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Castorp.
(Leseprobe aus: Castorp,
Roman, 2005, Beck - Übertragung
Renate Schmidgall)
III
Das erste war ein kleiner Streit mit dem
Schaffner, auf der Plattform der Straßenbahn Linie 2. Diese schnurrbärtige,
nach feuchtem Tuch und Tabak riechende Person fragte – statt dem jungen
Passagier, wie dieser es verlangte, eine Fahrkarte nach Langfuhr, das heißt,
bis zur Haltestelle im Kastanienweg zu verkaufen – statt dessen also verlangte
der Schaffner von Castorp, er solle ihm sagen, in welche Zone er zu fahren
gedenke. Das war eine so unerwartete, eine so dumme und unverschämte Forderung,
daß der junge Mann mit erhobener Stimme verkündete, er sei nicht von hier und
es werde wohl genügen, den Namen der Haltestelle zu nennen, zu der er wolle.
„Sind Sie sich da sicher?“ fragte der Schaffner und verkaufte seine
Fahrkarten an die nächsten Passagiere, als sei nichts geschehen, gab das
Restgeld heraus und lochte die kleinen rechteckigen Kärtchen den Wünschen
entsprechend – „Olivaer Tor“ – „zweimal Polytechnikum“ – „einmal
Endstation“ –, was Hans Castorp noch mehr aufbrachte, da dieser demonstrativ
unhöfliche Mensch in Uniform nur von ihm die Angabe der Zone verlangte, während
er die anderen Fahrgäste freundlich und zuvorkommend behandelte. Die Straßenbahn
hielt schon das zweite Mal an, Leute stiegen aus und ein, und Castorp stand
unentschlossen mit einer Handvoll Kleingeld da, in dem Bewußtsein, daß er in
dieser Situation lächerlich, ja erbärmlich aussah.
„Sie lehnen es also ab, mir eine Fahrkarte zu verkaufen?“ fragte er schließlich
so laut, daß man ihn zumindest in den nächsten Reihen hören konnte, „soll
ich fahren, ohne zu zahlen?!“
„Am Kastanienweg gibt es keine Haltestelle“, erwiderte der Schaffner ebenso
laut, „woher soll ich wissen, wo Sie aussteigen wollen?“
Eine Hitzewelle stieg Castorp zu Kopf. Noch nie war er einer so unverblümten,
öffentlich demonstrierten Arroganz zum Opfer gefallen, auf die er, was noch
schlimmer war, nicht unmittelbar zu reagieren wußte. Konnte man mit diesem
schrecklichen Menschen denn kultiviert umgehen? Das heißt, ihm zunächst mit
aller Ehrerbietung erklären, sein Benehmen sei völlig unangemessen, um dann zu
den Einzelheiten überzugehen, nämlich denen, die aus Frau Wibbes Brief
resultierten, wo schwarz auf weiß geschrieben stand, daß es am Kastanienweg
eine Haltestelle gebe? Zum ersten Mal in seinem Leben empfand Hans Castorp –
wie man in seinen Kreisen in solchen Fällen zu sagen pflegte – die
Notwendigkeit, jemandem eine Lektion zu erteilen – ja, man hätte, in diesem
Sinne, streng die Stirn runzeln und in einem keinen Widerspruch duldenden Ton
noch lauter sagen müssen: „Ihre Dienstnummer, bitte! Das ist unerhört, Sie
haben wohl vor, ihre Stelle aufzugeben? Ich werde mich noch heute bei der
Direktion beschweren!“ Doch statt irgend etwas zu sagen, setzte sich Hans
Castorp auf den nächsten freien Platz und schaute, das Gesicht dicht an die
Fensterscheibe gepreßt, zerstreut auf das Spalier der hundertjährigen Linden,
hinter denen sich die Fahrbahn der Allee und der Friedhof erstreckten. Das Bewußtsein,
daß er ohne Fahrkarte fuhr, wenn auch ohne jegliche eigene Schuld, setzte ihm
schwer zu. Nach dem, was vorgefallen war, konnte er jedoch auf gar keinen Fall
den Schaffner noch einmal ansprechen, das wäre, wie sein französisches Kindermädchen,
Madame Choissel, zu sagen pflegte, tout à fait impossible gewesen. Er dachte
auch über den seltsamen Akzent des Schaffners nach: Er erinnerte keinesfalls an
das Platt, in dem der Großvater, Senator Hans Lorenz Castorp, gewöhnlich mit
seinem Diener Fiete redete. Auch jenen sonderbaren Lauten aus dem Süden, die er
als kleiner Junge bisweilen im Hamburger Kontor seines Vaters gehört hatte,
wenn ihn Geschäftsleute aus Bayern besuchten, war er nicht im mindesten ähnlich.
Der Akzent des Schaffners gehörte in eine vollkommen andere, gesonderte
Kategorie, die unserem Helden in diesem Moment außergewöhnlich abstoßend
vorkam, fremd und feindlich zugleich. Zu allem Überfluß erklang in einem
Winkel seines Gedächtnisses eine biblische Phrase, die er vor langer Zeit,
wahrscheinlich bei den häuslichen Vorbereitungen auf die Konfirmation, einmal
gelesen hatte. Der Satz lautete: „Mißachte seine Sprache nicht“, doch aus
welchem Buch er stammte und ob er ihn als Kommentar zu der Situation in der Straßenbahn
betrachten sollte – auf diese Fragen fand er keine Antwort. Bedrückt von all
dem, registrierte er fast unbewußt das Gebäude der Technischen Hochschule, an
dem sie gerade vorbeifuhren. Wäre es – wie ein paar Stunden zuvor die Stadt
– während seiner euphorischen Stimmung vor ihm aufgetaucht, so hätte er
sicher seine subtile, durchdachte Schönheit zu schätzen gewußt, die in einer
Verbindung der jahrhundertealten örtlichen Tradition mit der Idee der Moderne
bestand. Doch jetzt konnte ihn kein Maßwerk und keine Attika bezaubern. Er
dachte nur: „Und das soll meine Schule sein, so etwas ...“ Dabei empfand er
eine Art innerer Beschämung, ganz so, als müßte er seinem Onkel, Konsul
Tienappel, lauthals Recht geben, was seine gegenwärtige, bedauernswerte Lage
natürlich nicht zuließ. Womöglich wäre er in seiner Verwirrung zur
Endstation beim Straßenbahndepot gefahren, wäre nicht eine junge Dame in einem
schicken Hut gewesen, die sich über die Lehne beugte und mit freundlicher
Stimme sagte: „Gleich kommt die Haltestelle am Ahornweg, mein Herr. Da ist der
Eingang in den Kastanienweg, auf der anderen Seite der Gleise!“
Castorp murmelte ein kaum hörbares „danke“ und verließ die vordere
Plattform der Straßenbahn. Es kam ihm vor, als seien alle Blicke der Passagiere
auf ihn gerichtet. Mit diesem unangenehmen Gefühl überquerte er die
gepflasterte Fahrbahn und fand ohne Mühe das ansehnliche, noch nach frischem
Putz riechende Eckhaus. Die großen Fenster und die ausladenden Balkone auf
allen Stockwerken, die an heißen Tagen den Bewohnern die Möglichkeit gaben,
sich zu erholen, ohne das Haus verlassen zu müssen, all das machte auf den
jungen Mann den besten Eindruck. Der Zwischenfall mit dem Schaffner war zwar
nicht vergessen, aber sein Gewicht verblaßte angesichts der jetzigen, neuen
Situation. Als Castorp über die breiten, mit einem braunen Läufer bedeckten
Stufen des Treppenhauses hinaufging, hielt er auf dem Zwischenstockwerk an, wo
ein großer, in Stuck gerahmter Spiegel wie im Foyer eines Theaters seine
Gestalt erfaßte. Instinktiv fuhr er sich mit der Hand über den Scheitel und über
den Kragen. Es war ein sonderbarer Moment für ihn. Plötzlich wurde ihm in
voller Schärfe etwas Offensichtliches bewußt, was er vorher gar nicht bedacht
hatte: Er würde zum ersten Mal bei völlig unbekannten Menschen wohnen. Nicht
im Hotel oder in der Pension, wo man gegen Bezahlung Dienstleistungen sowie
einen Ersatz für die eigenen Räumlichkeiten erhält, sondern inmitten eines
fremden Lebens mit einer ganzen Skala fremder Geräusche und Gerüche. Und wenn
auch mit dieser Beobachtung keine konkrete Befürchtung verbunden war –
beispielsweise, wie er nach dem Waschen vom Bad in sein eigenes Zimmer gelangen
würde –, so erschien ihm allein die Tatsache der großen, ja permanenten Nähe
der Körperlichkeit fremder Menschen, mit denen ihn nichts verbinden würde, plötzlich
als etwas unerhört Schwieriges, um nicht zu sagen Unmögliches. Mit nicht ganz
unbeschwertem Herzen schritt er also noch ein halbes Stockwerk höher, um
endlich den Porzellanknopf der elektrischen Klingel zu drücken, die zu jener
Zeit in einer Provinzstadt ein Zeichen modernen Wohlstands sein mußte.
„Zu wem wollen Sie?“ hörte er die gedämpfte Stimme eines Mädchens durch
den Türspalt, „die Dame des Hauses ist nicht hier, wir kaufen nichts, gehen
Sie weg!“
„Ich bin Hans Castorp“, sagte er, „ich habe mit Frau Wibbe wegen eines möblierten
Zimmers korrespondiert! Man hat mein Gepäck hierhergebracht!“ Den letzten
Satz sprach Castorp gezwungenermaßen etwas lauter aus, denn er redete gegen die
geschlossene Tür. Da er sein Verhalten für keineswegs tadelnswert hielt, drückte
er ein zweites Mal den Klingelknopf, diesmal länger als beim ersten Mal. Und
ebenfalls länger als beim ersten Mal mußte er auf das Dienstmädchen warten.
„Ich weiß von nichts.“ Diesmal sah sie ihn genauer an. „Die Herrin sagt
mir nicht immer alles. Gepäck? Man hat nichts gebracht, mein Herr, oder
vielleicht ...“
„Wie bitte?“ fiel er ihr ins Wort. „Ich habe doch genau die Adresse
angegeben, Kastanienweg 1, erster Stock, Vorderhaus, Frau Hildegard Wibbe, Witwe
des Oberleutnants im Kaiserlichen Regiment der Husaren. Stimmt´s?“
Das Dienstmädchen nickte, aber das nützte nicht viel.
„Deine Herrin will ein möbliertes Zimmer vermieten, und du weißt nichts
davon? Hat sie dir nicht gesagt, du sollst das Bett machen? Staub wischen?
Blumen in eine Vase stellen?“
Das Gesicht des Mädchens verriet zwar eine gewisse Verlegenheit, aber ihr
Schweigen brachte ihn nicht weiter. Ungeduldig fragte Castorp schließlich, wann
er Frau Wibbe unfehlbar antreffen könne, denn er müsse auf jeden Fall mit ihr
sprechen.
„Unfehlbar?“ wiederholte das Mädchen lachend, denn das Wort, das der junge
Herr gebraucht hatte, amüsierte sie. „Was weiß ich, vielleicht in einer
Stunde, vielleicht in zwei. Die Herrin sagt mir nicht, wann sie aus der Stadt
zurückkommt. Das Mittagessen ist immer um drei.“
Der junge Mann neigte höflich den Kopf und lief, mit den Fingern einen Marsch
auf dem Geländer trommelnd, die Treppe hinunter zum Ausgang. Hier jedoch hielt
er, als er aus dem Augenwinkel den Hausmeister sah, der trockene Blätter
zusammenkehrte, einen Moment inne und dachte, er wisse eigentlich gar nicht,
wohin er gehen solle. Der Kastanienweg war, wie es schien, der letzte bebaute
Teil der Stadt. Hinter dem Haus erstreckten sich irgendwelche Lagerhallen,
Fabrikschuppen, dahinter Gärten und schließlich Felder, zwischen denen die
verschwindende Straßenbahnlinie einen eigentümlichen, ganz unwirklichen
Eindruck machte. Castorp erinnerte sich zwar, daß er auf dem Weg durch das
Zentrum von Langfuhr außer einigen Geschäften auch die Markise eines Straßencafés
gesehen hatte, aber das war recht weit, und beim bloßen Gedanken daran, daß er
noch einmal mit der Straßenbahn fahren müßte, spürte er eine verständliche
Empörung. So ging er nolens volens einfach vor sich hin und fand sich nach ein
paar Minuten, nachdem er auf einem Steg einen Bach überquert hatte, vor der
Backsteinmauer der Kaserne wieder, in der zweifellos Oberleutnant Wibbe gedient
hatte. Weiter gelangte Castorp zu einer ausgedehnten Rasenfläche, wo soeben Übungen
stattfanden, besser gesagt: Vorbereitungen zu einer Parade. Flott spielte das
Regimentsorchester Preußens Gloria, die Klänge der Posaunen, Trompeten,
Trommeln und Tschinellen hallten in der Oktoberluft, und eine Schwadron Rekruten
in feldgrauer Uniform trainierte das Reiten zur Musik, wobei ständig die
Aufstellung geändert wurde. Es lief nicht, wie es sollte, und Castorp, der
jetzt etwas langsamer ging, hörte immer wieder das Gebrüll des Feldwebels.
„Seid ihr eine Bande von Schweinen?!! Ihr fetten Eber, ihr werdet im
Schlachthaus enden, zurück, noch einmal antreten!!“ Nach diesem Kommando
brach das Orchester die Melodie mitten im Takt ab, um von vorn zu beginnen,
nachdem die Abteilung sich umgruppiert und wieder aufgestellt hatte. Als sie
nach mehreren Malen wieder im Schritt ritten, bockte unter einem der Reiter das
Pferd, der Husar flog aus dem Sattel und landete auf der Erde. Während er
langsam, angeschlagen wieder aufstand und sich das schmerzende Knie rieb, sprang
der Feldwebel hinzu:
„Habacht!“ brüllte er, „den Gurt nicht richtig geschnallt?!“
Der Habacht stehende Rekrut nickte bejahend und wollte, sicher als
Rechtfertigung, etwas hinzufügen, als der Feldwebel ihm plötzlich die Peitsche
über das Gesicht zog und ihm eine Lektion zu erteilen begann.
„Den Sattelgurt“, rezitierte er laut und schlug dem Unglücklichen mit der
Gerte jede Silbe ins Gesicht, „überprüfen wir vor dem Sturz! Und nach dem
Sturz hast du, bevor du dir den Arsch abwischst, das Pferd zu halten!
Wiederholen!!“
Der Rekrut versuchte den Befehl auszuführen, doch in angespannter
Habachtstellung etwas zu sagen, während er jedes Mal, wenn er den Mund
aufmachte, einen brennenden Schlag ins Gesicht bekam, ging offensichtlich über
seine Kräfte. Er trat zwei Schritte zurück und verdeckte den schon stark
blutenden Kopf mit den Händen, was den Feldwebel noch mehr in Rage brachte.
„Hab ich gesagt – rühren?!“ schrie er und sprang zu dem Burschen,
„hab ich dir erlaubt, dich auch nur einen Zentimeter zu entfernen?“ Dabei
drosch er auf ihn ein, wie es gerade kam, und die ganze Schwadron sah schweigend
zu.
„Keine schlechte Schule“, hörte Castorp eine Stimme dicht hinter sich,
„kein Dienst für feine Bürschchen, was?!“
Der untersetzte Rothaarige, der diese Worte an unseren Helden richtete, sah aus,
als sei er belustigt. Er war wie aus dem Nichts auf dem Bürgersteig aufgetaucht
und hatte entschieden die Absicht, ein Gespräch anzufangen, denn gleich fügte
er hinzu: „In diesem Regiment hat niemand das Recht, vom Sattel zu fallen,
findest du nicht auch? Das ist, als würde ein Fräulein am Hof einen saftigen
Furz lassen!“
„In diesem Falle“, erwiderte Castorp auf der Stelle, „schlagen wir sie
auch mitten ins Gesicht, nicht wahr?“ Und er drehte sich um und entfernte sich
schnell von dem Platz, auf dem wieder die Trompeten ertönten. Das heisere
Lachen des Unbekannten war schrecklich. Castorp kam es vor, als hörte er es
noch gute fünfzig Meter. Während er ziellos weitermarschierte, konnte er sich
des Eindrucks nicht erwehren, er habe diese aufgedunsene, niederträchtige
Physiognomie schon irgendwo gesehen. War es bei einem Besuch in den Hamburger
Docks gewesen? Oder während der Ferien in Travemünde, wo man ähnliche Typen
des niederen bürgerlichen Standes treffen konnte, wenn man an einem billigen
Gasthof vorbeifuhr? Hans Castorp wußte nicht warum, aber der Unbekannte hatte
etwas Fremdländisches an sich, obwohl kein Detail seiner ausgedienten, ein
wenig altmodischen Garderobe – und noch viel weniger sein Akzent – zu diesem
Schluß Anlaß gaben.
Hinter der Kasernenmauer, bei der Schleuse am Bach hielt Castorp endlich an und
holte tief Luft. Er hatte große Lust auf ein zweites Frühstück, vor dem er
sich gerne die Hände gewaschen, Gesicht und Hals mit einem feuchten Handtuch
und ein wenig Kölnisch Wasser erfrischt und schließlich Krawatte und
Manschetten zurechtgerückt hätte. Doch wohin war er geraten? Auf der anderen
Seite des Baches, zwischen ärmlichen einstöckigen Häusern, rollte eine Schar
schmuddeliger Kinder einen Metallreifen um einen sumpfigen Teich. Zur Straßenbahnlinie
und dem Haus, in dem ihn niemand erwartete, waren es etwa drei Kilometer, zum
Hotel Deutsches Haus vielleicht elf und nach Hamburg, für das er unverhofft ein
zartes Gefühl von Heimweh empfand, noch viel, viel weiter. Dies war auf keinen
Fall eine tragische Lage. Mit epischer Gewissenhaftigkeit könnten wir sie
schlimmstenfalls als unpassend für unseren Helden bezeichnen, er jedoch war
geneigt, diesen Augenblick seines Lebens als fatalen Knoten zu sehen, dessen
Entwirrung die Möglichkeiten seines erschöpften Nervensystems überstieg. Und
deshalb verfiel Hans Castorp in einen jener jugendlichen Zustände der
Teilnahmslosigkeit, von denen Doktor Heidekind gesagt hatte, sie könnten sich,
wenn sie auch verständlich und nicht besonders gefährlich seien, in Zukunft
zur Melancholie entwickeln. Dieser Zustand beruhte auf einer vollkommenen
Ausschaltung der Aufmerksamkeit und der Reflexion unter Beibehaltung der Fähigkeit,
stärkere Sinneseindrücke wahrzunehmen. Etwas bildhafter gesprochen – wäre
in diesem Moment über Langfuhr ein Gewitter oder ein Schneesturm hinweggezogen,
so hätte er sicherlich Unterschlupf gesucht. Da Derartiges jedoch nicht drohte,
blieb Hans Castorp reglos auf dem Backsteinabsatz der Schleuse stehen und befand
sich, den Blick auf die grüne Wasserfläche geheftet, außerhalb der Zeit.
Selbstverständlich nur subjektiv gesehen, denn außerhalb seines Bewußtseins
herrschte, abgesehen von der – wenn wir so sagen dürfen – Res cogitans, der
denkenden Substanz, eine recht große Betriebsamkeit; die Zeit verging also tatsächlich
und unerbittlich.
Als auf den nahegelegenen Hügeln das hohe Geläut einer Dorfkirche erklang, schüttelte
Castorp seine Lethargie ab. Wie immer in solch einer Situation hätte er nicht
sagen können, wie lange er außerhalb des eigentlichen Lebensstroms verharrt
hatte. Eine Stunde? Drei Viertel? Eine halbe Minute? Sein noch einen Augenblick
auf das Wasser konzentrierter Blick notierte die vom Wind gewiegten Fäden des
Altweibersommers und ein kleines Rindenschiffchen, dessen Konstruktion,
ausgestattet mit einem Mast, einem Papiersegel sowie einer unglaublich findigen
Miniatur-Selbststeuerung, seine unverhohlene Bewunderung weckte. Erst jetzt
bemerkte er, daß ihn von der anderen Seite der Schleuse, auf das Geländer gestützt
wie er, ein hellblonder Junge betrachtete. Sein wirrer Haarschopf, das zu weite
Hemd über der Drillichhose und die nackten Füße in schäbigen Sandalen ließen
darauf schließen, daß Castorp ein Kind der Vorstadt vor sich hatte.
„Ist das dein Schiff?“ fragte er.
Der Kleine nickte. Obwohl ihm zwei Vorderzähne fehlten, hatte er ein
sympathisches Lächeln.
„Hast du es getauft? Wie heißt es denn?“
Der Junge schwieg.
„Danzig? Santa Maria? Wenn nicht Danzig oder Santa Maria, dann weiß ich auch
nicht“, sagte Castorp freundlich, „vielleicht suchst du ja erst einen
Namen?“
„Nein. Ich habe es Paul Bennecke genannt“, erwiderte der Junge ruhig. Dann
schaute er Castorp direkt ins Gesicht, sagte einen langen, unverständlichen
Satz, lachte laut und verschwand über einen Trampelpfad zwischen Brennesseln
und großen Klettenblättern wie ein erfahrener Jäger im Urwald. Die Sache war
die: Castorp erkannte zwar die zischelnde polnische Sprache, verstand aber kein
Wort, während der Bengel, der ihm einen harmlosen Streich gespielt hatte,
sicher beide Sprachen beherrschte.
„Ein seltsames Gefühl“, dachte er und machte sich auf den Rückweg in die
Stadt, „keinen Zugang zu etwas zu haben, was für andere selbstverständlich
ist wie die Luft zum Atmen.“
Der Zufall wollte es, daß gleich hinter der Ecke der Kaserne, aus einer
ungepflasterten, verstaubten Straße, die aus unerfindlichen Gründen den
stolzen Namen Hubertusburgerallee trug, eine Droschke kam. Unser Held, wenn auch
leicht erstaunt von diesem Anblick, winkte sie her und machte es sich, nachdem
er dem Fiaker die Adresse von Frau Wibbe genannt hatte, in der klapprigen
Kutsche bequem. Er schenkte der Umgebung jetzt keinerlei Aufmerksamkeit mehr.
Die Häßlichkeit der Militäranlagen, an denen er noch einmal vorbeikam, die kränklichen,
erst vor kurzem angelegten Grünflächen, auf denen sich herrenlose Hunde
herumtrieben, die Skelette der im Bau befindlichen Häuser – all das
verschwand vor Castorps Augen zugunsten der Erinnerungen, die das
Rindenschiffchen auslöste. In seiner Kindheit hatte er zwar nie von weiten
Seereisen geträumt, denn er hatte sich schon in jungen Jahren die Arbeit in den
Hafenanlagen und Laderäumen angesehen und realistisch betrachtet, doch die
Tatsache, daß der Junge mit dem strohgelben Haar sich als Baumeister eines so
schlau konstruierten Spielzeugs erwiesen hatte, erinnerte ihn an seine eigene
kindliche Leidenschaft, im Teich des Botanischen Gartens Schiffchen schwimmen zu
lassen. Keines von ihnen, das mußte er zugeben, war so perfekt ausgeführt
gewesen wie das des Jungen, aber schließlich ging es nicht um den Vergleich.
Wenn er damals in Gesellschaft seines Großvaters vom St.-Katharinen-Friedhof
nach Hause ging, bat er ihn oft, für eine Weile – bevor sie in die Kutsche
steigen würden – in den nahegelegenen Botanischen Garten zu gehen. Senator
Hans Lorenz ließ sich in der Regel, wenn er auch auf die Uhr sah, was ein
deutliches Zeichen war, daß sie sich nicht zum Vesper verspäten dürften, von
seinem Enkel überreden. Auf den Stock aus Ebenholz gestützt, schritt er
langsam die Allee entlang, vorbei an exotischen Agaven und Eukalyptusbäumen,
und der kleine Hans lief ein Stück vor ihm her und erreichte als erster den
Teich, der wie ein geheimnisvolles grünes Auge inmitten eines kleinen, im
Dickicht verborgenen Platzes lag. Wenn der Großvater an dem abgelegenen Ort
ankam, sah er sich aufmerksam und ein wenig schüchtern um, als suchte er ein
spezielles Versteck für sich. Es war immer die gleiche Steinbank, die in einer
Kaskade von Efeu versank und mit dem Relief einer Meduse verziert war. Hier
holte der Senator eine vergoldete Schnupftabakdose hervor, nahm ein, zwei Prisen
des braunen Pulvers und versank in kurzes Nachdenken. Der Enkel hatte inzwischen
das zuhause geschnitzte Schiff ins Wasser gelassen und schubste es jetzt
mithilfe einer Weidenrute in den Archipel der Seerosen. Während er jetzt, viele
Jahre danach, mit der Droschke durch die fremde Stadt fuhr, erinnerte sich Hans
Castorp daran, daß er die riesigen, flachen Blätter, auf denen sich Libellen
niederließen, mit den seltsamsten Namen von Kontinenten bedacht hatte, die
niemand kannte. Doch das Vergnügen hatte nie lange gedauert. Senator Hans
Lorenz schaute auf die Uhr, erhob sich von der Bank, strich die Schöße seines
Rocks zurecht, marschierte los, ohne etwas zu sagen, und der Enkel, der es nie
gewagt hätte, die Geduld des Großvaters auf die Probe zu stellen, lief ihm
nach, wobei er oft genug nicht einmal sein Schiff aus den Tiefen des Ozeans
rettete.
Am Seitentor der Kaserne hielt die Droschke an. Von den Übungen zurückkehrend,
überquerte die Schwadron in loser Aufstellung die Fahrbahn, während Hildegard
Wibbe jenseits der Kreuzung und der Straßenbahnlinie soeben den Hauseingang im
Kastanienweg 1 betrat. Hans Castorp konnte sie natürlich nicht sehen, und dank
dessen hielt die Erinnerung an den Botanischen Garten, den Teich, die Schiffchen
und Großvater Hans Lorenz, der ihm – übrigens nicht allzu lange – die früh
verstorbenen Eltern ersetzte, noch etwas an. Erst jetzt wurde sich Hans Castorp
darüber klar, daß die Spiele am Teich dem Senator nie gefallen hatten.
Sicherlich wäre er, hätte das Wasserauge an einem von der Öffentlichkeit mehr
frequentierten Platz gelegen, der Bitte des Enkels nicht nachgekommen und hätte
ihm erklärt, daß sich für ein Mitglied ihrer Familie so manches nicht
schicke. Doch so weit war es nie gekommen, und wenn sie sich wieder in die
Kutsche setzten, zog der Senator ein Batisttüchlein heraus, sagte: „Du hast
dir schon wieder die Knie verschmutzt“ – und das blieb der einzige Kommentar
zu der Situation. Als die Droschke in den Kastanienweg einbog, mußte Castorp an
den starken Geruch von Geißblatt denken, der an heißen Sommertagen über dem
Teich des Hamburger Gartens schwebte. Wie zum Kontrast hing jetzt über ganz
Langfuhr der dichte Rauch aus den Gärten, wo man um diese Jahreszeit, vor dem
ersten Frost, trockenes Laub und Gras verbrannte. Unser Held bezahlte die Fahrt.
Der Herbst, den er zum ersten Mal im Leben nicht auf der von Laternen
erleuchteten, belebten Esplanade oder dem ähnlich eleganten Harvestehuder Weg
verbrachte, würde sicher melancholisch und traurig werden, dachte er.
„Was für ein schreckliches Mißverständnis“, hörte er schon auf der
Treppe die etwas heisere Stimme von Hildegard Wibbe, „natürlich ist ihr Gepäck
heute früh angekommen, Herr Castorp, nur hat mein Mädel, diese kaschubische
Gans, es nicht mit Ihnen in Verbindung gebracht, ich hab´s ihr schon eingebläut,
da ist jedes Wort überflüssig, aber ich sehe, Sie sind trotzdem erholt und
zufrieden, ja, in Ihrem Alter, Herr Castorp, hat der Mensch noch Freude am
Leben, da gibt´s nichts, hatten Sie einen schönen Spaziergang? Unsere Luft ist
sauber, gesund, jodhaltig und ohne Kurtaxe“ – lachte sie laut. „Taxe
zahlen die Gäste nur in Zoppot und nur in der Saison, bitte, bitte sehr“ –
sie führte ihn durch einen langen Korridor an einigen schweren, nach
Mottenpulver riechenden Schränken vorbei – „hier ist Ihr Nestchen, reizend,
nicht wahr“ –, sie ließ ihn vor und betrat nach ihm das Zimmer – „Schüssel,
Krug und Handtuch sind hier hinter der spanischen Wand, das Bad können Sie täglich
gegen Bezahlung benutzen und ohne Bezahlung jeden Samstag, das WC befindet sich
am Ende des Korridors neben dem Dienstmädchenzimmer, Herr Castorp, unter dem
Bett haben Sie auch einen Nachttopf, Entschuldigung, das alles hätte das Mädchen
Ihnen erklären sollen, na, aber ich hab´s ihr eingebläut, und jetzt muß ich
für sie einspringen, damit sie mit dem Mittagessen fertig wird, der Ofen wird
bei der ersten Kälte geheizt, aber dieser Herbst ist sehr warm, nicht wahr,
damit haben wir also vorläufig kein Problem, was das Bettzeug betrifft, Herr
Castorp, da gibt´s nichts, es wird einmal im Monat gewechselt, und die Wäsche
lassen Sie bitte einmal in der Woche in dem Weidenkorb, der hier ist speziell für
Sie, die Wäscherin ist sehr solide, wenn auch Polin, aber billiger als die
Bottcherowa an der Ecke, und stellen Sie sich bloß vor, die trinkt ...“
Doch Hans Castorp wollte sich gar nichts vorstellen anhand dieser Erzählung,
und ganz bestimmt nicht die Physiognomie der ständig betrunkenen Wäscherin an
der Ecke Kastanienweg und Ahornweg; von diesem Augenblick an prallten die Worte
der Witwe an ihm ab, er nickte nur höflich, öffnete einfach seinen Koffer und
holte seine Sachen heraus. Da waren zunächst einige dicke Bücher, darunter die
„Technik des Schiffbaus“, in beige-graues Leinen gebunden, ein Holzkasten,
in dem sich ein beträchtlicher Vorrat seiner Lieblingszigarre Maria Mancini
befand, ein Reisenecessaire aus japanischem Lack, eine Gummischüssel zum
Waschen und Rasieren, eine ganze Palette von Unterhemden, die Schalleen vor
seiner Abreise mit schönen Monogrammen bestickt hatte, dann eine Reisedecke,
vier Paar Schuhe, zwei Schlafanzüge, ein Schlafrock, eine Hausjacke, zwölf
Hemden, gestärkt und – ebenfalls von Schalleen – steif gebügelt wie Rüstungen,
ein Sommer- und ein Winteranzug, zwei sportliche Hosen, zu denen spezielle
Tennishemden gehörten, dann die gesondert gepackten Kragen, Manschetten,
Krawatten samt Nadeln, Socken, Unterhosen, Taschentücher und schließlich die
Schreibsachen, unter denen sich sein Lieblingsfüllfederhalter der Marke Pelikan
befand. All das brachte Hans Castorp dann auf einem kleinen Regal, in den
Schubladen einer Nußbaumkommode, auf dem Schreibtisch und in einem eintürigen
Schrank mit Innenspiegel unter, und er hätte beinahe den Moment verpaßt, als
Frau Wibbe ihre Erzählung mit den Worten beschloß: „Mein Gott, ich langweile
Sie, da ist jedes Wort überflüssig“ – und sie verließ das Zimmer, wobei
sie verkündete, daß das Mittagessen in drei Viertel Stunden im Speisezimmer
serviert werde. Als alles verstaut war, wusch sich Hans Castorp sorgfältig Hände
und Gesicht, wechselte das Hemd, und erst dann schaute er sich genauer im Zimmer
um.
An den Wänden mit den gemusterten Tapeten im Berliner Stil waren einige
Gravierungen und Stiche aufgehängt. Sie stellten ausnahmslos Ansichten des
alten Danzig dar und waren in recht düsteren Tönen gehalten. Das Eisenbett hätte
ein zweitklassiges Gasthaus schmücken können, ähnlich wie der abgeschabte,
aber saubere Teppich, auf dem Sektkorken, Zigarrenasche und Absätze von
Damenschuhen unauslöschliche Spuren hinterlassen hatten. Der nicht allzu große
runde Tisch gehörte zusammen mit dem Schrank, der Kommode, dem Sofa, dem
Schreibtisch, dem Regal, dem Nachttischchen und den Stühlen zu einer kompletten
Einrichtung, die gewiß örtlichen Ursprungs war. Ihre einfache Form und das
halbmatte Furnier machten einen angenehmen Eindruck. So auch der Leuchter über
dem Tisch und die Leselämpchen – eines auf dem Schreibtisch, das andere auf
dem Nachttisch. Mit starken Glühbirnen ausgestattet, gaben sie ein solides,
konzentriertes Licht, wovon sich Castorp überzeugte, indem er den Plüschvorhang
zuzog und dann die Ebonitschalter betätigte. Die größte und ganz unerwartete
Freude bereitete ihm jedoch der Blick aus dem Fenster. Das Zimmer ging nämlich
nicht auf den Kastanienweg hinaus, sondern es hatte einen großen Erker in
Richtung der Gärten und Felder, die sich bis zum Horizont erstreckten, um dann
in die sanfte Linie der Hügel überzugehen. Da das Haus in einem bestimmten
Winkel zu dem Weg nach Oliva stand, verdarb auch nicht der kleinste Teil der
Backsteinkaserne den fast ländlichen Ausblick, der von der Strecke der
elektrischen Straßenbahn durchschnitten wurde. Hans Castorp zündete sich eine
Zigarre an, betrachtete die grau-rötlichen Kumuluswolken, die von der Bucht zu
den Hügeln zogen, und dachte, er habe es eigentlich ganz gut getroffen,
abgesehen von der Person der Wirtin, die – vom ersten Satz an – in ihm das
geweckt hatte, was die Engländer abomination nannten. „Ist es möglich“, überlegte
er, „daß die Frau eines Offiziers so frisch von der Leber weg redet? Und daß
sie ständig Wendungen wie da ist jedes Wort überflüssig gebraucht?“ Obwohl
er in seinem bisherigen Leben nichts mit militärischen Dingen zu tun gehabt
hatte, war sich Castorp darüber im Klaren, daß in einem Korpus, in dem fast
jeder Offizier ein „von“ vor dem Namen trug, eine solche Person nur schwer
zu tolerieren war. Zum Glück wollte und mußte er sich nicht in das schon
verflossene Leben des Oberleutnants Wibbe vertiefen, und das einzige, was ihm
jetzt Sorgen machte, war die Perspektive des nahenden Mittagessens in
Gesellschaft der Witwe.
Rezension I Buchbestellung III06 LYRIKwelt © Beck