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Plateforme/Plattform
(Leseprobe aus: Plateforme/Plattform,
Roman, 2001/2002, DuMont)
Ich hatte Marie-Jeanne über den
Trauerfall unterrichtet; sie empfing mich voller Mitgefühl und legte mir sogar
die Hand auf die Schulter. Mein Urlaubsgesuch kam ihr völlig normal vor. »Du
mußt einfach mal Bilanz ziehen, Michel«, erachtete sie, »dich wieder dir
selbst zuwenden.« Ich versuchte, mir die vorgeschlagene Bewegung bildlich
vorzustellen und schloß daraus, daß sie zweifellos recht hatte. »Cécilia
kann die Budgetkosten an deiner Stelle fertig machen«, fuhr sie fort, »ich
spreche mit ihr darüber.« Worauf spielte sie eigentlich an, und wer war diese
Cécilia? Ich blickte mich um und entdeckte den Entwurf für ein Plakat, und
dann fiel es mir wieder ein. Cécilia war eine dicke rothaarige junge Frau, die
ständig Cadbury-Riegel aß und seit zwei Monaten in der Abteilung arbeitete:
Sie hatte einen zeitlich befristeten Vertrag oder eine ABM-Stelle, kurz gesagt,
sie war jemand, der ziemlich belanglos war. Und tatsächlich, kurz vor dem Tod
meines Vaters hatte ich an den Budgetkosten für die Ausstellung »Hände hoch,
ihr Schlingel!« gearbeitet, die im Januar in Bourg-la-Reine eröffnet werden
sollte. Es handelte sich um Fotos vom brutalen Vorgehen der Polizei im
Departement Les Yvelines, die mit dem Teleobjektiv aufgenommen worden waren; das
Ganze war aber nicht als Dokumentation aufgezogen, sondern eher als
Theatralisierungsprozeß des Raums, begleitet von kleinen Anspielungen auf
verschiedene Krimiserien, die das Los Angeles Police Department als Rahmen
hatten. Der Künstler hatte einen humorvollen statt des zu erwartenden
gesellschaftskritischen Ansatzes privilegiert. Kurz gesagt, ein interessantes
Projekt, das weder zu teuer noch zu komplex war; selbst eine Nulpe wie Cécilia
war fähig, die Sollkostenrechnung dafür durchzuführen.
Wenn ich aus dem Büro kam, sah ich mir im allgemeinen erst mal eine Peep-Show
an. Das kostete fünfzig Franc oder manchmal siebzig, wenn die Ejakulation auf
sich warten ließ. Der Anblick von sich bewegenden Mösen brachte mich auf
andere Gedanken. Die widersprüchlichen Tendenzen der zeitgenössischen
Videokunst, das Gleichgewicht zwischen Erhaltung des Kulturguts und Unterstützung
des lebendigen Kunstschaffens ... all das verschwand schnell vor der einfachen
Magie sich bewegender Mösen. Ich entleerte gemächlich meine Hoden. Zur
gleichen Zeit stopfte sich Cécilia in einer Konditorei in der Nähe des
Ministeriums mit Schokoladenkuchen voll; unsere Motivation war in etwa die
gleiche.
Nur ganz selten nahm ich mir eine Privatkabine für fünfhundert Franc; und zwar
nur dann, wenn mein Pimmel nicht auf der Höhe war, wenn ich den Eindruck hatte,
daß er einem kleinen anspruchsvollen, nutzlosen Fortsatz ähnelte, der nach Käse
roch; dann war es mir ein Bedürfnis, daß ihn eine Frau in die Hand nahm und über
die kraftstrotzende Steifheit des Glieds und seinen Samenreichtum in Ekstase
geriet, auch wenn die nur geheuchelt war. Wie dem auch sei, ich war vor halb
acht wieder zu Hause. Ich begann mit der Sendung »Fragen an einen Champion«,
die ich auf meinem Videorecorder mit Hilfe der Vorprogrammierung aufgenommen
hatte; dann folgten die Nachrichten. Die Krise des Rinderwahns interessierte
mich nicht sonderlich, ich ernährte mich hauptsächlich von Kartoffelpüree mit
Käse aus der Tüte. Dann ging der Abend weiter. Ich war nicht unglücklich, ich
hatte hundertachtundzwanzig Kanäle. Gegen zwei Uhr morgens beendete ich den
Abend mit türkischen Musikkomödien.
So verliefen ein paar Abende ziemlich friedlich.
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