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Nach dem
Begräbnis
(Leseprobe aus: Zur Phänomenologie des Snobs, Erzählungen, 2005, Hanser)
Während meine junge Frau und ich am
Mittwochnachmittag unseren guten Kaspar auf dem Friedhof begraben haben, ist in
unsere bescheidene, für unsere Verhältnisse aber schon zu teure Altbauwohnung
hinter unserem Rücken ein neuer Mieter eingezogen. Noch ist Kaspar nicht von
der Erde bedeckt, und schon sitzt ein anderer auf seinem Stuhl, ißt von seinem
Teller, schläft in seinem Bett und schaut aus seinem Fenster hinaus. Noch haben
wir bei unserer Rückkehr die Treppe nicht erstiegen, und schon fällt unser
Blick auf das Kärtchen, das er an unsere Tür gezweckt hat: Popper, Opernsänger.
Kennst du ihn, frage ich, indem ich, um den Namen zu lesen, in dem dunklen
Treppenhaus ein Streichholz anzünde und mich wie in Verehrung vor seiner Karte
neige. Nein, sagt meine Frau. Ich auch nicht, sage ich, hoffentlich ist er verträglich.
Und warum sollte er nicht verträglich sein, sagt meine junge Frau, die von dem
langen Begräbnis – einer nach dem anderen wollte an Kaspars Grab seine kleine
Rede halten – noch ganz erschöpft ist. Weil er uns hätte fragen können, ehe
er seine Karte an unsere Türe zweckt, sage ich. Aber es ist ja nun auch seine Tür,
sagt sie. Richtig, sage ich. Und sage mir, daß es für Streitereien ja auch
keine Gründe gibt. Der Wohnungsbesitzer, dessen Untermieter wir sind, lebt, wie
wir wissen, weit von uns entfernt, unsere Wohnung ist geräumig, ihre Mauern
sind dick, auf dem Gang ist ein Teppich ausgerollt, und wir haben unsere eigene
kleine Toilette und Dusche, so daß wir mit dem Opernsänger, außer der
Wohnungstür, nichts werden teilen müssen. Und dann sind wir ja im sicheren
Besitz der besten zwei Zimmer in der Vierzimmerwohnung, in den anderen, viel
kleineren, hatte Kaspar gewohnt. Seine Zimmer gehen auf die Mülltonnen im Hof
und haben weder Licht noch Luft, während unsere Zimmer auf die Straße gehen
und den ganzen Tag schön hell sind. Allerdings liegt uns gegenüber das städtische
Gefängnis, so daß unsere Zimmer auf die lange und eintönige Gefängnisfassade
mit den vergitterten Fenstern gehen, hinter denen schon früh die Lichter ausgelöscht
werden. Was in den Zellen geschieht, wissen wir nicht, wir stellen es uns aber
manchmal vor. Kurz: Unsere Zimmer sind hoch und hell, wenn auch nicht modern, so
daß meine arme Frau jeden Freitag die Dielen scheuern muß. Der Opernsänger
ist während unserer Abwesenheit in die anderen, natürlich viel kleineren
Zimmer gezogen, doch hat er, wie wir sehen, alle Spuren seines Einzugs
beseitigt, alles ist noch schön ordentlich. Er scheint ein stiller Mensch zu
sein, wir können ihn nicht hören, auch als wir beim Betreten des Korridors
laut: Guten Abend, Herr Popper! sagen. Diese Stille ist wichtig, weil ich in
meiner Wohnung viel Ruhe haben muß. Zum Komponieren, meine ich, zum
Hineinhorchen in mich selber.
Am anderen Morgen – wir haben bei dem Gedanken, daß nun ein anderer in
Kaspars Zimmer ist, eine unruhige Nacht verbracht – hören wir, wir haben uns
in dem Sänger getäuscht, er ist gar nicht so still. Zwar geht er abends früh
ins Bett, ist dafür aber auch früh munter. (Während wir nie vor Mitternacht
ins Bett kommen und lange schlafen möchten.) Und geht, nachdem er seine
Toilette im Korridor benutzt und kräftig gezogen hat, in seinem Wohnzimmer auf
und ab, um, denke ich, bei offenem Fenster seine Atemübungen zu machen. Da schläft
meine junge Frau, der man selbst im Schlaf die Trauer um Kaspar ansieht, noch,
doch da fängt er zu singen an, meine Frau ist sofort wach. Was ist das, fragt
sie und schrickt zusammen. Das ist er, sage ich und setze mich auf. Aber er ist
ja tot, sagt meine Frau, die noch halb schläft und meint, daß, weil das Geräusch
aus Kaspars Zimmer kommt, es sein Geräusch sein müßte. Nicht Kaspar, sage
ich, mit dem kann man, wie es in einem ausländischen Sprichwort heißt, keinen
Zaun mehr stützen. Er sang ja auch nicht viel. Es ist der andere, der Opernsänger,
der nun in seinem Zimmer wohnt und nun das Fenster wieder geschlossen hat und an
Kaspars Klavier sitzt und sich selbst begleitet. Aber meine Frau versteht das
nicht, sie ist noch halb im Schlaf. Sie glaubt, Kaspar ist wieder da und hat
sich an sein Klavier gesetzt und singt zu uns herüber. Und trägt wieder seinen
weißen Anzug und das hellblaue Hemd, das er, damit es so lange wie möglich hält,
nie in die Wäscherei gab, sondern lieber selber wusch, unterm Wasserhahn in der
Küche. Erst nach und nach wird ihr klar, daß sie sich täuscht und daß das
nicht Kaspars Stimme, sondern die von dem Neuen ist… Weil Kaspar, wie ihr
wieder einfällt, nun zum ersten Mal nicht mehr in seinem Zimmer, sondern auf
dem Friedhof liegt. Da weint sie dann natürlich wieder. Komm, sage ich, sei
nicht mehr traurig! Und streiche ihr, als ob ich ganz ruhig wäre, übers Haar,
während ich denke: Was für ein Lärm! Und höre, daß sein Klavier, wie ich
schon immer vermutet hatte, verstimmt ist und man nicht darauf spielen und dazu
singen sollte. Was seine Stimme betrifft, so ist sie kräftig und roh. So kräftig,
daß sie nicht nur sein Zimmer, sondern die ganze Wohnung, also auch unsere
Zimmer, füllt. Selbst meine Frau, die, nachdem sie weiß, daß es nicht Kaspar
ist, sich im Bett noch einmal umdreht und sich ein Kissen aufs Ohr legt, damit
sie das Singen nicht hört, und noch etwas schlafen will, gibt es auf und
springt, als ob wir es verabredet hätten, auf ihrer Seite zusammen mit mir aus
dem Bett, gemeinsam setzen wir die Füße auf die Dielen. Was für ein Lärm,
denke ich und stoße, damit er hinaus kann, sofort die Fenster auf. Sie geht an
den Herd, kocht uns Kaffee, streicht uns die Frühstücksbrote. Beim Essen
schauen wir aus dem Fenster hinaus zu unserem Gefängnis hinüber, wo es schön
ruhig ist.
Etwas später, nun haben wir uns gewaschen und angezogen, nun steht die Sonne am
Himmel, sage ich zu meiner Frau: Das mache ich schon! und gehe, weil der Sänger
noch singt, durch den Korridor zu Kaspars Tür. Ich klopfe, werde lange nicht
gehört, dann ruft eine Stimme: Herein! Aufs neue erschrocken, daß es nicht
Kaspar ist, der in seinem Zimmer ruft, stoße ich die Tür auf, trete ein. Und
sehe statt Kaspar, mit dem ich insgeheim immer noch rechne – obwohl ich ihn
mit eigenen Augen in die Erde habe fahren sehen – einen Mann in Kaspars Alter,
wenn auch sonst ganz anders, auf Kaspars Stuhl vor Kaspars Klavier sitzen, sehe,
er lächelt mich an. Ich bin Popper, sagt er. Dann die Begrüßung, der Händedruck,
er ist aufgestanden, ich sage ihm, wer ich selber bin, er freut sich und klopft
mir auf die Schulter und faßt mich, als er hört, daß ich komponiere, an einer
Operette bin, beim Ellenbogen und führt mich in seinen Zimmern herum, deren Möbel
er, um sich von Kaspar abzusetzen, umgestellt hat, aber er erklärt mir alles,
auch wo sie gestanden haben. Schließlich, mit einer großen Geste, zeigt er
mir, wo bei ihm der Whisky steht.
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