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Daniel 24,4
(Leseprobe aus: La
possibilité d'une île/Die Möglichkeit einer Insel, Roman, 2005, DuMont
- Übertragung Uli Wittmann)
Dieser Teil von Daniels Bericht ist für uns vermutlich ziemlich schwer verständlich.
Die Videokassetten, auf die er sich bezieht, sind übertragen und seinem
Lebensbericht als Anhang beigefügt worden. Ich habe diese Dokumente manchmal zu
Rate gezogen. Da ich, genetisch gesehen, von Daniel1 abstamme, habe ich natürlich
die gleichen Züge, das gleiche Gesicht; auch die Mimik (obwohl ich in einer
nicht sozial geprägten Umgebung lebe, und meine Mimik daher natürlich
begrenzter ist) ist im wesentlichen die gleiche; aber diese urplötzliche, von
einem spezifischen Glucksen begleitete Verzerrung des Gesichtsausdrucks, die er
Lachen nannte, kann ich nicht nachvollziehen; ich kann mir nicht einmal dessen
Mechanismus vorstellen.
Die Aufzeichnungen meiner Vorgänger, von Daniel2 bis Daniel23, bezeugen im großen
und ganzen das gleiche Unverständnis angesichts dieses Phänomens. Daniel2 und
Daniel3 behaupten, daß sie noch imstande sind, unter Einfluß gewisser Getränke
die Sache zu reproduzieren; aber für Daniel4 handelt es sich bereits um etwas
Unzugängliches. Es gibt mehrere Untersuchungen über das Verschwinden des
Lachens beim Neo-Menschen; alle stimmen darin überein, daß es sehr schnell
erfolgt ist.
Eine ähnliche Entwicklung, auch wenn sie sich langsamer vollzog, hat man in
bezug auf die Tränen beobachten können, ein weiteres Charakteristikum des
Menschengeschlechts. Daniel9 bezeugt, daß er bei einer ganz bestimmten
Gelegenheit geweint hat (beim Unfalltod seines Hundes Fox, der bei der Berührung
des Elektrozauns einen tödlichen Schlag bekam); ab Daniel10 ist davon nicht
mehr die Rede. Ebenso wie Daniel1 das Lachen zu Recht als symptomatisch für die
menschliche Grausamkeit betrachtet, scheinen die Tränen bei dieser Spezies mit
dem Mitleid verbunden zu sein. „Man vergießt nie Tränen ausschließlich über
sich selbst“, hat ein anonymer Autor des Menschengeschlechts irgendwo
geschrieben. Grausamkeit und Mitleid sind zwei Gefühle, die natürlich unter
den Bedingungen absoluter Einsamkeit, unter denen sich unser Leben abspielt,
kaum noch Sinn haben. Einige meiner Vorgänger wie etwa Daniel13 drücken in
ihrem Kommentar eine seltsame Nostalgie über diesen doppelten Verlust aus; doch
dann verschwindet auch diese Nostalgie und läßt nur eine Neugier zurück, die
immer sporadischer wird; heute kann man sagen, daß sie, wie alle meine Kontakte
in unserem Netz bezeugen, praktisch erloschen ist.
Rezension I Buchbestellung I home III05 LYRIKwelt © DuMont