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Martin
(Leseprobe aus:
A Long Way Down, Roman, 2005, Kiepenheuer & Witsch - Übertragung
Clara
Drechsler und Harald Hellmann)
Ob ich erklären kann, warum ich von einem Hochhaus springen wollte? Selbstverständlich
kann ich erklären, warum ich von einem Hochhaus springen wollte. Ich bin ja
kein Vollidiot. Ich kann es erklären, weil es nicht unerklärlich ist: Es war
eine logische Entscheidung, das Ergebnis reiflichen Nachdenkens. Wenn auch
wieder nicht allzu ernsthaften Nachdenkens. Damit meine ich nicht, dass es eine
reine Schnapsidee war – das soll bloß heißen, es war nicht so schrecklich
kompliziert, dass ich lange hin und her überlegen musste. Sagen wir es mal so:
Angenommen, Sie sind, tja, ich weiß nicht, stellvertretender Filialleiter einer
Bank in Guildford. Sie haben mit dem Gedanken gespielt auszuwandern, und da
bekommen Sie das Angebot, eine Filiale in Sydney zu leiten. Tja, auch wenn es
eine klare Sache ist, müssen Sie sich das doch nochmal durch den Kopf gehen
lassen, oder? Sich zumindest überlegen, ob Sie sich einen Umzug zumuten sollen,
ob Sie Ihre Freunde und Arbeitskollegen missen möchten, ob Sie Ehefrau und
Kinder aus ihrem vertrauten Umfeld reißen können. Vielleicht setzen Sie sich
vor ein Blatt Papier und machen eine Liste mit den Pros und Contras. Sie wissen
schon:
Contra – betagte
Eltern, Freunde, Golfklub.
Pros
– mehr Geld, höherer Lebensstandard
(Haus
mit Pool, Grillmöglichkeit etc.), das Meer,
Sonne,
keine linken Stadträte, die »Zehn kleine Negerlein«
verbieten,
keine EU-Richtlinien, die britische Wurst verbieten etc.
Da gibt’s nicht viel zu überlegen, oder? Der Golfklub! Dass ich nicht lache.
Wegen der betagten Eltern geht man natürlich einen Moment in sich, mehr aber
auch nicht – einen und zudem nur einen kurzen Moment. Sie würden in weniger
als zehn Minuten das Reisebüro anrufen.
Nun, so ging es mir. Es gab einfach nicht genügend
Contras, aber dafür jede Menge guter Gründe zu springen. Das Einzige auf
meiner Contra-Liste waren die Kinder, doch ich konnte mir ohnehin nicht
vorstellen, dass Cindy mir je wieder erlauben würde, sie zu sehen. Ich habe
keine alten Eltern und ich spiele auch nicht Golf. Selbstmord war mein Sydney.
Ohne den rechtschaffenen Bürgern von Sydney zu nahe treten zu wollen, natürlich.
Rezension I Buchbestellung I home III05 LYRIKwelt © Kiepenheuer & Witsch