Highfische
(Auszug
aus dem Roman ,,Highfische")
(...)
Plötzlich stand dieser gar nicht so schlecht aussehende Typ im Zimmer. erinnerte mich an
meine sexuellen Triebe und machte mir alle Mühe, mich zu dem: "Nein" zu
zwingen. "Nein, nicht schon wieder Scheiße bauen!", dachte ich mir also
zerknirscht und ging aus reiner Vorsicht aus dem Zimmer, um erst gar nicht auf den blöden
Gedanken zu kommen, meine Notgeilheit unter Beweis zu stellen. Ich setzte mich vor den
Fernseher, um mir irgend so eine blöde Zeichentrickserie anzusehen, welche man auf
Kassette aufgenommen hatte, da man diese Serie für besonders genial hielt, doch hielt ich
es nicht lange dort beim Fernseher aus, was allerdings weniger der Serie wegen war - die
im Grunde genommen aber auch ein Grund für mein Desinteresse sein hätte müssen -
sondern seinen Ursprung eher bei diesem elendiglichen Schönling fand, welcher mich mit
meiner Notgeilheit konfrontiert hatte, nur weil er nicht ganz so übel aussah, wie der
Rest der männlichen Vertretung - für diese Party zumindest. Reden konnte ich doch wohl
noch mit ihm, einfach nur reden, einfach ganz harmlos mündliche - und nur wörtliche -
Konversation betreiben, dachte ich mir und hätte genauso gut an was anderes denken
können. (...)
Außerdem war es auf dieser Erdkugel, auf der so gut wie alles in irgendeiner Weise
erlaubt und relativ normal, bzw. so gut wie durchschnittlich war, fast unmöglich,
wirklich aus der Reihe zu tanzen, obwohl ich auch immer das Gefühl hatte, nicht in diese
Welt passen zu können.
Im Fernsehen wurde in dem Augenblick für einen dieser schrecklich süßen Liköre
geworben und ich wußte nicht, wie man einen abnormen Alltag leben sollte, denn genau das
war es doch, was ich gerade während der vorhergehenden Werbung einer konservativen Bank
als meinen neuen anstrebenswerten Lebensstil entdeckt hatte und nun leben wollte.
Ja, einen abnormen Alltag leben, den Widerspruch an sich zu leben, das hatte Stil.
Aber schoss es mir durch den Kopf, kurz bevor die Nachrichten begannen, wie sollte ich
einen Alltag leben, also einen immer gleich und normal ablaufenden Tagesrhythmus leben,
der abnorm war? Man hätte ein Tagessystem finden müssen, welches komplett unvorhersehbar
war und dieses Tagessystem zu einem Tagesablauf machen müssen, ohne ihm die Abnormität
zu nehmen, um einen abnormen Alltag leben zu können und das war nun wirklich irreal ! So
blieb ich also in der Einöde meines Alltags und machte mich auf den Weg, mein Dasein um
ein wenig Flüssigkeit auf einer Durchschnittstoilette zu erleichtern. Man musste eben
immer das tun, was man gerade tun wollte, dachte ich mir, als ich auf das Klopapier
starrte, aber dazu hätte der Mensch die Fähigkeit besitzen müssen, zu wissen, was er
wollte, bzw. die Fähigkeit, wirklich eigenständig wollen zu können.
Vielleicht war ich ja ein Blindgänger dieser Gesellschaft - denn falls es so etwas
überhaupt geben konnte, war ich sicher ein Blindgänger dieser Welt.
Während ich mich in der Schule mit italienischen Verben auseinandersetzen hätte sollen,
überkam mich der dringende Wunsch, mich den gesellschaftlichen Zwängen zu entziehen und
so verschwand ich mitten im Unterricht aus den Augen meines Italienischtrichters, der
dafür zuständig war, mir Italien in Lauten näher zu bringen. Doch noch bevor sich der
Trichter aus seinen Gedanken an das schöne Italien entwinden konnte, hatte ich still und
heimlich den Raum verlassen und verschwand in die unendlichen Weiten des Draußens.
Trotzdem machte es absolut keinen Spaß, alleine durch den Park zu streunen und sich gegen
gesellschaftliche, wie auch gesetzliche Verpflichtungen aufzulehnen, wo es doch eh keiner
registrierte, dass es sich hierbei um eine Revolution gegen Allgemeinzwänge handelte. Da
war ich also, sparzierte eine Zeot lang durch den Park und kam mir eher lächerlich als
revolutionär vor. Eine alte Frau humpelte an mir vorbei, über mir tanzten weiße
Schäfchenwolken einen Walzer am zart-bleuen Himmel, die Sonne warf ihr licht knallhart
und ziellos auf meine Haut, die unter einer dicken Schicht Kunststoffphasern versteckt
war, um ja nicht zu viel verschmutzten Sauerstoff einatmen zu können, was sie dazu zwang,
furchtbar zu schwitzen und irgendwann wurde mir klar, dass es genauso gut zwanghaft werden
konnte, unbedingt ein Aussteigerleben zu führen, welches sich gegen Zwänge auflehnte,
und das hatte nun auch schon wieder wenig Sinn. (...)
Tote Zeit
Ich ging, um gegen einen Hunger zu essen, den nichts dieser materiellen Welt hätte
stillen können. Carim stand neben mir am Kühlschrank, versuchte, so wie ich, der
Situation die Normalität zurückzugeben, indem er - ohne mich anzuschauen - über
Banalitäten sprach, doch es gelang nicht. Ich hatte keine Ahnung, wie spät es war, Momo
und Hanka benachrichtigten uns von ihrem Entschluss, schlafen zu gehen, Carim wollte
nachher noch duschen und ich - verlorenes Wesen - fühlte mich unsicher und hatte Angst
vor der Welt, in der einem etwas peinlich sein musste.
Über eine Welt - in der man nicht(mehr)zwischen Gut und Böse unterscheiden konnte,
obwohl einem dieser Unterschied überall vorgekaut wurde und man dem Homo sapiens
zusprach, die Fähigkeit zu besitzen, zu unterscheiden - nachdenkend und sie doch nicht
verstehend blinzelte ich in das grelle Licht des Kühlschranks - welches sich immer
selbstständig erleuchtete, wenn jemand die Tür öffnete - um irgendetwas zu finden, was
mir, trotz der übertriebenen Innenbeleuchtungdes Frischhaltekästchens, bekannt erschien.
Carim stand neben mir, schien auch nichts in dem Kühlschrank zu finden, was seinen Hunger
gestillt hätte, obwohl dieser frierende Kasten fast überging. Von der Lust
überwältigt, eine Sicherheit gebende und ablenkende Zigarette zu rauchen, schnorrte ich
Carim an, welcher mir nur ein kahles Feuerzeug überreichte, was mir so nicht gerade die
Sicherheit versprach oder eine Beschäftigungstherapie ersetzte. So saß ich da, öffnete
hin und wieder den Kühlschrank, um in das grelle Licht zu blinzeln und doch nichts
erkennen zu können, was genug essbar erschien, während ich innerlich in Unruhe badete
und nach außen hin krampfhaft cool wirken wollte. Ja cool wirken musste, obwohl ich
wusste, dass Carim mich gut genug kannte, um mir meine starre Coolness nicht abnehmen zu
müssen. Carim begann Momos Tasche zu durchwühlen, fand zwei zerknitterte Zigaretten,
deren Schicksal es bestimmt nicht gewesen war, von uns geraucht zu werden, doch da ich nur
sehr begrenzt an das Schicksal glaubte, wurden sie ihrer eigentlichen Bestimmung beraubt
und Carims Feuerzeug wurde von der Liste der unzähligen Arbeitslosen gestrichen. Infolge
dessen saßen wir wenig später auf dem Küchentisch, spielten Goldfische am Wolkenhimmel,
indem wir der Welt Rauch zufügten und verarschten die ganze Welt, während wir uns
schmerzhaft bewusst waren, dass eigentlich wir es waren, die von der Welt verarscht
wurden.
II01© LYRIKwelt