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Ein Kapitel aus
meinem Leben
(Leseprobe aus: Ein Kapitel
aus meinem Leben, 2004, Hanser)
Meine
Mutter und Onkel Wito gingen als Feinde auseinander, während mein Vater meiner
Mutter bis zu seinem Lebensende, über mehrere Ehen hinweg, ein Freund blieb.
Mein Vater hat mir sogar einmal gesagt, die Bindung an meine Mutter sei von
Anfang an aus mehr freundschaftlichen Gefühlen erwachsen und nicht aus einer
Leidenschaft der Liebe, deshalb war ihnen die Scheidung wohl besser gelungen als
ihre Ehe, nach deren Zerbrechen die Freundschaft erst ihre eigentliche Form
finden konnte. Mein Vater sah sich sowieso als jemand, der kein Glück in der
Liebe fand, alle seine Frauen und Geliebten seien ihm fremd geblieben, zog er
einmal traurig Bilanz. Mein Vater sprach oft mit mir über seine Frauen und
Ehen, und ich fühlte mich davon auf ähnliche Weise überfordert wie von der
Schweigsamkeit meiner Mutter über diese Dinge, die sie selber »Diskretion«
nannte. Um aus diesen Fremdheiten mißlungener Lieben vielleicht noch irgend
etwas zu retten, war es meinem Vater wichtig, nein forderte er, daß alle Frauen
und Geliebten miteinander befreundet sein oder sich wenigstens Mühe geben
sollten, miteinander auszukommen, und auch von mir forderte er das. Und so kam
es, daß ich ausgerechnet in Leipzig bei den Eltern der dritten Frau meines
Vaters, mit der er im übrigen gerade in Scheidung lag, zum ersten Mal den Namen
aussprechen hörte, den ich immer nur als Schriftzug gekannt hatte.
Ab und zu verbrachte ich nämlich ein Wochenende bei diesem Paar, das ich ganz
aufrichtig als Stiefgroßeltern annahm, denn Großeltern hatte ich ja nicht, und
sie »adoptierten« mich leicht, weil sie umgekehrt kein anderes Enkelkind besaßen. Käthe und Ferdinand waren ein altes
Schauspielerehepaar, das noch etwas von der Zeit der avantgardistischen 20er und
frühen 30er Jahre ausstrahlte, noch jetzt lebten sie, unbürgerlich, libertär
und ein bißchen exzentrisch. Bis zur Hinrichtung von Käthes Geliebtem durch
die Nazis sollen sie sogar in einer ménage à trois und teilweise auch à
quatre gelebt haben. Wegen dieser libertären Einstellung fiel es ihnen leicht,
den großen Altersunterschied zwischen ihrer Tochter und meinem Vater zu
akzeptieren, mit dem sie auch noch Erinnerungen aus der Wandervogelzeit und an
die hessische Heimat teilen konnten, oftmals fielen sie dabei in den hessischen
Dialekt, so daß ich kaum ein Wort verstehen konnte. Während ihrer ménage à
trois- und quatre-Zeit hatten sie Kontakte zur Roten Kapelle gehabt, in diesem
Zusammenhang war er, Käthes Geliebter, hingerichtet worden. Käthe und
Ferdinand trauerten gemeinsam um ihn, wie sie um ihren Sohn trauerten, der fast
gleichzeitig an der russischen Front gefallen war. Und wie Schauspieler das tun,
hielten sie sich aufrecht, wußten, daß sie ihre Rollen zu Ende zu spielen
hatten, bis der Vorhang fällt und die Vorstellung zu Ende ist.
Seit dieser Zeit ihrer Beziehung zur Roten Kapelle interessierte sich Ferdinand
für Konspiration, Spionage und Geheimdienst, und er entwarf gerade das Projekt,
eine Biographie des Admirals Canaris zu schreiben, als ausgerechnet an einem der
Wochenenden, die ich bei ihnen verbrachte, die ganze Geschichte von Kim Philby
ans Tageslicht kam. Vor Ferdinands Fernseher fiel es mir wie Schuppen von den
Augen, als ich den Namen, den ich so oft gelesen hatte, immer wieder hörte, in
all den Sendungen, die von morgens bis abends liefen und immer nur dasselbe
berichteten, etwas, das Ferdinand in wahnsinnige Erregung versetzte. Stell dir
das vor, Doppelagent! Superagent! größter Spion aller Zeiten! Dreißig Jahre
hat er die ganze Welt an der Nase herumgeführt! belogen! betrogen! – ein
englischer Gentleman, Upperclass-Sohn für den KGB! Und Ferdinand wußte nicht,
ob er Kim Philby mehr bewundern oder mehr verachten sollte, bewundern für das
gelungene Falschspiel, den perfekten Wechsel der Maske ohne Kratzer, für die übermenschliche
Verleugnung, und verachten für den Verrat, die heimliche Machtausübung, hinter
der nur Phantasien von Größenwahn stecken könnten, wie er mir erklärte,
zitternd vor Aufregung, Ferdinand, der Vater der dritten Frau meines Vaters, der
selbst auch schon ein ganz kleines bißchen in seinem Leben konspiriert hatte.
Im Gegensatz zu mir. Ich hatte noch nie in meinem Leben konspiriert und noch nie
richtig Verrat begangen. Mir waren von meiner Mutter zwei Gebote vermittelt
worden, die sich auf den ersten Blick widersprachen: Erstens, du sollst nicht lügen,
zweitens, aber wenn du lügst, dann lüge so nah wie möglich an der Wahrheit.
Das zweite war ja eigentlich nur die pragmatische Auslegung der hohen ethischen
Norm des ersten Gebots und ziemlich vernünftig. Ich konnte Ferdinand nicht
sagen, was ich zu sagen hatte, ich selbst konnte den Namen nicht aussprechen,
den ich nun so oft hörte. Und was hätte ich auch sagen sollen, ich kannte ja
weder die Wahrheit noch die Lüge.
Als ich dann nach Karlshorst zurückkehrte, standen die englischen Journalisten
vor der Tür, und meine Mutter gab mir nicht viel mehr Auskünfte als ihnen. Wir
waren ungefähr auf demselben Wissensstand, die englischen Journalisten und ich,
meine Quellen und ihre waren die Nachrichten, die nun aus Moskau nach Großbritannien
und von da in die restliche Welt gedrungen waren, sie hatten die Enthüllungen
von Reuters, und ich hatte sie von Ferdinand.
Ich weiß nicht mehr, wann meine Mutter begann, mir ein paar wenige Details über
ihre Ehe mit Kim Philby preiszugeben, vieles wurde mir von fremden Leuten
zugetragen, die sich wie Ferdinand für Spionagegeschichten passionierten, und
meiner Mutter wurden Artikel, Zeitschriften, Bücher zugeschickt, die dann bis
an ihr Lebensende und darüber hinaus nicht mehr zu erscheinen aufhörten und
die jene Passagen enthielten, von denen mein Vater meinte, sie solle dagegen
klagen und damit wenigstens »Geld machen«. Statt dessen stellte sie die Bücher
ungelesen ins Regal, nachdem sie ein wenig darin geblättert hatte, falls sie
sie nicht gleich wegwarf.
Wenn meine Mutter mich später über »dieses Kapitel aus meinem Leben«, wie
sie es nannte, ein wenig aufklärte, dann war es nicht, um dieses Kapitel in
irgendeiner Weise mit mir zu teilen, an dem es ja auch nichts mehr zu teilen
gab, da die Zeit der Geheimhaltung nun vorbei war, sondern weil sie meinte, daß
ihre Tochter wenigstens up to date sein sollte, wenn schon fremde Menschen vor
der Tür standen, um Fragen zu stellen. Damit ich so nah wie möglich an der
Wahrheit lügen könnte: ich weiß davon nichts.
»Deine Mutter ist ein Mensch, den man wirklich nur schwer verstehen kann«,
sagte mein Vater manchmal zu mir. »Entweder ist sie viel naiver oder viel
gerissener als die meisten Menschen. Entweder sie redet zuviel oder sie
verschweigt alles, sie schäumt vor Temperament über oder sie fällt apathisch
in sich zusammen, entweder bleibt sie die ganze Nacht wach, oder sie geht um
neun Uhr zu Bett, sie begnügt sich mit dem Allernötigsten und schmeißt
gleichzeitig das Geld zum Fenster raus, sie verschenkt und beschenkt ohne Maß,
aber etwas von sich selbst preisgeben, das konnte sie nie.« Und ihre
Schmerzlosigkeit. Wenn ich über Kopfschmerzen klagte, sagte sie, Kopfschmerzen
kenne ich nicht, wenn ich über Bauchweh klagte, Bauchweh habe ich in meinem
Leben noch nie gehabt. Ich bin heute nicht in Stimmung – so einen Satz hätte
sie nie gesagt, meine Mutter kannte keine Stimmungen, und sie ließ sich nie
gehen, in Trauer nicht und in Schmerz nicht und auch nicht in schlechter Laune.
Contenance bewahren war das Allerwichtigste in ihrem Leben, und die Contenance
kam noch vor dem Marxismus-Leninismus und den Philosophen, die die Welt nur
verschieden interpretiert haben, wo es aber darauf ankommt, sie zu verändern.
Zumindest ebenso kam es darauf an, Haltung zu bewahren, und deshalb konnte man
zu jeder Tageszeit bei ihr vorbeikommen, nie hätte man sie schlampert oder
nachlässig herumlaufen sehen, bis mittags im Morgenmantel oder im Schlafanzug,
so etwas gab es bei ihr nicht, es gab kein Sich-drinnen-gehen-Lassen und Sich-für-draußen-Zurechtmachen,
nie kam sie unfrisiert zum Frühstück, sondern trug jeden Tag Lippenstift und
lackierte Fingernägel.
So war es auch jetzt, als Onkel Wito sie verlassen hatte, die englischen
Journalisten vor der Tür standen und das Kapitel ihrer Vergangenheit plötzlich
wieder zur Gegenwart geworden war. Kopfschmerzen hatte sie nicht, Bauchweh hatte
sie nicht, und wenn sie »dieses Kapitel aus meinem Leben« sagte, konnte ich
nicht erkennen, ob darin Scham oder Stolz zu hören war.
Meine Mutter ist tot. Mein Vater ist tot. Onkel Wito ist tot. Genau wie
Ferdinand und Käthe und Lomi und Brauni und die anderen Witwen aus Karlshorst.
Philby ist tot, und am längsten sind schon die Rosenbergs tot.
Jetzt, nach der Öffnung der KGB-Akten, hat sich die Aussage meiner Mutter, sie
seien nicht unschuldig hingerichtet worden, bestätigt. Sie muß es also gewußt
haben. Wer weiß, welchen Anteil sie daran hatte. Es ist geschrieben worden,
Philby habe im Jahr 1938 aus dem Munde meiner Mutter zum ersten Mal das Wort
Atomenergie gehört. Das ist wirklich verwunderlich, da meine Mutter kaum die
einfachsten Gesetze der klassischen Mechanik kannte und nicht einmal Autofahren
in ihrem Leben gelernt hat.
Das Imperium, für das die Rosenbergs, Philby und meine Mutter spionierten, ist
zusammengebrochen und untergegangen, und von den Ideen und Theorien – für die
sich meine Eltern und ihre Freunde, Philby und die Rosenbergs hingaben, denen
ihre ganze Leidenschaft galt und für die sie jede andere Loyalität ablegten,
alle Bindungen an ihre Herkunft lösten – ist auch nicht mehr viel übriggeblieben.
Unendlich viel ist seitdem über die Rosenbergs geschrieben worden und unendlich
viel über Kim Philby, Dutzende von Büchern und Hunderte von Artikeln sind
erschienen, Radiosendungen und Fernsehserien dazu gelaufen. Sechs Bücher stehen
in meinem Regal, zwei habe ich gelesen, zwei habe ich durchgeblättert, die
anderen beiden kurz angesehen und dann ins Regal gestellt, so ähnlich, wie es
meine Mutter auch getan hat. Meine Neugier war schnell befriedigt, denn was ich
an diesem Kapitel aus ihrem Leben nicht verstand, wurde in den Büchern auch
nicht erklärt. Das zuletzt erschienene Buch ist das interessanteste. Ein
russischer Journalist hat mit Philby wenige Monate vor seinem Tod ein langes
Gespräch auf seiner Datscha geführt und seine Erinnerungen den Berichten und
Dokumenten des KGB gegenübergestellt und auch den kurzen Lebensläufen seiner,
und also auch meiner Mutter, Kontrolloffiziere aus der Zeit, als sie das Wort
Atomenergie ausgesprochen haben soll. Diese Biografien enden alle gleich:
erschossen, erschossen, erschossen. Als feindliche Spione natürlich.
Meine Mutter hat mir den Stolz und die Scham, die so schwer zu unterscheiden
waren, wenn sie über dieses Kapitel aus ihrem Leben sprach, wie einen
Adelstitel vererbt. Wie alle ererbten Titel weist er auf eine vergangene Glorie,
ist anachronistisch und am Rande der Lächerlichkeit.
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