|
|
Ihre Eltern, Sonja und eine Frau saßen am Tisch und
frühstückten. Sie begriff nicht.
»Das is Annegret, meine Ältste.«
Die Fremde schaute sie an, ob kurz oder lange, hätte Annegret nicht zu sagen
gewusst. Irgendetwas ging aus von der Frau, das spürte sie. Dann verstand sie,
was ihre Mutter ihr zurief: »Nu setz dich schon hin. Das is Frau Kampradt.«
Annegret errötete, weil sie die Fremde so lange angestarrt hatte.
Nach ihr kamen Wolfgang, Kathrin und ihre Tochter, zum Teil schon angezogen, zum
Teil noch in Schlafsachen. Als sie der Fremden die Hand reichten, brach etwas in
ihnen auf – und was immer es auch war, es überraschte und band sie.
Kathrin stand der Mund offen, was ihr Doppelkinn unvorteilhaft zur Geltung
brachte.
Sabine kam ein langes »Wow!« über die Lippen. Als sie sah, wie artig selbst ihr
Vater am Tisch saß, nahm sie ihren Mut zusammen und setzte sich neben die
Fremde.
Die Schlachterin unterhielt sich mit Albrecht und Hertha, als Achim und René zur
Tür hereinkamen. »Moin, Moin«, grüßte Achim in die Runde und gab jedem die Hand,
außer seiner Frau. »Dir schmeckts hier ja wieder.«
Der Gruß seines Vaters schien René für zwei zu reichen, weswegen er hinter ihm
nur die Hand gab und nickte.
»Na, Biene, hast du ne Freundin aus Berlin mitgebracht?« Achim zwinkerte Sabine
zu und hielt der Fremden die Hand über die Schulter.
Die Schlachterin sah ganz langsam zu ihm auf. Sonja hielt den Atem an: Sie
glaubte eine Art von Belustigung im Gesicht der Fremden zu erkennen. Achim, zu
der Frau gebeugt, nahm die plötzliche Stille wahr, als ihm durch den Kopf
schoss, dass eine Frau der Schlachter sein könnte. Sein Oberkörper schnellte
zurück. Die Hand, die der Bewegung nicht folgte, stand grotesk von ihm ab. Die
Schlachterin wandte sich ab. Sonja – rot angelaufen – atmete aus, kicherte
hinter vorgehaltener Hand und stellte Mann und Sohn vor.
»Nu such dir endlich ä Stuhl«, rief Hertha, »un lass deine Gute ruhig was essen.
Die hat nämlich noch gar nischt Richtiges hintergekriegt, un bis es was Frisches
gibt, is es noch ä Weilchen hin.«
Sonja betrachtete ihre Mutter. Die saß fast stolz am Tisch, wo sie sonst immer
im Haus herumrannte und alles durcheinanderbrachte.
»Annegret, schenk deim Schwager ma ne Tasse Kaffee ein! Was is denn nu mit den
Eiern? Willsde nur dein Mann bedien? Un Kathrin, setz ma ne Kanne Muckefuck an.
Mei Guter hier trinkt doch keen Kaffee.« Sie strich René, der vor so viel Gunst
errötete, über den Kopf.
Es gab wenige Orte, wo Sonja sich so wohl fühlte wie in der Küche ihrer Eltern:
Die Rennerei vor den Mahlzeiten zwischen Speisekammer, Herd und Spüle, der
Geruch von Schnitzeln oder Eiern, die in reichlich Butter brieten, die schweren
Pfannen – sie verfluchte sie jedes Mal, wenn sie die scheuern musste –, der
Küchenofen, das zusammengewürfelte Geschirr, die Schnelligkeit, mit der der
Tisch gedeckt und alles Essen ausgepackt wurde, wie die Türen der Zimmer und
Schränke schlugen, das Geschirr und Besteck, die Töpfe, Schneidbretter,
Untersetzer und Pfannen auf den Tisch knallten, die Hektik, bis alle am Tisch
saßen und im Handumdrehen zu essen anfingen, außer Hertha, die stets noch
irgendwas aufzutischen suchte und hernach aß, was übrigblieb. Sonja liebte es,
wie ihr Vater das Brot an die Brust drückte und es entweder mit ganz
ungeeigneten oder gefährlich geschliffenen Messern schnitt; die elektrische
Brotschneidemaschine, die Annegret vor Jahren mitgebracht hatte, ging schon
lange nicht mehr. Oft nahm ihm Sonja die Runken gleich aus der Hand und belegte
sie für ihn, damit das Essen schneller ging. Sie mochte die kurzen Handgriffe
und Verständigungen am Tisch, die keine Mühe waren und kein Gespräch wurden. Und
sie hatte stets einen gesunden Appetit.
Jetzt ging es seltsam ruhig zu in der Küche. Sie saßen gespannt am großen Tisch,
schlugen die Eier auf, belegten die Brötchen mit Aufschnitt. Zwei Stück Butter
lagen auf dem Tisch. Butter wurde bei Schlegels nicht aufs Brot gestrichen,
sondern in Scheiben daraufgelegt. War ein Stück nur noch viertelst groß, kam es
gar nicht mehr auf den Tisch – das galt als Schande –, sondern bei nächster
Gelegenheit in die Pfanne.
Sonja drehte verstohlen den Kopf: neben der Fremden Sabine, dahinter die große
rote Propangasflasche, René an der Speisekammertür, vor dem hellblauen
Küchenschrank Hertha, Albrecht, Wolfgang, an der alten Schleuder Achim mit
Annegret, neben ihr Kathrin. Als die Frau anfing zu sprechen, war sich Sonja
nicht sicher, ob sie laut oder leise sprach.
»Es gibt Schlachter, die lieber alles selber machen, bevor sie etwas erklären,
die den andern nichts zutrauen. Die stürzen sich in ihre Arbeit, um den Menschen
aus dem Weg zu gehen, arbeiten verbissen, während die anderen die Hände in die
Taschen stecken. Das ist bei mir nicht so.« Sie lächelte in die Runde. »Arbeit
ist etwas, das sich ganz gut verteilen lässt. Die schwierigen Arbeiten, die mit
Gefühl, mach ich selber. Den Rest macht ihr.« Sie biss in ihr Brötchen. Auch die
anderen bissen zu und kauten. »Einmal, ich hatte mir«, sie spülte mit Kaffee
nach, »bei einer Prügelei einen Finger gebrochen, hab ich einhändig
geschlachtet, die Sau noch selbst abgestochen und den Leuten dann erklärt, wie
es weitergeht. Das machte denen nach einer Weile richtig Spaß, vor allem den
Frauen mit den großen Messern in den Händen.« Sie lachte. »Dass die Männer das
Schwere machen, das Sichtbare, worauf es ankommt, zupacken beim Schwein, beim
Fleisch, und die Frauen ihnen zuschauen, dass die Männer gerade auf ihrem Fleck
stehen, bedächtig nicken, während die Frauen das Leichte machen, das
Nebensächliche, das ganze Drumherum, Eimer schleppen, in jeder Hand einen, im
Rücken der Männer, nur mit Brettern, Töpfen, Wannen, Kellen in Berührung kommen,
wobei ihnen niemand zuschaut, in der Küche, an der Spüle, am Herd, auf dem Hof,
womit sie sogar stören, hoppla!, zwischen den Männerbeinen das Waschhaus
durchwischen, Mensch, muss das denn jetzt sein?!, dass die Frauen sich bücken,
hin- und herrennen, pausenlos schnattern, den Männern die Gläser füllen, dass
sie noch putzen und schimpfen, wenn die Männer längst besoffen sind«, sie hielt,
die Fäuste auf dem Tisch, inne, holte Luft, »das gibts bei mir nicht. Dafür hab
ich die falsche Schürze um.«
Rezension I Buchbestellung I home 0I10 LYRIKwelt © Schöffling & Co.