Ein Kapitel aus eminem Leben von Barbara Honigmann, 2004, Hanser

Barbara Honigmann

Ein Kapitel aus meinem Leben
(Leseprobe aus: Ein Kapitel aus meinem Leben, 2004, Hanser)

Meine Mutter und Onkel Wito gingen als Feinde auseinander, während mein Vater meiner Mutter bis zu seinem Lebensende, über mehrere Ehen hinweg, ein Freund blieb. Mein Vater hat mir sogar einmal gesagt, die Bindung an meine Mutter sei von Anfang an aus mehr freundschaftlichen Gefühlen erwachsen und nicht aus einer Leidenschaft der Liebe, deshalb war ihnen die Scheidung wohl besser gelungen als ihre Ehe, nach deren Zerbrechen die Freundschaft erst ihre eigentliche Form finden konnte. Mein Vater sah sich sowieso als jemand, der kein Glück in der Liebe fand, alle seine Frauen und Geliebten seien ihm fremd geblieben, zog er einmal traurig Bilanz. Mein Vater sprach oft mit mir über seine Frauen und Ehen, und ich fühlte mich davon auf ähnliche Weise überfordert wie von der Schweigsamkeit meiner Mutter über diese Dinge, die sie selber »Diskretion« nannte. Um aus diesen Fremdheiten mißlungener Lieben vielleicht noch irgend etwas zu retten, war es meinem Vater wichtig, nein forderte er, daß alle Frauen und Geliebten miteinander befreundet sein oder sich wenigstens Mühe geben sollten, miteinander auszukommen, und auch von mir forderte er das. Und so kam es, daß ich ausgerechnet in Leipzig bei den Eltern der dritten Frau meines Vaters, mit der er im übrigen gerade in Scheidung lag, zum ersten Mal den Namen aussprechen hörte, den ich immer nur als Schriftzug gekannt hatte.

Ab und zu verbrachte ich nämlich ein Wochenende bei diesem Paar, das ich ganz aufrichtig als Stiefgroßeltern annahm, denn Großeltern hatte ich ja nicht, und sie »adoptierten« mich leicht, weil sie umgekehrt kein anderes Enkelkind besaßen. Käthe und Ferdinand waren ein altes Schauspielerehepaar, das noch etwas von der Zeit der avantgardistischen 20er und frühen 30er Jahre ausstrahlte, noch jetzt lebten sie, unbürgerlich, libertär und ein bißchen exzentrisch. Bis zur Hinrichtung von Käthes Geliebtem durch die Nazis sollen sie sogar in einer ménage à trois und teilweise auch à quatre gelebt haben. Wegen dieser libertären Einstellung fiel es ihnen leicht, den großen Altersunterschied zwischen ihrer Tochter und meinem Vater zu akzeptieren, mit dem sie auch noch Erinnerungen aus der Wandervogelzeit und an die hessische Heimat teilen konnten, oftmals fielen sie dabei in den hessischen Dialekt, so daß ich kaum ein Wort verstehen konnte. Während ihrer ménage à trois- und quatre-Zeit hatten sie Kontakte zur Roten Kapelle gehabt, in diesem Zusammenhang war er, Käthes Geliebter, hingerichtet worden. Käthe und Ferdinand trauerten gemeinsam um ihn, wie sie um ihren Sohn trauerten, der fast gleichzeitig an der russischen Front gefallen war. Und wie Schauspieler das tun, hielten sie sich aufrecht, wußten, daß sie ihre Rollen zu Ende zu spielen hatten, bis der Vorhang fällt und die Vorstellung zu Ende ist.

Seit dieser Zeit ihrer Beziehung zur Roten Kapelle interessierte sich Ferdinand für Konspiration, Spionage und Geheimdienst, und er entwarf gerade das Projekt, eine Biographie des Admirals Canaris zu schreiben, als ausgerechnet an einem der Wochenenden, die ich bei ihnen verbrachte, die ganze Geschichte von Kim Philby ans Tageslicht kam. Vor Ferdinands Fernseher fiel es mir wie Schuppen von den Augen, als ich den Namen, den ich so oft gelesen hatte, immer wieder hörte, in all den Sendungen, die von morgens bis abends liefen und immer nur dasselbe berichteten, etwas, das Ferdinand in wahnsinnige Erregung versetzte. Stell dir das vor, Doppelagent! Superagent! größter Spion aller Zeiten! Dreißig Jahre hat er die ganze Welt an der Nase herumgeführt! belogen! betrogen! – ein englischer Gentleman, Upperclass-Sohn für den KGB! Und Ferdinand wußte nicht, ob er Kim Philby mehr bewundern oder mehr verachten sollte, bewundern für das gelungene Falschspiel, den perfekten Wechsel der Maske ohne Kratzer, für die übermenschliche Verleugnung, und verachten für den Verrat, die heimliche Machtausübung, hinter der nur Phantasien von Größenwahn stecken könnten, wie er mir erklärte, zitternd vor Aufregung, Ferdinand, der Vater der dritten Frau meines Vaters, der selbst auch schon ein ganz kleines bißchen in seinem Leben konspiriert hatte. Im Gegensatz zu mir. Ich hatte noch nie in meinem Leben konspiriert und noch nie richtig Verrat begangen. Mir waren von meiner Mutter zwei Gebote vermittelt worden, die sich auf den ersten Blick widersprachen: Erstens, du sollst nicht lügen, zweitens, aber wenn du lügst, dann lüge so nah wie möglich an der Wahrheit. Das zweite war ja eigentlich nur die pragmatische Auslegung der hohen ethischen Norm des ersten Gebots und ziemlich vernünftig. Ich konnte Ferdinand nicht sagen, was ich zu sagen hatte, ich selbst konnte den Namen nicht aussprechen, den ich nun so oft hörte. Und was hätte ich auch sagen sollen, ich kannte ja weder die Wahrheit noch die Lüge.

Als ich dann nach Karlshorst zurückkehrte, standen die englischen Journalisten vor der Tür, und meine Mutter gab mir nicht viel mehr Auskünfte als ihnen. Wir waren ungefähr auf demselben Wissensstand, die englischen Journalisten und ich, meine Quellen und ihre waren die Nachrichten, die nun aus Moskau nach Großbritannien und von da in die restliche Welt gedrungen waren, sie hatten die Enthüllungen von Reuters, und ich hatte sie von Ferdinand.

Ich weiß nicht mehr, wann meine Mutter begann, mir ein paar wenige Details über ihre Ehe mit Kim Philby preiszugeben, vieles wurde mir von fremden Leuten zugetragen, die sich wie Ferdinand für Spionagegeschichten passionierten, und meiner Mutter wurden Artikel, Zeitschriften, Bücher zugeschickt, die dann bis an ihr Lebensende und darüber hinaus nicht mehr zu erscheinen aufhörten und die jene Passagen enthielten, von denen mein Vater meinte, sie solle dagegen klagen und damit wenigstens »Geld machen«. Statt dessen stellte sie die Bücher ungelesen ins Regal, nachdem sie ein wenig darin geblättert hatte, falls sie sie nicht gleich wegwarf.

Wenn meine Mutter mich später über »dieses Kapitel aus meinem Leben«, wie sie es nannte, ein wenig aufklärte, dann war es nicht, um dieses Kapitel in irgendeiner Weise mit mir zu teilen, an dem es ja auch nichts mehr zu teilen gab, da die Zeit der Geheimhaltung nun vorbei war, sondern weil sie meinte, daß ihre Tochter wenigstens up to date sein sollte, wenn schon fremde Menschen vor der Tür standen, um Fragen zu stellen. Damit ich so nah wie möglich an der Wahrheit lügen könnte: ich weiß davon nichts.

»Deine Mutter ist ein Mensch, den man wirklich nur schwer verstehen kann«, sagte mein Vater manchmal zu mir. »Entweder ist sie viel naiver oder viel gerissener als die meisten Menschen. Entweder sie redet zuviel oder sie verschweigt alles, sie schäumt vor Temperament über oder sie fällt apathisch in sich zusammen, entweder bleibt sie die ganze Nacht wach, oder sie geht um neun Uhr zu Bett, sie begnügt sich mit dem Allernötigsten und schmeißt gleichzeitig das Geld zum Fenster raus, sie verschenkt und beschenkt ohne Maß, aber etwas von sich selbst preisgeben, das konnte sie nie.« Und ihre Schmerzlosigkeit. Wenn ich über Kopfschmerzen klagte, sagte sie, Kopfschmerzen kenne ich nicht, wenn ich über Bauchweh klagte, Bauchweh habe ich in meinem Leben noch nie gehabt. Ich bin heute nicht in Stimmung – so einen Satz hätte sie nie gesagt, meine Mutter kannte keine Stimmungen, und sie ließ sich nie gehen, in Trauer nicht und in Schmerz nicht und auch nicht in schlechter Laune. Contenance bewahren war das Allerwichtigste in ihrem Leben, und die Contenance kam noch vor dem Marxismus-Leninismus und den Philosophen, die die Welt nur verschieden interpretiert haben, wo es aber darauf ankommt, sie zu verändern. Zumindest ebenso kam es darauf an, Haltung zu bewahren, und deshalb konnte man zu jeder Tageszeit bei ihr vorbeikommen, nie hätte man sie schlampert oder nachlässig herumlaufen sehen, bis mittags im Morgenmantel oder im Schlafanzug, so etwas gab es bei ihr nicht, es gab kein Sich-drinnen-gehen-Lassen und Sich-für-draußen-Zurechtmachen, nie kam sie unfrisiert zum Frühstück, sondern trug jeden Tag Lippenstift und lackierte Fingernägel.

So war es auch jetzt, als Onkel Wito sie verlassen hatte, die englischen Journalisten vor der Tür standen und das Kapitel ihrer Vergangenheit plötzlich wieder zur Gegenwart geworden war. Kopfschmerzen hatte sie nicht, Bauchweh hatte sie nicht, und wenn sie »dieses Kapitel aus meinem Leben« sagte, konnte ich nicht erkennen, ob darin Scham oder Stolz zu hören war.

Meine Mutter ist tot. Mein Vater ist tot. Onkel Wito ist tot. Genau wie Ferdinand und Käthe und Lomi und Brauni und die anderen Witwen aus Karlshorst. Philby ist tot, und am längsten sind schon die Rosenbergs tot.

Jetzt, nach der Öffnung der KGB-Akten, hat sich die Aussage meiner Mutter, sie seien nicht unschuldig hingerichtet worden, bestätigt. Sie muß es also gewußt haben. Wer weiß, welchen Anteil sie daran hatte. Es ist geschrieben worden, Philby habe im Jahr 1938 aus dem Munde meiner Mutter zum ersten Mal das Wort Atomenergie gehört. Das ist wirklich verwunderlich, da meine Mutter kaum die einfachsten Gesetze der klassischen Mechanik kannte und nicht einmal Autofahren in ihrem Leben gelernt hat.

Das Imperium, für das die Rosenbergs, Philby und meine Mutter spionierten, ist zusammengebrochen und untergegangen, und von den Ideen und Theorien – für die sich meine Eltern und ihre Freunde, Philby und die Rosenbergs hingaben, denen ihre ganze Leidenschaft galt und für die sie jede andere Loyalität ablegten, alle Bindungen an ihre Herkunft lösten – ist auch nicht mehr viel übriggeblieben.

Unendlich viel ist seitdem über die Rosenbergs geschrieben worden und unendlich viel über Kim Philby, Dutzende von Büchern und Hunderte von Artikeln sind erschienen, Radiosendungen und Fernsehserien dazu gelaufen. Sechs Bücher stehen in meinem Regal, zwei habe ich gelesen, zwei habe ich durchgeblättert, die anderen beiden kurz angesehen und dann ins Regal gestellt, so ähnlich, wie es meine Mutter auch getan hat. Meine Neugier war schnell befriedigt, denn was ich an diesem Kapitel aus ihrem Leben nicht verstand, wurde in den Büchern auch nicht erklärt. Das zuletzt erschienene Buch ist das interessanteste. Ein russischer Journalist hat mit Philby wenige Monate vor seinem Tod ein langes Gespräch auf seiner Datscha geführt und seine Erinnerungen den Berichten und Dokumenten des KGB gegenübergestellt und auch den kurzen Lebensläufen seiner, und also auch meiner Mutter, Kontrolloffiziere aus der Zeit, als sie das Wort Atomenergie ausgesprochen haben soll. Diese Biografien enden alle gleich: erschossen, erschossen, erschossen. Als feindliche Spione natürlich.

Meine Mutter hat mir den Stolz und die Scham, die so schwer zu unterscheiden waren, wenn sie über dieses Kapitel aus ihrem Leben sprach, wie einen Adelstitel vererbt. Wie alle ererbten Titel weist er auf eine vergangene Glorie, ist anachronistisch und am Rande der Lächerlichkeit.

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