aus: Und was wird jetzt?
Die Kriegsumstände brachten viele fremde und interessante Leute ins Dorf. Eines Tages brach ich mir den kleinen Finger, weil ich, als ich mit meinem Vetter Georg zum Futterholen fuhr, das Leitseil um die Hand gewickelt hatte und die Kuh, die den Wagen zog, in den Graben gesprungen war. Wahrscheinlich war sie mit ihrem neuen Fuhrmann nicht zufrieden gewesen. Ich brauchte dringend einen Arzt. Aber Dr. Pfuhler war wieder einmal bei einer Entziehungskur. Nach einer Kopfverletzung im Ersten Weltkrieg hatte man ihm eine Silberplatte in die Stirn eingesetzt, die, so erzählte man sich, ab und zu verrutschte. Er litt dann unter starkem Kopfweh und nahm, wie das ganze Dorf wußte, das viele Morphium, das er seinen Patienten verschreiben sollte, hauptsächlich selber ein. Die Praxis des Doktors hatte nun schon seit einigen Wochen eine uns bis dahin unbekannte Ärztin, Gertraud Maas, als Vertreterin übernommen. Sie hatte eine kleine Tochter, war aber nicht verheiratet und redete mit den Leuten darüber, als ob das gar nichts Besonderes wäre. Sie schiente meinen Finger, ohne ihn richtig einzurenken, weil sie mir, wie sie sagte, nicht allzu weh tun wolle, wahrscheinlich aber gar nicht richtig wußte, wie sie es anstellen sollte, so daß ich auch nach über fünfzig Jahren immer noch an sie denke, wenn ich ihn knacken höre oder einen leisen Schmerz im Gelenk verspüre.
Die Ärztin unterhielt sich gerne mit mir, wenn ich zu ihr in die Sprechstunde kam. Ein paarmal war sie auch bei uns zu Hause, weil Maria, der man in Hindelang den Kropfwegoperiert hatte, eine Nachbehandlung brauchte. Eines Tages fragte Frau Maas meine Mutter, ob ich sie nicht manchmal begleiten könne, wenn sie im Auto auf die umliegenden Dörfer zu ihren Krankenbesuchen fahre. Meine Mutter hatte zwar nichts dagegen, traute aber dem Frieden nicht so richtig. Es gefiel ihr nicht, daß die Frau, wie sie sagte, etwas Nationalsozialistisches, Unchristliches und Heidnisches an sich hatte. Wie recht sie damit hatte, merkte ich, als die Ärztin bei unseren Fahrten in die Umgebung einmal in dem großen Wald zwischen Kirchberg und Gutenzell ihren Wagen parkte, mich dort auf eine Lichtung mit Lupinen und rotem und weißem Fingerhut führte und dann plötzlich in das Farnkraut warf. Ob es mir denn gar keinen Spaß mache, mit ihr ein bißchen herumzubalgen, fragte sie, als sie mein Gesicht sah. Ich wurde störrisch. Da merkte sie, daß es mich nicht besonders interessierte, mit ihr herumzuraufen, und ließ mich dann bei anderen Fahrten und Spaziergängen in Ruhe.
Einmal kam eine Nichte von ihr zu Besuch. Die war schon siebzehn, groß und blond und sehr nett und freundlich mit mir. Neben ihr kam mir die Tante, trotz ihrer rassigen Nase und ihrem sportlichen Gehabe, schon fast wie ein altes Weib vor. Bei der Nichte hätte ich nichts dagegen gehabt, wenn sie mich aufs Moos geschmissen hätte, um ein bißchen mit mir zu ringen. Aber selber damit anzufangen, als wir zusammen in einen Wald bei Rot an der Rot hineinspaziert waren, während die Tante ihre Krankenbesuche machte, wäre mir nie eingefallen. Ich wußte nicht so recht, wie man so etwas überhaupt anstellte. Außerdem war sie viel zu schön dafür. Als wir uns schließlich in einer Lichtung auf den Waldboden gesetzt hatten, überlegte ich mir, ob es ihr vielleicht gefallen würde, wenn ich sie irgendwo ein bißchen kitzelte, doch ich ließ es dann doch bleiben. Statt dessen fragte ich sie, ob sie auch meine, daß man in diesem Wald besonders viele Vögel singen höre. Sie gab mir recht. Dann wollte ich noch wissen, ob sie sie schon anderswo so schön habe singen hören. Ich freute mich sehr, als sie mir sagte, sie glaube wohl nicht. Das machte mir Mut, sie zu belehren, daß es sich wohl um Amseln handle. Aber dann gingen wir schon bald zu der Stelle, wo wir uns mit der Tante verabredet hatten.
Als ich nach Hause kam, war es später als gewöhnlich. Meine Mutter wollte unbedingt wissen, warum. Schließlich hätte ich ja die Maiandacht, an die ich bei den Amseln im Wald kein einziges Mal gedacht hatte, nicht versäumen dürfen. Ich redete mich mit den vielen Krankenbesuchen der Ärztin in den abgelegenen Einödhöfen heraus. Von der Nichte und den Vögeln, die in Rot an der Rot so besonders schön gesungen hatten, erzählte ich ihr lieber nichts.
Bei einer anderen Fahrt blieb die Ärztin einmal mit dem Auto mitten in einem Wald im Schnee stecken. Da kam ein französischer Kriegsgefangener in Uniform des Wegs, der ein Kreuz auf seine Militärmütze gestickt hatte. Sie kannte ihn bereits. Das sei der Pfarrer der gefangenen Franzosen, erklärte sie mir, deshalb könne er frei herumlaufen. Mit ihrer und meiner Hilfe versuchte er das Auto anzuschieben. Vergeblich. Da ging er weg, um bei den Bauern im Dorf Hilfe zu holen. Franzosen, sagte sie, seien eben doch etwas Besonderes. Von denen könne mancher ungehobelte Deutsche etwas lernen. Das lasse sie sich nicht nehmen, obwohl sie bei der NSDAP und auch Mitglied von «Glaube und Schönheit» sei. Ich wußte zwar nicht genau, was «Glaube und Schönheit» für ein Verein war, verstand aber nur zu gut, daß dieser Glaube mit dem unseres Pfarrers nichts zu tun hatte und die Schönheit mehr oder weniger die von dem Mädchen war, das ich zufällig auf dem Blatt eines Kalenders entdeckt und heimlich abgerissen hatte, bevor es meiner Mutter vor Augen gekommen war. Ich hatte es zusammen mit einem Paßbild der schönen Doja, das Luitpold auf meinen Wunsch seiner Schwester geklaut hatte, in einer leeren Schuhschachtel auf dem Dachboden vor meiner Mutter versteckt. Dort schaute ich es mir oft und gern an, wenn niemand in der Nähe war. Das Mädchen stand ganz nackt mit einem Speer in der Hand am Meer. An ihrem zerzausten blonden Haar, das fast ihr ganzes Gesicht zudeckte, und an dem schräg liegenden Dünengras sah man, daß ein starker Wind blies. Die Matrosen und Fischer, das hatte ich einmal gelesen oder sagen hören, sprachen dann von einer steifen Brise. Ich spürte sie bis in Erolzheim, wenn ich das Kalenderblatt und das Paßphoto ansah.
Eines mußte man Frau Maas lassen. Wenn jemand ihre Hilfe brauchte, machte sie sich jedesmal so schnell wie möglich und bei Wind und Wetter auf den Weg. Das wußten die Leute, und sie rechneten es ihr hoch an, daß sie für jeden da war. Für einen richtigen Arzt sei das selbstverständlich, erklärte sie mir. Ob der Kranke Deutscher oder Russe, Parteimitglied oder Kirchgänger sei, das dürfe keine Rolle spielen. Ich wunderte und freute mich, wenn ich sie so reden hörte.
Im Auto hatte sie einen Roman von Honore de Balzac, «Ein Landarzt», liegen. Ich solle ruhig darin lesen, wenn ich während ihrer Visiten auf sie warte. Ich fand das Buch ein wenig langweilig und sagte es ihr. Das finde sie überhaupt nicht, wies sie mich zurecht. Aber sie könne natürlich auch verstehen, daß mir in meinem Alter Abenteuerromane lieber seien oder auch Jugendbücher, und sie gab mir «Tom Sawyer» von Mark Twain mit nach Hause. Ich las in dem aus dem Amerikanischen übersetzten Band ohne großes Interesse ein bißchen herum und gab ihn ihr bald wieder zurück. Sie war etwas erstaunt.
Einmal fragte mich die Ärztin, ob mir denn Goethes «Faust» schon ein Begriff sei. Ich gab widerwillig zu, daß ich ihn nur vom Hörensagen kannte. Dem wolle sie abhelfen, sagte sie, indem sie flugs und ohne zu zögern ein Buch aus dem Regal zog, in dem das ganze Werk abgedruckt war. Da könne jeder etwas finden, versicherte sie mir, vielleicht sogar einer wie ich, dem es ja fast kein Schriftsteller recht machen könne. Sie wolle mir wenigstens eine der vielen berühmten Stellen vorlesen, nämlich die, wo der Herr mit Mephistopheles eine Wette abschließe. Wie sei es überhaupt denkbar, protestierte ich, als ich mir die Verse angehört hatte, daß sich Gott und der Teufel wie Gleichberechtigte miteinander unterhielten? Jedes Kind wisse schließlich, daß Luzifer für alle Ewigkeit tief unten in der Hölle und Gott oben im Himmel sei. Wenn Goethe nicht, wie mir der Pfarrer erklärt habe, ein Freimaurer gewesen wäre, hätte er wohl nie und nimmer solche Dinge geschrieben, bekam sie von mir zu hören. Da schaute sie mich an, als hätte sie von mir nicht die pure Wahrheit, sondern unsinniges Zeug eines eigensinnigen Schülers zu hören bekommen, um den sie sich vergeblich bemühte. Jetzt verstand ich meine Mutter, die mir gesagt hatte, ich solle trotz allem Respekt, den die Ärztin verdiene, bei allem, was die ihr nicht so recht begreifliche Frau tue und sage, immer auf meiner Hut sein.
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