Der beste Platz der Welt von Felicitas Hoppe, 2009, Dörlemann

Felicitas Hoppe

Einsiedeln
(Leseprobe aus:
Der beste Platz der Welt, 2009, Dörlemann Verlag).

Aber dann, ich hielt uns längst für verloren, erblickten wir in der Ferne ein Licht und erreichten doch noch das Ende des Tunnels. Auf dem Bahnsteig in Visp zerstreuten sich grußlos die Reisenden, als hätten wir niemals das erhabene Schicksal geteilt, gemeinsam einen Berg zu durchqueren. Übrig blieb, trotz des Wetters in leichtem Schuhwerk, ein überraschend gut gekleideter Mann, der entschlossen nach meinem Koffer griff, während ich mit der einfallslosen Verlegenheit des Gastes die Pünktlichkeit der Schweizer Bahn und die Wunder des Ingenieurswesens lobte, die es dem Reisenden erlauben, mühelos auch noch den hintersten Winkel der Welt zu erreichen.
Es war dunkel, mir kalt, dicht fiel der Schnee, ich sah die Hand nicht vor Augen, erst recht keinen Ort. Nur den Mann mir zur Seite, der meinen Koffer leichtfüßig durch den Schnee zog und im Kofferraum seines Wagens verstaute, um danach mit beherzter Geschwindigkeit durch die Nacht zu fahren. Hinter mir auf dem Rücksitz stand eine hohe Papiertüte, in der Dinge, Lebensmittel, vielleicht sogar Weinflaschen, hoffte ich, leise klappernd gegeneinanderstießen und auf der, wie ich später beim Aussteigen sah, in großen Buchstaben MIGROS stand. Ein tröstliches Wort, das für den, der dem Tunnel entkommen ist, nach Rettung und Heimkehr riecht.

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