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Trojaspiel
(Leseprobe aus: Trojaspiel, Roman,
2005, Frankfurter
Verlagsanstalt)
Prolog
Moldavanka, 1899
Das Wunder der Geburt vollzog sich im düstersten Winkel der Moldavanka, jenem
Viertel im Herzen der Hafenstadt Odessa, dem Palmyra des Südens, das man anständigen
Bürgern nicht zu betreten riet, sofern sie nicht an Leib und Seele Schaden
nehmen wollten.
Ein barfüßiger, schmutziger Knabe stand kniewakkelnd vor der Tür der Hebamme
Sonja Kotusova und bohrte unentschlossen in der Nase. Er betrachtete den
schmutzigen Briefumschlag in seiner noch schmutzigeren Hand, und es fehlte nicht
viel daran, daß er einfach wieder kehrtgemacht und das Weite gesucht hätte. In
den dreißig oder vierzig Sekunden, in denen er abwartete und sich zwang, auf
die Geräusche hinter der Tür zu hören, spielte er jedenfalls mit dem
Gedanken, einfach zu verschwinden. Das Leben in der Moldavanka war nun einmal
so, und ein Junge mit zerrissenen Hosen, der an schlimmer Zahnfäule litt und
nur etwa einmal die Woche etwas Warmes zu essen bekam, war nicht derjenige, das
zu ändern. Ein drittes Mal, entschied der Kleine, der auf den Namen Icko hörte,
würde er ganz bestimmt nicht klopfen.
Hinter der Tür hörte er ein Schnarchen, nein, ein Stöhnen, das Klirren von
Glas, dann ein Schlurfen schwerer Schritte. Die korpulente, schnaufende Frau,
die schließlich die Tür öffnete, trug einen Morgenmantel, und das blonde
Gestrüpp, was da auf ihrem Kopf saß, mußte eine Perücke sein. Fasziniert war
Icko jedoch von dem Veilchen auf dem rechten Auge der Hebamme, das größer und
schöner war als das seiner Mutter, und beeindruckt war er von der Fahne, die
seine Nase kitzelte und von der er zu erkennen glaubte, daß sie sich nicht
einem gewöhnlichen Selbstgebrannten verdankte, sondern einem sehr erlesenen
Tropfen.
»Was willst du Gauner?« fragte die Dame verbindlich, denn vor Kindern, die es
geschafft hatten, älter als fünf Jahre alt zu werden, und damit als zäh
gelten mußten, hatte sie wenig Respekt, sie hinderten die Eltern daran, es
erneut zu versuchen, um über das lebensfeindliche Klima des Viertels zu
triumphieren, und das war schlecht fürs Geschäft.
Der Knabe mußte wohl etwas von diesen menschenfreundlichen Gedanken der Frau im
Schlafrock erraten haben, denn er setzte nicht auf besondere Höflichkeit, drückte
ihr schnell den Umschlag in die Hände und sagte nur hastig:
»Eine Frau in der Stummstraße Nummer acht erster Stock. Sie platzt gleich. Die
dritte Tür rechts, dann den Korridor entlang, die letzte Kammer auf der linken
Seite. Schnell sollen Sie kommen, hat die Dame gesagt.«
Und dann, ehe ihm Antwort erteilt worden war, eilte er die Stufen des
Treppenhauses hinunter, vorbei an ein paar alten Apfelsinenschalen und der einäugigen
Katze, die berauscht vom Kerosingeruch, der aus der Tür des Hausmeisters drang,
unter einem Handwägelchen lag. Icko hatte jetzt ein besseres Gefühl als
vorher. Die zwanzig Kopeken, die ihm jene bleiche Frau, die ihn im Treppenhaus
am Kragen erwischen konnte, für den Auftrag bezahlt hatte, waren jetzt redlich
verdient. Und mit dem guten Gewissen, daß er, der, selbst wenn er Schuhe
besessen hätte, nicht in der Lage gewesen wäre, sie zuzubinden, eine Frau vor
dem Platzen bewahrt hatte, würde er jetzt seinen Freunden Dima und Kolja ein
Eis und ein paar Zigaretten spendieren. Für einen Augenblick fragte er sich
noch, wer es seinerzeit wohl so zuverlässig verhindert haben mochte, daß seine
eigene Mutter einfach geplatzt war. Aber dann rannte er schon um die Ecke und
bog in die Dalnizkaja ein.
Dort erblickte er Manka, die Kosakin, gewitzte Anführerin einer fünfköpfigen
Mädchenbande, die in der Elektrischen zwischen der dritten und achten Station
arbeitete. Manka, eine noch nicht den Kinderschuhen entwachsene Brünette mit grünen
katzenhaft dreinblickenden Augen, hatte ihn zwar schon zweimal einfach so zum
Spaß verprügelt, aber das änderte nichts daran, daß sie das schönste Mädchen
des Viertels war, und auch sie besaß, das wußte er bereits, eine Schwäche für
Eiscreme und Zigaretten.
Die Hebamme Kotusova hatte, noch ehe der Junge seine Rede beenden konnte, den
Umschlag aufgerissen und beim Anblick des neuen Fünfrubelscheines leise durch
die Zähne gepfiffen. Ihr gewöhnliches Honorar betrug zwischen zwei und drei
Rubel, sie hatte auch schon einmal für nur einen Rubel entbunden, aber dafür
einen Aschenbecher aus Perlmutt und ein Tintenfaß mitgehen lassen. Fünf Rubel
auf diese Weise im voraus zu erhalten bedeutete, daß jemand in Not war, daß
eine unerfahrene, vielleicht verzweifelte Frau ohne Beistand oder
Familienanschluß auf ihre Hilfe rechnete. Ganz arm konnte die Kundin auch nicht
sein. Trotzdem hatte es die Hebamme nicht eilig. Bis in die frühen
Morgenstunden war sie bereits tätig gewesen und dabei auch noch gut bewirtet
worden, was für den Mangel an Schlaf ein wenig entschädigte. Die Geburt bei
der Gorpischenka war problemlos verlaufen, die Mutter hatte bereits sechs Kinder
auf die Welt gebracht, und in solchen Fällen waren Hebammen eigentlich nur für
den Fall nötig, daß es zu Komplikationen kam. Das fette Essen und der Wodka
lagen der Kotusova jedoch schwer im Magen, sie fühlte sich beschwipst, und als
sie nach Hause gekommen war, hatte ihr Nichtsnutz von einem Ehemann nichts
Besseres zu tun, als sich darüber zu beschweren, daß sie ihm nichts von den Köstlichkeiten
der Gorpischenkoschen Tafel mitgebracht hatte. Er war nach einem Abend in
Verniks Weinschenke, den er mit Volodja Feodorov, dem Leierkastenmann, und Sasha
Goremykin, einem abgerissenen Arbeiter aus Valtus Zinnfabrik, zugebracht hatte,
so betrunken gewesen, daß sie ihn mühsam ausziehen und ins Bett hieven mußte.
Zum Dank dafür hatte er sie mit Faustschlägen traktiert und so etwas wie Räuber
oder Halsabschneider gegrunzt, worüber sie fast lachen mußte, denn der einzige
in ihrem Einzimmer-Haushalt, der seit mehr als einem Jahr Geld verdiente, war
sie selbst. Und der Gedanke, daß sie ihm die Rubel, die er versoffen hatte und
die sie selbst in den stickigen, von Armut, Schmerz und flüchtiger
Mutterschaftseuphorie erfüllten Kammern der Moldavanka erarbeitet hatte,
stehlen könne, war einfach zu komisch.
Seine Rettung vor der Scheidung, die sie ihm androhte, wann immer (etwa täglich)
sie sich stritten, war einzig und allein der Umstand, daß er impotent war (worüber
sie als Hebamme, oder weil sie tatsächlich einen kleinen Rausch hatte, jetzt
wieder leise lachen mußte. Was für ein Treppenwitz! Der Mann der Hebamme war
impotent!). Die Ein-Rubel-Katjas und Minnas hätten ihn nur ausgelacht, wenn er
zur Sache gekommen wäre. Nein, zu Prostituierten ging er nicht, und eine
Freundin, die einen schmerbäuchigen, saufenden, impotenten Mann ohne Arbeit
begehren konnte, der so schön war wie ein schiefgelaufener Absatz, die gab es
selbst in der Moldavanka nicht.
Die Schönheit ihres Gatten hatte in den Augen der Kotusova vor Jahren einmal
darin bestanden, daß er ein ziemlich gerissener Tango-Tänzer gewesen war und
auf den sommerlichen Festen im Alexanderpark nicht wenige Blicke auf sich zu
ziehen verstand, auch hatte er immer einen sauberen Papierkragen getragen und
ihr gelegentlich einen Strauß Maiglöckchen oder Nelken mitgebracht, die er im
Stadtpark oder im Duchovskigarten für sie gepflückt hatte.
Das Lächeln war der Kotusova bei diesem Gedanken schlagartig vergangen. Dem
Mann, der da schnarchend und stinkend auf dem Ehebett lag, immer so geschickt
ausgestreckt, wie tief auch sein Rausch sein mochte, daß kein Platz mehr für
sie gewesen wäre, selbst wenn sie es über sich gebracht hätte, sich neben ihn
zu legen – diesem Mann war es einmal gelungen, sie glücklich zu machen. Diese
Vorstellung erschütterte die Kotusova und erfüllte sie mit einem solchen Haß,
daß eine Frau, die dem Leben weniger verpflichtet gewesen wäre als sie,
vielleicht ein Kissen genommen, auf sein Gesicht gelegt und sich daraufgesetzt hätte.
Der Gedanke an Scheidung war aussichtslos, auch wenn er ihr nach dem kurzen
Streitgespräch über das köstliche Essen der Gorpischenkos nicht nur eines,
sondern beide Augen blau geschlagen hätte. Scheidungen waren in der orthodoxen
Kirche schwerer zu erreichen als eine Heiligsprechung, und sie waren nahezu unmöglich,
wenn der Ehemann nicht fremdging, nach Sibirien verbannt wurde – oder impotent
war. Aber den Hinweis auf seine Schwäche würde sie niemals mehr ins Feld führen
können. Wenigstens nicht, ohne sich selbst zu kompromittieren. Die
Sterbeurkunde für das Kind, das sie vor vier Jahren zur Welt gebracht hatte und
das nur wenige Wochen nach der Geburt an einer Lungenentzündung sterben mußte,
war seine Rettung. Das Kind, das sie von einem durchreisenden Taxidermisten aus
Petersburg empfangen hatte ...
Die Kotusova bemerkte voller Abscheu, wie auf einmal Tränen über ihr Gesicht
liefen, und sie bemerkte, daß sie noch immer den Umschlag und den Fünfrubelschein
in der Hand hielt, Geld, das sie noch nicht einmal verdient hatte und das spätestens
bis Ende der Woche in Bier, Wodka und Tabak umgesetzt sein würde. Nein, diesmal
nicht, diesmal würde sie ihn zwingen, zu Hause zu bleiben und ein wenig zu
leiden! Aus einem Versteck in der Ecke hinter dem Kerosinofen zog sie ihren
Schatz hervor, eine kleine, erst heute angebrochene Flasche Vogelbeerwodka. Die
verführerisch aussehende Flasche mit dem medaillenverzierten Etikett der Firma
Schustov war ihr von einem deutschen Pumpenmacher in der Bazarstraße verehrt
worden. Der Handwerker hatte die Hebamme angetrunken und erregt empfangen und
ihr das kostbare Geschenk mit den besten Wünschen für den glücklichen Ausgang
der Geburt in die Hand gedrückt, als sie kaum zur Tür hineingetreten war.
Solide Ehemänner waren Sonjas Erfahrung nach nervlich nicht weniger an der
Entbindung beteiligt als die Gebärenden selbst. In diesem Fall brachte die
robuste Mutter sogar Drillinge zur Welt. Der Deutsche erlitt einen
Ohnmachtsanfall, und die Kotusova vermutete, daß der Pumpenmacher Langner nicht
so großzügig gewesen wäre, hätte er die segensreiche Fruchtbarkeit seiner
Frau vorausgesehen.
Die Hebamme füllte zwei Gläser mit dem Getränk, an dem sie sich im Laufe des
Tages schon mehrfach gelabt hatte, leerte sie nach kurzem Zögern beide, schließlich
erforderte ihr Plan eine gewisse Entschlossenheit. Dann goß sie etwas
Ammoniakgeist, den sie sonst zum Putzen verwendete, in eines der Gläser und
verzog kurz das Gesicht, weil ihr der beißende Geruch der Flüssigkeit wie
immer Tränen in die Augen getrieben hatte.
Nicht zuviel, nur nicht zuviel!, dachte sie ängstlich. Die Hebamme wußte
nicht, in welcher Dosis Ammoniak tödlich war, das hatten die Zeitungen, die
regelmäßig von Selbstmorden mit dem Haushaltsmittel berichteten, diskret
verschwiegen. Aber sie war zuversichtlich, daß dieses Quentchen Ammoniak, das
nicht einmal ausgereicht hätte, den Nachttopf anständig zu reinigen, einen
Mann, der zwei Flaschen Wodka am Tag vertrug, nicht umbringen konnte. Eine Mörderin
wollte die Kotusova gewiß nicht sein. Sie dachte nicht einmal an die Möglichkeit.
Sorgen machte ihr vielmehr die Befürchtung, ihr Mann könne den Ammoniakgeist
riechen, noch bevor er dem Reflex folgte, der ihn mit Alkohol gefüllte Gläser
in der Reichweite seiner Arme um jeden Preis zu leeren hieß. Hier mußte sie
ihrem Schicksal vertrauen. Noch ein Schlückchen und noch ein Schlückchen, aber
Sonja war der stechende Geruch selbst schon in die Nase gestiegen, sie schmeckte
nicht mehr, was sie trank. Die Hebamme stellte die Flasche zusammen mit dem
einladenden Glas auf den Holzschemel neben das Bett.
Dann fiel ihr Blick erneut auf den Fünfrubelschein, den sie eben noch
widerwillig zerknüllt und auf den Boden geworfen hatte, und sie begann sich
rasch anzukleiden...
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