Januskopfweh
(Leseprobe aus:
Januskopfweh, 2002, Elfenbein)
JOJO: Isst du nicht Marmelade oder
was?
ULI: Weder noch.
JOJO: Wenn du die Dinger so liegen lässt, kannst Du sie wegschmeißen. So, bist
du dann fertig mit frühstücken? Wo kann ich denn den Käse und die Butter
hinmachen, ohne dass sie vergammeln? Und das hier bitte noch aufessen, morgen
ist es schlecht. -- Wie lüftest du hier eigentlich?
ULI: Selten.
JOJO: Und wo gibt’s hier frische Abtrockentücher?
ULI: Nicht dass ich wüsste.
JOJO: Ich denk, du wohnst hier. -- Wo sind eigentlich deine Lebensmittelvorräte?
ULI: Müsst ich lange nachdenken …
JOJO: Sobald du dir endlich mal 'n Kühlschrank anschaffen würdest -- denn der
hier ist ja ziemlich hinüber.
ULI: So was brauchen nur Fleischesser.
JOJO: Milch zum Beispiel. Wenn du die Milch hier übermorgen noch trinken
willst, kannst Du sie wegschmeißen. Im Kühlschrank könntest du sie nächste
Woche noch trinken.
ULI: Ich trinke aber nie Milch im Kühlschrank.
JOJO: Ungekühlt ist es unmöglich. Denn in der Luft sind in jedem Kubikmeter
Luft, in jedem Atemzug, da sind hundert Milliarden Bakterien, die sofort hier
rein gehn, und die Milch versauern, und in jedes Lebensmittel, in jede
Marmelade, in jedes Ding, was du irgendwie hast, in jedes Brot, hier, diese Tüte
mit altem Brot, die gehört von Rechts wegen in die Mülltonne. Und die Brötchen
hier, die sind nur deshalb nicht hart geworden, weil sie Feuchtigkeit angezogen
haben. Weil du nie lüftest. Die Äpfel hier, vollkommen verfault und matschig.
Oder hier, in dieser Schublade, zwischen diesen Bleistiften: Bonbons, guck mal,
wie verflüssigt die sind und alles verkleben. Und das hier, das fault dir
unterm Hintern weg. Natürlich ist das nicht mein Bier, deshalb will ich nichts
sagen --
ULI: Mein Bier auch nicht.
JOJO: Kann die weg, die Büchse hier? Guck mal da rein. Und hier der Schrank müsste
dringend -- fass mal hier rein.
ULI: Nicht dein Bier, aber dein Thema. Über Fäulnis sprichst du sehr gern,
sehr oft … praktisch jedes Mal. Du bist da irgendwie vorbelastet.
JOJO: Weil’s mich anwidert. Außerdem sprech ich nicht drüber, sondern reg
mich auf drüber. Kannste mal hier mit anfassen? Den Schrank so kippen, dass ich
unten drankomm?
ULI: Immer wenn du mich besuchst, machst du das zum Leitmotiv. Irgendwie
zwanghaft.
JOJO: Weil's hier üblich ist, dass hier alles vor die Hunde --
ULI: Ich merk davon nichts ...
JOJO: Du weißt nichts von diesem Eimer hier? Mit diesen Bio-Abfällen? Dass der
täglich geleert und ausgewaschen werden muss? Den müsst ich erst mal zwei Tage
wässern, damit dieses faulige Zeuch hier raus geht.
ULI: Iiiihgittigitt!
JOJO: Warum polierst du das nicht täglich? Ausspülen, trocknen,
wiederbenutzen. Wenigstens alle zwei Tage. Aber der hier steht ja wochenlang,
bis er übervoll ist und vor sich hinstinkt. Untenrein gehört 'ne Zeitung,
damit sich nicht so ein säuischer Schlamm bildet.
ULI: Die will ich aber noch lesen.
JOJO: Das sind einfach Dinge, die ich einfach nicht begreife.
ULI: Für mich ist das halt überhaupt kein Lebensthema. So wie für dich.
JOJO: Nimm einen Tropfen von dem, was hier in diesem Eimer passiert, unters
Mikroskop -- und du bist so entsetzt wie ich.
ULI: Sind das überhaupt hundert Myriaden? Oder bloß hundert Millionen?
JOJO: Und wenns hundert wären. Das würde ausreichen --
ULI: Wieviel sind's denn? Hundert?
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