Auricula von Per Hoejholt, 2004, Eichborn

Per Hoejholt

Die Stille 1915
(aus: Auricula, Roman, 2004, Eichborn - Übertragung Peter Urban-Halle)

Die Stille des Jahres 1915 trat am 7. September ein und erfaßte Westeuropa und die Länder vom Baltikum im Norden bis zum Balkan im Süden. Da sie unvorhergesehen kam, gibt es keine Berichte darüber. Kurzlebig und zufällig wie sie war, bemerkten viele sie gar nicht, und das, obwohl sie selbst daran teilnahmen. Für Widerwillen gab es weder die Zeit, noch kam er in Betracht.
Die Stille fand statt, erwischte ein Europa zwischen zwei Atemzügen und mit sozusagen erhobenem Bein, worauf alles und alle weitermachten, als wäre nichts geschehen. Woher sollte man schließlich auch wissen, daß die Stille, zu der man unvermutet beitrug, ganz Europa betraf? Natürlich hätte sie unmittelbar danach zum Gesprächsgegenstand gemacht werden können, da aber die wenigen Zeugen in unzumutbarer Weise verteilt waren - etliche wohnten entlegen, in Gegenden, in denen die Stille von vorneherein ihre Vertraute war -, wechselte man rasch das Thema.
Die Nachrichtenmedien, die nicht nur daran teilnahmen, sondern auch ungläubige Anfragen diesbezüglich entgegennahmen, sahen sogleich ein, daß es unmöglich sein würde, sie zu verifizieren, und daß sie deshalb wer weiß was zur Folge haben könnte, und vertuschten sie. Wer über die Begebenheit eine Auskunft einholen will, ist noch heute, so viele Jahre danach, übel dran. Eine bulgarische agronomische Zeitschrift berührt sie in einem Nebensatz in Verbindung mit einer Erwähnung von Wassermühlen in den nordöstlichen Provinzen, und das Pseudonym Ludwig Renn hat in seinem Roman aus dem Jahr 1936, Vor großen Wandlungen, unangebrachte Ironie für das Phänomen übrig.

Es sollte auch erwähnt werden, daß man 1921 auf französischer Seite die Initiative ergriff, das Ereignis anläßlich seines sechsten Jahrestags zu wiederholen, aber das blieb, verraten von einem Hund in Containcourt und Tauben in Honfleur, ein lokales Vorhaben. 1944 gelang es jedoch in Argentinien, das Experiment als Fiktion durchzuführen.
Die ursprüngliche Stille, die an dieser Stelle versuchsweise zum ersten Mal genauer verhandelt wird, trat mitten am Nachmittag kurz nach 16.09 Uhr ein. Zu diesem Zeitpunkt, im Verlauf der folgenden Sekunde, war es in Europa totenstill. Alle europäischen Herzen ließen sich zwischen zwei Schlägen ertappen, alle Uhren zwischen einem Tick und einem Tack, die Brandungen an den Küsten hatten sich eben zurückgezogen und die nächsten Dünungen noch nicht erhoben. Eine törichte Windstille gebot einen Augenblick lang allem europäischen Laub Schweigen, und viele Schritte wurden eingeleitet, aber keiner vollzogen. Aus Millionen von Gründen brachte durch einen Zufall niemand in Europa einen Laut hervor. Ein unvergleichlicher, von keinem beachteter Schnappschuß.

Bedenkt man, welches Aufgebot an Zufällen und Zufällen der Zufälle und deren unfaßbaren Übereinstimmungen dieses Ereignis erfordert haben muß, ist Jörge Guillen nur schwerlich zu widersprechen, der 1928, damals in Murcia ansässig, die 1915 in der Schweiz geäußerte Vermutung wiederholte, daß besagte Stille die erste überhaupt gewesen sei. 1931 fügte er hinzu, indem er auf das zehn Jahre zurückliegende französische Experiment verwies, daß es vermutlich auch die letzte bleiben werde, abgesehen natürlich von ebendiesem. Trotzdem kann wohl keiner, der sich mit dem Thema beschäftigt hat, den Gedanken völlig fallenlassen, daß eine vergleichbare Stille jederzeit wieder eintreten könnte.
Freilich hinterließ die Stille von 1915 Spuren, die ein einzelner freizulegen kaum imstande war, denn obgleich diese Spuren innerhalb desselben, recht kurzen Zeitraums auftraten, nämlich im darauffolgenden Sommer, erfolgte ihr Auftreten an so verschiedenen Orten des Erdteils, daß es keinerlei Chancen gäbe, etwas zu registrieren . . .

Rezension I Buchbestellung I home II04 LYRIKwelt © Eichborn