Alles,alles liebe von Barbara Honigmann, 1999, dtv

Barbara Honigmann

Alles, alles Liebe
(Leseprobe aus: Alles alles Liebe, Roman 1999, dtv)

Anna an Eva Prenzlau, den 1. November Liebe Eva! Das erste Wort, das ich in Prenzlau hörte, war "Zigeuner". Jemand rief es mir nach, kaum daß ich ein paar Schritte aus dem Bahnhof getan hatte, auf der Suche nach meinem Hotel. Aber soviel ich mich auch umgesehen habe, da war kein Mensch und kein Hotel, weit und breit. Dann habe ich es schließlich am anderen Ende der Stadt gefunden, am Rande des "Parks des Friedens", und auf dem Wege dahin ist mein Mut immer tiefer gesunken, und meine beiden Taschen wurden immer schwerer. Die Straße, in der das Hotel liegt, es ist aber bloß eine Kneipe, über der sie noch ein paar Zimmer vermieten, heißt "Straße der Völkerfreundschaft". Wie könnte es auch anders sein. Meine Adresse für die nächsten acht Wochen lautet 21 Prenzlau Parkhotel Straße der Völkerfreundschaft 55. Bitte schreibe mir oft in die Straße der Völkerfreundschaft, Eva. So oft es nur geht. Ich werde Dir auch oft schreiben. Wir sind jetzt völlig aufeinander angewiesen in unserer Zerstreuung. Irgendwann muß jeder ein erwachsenes Leben beginnen, haben wir doch herausgefunden, an den langen Tagen im "Espresso", in den langen Nächten in unseren Küchen und in der Volksbühnenkantine Tag und Nacht. Die Frage war nur, wer fängt damit an. Es klang ja auch eher wie eine Aufforderung zum Spiel, besonders aus dem Munde unseres Philosophenkleeblatts, das zwar immer so viel zusammenphilosophiert, aber was Möglichkeit, Notwendigkeit und Wirklichkeit anbelangt, bleibt es eher theoretisch. Du hast es als erste gewagt, wahrscheinlich weil Du Schauspielerin bist und spielst. Und ich folge Dir jetzt in dieses Abenteuer und finde mich erst einmal an dem Ort wieder, den ich am allermeisten auf der Welt hasse, in der Provinz. Doch wer weiß, vielleicht wird hier etwas ganz Neues beginnen, etwas, worauf man später zurückblikken wird und denken, ja, es hat alles in dieser Provinzstadt angefangen. Eva, ob wir eines Tages zwischen unserer Faulheit und unserem Größenwahn einen Weg hinaus in ein vernünftiges Leben finden? Ich fühle mich jetzt schon ganz verloren. Faul darf ich hier nicht sein und größenwahnsinnig auch nicht, aber zu etwas anderem bin ich wahrscheinlich gar nicht imstande. O durchwachte Nächte in den Küchen und Kantinen! O alle Mittagsschläfchen meines Lebens! An das "Espresso" denke ich jetzt wie an ein fernes Land hinter dem Meer, und an alle unsere Freunde wie an eine Familie, aus der ich halb entführt und halb verstoßen worden bin. Sind das Symptome des Erwachsenseins? Nachdem wir uns gegenseitig ein paar Tage observiert haben, hat mir die Theaterleitung gestern einen Vertrag vorgelegt. Auf dem Deckblatt steht, daß ich meine Fähigkeiten als sozialistische Künstlerpersönlichkeit in enger Verbindung mit der Arbeiterklasse bewußt einzusetzen und mich auch dauernd weltanschaulich weiterzubilden habe. Steht das etwa auf allen Theaterverträgen? Steht das auch auf Deinem Vertrag? Im Innenteil sieht es schon viel prosaischer aus. Als Gage für die gesamte Inszenierung bekomme ich 800 Mark, damit dürfte ich noch zufrieden sein, haben sie gesagt, weil Anfänger eigentlich nur 600 Mark bekommen. Dafür muß ich noch zwei Konzerteinführungen halten. Ich habe den Vertrag heute unterschrieben Prenzlau, den 1. November 1975. Anna Herzfeld. Der Tag, an dem Pasolini ermordet worden ist. Wie mir die Bühnenbildnerin gerade erzählt hat, sie hats im SFB gehört. Ist ja schrecklich. Bis jetzt habe ich die Tage hauptsächlich mit Besprechungen in der Dramaturgie, in der Schneiderei, in der Werkstatt, mit der Beleuchtung und der "Leitung" verbracht. Bei der Leseprobe habe ich immer ganz allein gelacht, an den Stellen, die ich komisch finde, sonst hat keiner gelacht. Die Schauspieler haben immer nur Fragen rein technischer Art, alles verwandelt sich hier in Technisches, und es gab schon einen halben Skandal wegen eines karierten Kleides, das die Bühnenbildnerin und ich vorgeschlagen haben. Sie ist bis jetzt die einzige sympathische Person hier, außer Lutz, von dem ich aber noch nicht viel gehört und gesehen habe. Sie lebt allein, mit ihrem kleinen Sohn, und hat mir gestern die dramatischen Ereignisse seiner Geburt erzählt. Während der ganzen Zeit ihrer Schwangerschaft lebte sie allein draußen vor der Stadt, mußt Du Dir vorstellen, in einer Laubenkolonie, und als es mit der Entbindung soweit war, lief sie im hohen Schnee zur Telefonzelle, um den Rettungswagen zu holen, und kam nicht richtig vorwärts wegen des hohen Schnees und des dicken Bauchs und der Wehen im Fünf-Minuten-Abstand, und schließlich wartete sie neben der Telefonzelle auf den Rettungswagen und hatte Angst, daß ihr das Kind in den Schnee plumpst. Weit und breit kein Vater und kein Mensch. Wenn ich nach Hause komme, hole ich meinen Zimmerschlüssel in der Kneipe an der Theke, dann will der Wirt erst mal ein Bier mit mir trinken und fragt mich aus, ob ich Türkin, Italienerin, Kolumbianerin oder, natürlich, Zigeunerin bin. Manchmal antworte ich ja und manchmal antworte ich nein oder zische was von Regisseurin am Theater, als ob das auch ein Volksstamm wäre. Vorhin habe ich ihn gefragt, ob er nicht einen Tisch für mich hätte, einen kleinen wenigstens, auf dem man etwas abstellen kann. Er ist mit mir in den Keller gegangen, und dort haben wir so ein klappriges Ding gefunden, darauf habe ich meine Sachen ausgebreitet, direkt neben dem Waschbecken, weil das der einzige freie Platz ist. Meine Überlebensbatterie auf der einen Seite - Knäckebrot, Nescafé, Joghurts und ein paar Orangen, auf der anderen Schreibzeug, das Textbuch vom "Furchtsamen" und Tusche, Federn, Stifte, vielleicht komme ich ja zwischendurch auch mal zum Zeichnen. Der Tisch wackelt, während ich Dir diesen Brief schreibe. Der erste Brief ist an Dich. Eva, wir haben nie wieder über den Sommer in der Einsiedelei gesprochen, und es würde mir schwer fallen, darüber zu schreiben. Man sagt ja doch bloß immer Sprüche, das stimmt doch alles nicht, und eigentlich will man etwas ganz anderes sagen. Das Wichtigste ist, daß wir uns nicht gegenseitig kaputtmachen und daß wir uns nicht wehtun, wenn das möglich ist, und daß wir nicht auseinanderkommen und noch vieles zusammen sehen und erleben, wenn wir uns doch lieb haben. Deine Anna

Leon an Anna heute morgen Du sitzt jetzt noch im Zug und hast sicherlich schon Deine Stulle und den Apfel aufgegessen, die Lektüre der Berliner Zeitung wirst Du auch schon beendet haben, und nun guckst Du aus dem Fenster. Woran denkst Du, Anna? Ich dagegen bin nur den ganzen Weg wieder zurückgefahren, von Schöneweide bis Pankow, bin die Florastraße wieder hinunter-, die Pestalozzistraße wieder hinaufgelaufen und habe in der Wohnung die Überreste unseres Frühstücks weggeräumt, Butter in den Eisschrank, Brot in den Brotkasten, Teller in den Abwasch, und als ich dann das Bett gemacht habe, ist mir ganz flau im Bauch geworden, und ich mußte an alles das denken, wovon ich lieber nichts aufschreibe, weil das sonst ein Roman der anderen Art wird. Der Sommer ist endgültig vorbei, Anna, und der Herbst auch schon beinahe. Am Birnbaum in meinem Hof hängen nur noch zwei Birnen und fast gar keine Blätter mehr. Ich habe immer noch nicht richtig begriffen, was alles seit dem Sommer geschehen ist, seit diesem wirren Sommer in der Einsiedelei, und noch viel weniger habe ich begriffen, was vorher geschehen ist, vor dem Sommer, bevor Du mich kanntest und bevor mich Heinrich in eure Einsiedelei abgeschleppt hat. Ich habe versucht, es Dir zu erklären, diesen Trieb, einfach alles loszulassen, auch das, was einem noch halbwegs in die Hände gegeben ist. Ich weiß nicht, ob Du es verstehen konntest. Nun wirst Du schon in Angermünde sein, und die Soldaten im Gang werden schon ihren Kasten Bier ausgetrunken haben, ich hoffe bloß, sie haben Dich in Ruhe gelassen. Ich werde jetzt den Müll runterbringen und dann zu Herrn Horn rausfahren. Wenn ich dort alles erledigt habe, werde ich einen Umweg über das "Espresso" nehmen, damit ich hören kann, wie Deine Freunde dort Deinen Namen aussprechen, wenn sie von Dir reden. Ich liebe Dich und ich denke viel zuviel daran und liebe Dich und denke viel zu viel daran und ich liebe Dich, und denke bitte Du auch an Leon

Anna an Mum 2.11.75 GUT ANGEKOMMEN ALLES IN ORDNUNG BRIEF FOLGT ANNA

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