Narratorium
(Leseprobe aus:
Narratorium, 2008, Ammann).
MOHAMMED ALI
(alias Cassius Marcellus Clay), Weltmeister, Star-Boxer, Sportlegende,
Kultfigur (geb. 1942): Der baptistisch getaufte Sohn eines Schildermalers
und einer Putzfrau in Kentucky boxte sich mit 18 rauf, als Amateur, bis zu
olympischer Goldmedaille und Profiboxerkarriere, gesteuert von einem Syndikat
aus 11 (Narrenzahl!) weißen Geschäftsleuten aus Louisville. Selten ließ ein
Schwergewichtler andere so langsam aussehn. Gegner ließ er sich müde hauen, ehe
er zurückgab und loskeilte. Statt von Runde zu Runde zu ermüden, bot er noch in
der 15. Runde immer rasantere Aufwärtshaken und Schlagkombinationen. Seine
gefürchtete linke Führhand wuchs nach wie Hydrafäuste. Unnötige Beinarbeit
perfektionierte er als reine Showeinlage; der tanzende Boxer – 95 kg schwer –
mutierte zum boxenden Tänzer. Viele glaubten sich umzingelt. Zudem zermürbte er
seine Gegner vorm ersten Gongschlag durch Verbalattacken: den bullenstarken
Wildling George Foreman nannte er »Schlappschwanz«; Weltmeister Sonny Liston
»großen häßlichen Bären«; Strong boy Floyd Patterson zittere als Kaninchen vorm
eigenen Schatten, rief er und brachte ihm Mohrrüben ins Trainingscamp. Auf
Gegner, die er verdrosch, redete er ein: »Schlag härter!« Kritiker monierten,
seinen Weltmeister habe sich das Großmaul, statt erboxt, erquatscht. Er ließ
sich keinen Maulhalter vorlegen. Einem Sportreporter-Promi bot er 1 Mill. Dollar
für dessen Toupet: »Stopfen Sie mit Ihren Haaren auch Ihr Gehör?« Zu den Beatles
sagte er beim Promi-Treff: »Ihr seid gar nicht so dumm, wie ihr ausseht!«
Dasselbe über Breschnew. Bereits sein Sandsackboxen klang seiner Umwelt wie
Musik. Kuba sah er als Synonym für Fidel Castro, Afrika als Synonym für Lumumba,
sich selbst als ein anderes Wort für Amerika. Was Sportlegende Max Schmeling für
Deutschland war, das war Cassius Clay für die Welt. 1960 trug er sogar nachts
auf dem Nachthemd die Goldmedaille, die er, als ein weißer Caféhausbesitzer ihn
anmotzte »Verpiß dich, du Nigger!«, in den Ohio schmiß. 1962 trat er, geistlich
bearbeitet von entsprechenden Reverends, zu den Black Muslims über, und in die
Liga der damals bloß 700 000 Moslems (statt 1,3 Mrd. Muslime 2008), und schon
betrieb »Mohammed Ali« Gebetsniederwerfungen selbst im Boxring; einen Namen,
vererbt von einem Sklavenhalter, wollte er nicht behalten. Wer ihn weiterhin
»Cassius Clay« nannte, den nannte er zur Strafe »Uncle Tom«. »There is no god
but Allah, Mohammed is his apostle«, sagte er demonstrativ auf Pressekonferenzen
auf. Schikanen folgten. Er aber meinte es ernst. Der Islamische Rat von Ägypten
überreichte ihm eine pokalartige Kitsch-Moschee zum Aufstellen, kiloschwer aus
purem Gold. Der gnadenlosen, von ihm zerwalkten Kampfmaschine Joe Frazier rief
er mitten im Ali-Shuffle und Showdown zu: »Weißt du nicht, daß du gegen Gott
kämpfst?« Nie um flotte Sprüche verlegen. Seine Kundgaben, er hätte keine Angst
vor Waffen, denn er sei zu schnell, um getroffen zu werden, Gott sei sein
Bodyguard, oder er könne durch einen Hurrikan laufen, ohne daß er naß würde,
variierten schamanistische Allmachts- und Unverletzlichkeitsphantasien wie in
Nibelungenlied oder Daoismus. Behörden schickten Steuerbescheide und
Wahlunterlagen weiterhin hartnäckig an »Mr. Cassius Clay«. Weiße hielten
Mohammed Alis großgeschriebene Religion für Showeinlage, Publicitygag, für eine
neue Marotte, unnötige Arabeske seiner Body-Religion. Im Londoner Isow’s
Restaurant fuhr er gern simultan 2 übergroße rohe Steaks ein, sprang dann auf,
rannte raus, um zu kämpfen. 1964 besuchte er erstmals Afrika; schwarz und
horizontfüllend quoll’s ihm von überall entgegen. 1966 kämpfte er in Frankfurt,
unter landenden und startenden Aeroplanes, erledigte den unkaputtbaren
Europameister in der 12. Runde, gab hinterher zu: »Mit eurem Mildenberger hatte
ich die meiste Arbeit.« Von Nachtclubsängerin Sonji Roi, 23, der er 5 Minuten
nach der Erstbegegnung einen Heiratsantrag machte, den sie mit »Why not?«
quittierte, ließ er sich nach 1½ Jahren scheiden, praktisch wegen nichts. Sie
war halt nur 99- statt 100%ig gewillt, sich der Kontrolle seiner geistigen
Führung auszusetzen, trug ganz gern mal Make-up und Schmuck, dadurch als
aufsässig/nicht-islamisch eingestuft und ausgespien. Als sie fragte, ob sie’s
nicht doch noch versuchen sollten, sagte ihr Gatte: »Wir sehn uns vor Gericht,
Darling.« Morddrohungen führten derart zu FBI-Paranoia, daß Ali Betreuer und
Gegner öfters in einen Topf warf. Gattin Nr. 2, eine strenge Muslima: Belinda
Boyd. Sein »I’m the greatest« posaunte er hinaus in alle Welt, ohne
hinzuzufügen: »größter Boxer«. Der beste Schwergewichtler aller Zeiten – da
mischten sich Behauptung und Faktum; x Boxexperten hielten andere Boxpäpste,
Weltrang-Bullen, Hexenkessel-Bomber, Sexmaniacs, Lederfäuste für zeitweise
besser. Mohammed Ali aber konnte als erster am TV als Einzelperson 1 Mrd.
Zugucker gleichschalten (später nur noch toppbar von Lady-Di- und
Papst-Beisetzungen). Im Ring kassierte er pro Fight 8 Mill. Dollar, zusammen
Bruttogagen von 67 Mill. Dollar. Viel verlor er an Moslembrüder, Mitläufer,
Ex-Frauen und Hofstaat, kaufte Immobilien in Chicago, Los Angeles, Michigan,
Pennsylvania. Zubrot kam durch TV-Spots rein, und sei’s Reklame für
Ungeziefervertilgung. Einem Trainer verkaufte er seinen Gürtel für 500 Dollar.
Den Kriegsdienst in Vietnam verweigerte er, weil er nicht den Dog spielen
wollte, auf Befehl des Herrchens (Ami) sympathische Völker zu beißen. Sein Feind
waren, statt die Gelben, weißhäutige, blauäugige Teufel, die wegen seiner
unpatriotischen Äußerung (»Mich hat noch nie ein Vietnamese »Nigger« genannt!«)
ihm den Titel aberkannten. Urteil: 5 Jahre Staatsgefängnis plus Geldbuße: 10 000
Dollar. Kautionsfreiheit. Bald nach dem Putsch in Libyen besuchte er ->Gaddafi.
Gemeinsames Thema: Mißachtung schwarzer durch arabische Moslems. 1970 trat Ali
wieder als Boxer an. Reflexe hatte er noch, aber keine Beine mehr. Verwaschene
Suada, bis hin zum Nuscheln, ging auf Kinn- und Kiefertreffer zurück.
Trommelfeuer-Wirkung, bei der Sportler Goofy stets Sternchen und Engelchen um
die Kopfbirne sausten, beschrieb the Greatest in seinen Memorien wunderbar
surreal: trompetende Fledermäuse, Alligatoren mit Posaunen. 1971 verlor er gegen
Joe Frazier, verglich ihn trotzdem bloß dem Mond, der in geborgtem Licht glänze.
1975 hatte die Sonne Urin im Blut. Leibärzte, die auf Knien zum Rücktritt
rieten, flogen raus. Bei Liebeskummer hieß es von ihm, er könnte jetzt nicht mal
’ne Schüssel Sahne schlagen. 1977 Ehe Nr. 3 mit Fotomodell Veronica Porche. 1978
erklärte er seinen Rücktritt vom Boxsport. 1981 versuchte er ein Comeback,
umsonst. 9 Kinder zeugte er. Parkinson wie beim Papst hängte ihm die
Boxhandschuhe an den Nagel. Er zog sich zurück auf seine Farm in Michigan (30
Hektar), nach 21 Jahren im Ring und 60 Profikämpfen. 1987 Ehe Nr. 4 mit Lonnie.
1999 wurde das zitternde Wrack, stammhirngeschädigt lallend, d.h. der
»bekannteste Mensch auf Erden« (Thor Heyerdahl), berühmter als Martin Luther
King oder Bill Cosby, in Wien zum »Kampfsportler des Jahrhunderts« gewählt (nur
getoppt von ->Jacksons Wahl zum »Musiker des Jahrtausends«). Nach dem
Afghanistankrieg 2002 weihte Mohammed Ali in Kabul eine Mädchenschule ein. In
Dublin eröffnete er mit seinem Freund Nelson Mandela die Behinderten-Olympiade.
2003 kam ein Ali-Bildband heraus, 39 kg, 3000 Fotos, 3000 €. Jetzt trug der
Graukopf, 61, einen schwarzen Schnurrbart. Seine Frau, die drauf achtete, daß er
seine Pillen regelmäßig einnahm, schlief nachts anderswo, da er im Traum oft um
sich schlug. Ab 2006 litt er sehr dran, daß Sohn Sadi (geb. ’91) mehr als er
wog: 92 kg. Der Vater kämpfte verstärkt gegen die Fettsucht der 60 Mill. Amis,
d.h. 30% aller Amis, kraft seiner Diätkost-Creation »GOAT-Food« (Greatest of all
Times), auch »Ali-Futter« genannt.
Worte von Mohammed Ali: Gott hat keine Hautfarbe, er hat keine Haut. Gott
ißt nicht, und er geht nicht aufs Klo. Gott hat die Erde gemacht und die Sonne,
alle Planeten. Es gibt kein Wort, das groß genug ist, Gott zu beschreiben. Aber
Gott weiß alles, über jeden von uns. Deshalb müssen wir Gutes tun. * Floyd
Patterson hat so die Hosen voll, daß er kaum laufen kann. * Der ist so häßlich,
daß sein Stirnschweiß rückwärts läuft, um nicht übers Gesicht zu müssen. * Wenn
ich dich fertigmache – wirst du durch den Ring kriechen undmir die Füße küssen?
Mohammed Ali über sich: Ich bin schwarz und ich bin wunderbar. * Ich habe
die Welt erschüttert. * Ich habe über 100 Amateurkämpfe und 19 Profikämpfe
hinter mir und bin noch immer bildhübsch, so hübsch, daß ich in Gold gemeißelt
werden müßte. * Ich bin kein Farbiger mehr, ich bin olympischer Champion. * Es
ist nur ein Job. Das Gras wächst, die Vögel fliegen, die Wellen rauschen an den
Strand, ich schlage Leute zusammen. * Wer auch nur davon träumt, mich k.o. zu
hauen, sollte aufwachen und sich bei mir entschuldigen. * Meine Devise: Flattern
wie ein Schmetterling und stechen wie eine Biene! * Warum ich so brülle? Wer
flüstert, den hört man nicht. * Frazier, daß ich nicht lache, ist doch nicht
populär; mich kennt man in Peking und Bombay, in Durban und Damaskus, Berlin und
Bangkok; das ist eine Frage der Persönlichkeit. Frazier ist keine
Persönlichkeit. * Chrysler ist pleite, New York ist pleite, ganze Staaten sind
pleite, und alles geht weiter. Ich selber bin nicht pleite. Ich will einen
Rekord aufstellen für die Ewigkeit. * Wenn ich weg bin, wird das Boxen wieder
gar nichts sein. * Allah hat mich oft getestet in meinem Leben. Parkinson ist
der letzte Test.
Andere über Mohammed Ali: Dieser Mann schlägt in alle Richtungen. (Yellow
Press) * Einen wie Ali wird es nie mehr geben. Holyfield? Ryson? Er hätte
beide in einer Nacht geschlagen. (Angelo Dundee) * Seine Anmut war
geradezu furchterregend. (Toni Morrison)
Rezension I Buchbestellung III09 LYRIKwelt © Ammann Verlag