Ödön von Horváth

Pestballade

Dir, Otto Bacher

Ein Matrose steht in Kalkutta.
Und eine fremde Sonne sendet so sengende Blicke auf seinen windschiefen Scheitel herab.
Die rote Sonne das Cyklopenauge der tiefblauen Himmel.
Unten im träggrauen Ganges ihr blasses Bild.
Und weit über dem Ganges, weit über dem Meere lebt die Heimat ...
Großvater baute das Haus
in wiederkleingewordener Stadt ....
Du Stube mit Heiland am Kreuze über kleiner Wiege
Du Rosenfenster
müde scheinen einer Alten weiße Haare durch das Grün und Rot
und denkt. . .:
Ein Matrose steht wo in der Welt ...

Bajadere
braun und biegsam
wie spielende Panther
schmiegsam
wie Urwald-Lianen
Und Augen!!
eigenartige Geschmeide
heiliggepriesene Edelgesteine
leuchtend in Purpur und weicher Seide . . .
Zähne:
mit Wüstensonnen kämpfende weiße Messerschneide.

Matrose
Blut bäumt, heult ...: die!!
Alle und Alles
die Alte
den Ganges
den Heiland vergessen . . .
Vergessen!
... und wirft sich auf sie ...

Doch Bajadere lächelt.

Und er reißt sie an sich und beißt in sie ...
Und Bajadere ist tot.

Langsam, wie Kindheitserinnerungen die kranken Gehirnbänder in eines Wahnsinnigen kahlem Schädel entlanghuschen, und leise, wie in kühlen Vorfrühlingsnächten die ersten zagen Sonnenstrahlen sich in nackte Zinshausräume schleichen
dämmert es in ihm ...
warum
Alles so graugeworden
warum
rennt Alles im Kreise
wie Silbergäule
im Kreise, im Kreise, im Kreise ...
Grau aus dem Ganges grinst es
hohle Höhlen rauben Augen
Knochen zerbröckeln
Fetzen gelbgrüner Haut
wie entgleitende Schlangen
Erbarmen!
müde ... ...
Mutter!!

Und ein Matrose starb in Kalkutta.

Und die Stube mit Heiland am Kreuze über kleiner Wiege
alt scheinen einer Mutter weiße Haare durch das grün und
rot...
und schaut hinaus in den Herbst
und etwas würgt ihr altes Herz ...:
Vielleicht
bis er wiederkommt
bin ich schon tot.

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