Hoppe von Felicitas Hoppe, 2012, S. Fischer

Felicitas Hoppe

Hoppe
(Leseprobe aus: Hoppe, Roman, 2012, S. Fischer)

Weltweit, egal welcher Zeitung, hat Hoppe immer dieselbe

Geschichte erzählt: wie sie als Ratte mit Schnurrbart und

Schwanz versehen, Wurst in der Linken, Brot in der Rechten,

den Marktplatz ihrer Heimatstadt Hameln betritt, um

sich im Freilichttheater unter der Führung des Rattenfängers

vor Touristen aus aller Welt ein Taschengeld zu verdienen.

Wie sie das eben Verdiente sofort auf den Kopf haut,

Blumen für ihre Mutter (»die Gastgeberkönigin«) und ein

Päckchen Zigaretten für ihren Vater (»den Erbauer des

ersten Kaspertheaters«) kauft, um danach mit dem verbliebenen

Rest ihre vier Geschwister zu einem Ausflug ins Miramare

zu überreden, eine Hamelner Eisdiele, »die sommers

floriert und sich winters, wenn sich die Italiener saisonbedingt

nach Süden verziehen, in einen Ausstellungsraum

für Pelze verwandelt.« Bis Hoppe sich dreißig Jahre später

»endlich erhebt«, um ein Schiff von Hamburg nach Hamburg

zu besteigen und dieWelt mit eigenen Augen zu sehen:

»Ein Ausflug, nichts weiter, in ein paar Tagen bin ich zurück,

sitze wieder am Tisch, der zweite Esser von rechts.«

(Pigafetta, 1999)

Sowenig beglaubigt ist, dass Hoppe jene vielzitierte Reise

um die Welt auf einem Containerfrachtschiff tatsächlich

persönlich unternahm, ist bekannt, dass sie bereits als Kind

mehrfach dieWeltmeere befuhr. Allerdings nicht als zweiter

Esser von rechts, sondern als einzige Tochter eines Patentagenten,

der das deutsche Kaspertheater vermutlich niemals

von innen sah. Die Hamelner Kindheit ist reine Erfindung.

Das Tagebuch des einzigen Vaters seines einzigen Kindes,

akribische Auflistung äußerer Ereignisse unter entschiedener

Weglassung der inneren, gibt Aufschluss über Arbeitsaufenthalte

auf höchst unterschiedlichen Kontinenten. Dass

die Tochter (Felicitas) dabei fast zwanzig Jahre lang mit von

der Partie war, findet in seinen Aufzeichnungen vor allem

dann Erwähnung, wenn es um Ausgaben geht, angefangen

bei unnötigen Extras im Reiseproviant (»Nüsse und Schokolade«)

über kindgerechte Reiselektüre (»Schiffsbibliotheken

sind ein Desaster!«) und die Erfüllung »vollkommen

überflüssiger Wünsche« während zu kurzer Landgänge

(»Wozu plötzlich ein Fernrohr?«) bis hin zu der Last, nach

der Ankunft in wechselnden Wohnungen und Häusern ein

Kinderzimmer einzurichten. (»Hausaufgaben kann sie auch

am Küchentisch erledigen.«) »Man will hier eine Art Schulgeld«,

notiert missmutig der Agent in Übersee oder: »Felicitas

braucht einen Ranzen. Optische Täuschung. Schließlich

hat sie einen Rucksack, in den praktisch alles hineinpasst.«

Und er fährt fort: »Heute Abend wieder einweinendes Kind.

Lästig. Felicitas verweigert den Schulbesuch, man verspottet

sie, sagt sie, wegen des Rucksacks. Kinderklage. Ein Lederranzen

kommt gar nicht in Frage.« Es folgen Auflistungen

alltäglicher Ausgaben für Kleidungsstücke: »Gott sei Dank

wächst sie langsam, der Mantel, an den Ärmeln ausgelassen,

hält durchaus noch einen zweiten Winter.«

Es ist weder der fehlende Schreibtisch noch die Schokolade,

auch nicht das Fernrohr, sondern der Rucksack, der zu

Hoppes Erkennungsmerkmal werden wird, zu ihrer höchst

persönlichen Rüstung. Bis zum Schluss ihrer Laufbahn (in

rund vierzig Jahren weit über fünftausend Auftritte in über

zweihundert Ländern in unterschiedlichen Kostümen und

Rollen) ist kein einziger Auftritt ohne Rucksack vermerkt.

Bis heute unvergessen ein frühes Eishockeyturnier in Edmonton,

von dessen Teilnahme die damals zwölfjährige und

überaus hoffnungsvolle Hoppe (»Superpuck«) ausgeschlossen

wird, als sie sich beim entscheidenden Endspiel so unvermutet

wie beharrlich weigert, auf dem Eis ihren Rucksack

abzulegen. Sieben Jahre später die Verweigerung der Aufnahme

in die Dirigentenklasse eines Konservatoriums in

Adelaide: »Man dirigiert bei uns immer noch mit den Armen,

nicht mit dem Rücken«, so die Begründung des Vorsitzenden

der Auswahlkommission Melville Drugs, dem

gegenüber Hoppe behauptet haben soll, sie brauche den

Rucksack als Gegengewicht, da sie sonst von der Musik

»weggetragen« werde. Und, last but not least, zwei Jahrzehnte

später, Hoppes legendärer Auftritt auf einem Podium

in Tokio, als sie aus dem Stegreif einen knapp zweistündigen

Vortrag zum Thema Rucksack, Buckel, Fetisch hält. Die

Presse spekuliert über den Inhalt des mittlerweile angewachsenen

Gepäckstücks: »Reine Leere. Verbergungsstrategien.

Warum macht sie nicht einfach den Reißverschluss auf und

lässt uns einen Blick ins Innere werfen?«

Hoppe selbst, eine ausgewiesene Meisterin praktischen

Packens, wusste genau, was sich in ihrem Buckel befand,

und machte auch nie ein Geheimnis daraus: »Taktstock,

Schläger, Lippenstift.« Und, so ist man versucht zu ergänzen,

vier deutsche Geschwister, die das Einzelkind auf seinen

Schiffsreisen erfand und denen sie mit einer bis heute unveröffentlichten

Erzählung (Fünf zur See) ein eigensinniges

Denkmal gesetzt hat: »Wir liebten uns, weil wir uns nicht

ausweichen konnten, weil wir darauf angewiesen waren,

einander ständig zu unterhalten. Das Wetter war schlecht,

die Mannschaften rau, das Essen miserabel, die Kapitäne

Analphabeten. Abends saßen wir in unserer Kabine, ich

seekrank, sie aufrecht und unanfechtbar. Gegen das Wetter

hielten wir uns an Erinnerungen fest, wobei sie mehr Halt

bewiesen als ich. Im Gegensatz zu mir waren sie seetauglich

und unanfechtbar.«

Während der Vater Listen und Abrechnungen schreibt,

widmet sich Felicitas ganz der Erfindung ihrer vier Geschwister,

um sich die Zeit an Bord zu vertreiben und um

ein für alle Mal in der Mitte zu sein, denn »die Erstenwerden

die Letzten sein und die Letzten die Ersten«. Warm ist es

folglich nur in der Mitte, »erzogen, beschützt und verteidigt

von oben, geliebt und verstanden von unten«. Es sind Fünf

zur See, die das Werk des Einzelkindes von Anfang an unterirdisch

bevölkern. Je länger Hoppe schreibt, umso mehr

gewinnen die Geschwister Gestalt, gleich in welchem Kostüm

Hoppe sie auftreten lässt. Der faktische Vater des faktischen

Einzelkindes dagegen verliert sich im Vagen: »Er

mietete Häuser an, die er niemals bewohnte. Ich saß mutterseelenallein

auf hohen Veranden in Schaukelstühlen, verhandelte

mit Putzfrauen, Gärtnern und vorübergehenden

Hauslehrern. Meinen Erfindervater habe ich nie gesehen.«

Das dürfte, in Abgleichung mit dem Tagebuch ihres

Vaters, kaum der Wahrheit entsprechen. Die Mittel des

reisenden Patentagenten waren begrenzt und ließen eine

Haushaltsführung oben beschriebener Art nicht zu. Hoppes

Unterschlagung überprüfbarer Fakten dient einzig der

literarischen Ausformung ausufernder Phantasien, wie sie

ihr gesamtes Werk prägen. Während der wirkliche Vater

schrumpft, wächst der Erbauer des ersten Kaspertheaters

und neben ihm die Gastgeberkönigin, die Sahne über

Fruchtschalen und Quarkspeisen schlägt: »Was immer sie

auftischte, alles machte sie schmackhaft.«

Über Hoppes leibliche Mutter wissen wir wenig, aber

genug, um mit Sicherheit sagen zu können, dass sie, eine

erzkatholische und hochtalentierte Klavierlehrerin aus Breslau,

weder Sahne schlug noch jemals auf Tournee durch

Niedersachsen gegangen sein dürfte, sondern sich nach der

Trennung von Hoppes Vater in umgekehrter Richtung auf

denWeg durch dieWelt machte und bald aufhörte, Briefe zu

schreiben. Die niedersächsische Welt der Felicitas Hoppe,

ihre Kindheit in der katholischen Diaspora als drittes von

fünf Kindern kleinbürgerlicher, aus Schlesien vertriebener

Eltern, die sie immer wieder beharrlich gegen jene andere,

unberechenbareWelt ihrer wirklichen Kindheit aufruft, entpuppt

sich als Kulisse unaufhörlich neuorganisierter Fluchten

nach innen: »Sobald es dunkel wurde, versammelten wir

uns vor dem Vorhang des ersten und einzigen Kaspertheaters

in der Erwartung, dass er sich auftun würde, um uns

endlich das Krokodil zu zeigen. Und um die warme Stimme

unseres Vaters zu hören, die uns jeden Sonntag von vorne

fragt, ob wir alle noch da sind, und die uns jeden Sonntag

aufs Neue verrät, dass es das Krokodil gar nicht gibt.«

Hoppes kanadische Kinderjahre dagegen sind verbrieft, das

Haus in Brantford (Ontario) »mein erster Iglu«, der Eispalast

des einzigen Kindes eines »Erfindervaters«, der morgens

gegen sieben das Haus verlässt und selten vor sieben

zurückkommt, während Felicitas vormittags in die Schule

und nachmittags, ohne Wissen des Vaters, aufs Eis geht: »Es

war Wayne (gemeint ist vermutlich der kanadische EishockeyspielerWayne

Gretzky / fh), der mich überredete mitzukommen.

Er war klein, dünn wie Docht (nur eine von

zahlreichen Anspielungen Hoppes auf ihr Lieblingsbuch,

Carlo Collodis Pinocchio / fh), konnte ukrainische Lieder

und war ein Genie, auf dem Eis auf Siege von hinten fixiert,

hinter dem Tor unberechenbar.«

Vor allem hatte er echte Geschwister und eine Mutter, die

kochen konnte. Hoppe ist knapp sechs und verliebt. Ihre

Ausrüstung bettelt sie sich Stück für Stück zusammen, erst

die Handschuhe (secondhand), dann den Schläger (Leihgabe

gegen Taschengeld), nach dem ersten Sturz (eine Narbe

unter dem rechten Auge) bastelt ihr Vater, der bis dahin von

ihren Umtrieben nichts gewusst haben will, »zähneknirschend

das erste Gitter, damit sie nicht endet wie Sawchuk«

(gemeint ist vermutlich Terry Sawchuk/ fh). Der Rest interessierte

ihn wenig: »Während er Patente für Bell Telephone

Canada prüfte, erfand ich den Leuchtpuck. Denn mein

Vater bestand darauf, alles selbst zu erfinden: ›Nimm nie in

die Hand, was du nicht selbst erfunden hast.‹«

Ein Text mit dem Titel Meine Sonntagserfindungen legt

ehrgeizig Zeugnis davon ab, dass Hoppe die Anweisungen

ihres Vaters todernst nahm. Sie notiert in alphabetischer

Reihenfolge alles, was ihr persönlich unentbehrlich scheint,

und führt damit gleichzeitig Buch über private Beschwerden

und Sehnsüchte. Unter A (wie Asthma) ein Gerät für »notfallbedingte

Frischluftzufuhr«, ohne das sie in späteren Jahren

kein Flugzeug besteigt (die Angst vor dem Fliegen ist ein

Erbe ihres Vaters, der, nach einem Flugzeugabsturz in den

fünfziger Jahren, für den Rest seines Lebens ausschließlich

per Schiff reiste), unter B (wie Bett) die »kanadische Wärmflasche«,

unter C (wie Canada) eine »Landkarte für Erstbesucher«

mit dem Vermerk: »Für den Fall, dass sie doch

noch kommen.« UnterDeinen Dirigentenstab, der bei Licht-

ausfall im Orchestergraben im Dunkeln leuchtet. Und unter

H Hoppes legendäre Hockeyhandschuhe, die, verfeinert

und weiterentwickelt, in späteren Jahren eine Schweizer

Damenmannschaft zum Erfolg führen werden. Unerreichbar

in der Reihe Hoppe’scher Sonntagserfindungen bleibt

bis heute der legendäre Leuchtpuck, dessen offizielle Erfindung

Eberhard von der Mark wegen Hoppes unterlassener

Anmeldung des Patents fünfzehn Jahre später (1983) für

sich in Anspruch nehmen darf. (Eine einfache Hartgummischeibe,

die, mit Leuchtdioden versehen, beim Schlag mehrere

Sekunden lang ein blinkendes rotes Lichtsignal abgibt

und in Europa unter der Nummer 0 273 944 patentiert ist.)

Hoppe selbst hat sich, soweit bekannt, niemals öffentlich

zu diesem Fall von Patentdiebstahl geäußert, was darauf

schließen lässt, dass sie sich mit ihrem Vater über Angelegenheiten

solcher Art nicht besprach. Einzig ein später

Brief (abgelegt unter der Rubrik Briefe an vier deutsche

Geschwister) beweist, dass ihr die Angelegenheit nachging:

»Ich komme einfach nicht drüber weg, dass man mich,

wenn nicht um eine Erfindung, so doch um eine Idee gebracht

hat, was weit schlimmer ist. Es missfällt mir, den

Leuchtpuck in Umlauf zu sehen, ohne dass jemand weiß,

wer tatsächlich Licht in dieses unmögliche Spiel gebracht

hat. Lange Nächte auf Eis, ein dunkles Hin und Her von

Bewegungen und Finten.

(...)

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