Ich trinke mein Glas leer. Der
neue Wein kommt, und ich schenke mir nach. Ich höre, wie
auch Herr Verhagen sich nachschenkt. Dann räuspert er sich.
»Und du hast nie für etwas gekämpft, mein Lieber.«
Ich öffne den Mund und will etwas entgegnen, aber da ist
der richtige Moment bereits wieder vorbei. Ich nehme mein
Glas und trinke es leer.
»Jonas hat mir erzählt, du hast eine Krise«, sagt er.
»Weil du kein Leid erfahren und deshalb nichts zu sagen
hast«, sagt er.
Ich taste nach der Weinkaraffe und schenke mir nach.
Ich nehme einen großen Schluck.
Und dann unterläuft dem Personal ein Fauxpas. Eine Tür
wird geöffnet, Licht fällt in den Raum. Das Sorbet vor mir auf
dem Tisch ist dunkelrot mit einem Stich ins Violette. Man
kann die Größe des Raumes erkennen, er ist viel kleiner, als es
im Dunkel geklungen hat. Unsere Kellnerin, die sich gerade
auf dem Weg zu einem Tisch in unserer Nähe befindet, dreht
sich nach der Tür um. Die anderen Bedienungen gehen weiter,
wobei sie sich mit den Händen an Stuhllehnen und Holzsäulen,
die im Raum stehen, orientieren, oder unterhalten sich
mit den Gästen, ohne das Licht zu bemerken. Und für zwei
Sekunden schauen Herr Verhagen und ich uns ins Gesicht.
Dann ist es wieder dunkel.
Rezension I Buchbestellung I home III07 LYRIKwelt © Kiepenheuer & Witsch