Der Bluthändler von Felix Huby, 2007, Scherz

Felix Huby

Der Bluthändler
(Leseprobe aus: Der Bluthändler, Roman, 2007, Scherz)

1
Joseph Sabri verließ das ›Bilbao‹ kurz nach neunzehn
Uhr. Trotz des frühen Abends waren nur wenige Menschen
unterwegs. Der Wind pfiff durch die schmale
Straße und peitschte ihm den Regen als kalte Gischt
ins Gesicht. Der junge Mann fröstelte. Er sah zu den
Laternen hinauf, die vor dem dunklen Himmel
schwankten. Nach dem Kalender war es zwar Ende
Juli, aber es schien, als habe sich der Sommer schon
verabschiedet. Für die Jahreszeit war es viel zu kalt.
Sabri beugte den Oberkörper weit nach vorne und beschleunigte
seine Schritte. Aus dem Hauseingang
eines schmucklosen Gebäudes trat ein Schatten und
folgte ihm.
Der junge Afrikaner war nun schon seit anderthalb
Jahren in dieser fremden Stadt in diesem fremden
Land. Josephs Familie hatte ihm diese Reise ermöglicht.
Sie hatten alle viel von dem gegeben, was sie gespart
hatten. Ein Vetter sollte ihn am Flughafen Tegel
erwarten. Aber der Cousin war nicht erschienen, und
Joseph Sabri hatte ihn bis heute nicht gefunden. Dabei
war er von seinen ugandischen Landsleuten und
auch von anderen Afrikanern nach besten Kräften
unterstützt worden. Man traf sich in den Telefon-
shops, wo man zu günstigen Tarifen mit zu Hause
telefonierte. Dort konnte man auch Arbeit finden –
schwarz, für geringen Lohn und ohne jede Sicherheit.
Am liebsten arbeitete Joseph Sabri als Möbelträger. Er
war stark und geschickt und verfügte über ein sehr
gutes Raumgefühl. Selbst durch die engsten Treppenhäuser
dirigierte er die unhandlichsten Möbelstücke
mit geradezu traumwandlerischer Sicherheit.
Abends ging man ins ›Bilbao‹.
Vor fünf Wochen war sein kleiner Bruder Togo
nachgekommen. Sabri hatte noch versucht, die Familie
zu erreichen, um Togo von seinem Plan abzubringen.
Hier war alles anders, als sie es sich zu Hause ausgemalt
hatten. Seitdem ein Nachbarsjunge ein Foto
geschickt hatte, auf dem eine hübsche Frau, ein schickes
Auto und ein kleines Hotel zu erkennen waren
und die Aufschrift ›Meine Freundin, mein Haus,
mein Auto‹, war für sie bewiesen, dass man es sehr
schnell zu etwas bringen konnte in diesem fernen
Land. Und hatte nicht auch er von seinem gelegentlichen
Verdienst so viel wie möglich an seine Familie
geschickt?
Sabri erreichte eine Kreuzung. Er versuchte, sich zu
orientieren. Am Nachmittag hatte ihm Kim Olala,
mit dem er sich in den letzten Tagen angefreundet
hatte, eine Abkürzung beschrieben. Man musste
durch eine Einfahrt, durchquerte fünf Höfe und gelangte
am Ende an ein Gittertor, das meistens offen
war und auf die nächste Straße führte. War es ver-
schlossen, konnte man ohne Mühe darüberklettern.
So sparte man sich den Weg um einen mächtigen,
langgezogenen Häuserblock. Und zudem war man ein
wenig vor den widrigen Wetterverhältnissen geschützt.
Sabri blieb stehen, drehte sich unter der Jacke eine
Zigarette und zündete sie an. Im Licht der Feuerzeugflamme
glänzte sein nasses schwarzes Gesicht. Hier,
zwischen den Häuserwänden, hatte der Wind ein wenig
von seiner Kraft verloren. Der Regen kam steil
von oben. Tropfen rannen in Sabris Hemdkragen.
Der Afrikaner nahm seinen Weg wieder auf.
Er war erst seit drei Tagen aus dem Krankenhaus
heraus. Er war dort eingeliefert worden, weil er an
einem Stand auf dem Rummelplatz eine Portion
Pommes frites gegessen hatte. Kurz darauf war ihm so
schlecht geworden, dass er sich mehrfach hatte übergeben
müssen. Mit einem Mal hatte er alles nur noch
wie durch einen Schleier gesehen, und schließlich war
er bewusstlos zusammengebrochen.
Im Krankenhaus war er dann wieder zu sich gekommen.
Da hatten sie ihm schon den Magen ausgepumpt,
und ein Doktor hatte ihm auf Englisch
erklärt, dass er eine Lebensmittelvergiftung gehabt
habe. Wahrscheinlich durch Salmonellen oder
schlechtes Fett hervorgerufen. Er musste schildern,
wo er die Pommes gegessen hatte. Dann schob ihn
eine hübsche Schwester, die vermutlich aus Thailand
stammte, in ein helles Einzelzimmer. Sie tupfte ihm
den Schweiß von der Stirn und sagte ein paar Worte
in einer Sprache, die er nicht verstand. Ein wohliges
Gefühl überkam ihn. Ein paar Augenblicke später
schlief er ein.
In den zwei darauf folgenden Tagen wurde er
gründlich untersucht. Sie nahmen ihm Blut ab, und er
musste eine Urinprobe abgeben. Ein ernster Arzt
schickte ihn auf das Ergometerfahrrad. Ja selbst eine
Gewebeprobe entnahmen sie ihm. Alles wurde sorgfältig
protokolliert. Eine junge Ärztin befragte ihn
nach Alter, Herkunft, Beruf. Sie wollte wissen, welche
Krankheiten es in seiner Familie gegeben habe, woran
seine Großeltern gestorben waren, ob irgendwann bei
einem Verwandten chronische Krankheiten aufgetreten
seien und hundert andere Sachen. Es interessierte
sie auch, ob er sich schon angemeldet habe, wo er
untergebracht sei, ob er Verwandte in Deutschland
habe. Mit schlechtem Gewissen gestand er, dass er
noch kein Asyl beantragt habe. Untergekommen sei er
in einer Baracke am Rande eines stillgelegten Fabrikareals
in Moabit, wo auch andere Ausländer hausten.
Er sagte, die Adresse kenne er nicht. Er wisse nur, wie
er hinfinde. Die Ärztin lächelte ihn an und sagte: »Ich
würde Sie nicht verraten.« Aber das verstand er nicht.
Zwei Jungs, die er auf sechzehn Jahre schätzte, rasten
auf ihren Mountainbikes auf ihn zu, bremsten, stellten
ihre Fahrräder quer und stoppten so knapp vor
seinen Füßen, dass die Reifen seine Fußspitzen be-
rührten. »Wo willste hin, Nigger?«, fragte einer. Sabri
sagte höflich: »Gutten Tack« und schlug einen Bogen
um die beiden. Sie lachten und fuhren hinter seinem
Rücken durch das Tor auf die Straße hinaus.
Joseph Sabri erreichte das Gittertor. Heute war es
verschlossen. Der Afrikaner warf seine Kippe auf den
Boden, trat sie aus und fasste mit beiden Händen
nach dem oberen Rand des Tors. Im gleichen Augenblick
verspürte er einen heftigen Schlag in der Kniekehle.
Er knickte ein, wollte sich umdrehen, aber da
spürte er plötzlich einen Stich in der Brust. In seinem
Mund breitete sich der Geschmack von Blut aus.
Dann umfing ihn finstere Nacht.
Die Scheibenwischer hatten Mühe, die Wassermengen
von der Windschutzscheibe zu schieben. Der Regen
war plötzlich wieder stärker geworden. Die Straße
lag vor dem dahinrasenden Fahrzeug wie ein dunkler
Fluss.
»Fahr langsamer«, sagte der Mann auf dem Beifahrersitz.
»Du weißt genau, was passiert, wenn der uns auf
dem Weg krepiert!«, antwortete der Fahrer.
»Dann ist es deine Schuld. Zu stark zugestochen!«
»Leck mich doch!«
Von da an wurde nichts weiter gesprochen, bis der
Kastenwagen die geschwungene Auffahrt zu einem
schlossartigen Gebäude hinauffuhr, das tief in einem
parkähnlichen Garten lag. Der Mann hinterm Steuer
stoppte das Fahrzeug direkt vor der Tür mit der beleuchteten
Aufschrift ›NOTAUFNAHME‹.
Die beiden Männer sprangen heraus, rissen die
Tür am Heck des Transporters auf und zogen den bewusstlosen
Schwarzen aus dem Wagen. Vorsichtig
legten sie ihn auf die Treppe und kehrten ins Führerhaus
zurück. Der Fahrer drückte anhaltend auf die
Hupe, und als die ersten Männer in weißen Anzügen
hinter der Glastür erschienen, brauste das Fahrzeug
davon.
Die Pfleger entdeckten den bewusstlosen Joseph
Sabri. Behutsam legten sie den Mann auf eine fahrbare
Trage und karrten ihn zur Notaufnahme. Dort
hatte ein junger Arzt namens Assmann Dienst. »Verkehrsunfall?
«, fragte er, während die beiden Pfleger
Sabri entkleideten.
»Sieht so aus«, sagte einer der Pfleger.
»Was heißt: Sieht so aus? Wo sind die Leute, die
den Mann hergebracht haben?«
»Das ist das Problem. Die sind spurlos verschwunden.
«
»Haben wir wenigstens seine Personalien?«, fragte
der junge Arzt. Plötzlich standen Schweißperlen auf
seiner Stirn.
»Nichts, der Mann hat keine Papiere bei sich.«
Dr. Assmann schaute den Pfleger einen Augenblick
verständnislos an. Dann beugte er sich über den Bewusstlosen,
der nun nackt auf der Untersuchungsliege
lag. »Unfall, dass ich nicht lache! Sieht aus, als hätte
ihn jemand abgestochen.« Er tastete vorsichtig den
Brustkorb ab. »Vermutlich Lungendurchstich. Der
muss sofort in den OP.«
Einer der Pfleger eilte hinaus. Unter der Tür begegnete
er einem hochgewachsenen Mann Mitte fünfzig.
Er trug einen dunklen Anzug, dazu eine silberne Krawatte.
Über seiner hohen Stirn türmte sich ein dichter
weißer Haarschopf. Seine Brille trug er an einem goldenen
Bändchen um den Hals.
»Ich bin dann weg«, sagte er. »Wir haben heute das
Stiftungsfest unserer Verbindung.«
Dr. Assmann sagte mit leicht belegter Stimme:
»Könnten Sie sich den Notfall da bitte mal ansehen,
Herr Professor Schultes? Perforierter Thorax, sieht aus
wie Stichwunden . . .«
»Muss das sein?« Schultes reagierte ungnädig. »Ich
sage doch, ich will zu der Veranstaltung unserer Verbindung.
« Aber dann setzte er doch seine Brille auf
und beugte sich über den Verletzten. »Sieht nicht gut
aus. So wie die Stiche liegen, sollten Sie keine Zeit verlieren
. . . wahrscheinlich ist der Herzbeutel verletzt.
Am besten schicken Sie ihn gleich hoch in die Herzchirurgie.
Dr. Heuer hat Dienst. Vielleicht schaue ich
nochmal vorbei.«
Etwa um die gleiche Zeit bereiteten sich Reinhold
und Heike Mende auf ihre Teilnahme an dem Stiftungsfest
vor. Mende, ein Mann um die fünfzig,
fühlte sich nicht gut. »War doch ein anstrengender
Tag. Ich wäre froh, ich hätte nicht zugesagt.« Mende
legte ein dreifarbiges Band um die Schulter und
klickte den Bierzipfel seiner Verbindung an den Hosenbund.
Dann streifte er sein Jackett über. Heike
kontrollierte zum wiederholten Mal den Sitz ihrer
Strümpfe. Ihr Mann runzelte die Stirn. Die Aktion
seiner Frau hatte etwas Selbstgefälliges, so als bekäme
sie nicht genug davon, ihre langen, schlanken Beine
zu bewundern. Endlich stand sie auf und ließ sich in
den Mantel helfen. Erst danach sagte sie: »Wenn du
natürlich müde bist, können wir auch zu Hause bleiben.
Dann sage ich ab.«
»Du kennst den Wahlspruch unserer Burschenschaft:
›Vigor, fides, patria‹ – ›Mit Kraft in Treue fürs
Vaterland‹. Und außerdem hab ich ja meine eigene
Ärztin dabei.«
Ȁrzte gibt es bei dem Fest genug, und im Unterschied
zu mir sind die alle noch in Übung! Hast du
die Kamera?«
Ihr Mann hob eine kleine Ledertasche hoch. »Sag
mal, diese Videodinger sind doch eigentlich out!«
»Stimmt«, gab Heike zurück, »aber du hast ja nicht
die Zeit, dich mit den neuen Entwicklungen zu beschäftigen.
Außerdem: Sie funktioniert ja.«
Mende setzte ein Cerevice auf, das bestickte Käppchen
seiner Verbindung in den gleichen Farben wie
das Schulterband und der Bierzipfel. »Gehen wir!«
Sabri war in einen Untersuchungsraum der Herzchirurgie
gebracht worden. Er war bereits intubiert
und an ein Beatmungsgerät angeschlossen. Im Operationssaal
trafen zwei Schwestern und ein Pfleger fieberhafte
Vorbereitungen für die Notoperation. Oberarzt
Dr. Friedrich Heuer stand mit dem Aufnahmearzt
Dr. Assmann, der ihm als Assistent zur Hand gehen
sollte, vor der Lichtwand mit den Röntgenbildern.
Wortlos drehte sich Heuer dem Ultraschallgerät zu,
auf dessen Bildschirm eine Ultraschallaufnahme des
Herzens zu sehen war.
Assmann sagte: »Zweifacher Lungendurchstich auf
alle Fälle.«
Heuer nickte. »Zweimal satt rein. So präzise muss
auch Jack the Ripper zugestochen haben! Ob das Herz
auch was abgekriegt hat, kann man nicht genau erkennen.
«
Assmann beugte sich weit vor. »Schauen Sie, hier.
Da vielleicht? Aber sehr schlecht zu erkennen . . .«
In diesem Augenblick kam Professor Schultes herein.
Er trat sofort vor den Bildschirm. »Wie sieht es
aus?«
Heuer studierte weiter die Aufnahme und sagte
über die Schulter: »Thorax mehrfach perforiert. Pneumothorax.
Aber vielleicht hat er Glück. Wie die Stiche
geführt sind, könnte es sein, dass der Herzbeutel intakt
geblieben ist.«
Schultes nickte. »Ich muss leider los. Kommen Sie
zurecht?«
»Ich bin seit neunundzwanzig Stunden im Dienst«,
sagte Dr. Heuer.
»Ja, ich weiß, es ist schwer.« Schultes war schon an
der Tür. »Aber glauben Sie nicht, dass es früher bei
uns anders war.« Damit ging er vollends hinaus.
Heuer drehte sich zu einer der beiden Schwestern
um. »Fangen wir an!«
»Können Sie denn überhaupt noch?«, fragte die
junge Frau.
»Muss ja wohl!«

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